11.11.2013

PALÄSTINAKrimi in Nahost

Schweizer Experten haben Hinweise, dass der legendäre PLO-Führer Jassir Arafat vergiftet worden sein könnte. Aber von wem?
Jassir Arafat klagte einst, Palästinenser zu sein, das heiße, nicht zu wissen, wo man einmal bestattet werde. Sein Grab wünschte er sich, natürlich, in Jerusalem. Der Hauptstadt dieses Volkes ohne Staat, das er vereint und geführt hatte, das er, so meinen manche, erst geschaffen habe.
In Ramallah, dem Regierungssitz der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland, haben sie für seine sterblichen Überreste ein Mausoleum gebaut. Sein Todestag, der 11. November 2004, ist dort eingeschrieben.
Aber damit enden die Gewissheiten auch schon. Denn die Frage, wie Jassir Arafat ums Leben kam, treibt noch immer viele um: Wurde der Palästinenserführer, der Tom und Jerry liebte, weil in dem Comic nie die Katze gewinnt, sondern immer die Maus, vergiftet?
Vergangene Woche veröffentlichte das Schweizer Institut für Strahlenphysik in Lausanne einen Bericht über die Untersuchung von Gewebeproben aus Arafats Leichnam. Die Forensiker stützen in gewissem Maße die These des Giftmords. Die Ergebnisse, heißt es in dem Bericht, wiesen mit "moderater Sicherheit" auf eine Vergiftung mit Polonium 210 hin. Das ist ein radioaktives Schwermetall, schon eine Menge winzig wie ein Salzkorn kann einen Menschen töten.
Der Aufruhr nach der Veröffentlichung des Berichts ist nun mindestens so groß wie die Ungereimtheiten, die seit beinahe einem Jahrzehnt die Gerüchte um Arafats Tod köcheln lassen.
Wie zum Beispiel kann es sein, dass nach dieser langen Zeit laut Bericht jetzt ein 18-fach erhöhter Polonium-210-Wert in den Überresten Arafats festgestellt wird, wo das radioaktive Element doch rasch zerfällt? Wurde Arafat tatsächlich mit enormen Mengen des Schwermetalls vergiftet? Das ist allein deshalb fraglich, weil viele Ärzte dann die Symptome einer Verstrahlung übersehen haben müssten. Darunter auch französische Mediziner in jenem Militärhospital bei Paris, in dem der Führer der Palästinenserorganisation PLO starb. In der Krankenakte des Patienten 19 532 118 wird seltsamerweise keine Todesursache genannt.
Das Schweizer Institut ist nur eines von drei Laboratorien, das Knochen und Gewebe des einstigen Palästinenserchefs auf erhöhte Radioaktivität untersucht. Die offiziellen Ergebnisse einer russischen und einer französischen Analyse standen am Freitag vergangener Woche noch aus. Aber auch ohne Untersuchungen ist der Giftmord für einen Großteil der Palästinenser eher Gewissheit als Mutmaßung.
Im vergangenen Sommer allerdings verdichteten sich die Verschwörungstheorien zu einem internationalen Kriminalfall. Suha Arafat, die auf Malta lebende Witwe Jassirs, überließ einem Reporter des Fernsehsenders al-Dschasira eine grüne Sporttasche mit Habseligkeiten des Verstorbenen. Darunter eine Unterhose, eine Mütze, eine Zahnbürste. Der Inhalt dieser Tasche wurde von ebenjenem Lausanner Institut untersucht, das nun, mit vielen Fragezeichen zwar, die Giftmord-these eher stützt. Auch damals kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis einer "potentiellen Kontamination durch eine tödliche Menge Polonium 210". Die französische Staatsanwaltschaft leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes ein. In Ramallah wurden, Ende November 2012, abgeschirmt hinter blauen Planen, Proben genommen.
"Natürlich haben die Israelis Arafat vergiftet", sagte Taufik Tirawi schon vor der Veröffentlichung des Schweizer Berichts. Tirawi war Arafats Geheimdienstchef, sein Vertrauter. Seit 2010 leitet er eine Kommission, die von palästinensischer Seite die Todesursache ermitteln soll. Aber besonders bemüht hat er dabei nie gewirkt.
Im Sommer dieses Jahres, als die forensischen Ergebnisse längst überfällig waren, saß Tirawi in Jericho im kühlen Hauch einer Klimaanlage und sagte bloß: "Vielleicht kommen sie nächsten Monat, vielleicht kommen sie gar nicht." Das Engagement der Autonomiebehörde bringt er damit auf den Punkt. Warum noch Nachforschungen anstellen, wenn der Verdacht der eigenen Leute sowieso schon auf den Israelis lastet?
Dabei hatten sich 2004 bereits Arafats potentielle Nachfolger in Stellung gebracht, der Vater der Nation war seit Jahren geschwächt, verbarrikadiert in seinem Amtssitz. Ein Teil seiner Landsleute warf ihm einen zionistenfreundlichen Kuschelkurs vor, ein anderer die verpasste Chance auf einen eigenen Staat. Und einige seiner Vertrauten hätten auch gern mehr profitiert von den internationalen Hilfsmilliarden, die Arafat teilweise auf eigene Konten abzweigte.
"Warum sollten wir ihn vergiften, er war doch bereits erledigt?", fragt hingegen Dov Weissglass, engster Vertrauter von Arafats Erzfeind, dem früheren israelischen Premier Ariel Scharon. Weissglass saß im Oktober 2004 gerade im Zug von London nach Brüssel, als Javier Solana, EU-Außenbeauftragter, anrief und ihn um die Erlaubnis bat, den schwerkranken Arafat nach Europa ausfliegen zu lassen. Weissglass erzählt, wie er Scharon, der von dieser Idee gar nicht begeistert war, überzeugte: "Arik", sagte er am Telefon zu seinem Chef, "seit 2000 Jahren werden wir beschuldigt, Jesus gekreuzigt zu haben. Du willst doch nicht die nächsten 2000 Jahre dafür verantwortlich gemacht werden, Arafat auf dem Gewissen zu haben?"
Scharon stimmte murrend zu, Arafat wurde nach Paris gebracht. Hätte der Israeli das zugelassen, wenn seine Geheimdienstleute gerade dabei gewesen wären, den Palästinenser zu vergiften?
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 46/2013
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