11.11.2013

KUNSTDas Phantom

Ein sensationeller Kunstfund in München beschäftigt das Land: 1406 Kunstwerke, die meisten davon gekauft und erschlichen in der Nazi-Zeit. Sie erzählen viel über die Tragödien des 20. Jahrhunderts - und auch über den Umgang mit der deutschen Schuld.
Zwei Männer zu Pferde, es ist Sommer, die Farben strahlen, die Reiter im Gespräch vertieft, ein Tier tänzelt, das Rauschen des Meeres. Ein kleiner Moment nur an einem Strand in Holland, und doch ein Moment für die Ewigkeit.
Max Liebermanns Gemälde "Zwei Reiter am Strand" ist ein Meisterwerk des Impressionismus. Er hat es im Jahr 1901 gemalt, es gehörte mehr als 30 Jahre lang einem jüdischen Zuckerfabrikanten aus dem schlesischen Breslau. Die Nazis nahmen es ihm weg. Seitdem war es verschwunden.
Gesucht wird der Liebermann seit fünf Jahren von zwei Rechtsanwälten in Berlin. Lothar Fremy und Jörg Rosbach sind spezialisiert auf Restitutionsfälle, in der Nachwendezeit halfen sie Mandanten, Ansprüche auf enteignete Immobilien in Ostdeutschland durchzusetzen. Die rechtmäßigen Erben des Liebermann-Bilds sind zwei Herren in London und New York, es sind Brüder, 88 und 92 Jahre alt. Der Zuckerfabrikant aus Breslau war ihr Großonkel. Das Gemälde dürfte heute eine Million Euro wert sein.
Als die Anwälte vergangenen Dienstag den Fernseher einschalteten, erwarteten sie nicht viel. Die Staatsanwaltschaft Augsburg hielt eine Pressekonferenz zum mysteriösen Münchner Kunstschatz ab, die live übertragen wurde. Es ist der größte Kunstfund aus der Nazi-Zeit in der Geschichte der Bundesrepublik, eine Sensation. 11 der insgesamt 1406 Kunstwerke, die vor anderthalb Jahren in München beschlagnahmt worden waren, wurden dort präsentiert. Eines der Bilder war der Liebermann.
Fremy sagt, dass er zusammengezuckt sei. Rosbach sagt, dass er wütend geworden sei. Schon immer habe vieles darauf hingewiesen, dass die Familie Gurlitt das Gemälde mal besessen habe. Und nun der Fund in der Schwabinger Wohnung. Staatsanwälte, Zollfahnder, eine Kunsthistorikerin traten auf. Sie alle und auch die Bundesregierung wissen seit langem, wo sich das Bild befindet.
Nach der Pressekonferenz telefonierte Rosbach mit einem der Erben in New York. Rosbach konnte nicht viel mehr sagen, als dass das Bild aufgetaucht sei, aber dass sie sich leider gedulden müssten. Die Anwälte schrieben sofort Briefe an die Staatsanwaltschaft in Augsburg. Doch in nächster Zeit sollen keine weiteren Informationen herausgegeben werden. Das alles kann noch Jahre dauern. 88 und 92, die Erben haben nicht viel Zeit.
Am Tag danach ruft David Toren, einer der beiden Erben, noch einmal in Berlin an. "Unser Liebermann", sagt Toren, "ist jetzt sogar in der 'New York Times'. Er hing bei Onkel David im Raum vor dem Wintergarten."
"Gerettet", das war die Vokabel, die die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann an diesem Vormittag in Augsburg benutzte, während sie die grieseligen, farbschwachen Reproduktionen großer Meisterwerke an die Wand projizierte wie in einem Uni-Seminar, wo der Projektor die besten Tage lange hinter sich hat.
1406 Werke, im Februar 2012 in der Wohnung von Cornelius Gurlitt sichergestellt. Ein Kunstschatz von bislang nicht zu bezifferndem Wert. Bilder von Marc Chagall, Franz Marc, Karl Schmidt-Rottluff, Max Beckmann, Emil Nolde, Picasso, Henri Matisse und eben Liebermann. Aber auch viele Drucke und Grafiken, die er in einem Schrank aufbewahrte.
Und doch: Auf der Pressekonferenz wird nicht klar, was man dem Sammler eigentlich vorwirft. Von Steuerstrafrecht, von Unterschlagung ist die Rede, so richtig ist das nicht zu verstehen, das juristische Fundament für diese Beschlagnahmung scheint brüchig zu sein.
Seit der Razzia ist Gurlitt verschwunden. Die riesige, rätselhafte Sammlung stammt aus dem Erbe seines Vaters Hildeband, Jahrgang 1895, Kunstkritiker, Museumsdirektor, Händler; einer der Männer, die in Deutschland die Kunst der Moderne etabliert hatten und die nach 1933 Geschäfte mit den Nazis machten.
Sein Sohn Cornelius war 23 Jahre alt, als der Vater 1956 starb. Der Sohn habe, so sagen es Verwandte, sein Leben lang nicht richtig gearbeitet. Ein Solist, ein Mann ohne Frauen, ein Eigenbrötler, der das Schöne in der Kunst sucht und die Menschen meidet. Sogar mit seiner 2012 verstorbenen Schwester Benita hatte er zeitweise nur schriftlichen Kontakt. Man wusste im Familienkreis um den Bilderbesitz, warum sollte der Sohn eines Galeristen auch keine Bilder geerbt haben, aber ansonsten? Sie haben ihn ein paarmal gesehen, doch das ist lange her. Ein Verwandter sagt, der Schatz sei für Cornelius Gurlitt das Lebenselixier gewesen. "Was der kleine Mann aus der Schwabinger Wohnung hatte, sollte kein Museum der Welt bekommen." Sie reden von ihm wie von einem Phantom, das sich an der Menschheit rächt und mit ihr nicht teilen will, was es besitzt. Und für das sein Schwabinger Schatz Segen und Fluch ist.
Auch bei der Pressekonferenz in Augsburg war Gurlitt nur ein Phantom. Einer der Beamten sagt, dass es ihn nicht interessiere, wo er jetzt eigentlich stecke. Manchmal konnte man den Eindruck haben, es wäre den Beamten am liebsten, wenn Cornelius Gurlitt überhaupt nicht mehr auftaucht. Das würde vieles vereinfachen.
Es ist eine komplizierte Geschichte, über ihr liegt der Schatten eines fürchterlichen deutschen Jahrhunderts.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1901 im Atelier von Max Liebermann am Pariser Platz in Berlin. Liebermann, damals 54 Jahre alt, entstammt einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie, die das Palais direkt neben dem Brandenburger Tor besaß. Dort hat er oben unter einem verglasten Dach, das er erst zwei Jahre zuvor hatte neugestalten lassen, "Zwei Reiter am Strand" gemalt. Liebermann war ein Maler des späten 19. Jahrhunderts, ein echter Erneuerer, einer der wichtigsten deutschen Impressionisten, verehrt vom großstädtischen Bürgertum, das das Licht und die schwingende Atmosphäre und die freie Luft seiner Bilder liebte. Als das Bild zum ersten Mal in Berlin gezeigt wurde, feierte ein Kritiker die "feinen Silhouetten" und die nervösen Bewegungen der Pferde. Dem Kaiser aber missfielen Liebermanns Haltung und Liebermanns Vorliebe für die großen Impressionisten wie Monet und Degas. Zu französisch, zu modern.
1927 wurde Liebermann, der Kaiser war längst verjagt, Ehrenbürger von Berlin. Er hatte die Berliner Sezession mitgegründet und zahlreiche öffentliche Ämter inne. Als am Tag der Machtergreifung der Fackelzug der Nazis an seinem Haus vorbeizog, sagte er den berühmten Satz: "Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte." Als dann in Berlin die Bücher brannten, trat er von allen Ämtern zurück, auch als Ehrenpräsident der Akademie der Künste. In einer Art Pressemitteilung erklärte er: "Kunst hat weder mit Politik noch mit Abstammung etwas zu tun."
Zwei Jahre später starb Liebermann im Alter von 88 Jahren. Seine Tochter Käthe konnte 1938 in die USA emigrieren. Seine Witwe Martha brachte sich 1943 mit einer Überdosis Schlaftabletten um, sie sollte in das KZ Theresienstadt deportiert werden.
Liebermanns Gemälde wurde 1901 erstmals in einer Ausstellung in Berlin gezeigt und im Frankfurter Kunstsalon Hermes. Danach kam es zum legendären Berliner Galeristen Paul Cassirer, wo es im November 1905 zu sehen war. Dort hat es David Friedmann, ein Zuckerfabrikant aus Breslau, gekauft. Friedmann war damals 48 Jahre alt, ein Mensch mit Sinn für Kunst. Er hat das Bild als Leihgabe immer wieder Museen zur Verfügung gestellt, zuletzt 1927 in einer Ausstellung zu Liebermanns 80. Geburtstag.
Seine beiden Großneffen kamen 1921 und 1925 zur Welt. Der Großonkel hatte eine, wie sich David Toren erinnert, prachtvolle Villa in der Ahornallee 27 und besaß vier Güter in der Gegend um Breslau. Alle zwei Wochen gab es einen Skatabend, Richard Strauss gehörte zur Runde. Toren sah seinen Großonkel das letzte Mal am 7. Mai 1938 bei seiner Bar Mizwa. Friedmann schenkte ihm 100 Reichsmark. Das sei viel Geld gewesen, sagt Toren.
Am 5. Dezember 1939, drei Monate nach Kriegsausbruch, schreibt der Breslauer Oberregierungsrat Dr. Westram einen Brief an den Reichswirtschaftsminister in Berlin. Betreffzeile: "Sicherstellung jüdischen Kunstbesitzes".
In einer Passage geht es um die "Taxe von Kunstwerken eines Juden Friedmann". Die Sammlung beinhalte Gemälde französischer Impressionisten "wie Courbet, Pissarro, Raffaelli, Rousseau", auch "gute deutsche" Landschaften. "Der im Ausland zu erzielende Wert für das eine Liebermannsche Gemälde (Reiter am Strand) dürfte mindestens 10 bis 15 000 RM betragen." Oberregierungsrat Westram schreibt auch, er habe Friedmann verboten, ohne Genehmigung zu veräußern. Es ist unwahrscheinlich, dass er später trotzdem verkaufte.
Friedmann starb im Februar 1942, seine Villa wurde versteigert, der Erlös "verfiel dem Reich". Seine Tochter Charlotte wurde 1943 in ein Vernichtungslager der SS deportiert und ermordet.
Friedmanns Großneffe David konnte Deutschland eine Woche vor Kriegsausbruch verlassen, mit einem Kindertransport gelangte er nach Schweden. Sein Bruder wurde mit einem Transport einen Tag vor dem Überfall auf Polen nach Holland gebracht und später nach England. Die Brüder lebten nie wieder zusammen. Die Eltern wurden 1943 in Auschwitz vergast, eine Bekannte sah sie auf dem Weg in die Gaskammer.
Toren siedelte 1947 nach Israel um, dort lernte er eine Amerikanerin kennen, sie zogen nach England und 1955 schließlich nach Amerika. Ein Jahr später wurden Teile des Kunstbesitzes von Gurlitt in New York gezeigt. Das aber hat Toren erst jetzt, 2013, erfahren.
In den vergangenen Jahren ist Toren erblindet, sein Bruder sei dement. Sein Sohn, die drei Nichten, sie alle seien sehr aufgeregt. Er fragt auf Deutsch mit brüchiger Stimme: "Wissen Sie, ob Listen veröffentlicht werden sollen?"
Der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, bei dem der Liebermann schließlich landete, war 1895 in Dresden geboren worden. Dessen Großvater war der spätromantische Hamburger Maler Louis Gurlitt. Die Großmutter väterlicherseits war Jüdin und erst mit 24 getauft worden. Hildebrands Vater lehrte als Professor Kunstgeschichte in Dresden, der Bruder wurde Musikwissenschaftler, ein Cousin, Wolfgang, führte eine Avantgarde-Galerie in Berlin. Die Gurlitts sind auch heute eine Familie, die stolz ist auf ihre bildungsbürgerlichen Wurzeln, auf ihre Kunstsinnigkeit, auf die Bohemien-Tradition, auf die vielen musischen und akademischen Talente, auf ihr Erbe, auf ihren Besitz.
Als junger Mann kämpfte Hildebrand Gurlitt im Ersten Weltkrieg. Der Reserve-Leutnant wurde mehrfach verwundet, freundete sich mit dem Maler Karl Schmidt-Rottluff an. Ab 1919 studierte er Kunstgeschichte, schrieb später für verschiedene Zeitungen, 1925 sogar aus den USA. Im selben Jahr übernahm er die Leitung des König-Albert-Museums in Zwickau. Dem noch jungen Expressionismus widmete er einen eigenen Saal. Immer wieder organisierte er Schauen und Vorträge, auch mit dem Avantgarde-Star Wassily Kandinsky. Gurlitt war ein Macher, jemand, der mit bescheidenen Mitteln viel erreichte und die Avantgarde sogar in die Provinz trug.
Ende März 1930 wurde er entlassen. Der progressive Kunstgeschmack des jungen Direktors kam nicht an. Der "Kampfbund für deutsche Kultur", eine 1928 gegründete Organisation der NSDAP, schlachtete die Kündigung in einem Zeitungsartikel aus, als Triumph über den "Kultus des Untermenschentums der Kollwitz, Zille, Barlach", als Sieg auch über die Künstler Marc Chagall und Paul Klee, die "Stümper" genannt wurden.
Gurlitt zog nach Hamburg, übernahm dort die Leitung des Kunstvereins. Wieder mit vollem Elan, wieder gegen die wachsende Hetze. Im "Hamburger Tageblatt" schrieb ein Dr. Wall angesichts der "artfremden Kunst" von der "Verjudung des Kunstvereins".
Nach drei Jahren schon, 1933 also, sorgten die Nationalsozialisten für seine Absetzung. Gurlitt war noch keine vierzig und arbeitslos. Seine Ehefrau Helene hatte kurz zuvor ihr erstes Kind geboren: den Sohn Rolf Nikolaus Cornelius.
Zwei Jahre später, im November 1934, teilte Hildebrands Vater einer Verwandten leicht besorgt mit: "Hildebrand ohne feste Stellung, aber ein junger Mann, der sich den Lebensunterhalt zu erarbeiten versteht, nicht ohne Kämpfe, aber doch mit genügendem Erfolg."
Hildebrand bleibt mit seiner Familie in Hamburg, seine Frau bringt 1935 Cornelius' Schwester Nicoline Benita Renate zur Welt. Er ist jetzt ein gefragter Kunsthändler und immer noch ein Liebhaber der Avantgarde und ihrer Vorläufer. Seine Galerie nennt er Kunstkabinett, dort stellt er sogar die offiziell verfemten Arbeiten von Max Beckmann aus.
Beckmann und die anderen Werke der Moderne werden bald öffentlich als "Verfallskunst", als "Entartete Kunst" diffamiert. Hitler, der ehemalige Postkartenmaler, liebte das Pseudo-Klassische. Hildebrand Gurlitt dürfte das alles erschüttert haben. Genauso auch, dass die großen Werke der Moderne ab 1937 aus den Museen gerissen wurden. Vollständig. Erst gab es eine Führervollmacht, dann ein nachgereichtes Gesetz. Im Juli 1937 eröffnete in München die Ausstellung "Entartete Kunst", sie war Ausdruck des von Hitler angekündigten "unerbittlichen Säuberungskriegs gegen die letzten Elemente unserer Kulturzersetzung". Die Schau hatte zwei Millionen Zuschauer.
Gezeigt wurde da nur eine Auswahl von etwa 600 Exponaten. Insgesamt haben die Jäger aus dem Propagandaministerium 20 000 moderne Werke aus den Museen geholt. Das meiste davon sollte zu Geld gemacht werden, und zwar ausschließlich im Ausland. Viele Galeristen bewarben sich um diese Lizenz. Eine sogenannte Verwertungskommission entschied sich für die Berliner Kunsthändler Karl Buchholz und Ferdinand Möller, für den Güstrower Galeristen Bernhard A. Böhmer und eben für Hildebrand Gurlitt. Alle vier waren Kenner der Moderne - und des internationalen Kunstmarkts.
Die Geschichte der Bilder, ihrer Herkunftsmuseen sollte verschleiert werden. "Die weißen Zettel mit den Inventarisationsnummern sowie etwaige Stempel und Beschriftungen", so eine Anordnung, "sind zu entfernen." Einige Werke kauften die Händler vom Deutschen Reich an, andere waren Kommissionsware.
Am 25. Oktober 1938 hatte Gurlitt erstmals Zugang zum Lager mit der aussortierten Kunst erhalten, übrigens auch solcher Werke, die er einst für das Museum in Zwickau erworben hatte. Das Depot befand sich im Schloss Schönhausen in Berlin. Er hatte Kunden in Basel und New York. Heimlich verkaufte er (ebenso wie die anderen Kollegen) Grafiken auch im Inland. Solchen Kunden, denen er vertraute, zeigte er Blätter von Paul Klee und Emil Nolde - im Keller seines Kunstkabinetts, wie die Hamburger Kunsthistorikerin Maike Bruhns recherchierte.
Mehr als 3700 Papierarbeiten übernahm Gurlitt aus dem Schloss. Im Mai 1939 verkaufte er für 6000 Schweizer Fanken das Gemälde "Tierschicksale" von Franz Marc an das Kunstmuseum Basel. Seine Provision belief sich auf 1000 Franken. Für den selben Betrag kaufte er Mitte Dezember 1940 insgesamt 1723 Papierarbeiten aus Schloss Schönhausen. Aquarelle, Druckgrafiken und Zeichnungen von Emil Nolde, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und anderen Expressionisten. Seine Briefe an die im Propagandaministerium von Joseph Goebbels für die Verwertung "Entarteter Kunst" zuständigen Beamten unterzeichnete Gurlitt mit "Heil Hitler!" oder "Mit Deutschem Gruß".
Ein Weggefährte erinnert sich später, dass Gurlitt in diesen Jahren stets mit einem kleinen Auto unterwegs gewesen sei, er sehe "diesem Auto wie einem Wunderknäuel die Bilder von Munch, Corinth und Franz Marc entsteigen, wobei man nie recht wusste, wie dies alles in dem winzigen Wagen Platz gefunden hatte".
Dann der Karrieresprung: Gurlitts Freund Hermann Voss, Direktor der Dresdner Kunstsammlungen und Sonderbeauftragter für das geplante "Führermuseum" in Linz, engagierte ihn spätestens 1943 für den Aufbau der Kunstkollektion Adolf Hitlers. Gurlitt vermittelte den Ankauf von Gemälden auch aus den besetzten Ländern Westeuropas, aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien, für mehrere Millionen Reichsmark. Er wurde mit Privilegien ausgestattet, führte entsprechende Dokumente mit sich. Er kaufe "für die Zwecke des Führers" Kunstwerke auf, heißt es in einer Bescheinigung des "Sonderbeauftragten für Linz"; es sei "von großem kulturpolitischen Interesse", dass der Kunsthändler "seinen Auftrag rasch durchführen" könne.
Der Sonderbeauftragte Hitlers in Sachen Linz residierte in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, wo man auch Buch führte über den Raubzug. In der sogenannten Wiedemann-Liste sind die Ankäufe für Linz zwischen Dezember 1942 und April 1945 dokumentiert - auch die Geschäfte der Galerie Gurlitt.
Der erste Eintrag stammt vom 6. September 1943, Gurlitt lieferte vier Gemälde, darunter eines von Claude Joseph Vernet - "Nächtliche Hafenszene" - für 40 000 Reichsmark. Für diese erste Lieferung wurden satte 100 000 Reichsmark gezahlt.
Es sollte fleißig weitergehen: Weit mehr als hundert Gemälde, Teppiche, Handzeichnungen, Miniaturen, Porträts, Skulpturen, Gobelins und Pastelle lieferte Gurlitt innerhalb eines Jahres beim Sonderauftrag ab. Der Wert des Kunstgutes, der sich durch den Verfolgungsdruck der Nazis auf Privatsammler ohnehin am Boden befand, bezifferte sich laut Liste dennoch auf mehr als 9,2 Millionen Reichsmark. Die Höhe der Provision für Gurlitt: fünf Prozent.
Das letzte Gurlitt-Bild kam am 6. September 1944 beim Sonderauftrag an. Es war ein Werk der frühitalienischen Schule: "Madonna mit Kind zwischen Engeln". Der Preis lag bei 200 000 Reichsmark.
Verwandte sagen noch heute über Hildebrand Gurlitt: "Wir als Familie waren auch stolz auf seine Leistung. Als Nicht-Arier war das schon eine Meisterleistung - als Geächteter in den Inner Circle der Braunen zu gelangen und als solcher die Kunst-Deals mit den Amis zu ermöglichen."
Auf welcher Seite stand der Kunsthändler wirklich? Wenn er jüdischen Sammlern, die ihre Flucht planten oder die von den Nazis zum Verkauf ihrer Habe gezwungen wurden, Bilder zu Ramschpreisen abnahm - war das dann Hilfe?
Hildebrand Gurlitt bewegte sich wie eine Art Handlungsreisender in den besetzten Gebieten. Für die Zigarettenfabrikanten Reemtsma erwarb er in Frankreich Bilder aus dem 19. Jahrhundert. Gurlitt besuchte Auktionen, auf denen auch mit Beutekunst aus Museen gehandelt wurde und ebenso mit Raubkunst, die bei ihren jüdischen Vorbesitzern beschlagnahmt worden war. Ob er davon nichts wusste?
Im Frühjahr 1945 befand sich ein Teil von Hildebrand Gurlitts Sammlung in Dresden, die Familie wohnte damals in der Kaitzerstraße 26. Beim Bombenangriff in der Nacht zum 14. Februar wurde das Gebäude fast vollständig zerstört, doch den größten Teil seines Kunstschatzes konnte Gurlitt offenbar retten: Mitte März 1945, so schreibt er später in einer eidesstattlichen Erklärung, habe er die Reste seiner "ausgelagerten Bilder" bergen und in "etwa 25 Kisten" packen können sowie etliche Pakete mit Hunderten Grafiken.
In einem "Lastauto mit Anhänger" habe er die Sammlung dann nach Aschbach in Oberfranken transportiert, in ein Schloss, das bald von den vorrückenden US-Truppen eingenommen wurde. "Alle Kisten und Pakete", so Gurlitt, "wurden mehrfach von amerikanischen Kommissionen genau geprüft." Zahlreiche Werke seien beschlagnahmt und in den "Central Collecting Point" nach Wiesbaden gebracht worden.
Nach dem Krieg stand Hildebrand Gurlitt unter Hausarrest. Er war sich keiner Schuld bewusst. Im November 1946 schrieb er an einen Freund: "Wer zwangsweise seinen Beruf wechseln musste, und es dann noch in einer Art Trotz als Händler zu schwer erarbeitetem Erfolg brachte, obgleich der im Grunde keinerlei Händler-Veranlagung hatte, wer all die Jahre in Angst und Sorge vor Denunziation, Zwangsarbeit und Mischlingsbataillon lebte - wirklich, der hat jetzt kaum noch die Kraft, den Mund aufzumachen."
Er stuft sich selbst als "unbelastet" ein. Er sei Kunsthändler geworden, weil er 1933 seinen Job als Museumsdirektor ohne Pension verloren habe, "wegen meines Eintretens für die sogenannte Entartete Kunst". Weiter: "Meine antifaschistische Gesinnung ist weit bekannt. Nach den Nürnberger Gesetzen galt ich als Mischling II. Grades."
Die amerikanischen Besatzer waren skeptisch, bezeichneten Gurlitt als verschlossen und nervös. Man hielt das für verdächtig und befragte ihn, warum er Kisten mit dem Stempel der Dresdner Kunstsammlungen in den Westen habe bringen lassen ebenso wie angeblich Goldbarren. Er wiegelte ab.
Zugleich erklärte er sich bereit, einige Werke, die er "hier noch stehen hatte", zurückzugeben, er habe sie in Frankreich erworben. Auch fertigte er eine umfangreiche Liste der Bilder an, die er während des Kriegs in Frankreich gekauft hatte: Rodins, Chardins, Rembrandts.
Er legte den Behörden mehrere Leumundszeugnisse vor, die ihn von jedem Kollaborationsverdacht reinwaschen sollten. Von dem Hamburger Rechtsanwalt Walter Clemens etwa ließ sich Gurlitt bestätigen, dass er "stets ein uneingeschränkter Widersacher des Nazismus" gewesen sei. Sein Kunstkabinett in Hamburg sei "eine Flucht-Insel für die freie
Kunst" gewesen; ein "Zentrum antinazistischer Aktivitäten".
Auch ein Brief von Max Beckmann liegt der Entnazifizierungsakte bei. Er schreibt am 6. August 1946 aus Amsterdam: "Lieber Herr Hildebrand Gurlitt", und Beckmann bezeugt, "dass Sie tatsächlich der Letzte waren, der im Nazireich unter recht persönlichen Gefahren meine letzte Ausstellung in Hamburg gemacht hat, dass Sie während des Krieges mich unter Gefahren besucht - Bilder von mir gekauft und dabei sich in abfälliger Weise über das Regime geäußert haben". Der Brief endet mit: "Alles Gute. Immer Ihr gez. Beckmann."
Auch eine Sekretärin des Kunsthändlers, Maja Gotthelf, sagte zu Gurlitts Gunsten aus. Sie könne bestätigen, dass sie Gurlitts Briefe "nie mit ,Heil Hitler' unterzeichnet" habe. "Trotz seiner sehr exponierten Stellung" habe er "in selbst-aufopfernder Weise den Juden und anderen politisch verfolgten Personen" geholfen.
Gurlitts Tochter Benita, 1935 geboren und vergangenes Jahr verstorben, eine Kunsthistorikerin, schrieb noch im Oktober 2002 an eine Kollegin in Hamburg: "Ich weiß, dass er bei seinen Geschäften im Dritten Reich immer im Auge hatte, verfemte Kunst zu retten und irgendwo geschützt unterzubringen."
Und: "Vielleicht mag es ihm hin und wieder sogar Spaß gemacht haben, so den verhassten Nazis ein Schnippchen zu schlagen in diesem für einen 'jüdischen Mischling' nicht ungefährlichen, riskanten 'Spiel'." Seine wahren Überzeugungen seien andere gewesen.
Tatsächlich führte Hildebrand Gurlitt zwei Leben, und auch dafür finden sich in Akten zahlreiche Belege. Das Hamburger Polizei-Kriminalamt, Spezial-Abteilung I/3, erklärt 1947: Gurlitt solle aus der Zeit des "Dritten Reichs" "größten Nutzen gezogen haben". "Abgesehen von einer übertriebenen Geschäftstüchtigkeit soll er darüber hinaus die Notlage der Juden ausgenutzt und Umgang mit Männern des Spionage-Abwehrdienstes gepflegt haben."
Hintergrund war eine Zeugenaussage von Gurlitts ehemaliger Sekretärin Ingeborg Hertmann. Ihr war aufgefallen, dass Gurlitt "mit dem Propagandaministerium, Dr. Hetsch, Reichsleiter Speer, Goebbels usw. sowohl in geschäftlichen, wie auch in persönlichen Beziehungen" gestanden habe. In den Jahren 1942 und 1943 habe er "nur noch für den Führer" gearbeitet. Gurlitt habe in der Hamburger Kunsthalle Gemälde von Liebermann "zu mir unverständlichen billigen Preisen aufgekauft und für ungeheure Summen verkauft". Weiter sagte die Sekretärin: "Als die Juden nach Litzmannstadt abtransportiert wurden, übergaben sie Gurlitt ihre Gemälde zum Verkauf. Nach einiger Zeit schreiben diese Menschen; schicken Sie uns doch das Geld, wir verhungern. Gurlitt beauftragte mich daraufhin in einer gelassenen und gleichgültigen Form, RM 10,- an den Juden, es handelte sich um einen Herrn Werner, zu schicken."
Die Amerikaner waren dennoch großzügig. Hildebrand Gurlitt durfte das, was er in den Sammelstellen der US-Verwaltung in Wiesbaden als sein Kunsteigentum deklariert hatte, behalten. Im Dezember 1950 gab der US-Hochkommissar insgesamt 134 Gemälde und Zeichnungen aus der "Collection Gurlitt" zur Rückgabe frei. Zur Kunst hinzu kamen nepalesische Antiquitäten und Meißener Porzellan. Für zwei weitere Kunstwerke legte der Kunsthändler eine Bescheinigung eines Schweizer Freundes vor, der bezeugte, er habe Gurlitt "etwa 1943" in der Schweiz einen Picasso und einen Chagall geschenkt. Dann bekam er auch diese zurück - ein Foto des Chagall, eine "Allegorie mit drei Monden", konnte man vergangene Woche auf der Pressekonferenz sehen.
In Gurlitts letzten Jahren, vor seinem tödlichen Autounfall, amtierte er ab 1948 als Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins. Er besaß immer noch diese Energie, machte aus dem kleinen Verein eine Institution mit Strahlkraft und zeigte natürlich moderne Kunst. Er handelte auch wieder. Wahrscheinlich also, dass auch noch nach 1945 einiges in die Sammlung ging, die nun bei seinem Sohn Cornelius in Schwabing gefunden wurde.
Zu den von den Amerikanern zurückgegebenen Bildern gehörte übrigens auch Max Liebermanns "Zwei Reiter am Strand", das auf bislang unbekannte Art und Weise den Weg vom Wintergarten David Friedmanns in Breslau in die Dresdner Kisten von Gurlitt gefunden hatte.
Der Schatten des fürchterlichen 20. Jahrhunderts lag über der Pressekonferenz am vergangenen Dienstag in Augsburg; einer Pressekonferenz, die durch die Wucht einer "Focus"-Enthüllung am vergangenen Montag erst notwendig geworden war - und die mehr Fragen aufwarf als beantwortete.
Ein riesiger Kunstschatz unbekannter Provenienz. Ein alter Mann, der ihn besitzt. Eine Hausdurchsuchung im Februar 2012 in einer Schwabinger Wohnung. Die komplette Beschlagnahmung und die seltsam wirkenden strafrechtlichen Argumente dafür. Das lange Verschweigen des spektakulären Fundes. Das weitere Stillhalten darüber, was dort außer den elf vorgeführten Exponaten noch gefunden wurde. Das offensichtliche Desinteresse an Gurlitt, dem Besitzer der Sammlung und vermeintlichen Straftäter. All dies wurde nicht erklärt.
Stattdessen präsentierten sich Fahnder und Staatsanwälte und Kunsthistoriker als glückliche Retter eines Schatzes, die jetzt aber auch nicht mehr so richtig wissen, was sie machen sollen. Es wirkte fast wie der verzweifelte Versuch einer späten Wiedergutmachung für all das, was die Nazis den Künstlern, der Kunst und den Besitzern dieser Werke angetan haben.
Doch genau jene sind vor allem empört darüber, dass sie erst jetzt von dem Fund erfuhren und auch weiterhin von Informationen abgeschnitten werden sollen. Erst auf amerikanischen Druck hin forderte die Bundesregierung vergangenen Donnerstag die Ermittler auf, so schnell wie möglich eine komplette Liste der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Den Ermittlern jedenfalls muss es schon früh gedämmert haben, dass der Fall sie überfordert. Sind die Bilder echt? Woher kommen sie? Die Zollfahnder wandten sich im Frühjahr 2012 an das Bundesfinanzministerium, aber Schäubles Beamte unterschätzten offenbar die politische Brisanz des Falls. Als Nächstes baten sie den Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) im Berliner Kanzleramt um Hilfe. Dessen Experten für Kunstrestitution empfahlen eine Berliner Kunsthistorikerin: Meike Hoffmann, 51, von der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin.
Mit der Erforschung der Provenienz aller 1406 Arbeiten ist Hoffmann überfordert. Sie hat gerade einmal das Schicksal von knapp 500 Bildern einigermaßen aufgeklärt. Die Kulturbeamten im Kanzleramt erwarten deshalb, dass die Ermittler noch weitere Kunsthistoriker engagieren.
"Unverschämt und zynisch" nennt Markus Stötzel, Anwalt der Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim, das Vorgehen der Ermittler. Die Liste der beschlagnahmten Bilder müsse sofort veröffentlicht werden. Dies verlangen auch die Anwälte der Friedmann-Erben und die Vertreter weiterer jüdischer Familien, die nach in der Nazi-Zeit verschwundenen Bildern suchen.
Es liege, so hieß es in Augsburg, Verdacht auf Steuerbetrug und Unterschlagung gegen Gurlitt vor. Aber das kann kaum sein. Erbschaftsteuer? Die Eltern von Cornelius Gurlitt sind 1956 und 1968 gestorben. Einkommensteuer? Der Verkauf von Bildern ist nicht einkommensteuerpflichtig. Unterschlagung? Wäre wohl längst verjährt.
So verzwickt dürfte die juristische Situation sein, dass die Ermittler vielleicht wirklich darauf hoffen, dass Cornelius Gurlitt das Zeitliche segnet, bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind. Doch für den kinderlosen Gurlitt fänden sich etliche Erben in der großen Familie.
Ihnen fiele womöglich der größte Teil der Werke zu, nämlich alle, die einst als "Entartete Kunst" beschlagnahmt worden sind. Für sie gab und gibt es keine Rückübertragung, es sei denn, es handelte sich um private Leihgaben an Museen, oder sie hatten ausländische Besitzer. Einen juristischen Anspruch auf die Rückgabe von Bildern an die Erben der einstigen Besitzer gibt es nicht mehr. Alle Fristen sind abgelaufen.
Unausweichlich sind auch internationale Verwicklungen. Die französischen Meister, die Hildebrand Gurlitt in Paris kaufte, stammen aus französischen Museen oder von französischen Sammlern, zumeist Juden. Sie wurden geraubt oder unter Zwang und unter Preis verkauft, "verfolgungsbedingt verloren", wie die Juristen sagen. Diese Bilder fallen unter die Washingtoner Erklärung von 1998, in der sich die Vertreter von 44 Nationen, darunter Deutschland, verpflichtet haben, Raubkunst zurückzugeben oder wenigstens "faire Lösungen" zu finden, also die Erben zu entschädigen.
Nach deutschem Recht aber sind sämtliche Fristen auf Rückgabe längst verstrichen. Doch nach der Washingtoner Erklärung steht die Familie Gurlitt moralisch in der Pflicht. Und tatsächlich ist es vorstellbar, dass die Erben in den USA klagen könnten, so wie die Nachfahren der Berliner Kunstsammlerin Lilly Cassirer, die 2011 vor dem U. S. Supreme Court gegen die Republik Spanien und die königliche spanische Familie obsiegten. Da ging es um ein unter Zwang 1939 in München verkauftes Gemälde von Camille Pissarro.
Und Cornelius Gurlitt? Verschollen. Die Verwandten sagen, dass sie nicht wissen, wo er sich befindet. Sogar die engsten Vertrauten sind ratlos. Sie machen sich große Sorgen, er sei schwer herzkrank.
Es gibt ein paar Sätze von ihm am Tage der Razzia. Das sei doch nicht nötig, sagte er den Beamten. Er sei ein alter Mann, er werde bald sterben, dann fiele alles doch sowieso an den Staat.
Zusammen mit seiner Schwester hatte er von 1946 bis 1948 die Odenwaldschule besucht. Er hat später eine Restauratorenlehre zumindest angefangen, auch ein Grund, warum Bilder und Blätter gut erhalten sind. Seit 1960 gehört ihm ein kleines, knapp 90 Quadratmeter großes Haus in Salzburg, in der Carl-Storch-Straße des Nobelviertels Aigen, in dem auch Familie Porsche eine Villa besitzt und Franz Beckenbauer.
Der Garten ist verwachsen, die Gitter verrostet, das Dach voller Moos. Einer der Nachbarn erzählt, dass in Gurlitts Haus manchmal nachts ein "gespenstisches" Licht gebrannt habe. Gurlitt sei schon lange nicht mehr da gewesen.
Ein Mann von kleiner Statur, stets schick gekleidet, Krawatte, Jackett, im Winter einen schwarzen Mantel. Sein Haar dicht, das Gesicht blass. Er habe stets Kleinwagen gefahren und immer nur gegrüßt, wenn man ihn ansprach. Ein merkwürdiger Mensch, die Nachbarn haben irgendwann recherchiert und herausgefunden, dass das Haus der Familie 1945 in Dresden abgebrannt sei. "Daher der Dachschaden", sagt der Nachbar. Er findet auch, dass die Polizei das Haus durchsuchen solle, vielleicht finde man ja da die Leiche.
Gurlitts Schwester Benita schreibt in einem Brief aus dem Jahr 1962 über ihren Bruder, dass er "jetzt als völlig einsiedelnder Maler ganz allein und zurückgezogen und sehr glücklich zufrieden in Salzburg" lebe.
Gurlitt war im September 2010 Zollfahndern aufgefallen, weil er 9000 Euro im Zug von Zürich nach München bei sich trug. Er machte einen nervösen Eindruck und sagte, dass er ein Bild an den Berner Galeristen Bernhard Kornfeld verkauft habe, was wohl nicht stimmt. Kornfeld hat erklärt, dass er Gurlitt das letzte Mal vor mehr als 20 Jahren getroffen habe.
Im November 2011 schließlich bietet das Auktionshaus Lempertz ein Bild des Expressionisten Max Beckmann an: "Der Löwenbändiger", Besitzer ist Cornelius Gurlitt. Bei Lempertz meldet sich der Anwalt Markus Stötzel, der die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim vertritt. Flechtheim war der Galerist Beckmanns in den zwanziger Jahren gewesen, nach Recherchen Stötzels sei das Bild 1934 in den Besitz von Cornelius' Vater Hildebrand Gurlitt geraten. Flechtheim hatte vor den Nazis nach Paris und später nach London flüchten müssen. "Auf der Rückseite des Bildes", sagt Stötzel, "ist ein Stempel Gurlitts mit einer Düsseldorfer Adresse zu finden."
Alle drei Seiten einigten sich: Der Einlieferer Cornelius Gurlitt sollte rund 60 Prozent des Erlöses bekommen, die Flechtheim-Erben rund 40 Prozent. Das Bild wurde für 725 000 Euro versteigert.
"Ein gebrechlich klingender älterer Herr", so beschreibt Karl-Sax Feddersen, der Justitiar von Lempertz, Cornelius Gurlitt. "Leicht konspirativ, aber das ist in unserem Geschäft nicht ungewöhnlich. Sehr nett, der Herr Gurlitt. Er hat keinen Anwalt, er tut mir leid."
Cornelius Gurlitt könnte auch jetzt einen Anwalt gebrauchen, um sich zu wehren. Sein Fall ist juristisch nicht aussichtslos, es gäbe viele Anwälte, die ihm helfen würden. Er scheint darauf zu verzichten. Das Phantom, unsichtbar, in Deutschland nicht gemeldet, nicht versichert, längst schon im Besitz einer österreichischen Staatsbürgerschaft.
Kurz nach dem Vorfall im Zug ließen Vertraute Gurlitts sein Haus von der Polizei aufbrechen, weil sie fürchteten, dass er dort hilflos läge. Aber er war nicht da. Als Gurlitt nach längerer Zeit wieder nach Salzburg kam, fand er einen Benachrichtigungzettel der Polizei. Es muss ihn sehr bestürzt haben. Waren sie jetzt auch in Österreich hinter ihm her?
Immerhin soll er schon über die Rückgabe einiger Bilder verhandelt haben, es sind die Werke seiner Tante, einer expressionistischen Malerin, jener Schwester von Hildebrand Gurlitt, die sich 1919 umbrachte.
Der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt war ein Mann, der zwei Leben führte. Das eine als Kämpfer für die Avantgarde, als Unterstützer unterdrückter Kunst. Das andere als Profiteur des Holocaust. Seine Tochter sagte, dass er sich nach dem Krieg als "glücklich" bezeichnet habe, "nicht die Bohne traumatisiert".
Es scheint, als ob sein Sohn sich entschieden hätte, kein Leben zu führen, sondern eine Existenz als Phantom, das möglichst wenig Spuren hinterlässt.
Am Mittwoch vergangener Woche allerdings erhielt der SPIEGEL einen Brief. Absender: Cornelius Gurlitt, Artur-Kutscher-Platz 1/5, 80802 München, datiert vom 4. November. Er ist auf einer Schreibmaschine geschrieben, die Unterschrift klein und gepresst.
Sehr geehrte Damen und Herren!
In einer Sendung des Bayrischen Rundfunks habe ich gehört, daß in Ihrer Zeitschrift, die in Deutschland wegen ihres besonders geistreichen und edel gesinnten Charakters allgemein hochgeschätzt ist, ein Artikel erscheinen soll, in welchem der Name Gurlitt in Druckschrift erscheint.
Darf ich Sie bitten, diesen Namen in Zukunft freundlicherweise nicht mehr in Ihrem in Deutschland hoch geschätzten Blatt erscheinen zu lassen.
Es könnte sonst leicht der Eindruck entstehen, Dr. H. Gurlitt, der nach den Nürnberger Gesetzen ein Mischling zweiten Grades war, habe einstmals Zeitungs-Artikel verfaßt, die in weithin bekannten Zeitungen wie "Das Reich" oder "Völkischer Beobachter" veröffentlicht worden sind.
Mit bestem Dank im Voraus und freundlichen Grüßen
Es klingt etwas missverständlich, aber wahrscheinlich wollte Gurlitt dem Magazin "Focus" schreiben, in der Hoffnung dass der Name Gurlitt nicht mehr genannt wird, und er hat das Heft mit dem SPIEGEL verwechselt.
Die gute Nachricht: Cornelius Gurlitt lebt.
"Ein unerbittlicher Säuberungskrieg gegen die letzten Elemente unserer Kulturzersetzung."
ARCHIV ERNST BARLACH STIFTUNG
A. D. BUCH 'KARL BUCHHOLZ' VON GODULA BUCHHOLZ / DUMONT VERLAG
Gurlitt war sich keiner Schuld bewusst: "Meine antifaschistische Gesinnung ist weit bekannt."
Die Verwandten wissen nicht, wo er ist. Sie machen sich Sorgen, er ist schwer herzkrank.
* Links: um 1932; rechts: um 1930.
Von Felix Bohr, Özlem Gezer, Lothar Gorris, Ulrike Knöfel, Sven Röbel, Michael Sontheimer und Steffen Winter

DER SPIEGEL 46/2013
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KUNST:
Das Phantom