25.11.2013

INDIENParadies der Bürokraten

Zwei Jahrzehnte nach Beginn seines Wirtschaftswunders fällt Indien hinter den Rivalen China zurück. Die Korruption blüht, Investoren ziehen ihr Geld ab. Schafft das Land einen Neustart nach der Parlamentswahl im kommenden Jahr?
Es rummelte und rumorte, dann schoss Indiens erste Mars-Rakete in den Himmel über dem Golf von Bengalen, einen langen Feuerstreif hinter sich herziehend. Es war einer jener seltenen Augenblicke, in denen sich Asiens drittgrößte Wirtschaftsnation von ihrer modernen Seite zeigte: Alles lief pünktlich, präzise, und am Boden jubelte Indiens Raumfahrtchef: "Keine Mission ist unmöglich für uns."
Das war Anfang November, und in zehn Monaten will die 1,2-Milliarden-Einwohner-Nation ihren eigentlichen Triumph feiern. Dann soll die selbstentwickelte Sonde den Roten Planeten erreichen und mehrmals umkreisen. Gelingt das Vorhaben, wären die Inder als vierte Raumfahrtmacht erfolgreich zum Mars vorgedrungen - nach Amerikanern, Russen, Europäern. Und vor allem: vor ihren größten Rivalen, den Chinesen.
Die Weltraummission leuchtet als Hoffnungsschimmer über Indien, denn auf der Erde läuft für das Land sonst kaum noch etwas nach Plan. Der Wettlauf mit China um die Vorherrschaft in Asien, seit Jahren von westlichen Autoren als Duell zwischen Drache und Elefant farbig ausgemalt, ist ökonomisch - und damit letztlich auch geopolitisch - längst entschieden: zum Nachteil Indiens.
Zwei Jahrzehnte lang wurde das indische Wirtschaftswunder bejubelt, nun ist es ins Stocken geraten: Das Wachstum von einst, um die zehn Prozent, hat sich mehr als halbiert. Im laufenden Jahr dürfte es wie schon im Vorjahr unter vier Prozent liegen, prognostiziert der Internationale Währungsfonds.
Damit würde Indiens Volkswirtschaft nur noch halb so schnell wachsen wie die Weltfabrik China. Das Reich der Mitte schwächelt derzeit zwar auch, aber auf vergleichsweise luxuriösem Niveau. Indien dagegen steht vor der Herausforderung, seine Bevölkerung aus der Armut zu befreien. Ein Drittel der Inder müssen mit weniger als 1,25 Dollar am Tag auskommen. Ihnen können nur hohe Wachstumsraten zu Wohlstand verhelfen.
Die enttäuschende Bilanz spiegelt sich auch im Wertverlust der Landeswährung wider: Seit Anfang 2013 hat die Rupie gegenüber dem Dollar gut zwölf Prozent an Wert verloren. Damit verteuern sich auch die Importe, besonders das Öl. Indiens Hunger nach diesem Rohstoff trägt die Hauptschuld an der tiefroten Handelsbilanz des Landes.
Zwar hat sich die Rupie wieder etwas von den dramatischen Kurseinbrüchen des Sommers erholt: Damals flohen auch aus anderen Schwellenländern massenweise die Anleger; sie fürchteten ein Ende der lockeren Kreditpolitik der US-Notenbank. Einige der spekulativen Gelder flossen seither gar wieder zurück und trieben die Kurse der Aktienbörse in Mumbai in die Höhe. Doch die Zinswende in den USA wurde nur in die Zukunft verschoben - und damit auch das mögliche böse Erwachen für Indiens Wirtschaft.
Denn die indische Misere ist hausgemacht. Politiker und Bürokraten in Neu-Delhi haben es in den Jahren des Booms versäumt, genug Investoren ins Land zu locken, die Fabriken bauen und Jobs schaffen. Die Elite des Landes versäumte es, die völlig veraltete Infrastruktur zu modernisieren - durch den Bau neuer Straßen, Brücken und vor allem einer verlässlichen Stromversorgung.
Stattdessen vergraulte die arrogante und zutiefst korrupte Bürokratie immer wieder ausländische Firmen: Der britische Kommunikationsmulti Vodafone wurde rückwirkend mit einer Art Sondersteuer belegt. Der südkoreanische Konzern Posco gab im Juli nach endlosen Verzögerungen entnervt den Plan auf, ein Stahlwerk für 5,3 Milliarden Dollar in Ostindien zu bauen. Im selben Monat verzichtete der indisch-luxemburgische Konzern ArcelorMittal auf ein ähnliches Vorhaben. Und im Oktober kündigte der australisch-britische Konzern BHP Billiton an, sich aus mehreren Projekten zur Erschließung von Öl und Gas zurückziehen zu wollen.
Oft scheitern Zukunftsvorhaben im demokratischen Indien am berechtigten Widerstand von Umweltaktivisten, oft aber wollen lokale Bosse, Politiker und Beamte einfach nur abzocken.
"Was Indien braucht, ist ein effektiver Staat mit einem robusteren Rechtsstaat und größerer Verantwortlichkeit", fordert Gurcharan Das, der einstige Indien-Chef des Konsumgüterriesen Procter & Gamble. Der sarkastische Titel seines Buchs lautet: "India Grows at Night" - "Indien wächst nachts". Also dann, wenn die Bürokraten schlafen.
Gewiss, indische Unternehmer sind gewohnt, sich durch das bürokratische Dickicht zu lavieren, dessen Regeln teils noch von den britischen Kolonialherren ersonnen wurden. Doch so können sie kaum Jobs für jene zwölf Millionen Arbeitskräfte kreieren, die jährlich neu in Riesenstädte wie Delhi strömen.
Es ist Vormittag in Kusumpur Pahari, dem größten Slum im Süden der Hauptstadt. Roshan Vedwal lungert mit Freunden in einer Gasse, das graue Abwasser fließt durch offene Rinnsale. Der 29-Jährige ist aufgewachsen in diesem Dschungel aus Elendshütten, hier leben und arbeiten mindestens 100 000 Menschen. Fließend Trinkwasser bekommen sie nur zu bestimmten Zeiten von Tanklastern zugeteilt. Auch Toiletten besitzen sie nicht, ihre Notdurft verrichten sie im Freien - wie die Hälfte aller Inder.
Seit zwei Jahren sucht Vedwal einen Job, zuvor bediente er in der Kantine eines Krankenhauses. Doch nun sind Jobs Mangelware. "Ich lebe vom Geld meiner Verwandten", berichtet Vedwal, und die arbeiten als Wachmänner oder Köche in den nahe gelegenen Villen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist die moderne Fortsetzung des Kastenwesens: Das Vermögen der 100 reichsten Inder entsprach 2010 einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts.
Die Ärmsten sind dagegen auf Nahrung angewiesen, die der Staat an sie verteilen lässt. An diesem Tag hat die Ausgabe im Slum geöffnet, ein Knäuel Wartender hat sich gebildet. Eine Frau zeigt ihre rote Rationenkarte: "25 Kilo Weizen stehen mir zu", schimpft sie und deutet zugleich auf ihren abgefüllten kleinen Plastiksack, "aber nur die Hälfte habe ich bekommen."
Doch Klagen nützen nichts, berichten Anwohner, der Zwischenhändler stecke mit der Polizei unter einer Decke. "Die Beamten kassieren kräftig mit."
Derzeit schauen viele Politiker im Slum vorbei. Sie versprechen, dass alles besser werden solle. Denn spätestens im Mai wählen die Inder ein neues Parlament, knapp 150 Millionen dürfen zum ersten Mal abstimmen.
Indien ist ein junges Land, fast 60 Prozent der Bevölkerung ist unter 30. Ökonomen begrüßen den Nachwuchs als künftige Konsumenten, sie bejubeln Indiens "demografische Dividende", einen angeblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem rasch alternden China. Doch wenn Indien nicht genug Jobs anbietet, vor allem für seine vielen frustrierten jungen Männer, könnte sich der vermeintliche Vorteil als demografisches Desaster entpuppen.
Denn anders als China hat Indien sich vornehm von oben modernisiert: IT-Riesen wie Infosys verwandelten den Subkontinent mit Software-Schmieden und Call-Centern zum Dienstleister der Welt. Davon profitierte vor allem die gut Englisch sprechende Elite: Rund 2,8 Millionen der 450 Millionen arbeitenden Inder sind im IT-Sektor beschäftigt. Doch diese Pioniere leiden nun unter der schwächelnden globalen Nachfrage. Vor allem US-Firmen zögern, weitere Dienstleistungen auszulagern.
Bei Infosys in der Hightech-Metropole Bangalore brachen sie deshalb in diesem Jahr mit hehren eigenen Prinzipien und riefen Firmengründer Narayana Murthy aus dem Ruhestand zurück ins aktive Management. Die IT-Legende soll Infosys wieder flottmachen. Zwar meldet der Konzern inzwischen wieder höhere Gewinne. Doch die verdankt er vor allem dem niedrigen Wechselkurs der Rupie, der im Ausland erwirtschaftete Gewinne aufbläht.
"Die triste Stimmung in der IT-Industrie drückt auf den Konsum", sagt Ravindra Bhargava. Der Chairman des indisch-japanischen Autobauers Maruti Suzuki bittet in seine Villa im Südosten von Delhi. Ein Diener serviert Tee und Schokoladenkuchen, und der energische 79-Jährige mit der hohen Stirn nimmt sich Zeit, einmal grundsätzlich über die indische Misere zu diskutieren.
Eigentlich hat Maruti Suzuki wenig Grund zu klagen. Anders als viele lokale Konkurrenten verkauft die Firma derzeit mehr Autos als im Vorjahr. Doch die neue Kundschaft reiche nicht aus, sagt Bhargava. "Unser Land kommt nicht darum herum, eine solide industrielle Massenfertigung aufzubauen und so ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen."
Ob Japan, Südkorea oder China - der Autoveteran weiß, dass bisher keine asiatische Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist, ohne zuvor die industrielle Revolution gemeistert zu haben. Allein die Chinesen bauen mehr als fünfmal so viele Autos wie die Inder. Zwar stellen die Inder passable Fahrzeuge her, aber sie produzieren zu teuer. Ein wichtiger Grund: Kompliziertes Elektronikzubehör wie Chips müssen sie häufig importieren.
Zwar hegen die Politiker in Delhi ehrgeizige Pläne. 2011 beschlossen sie, den Anteil der industriellen Fertigung an der gesamten Wirtschaftsleistung in zehn Jahren von 16 auf 25 Prozent zu erhöhen. Dann würde Indien zwar weiter hinter China herhinken (30 Prozent), nur: Derzeit wächst Indiens Industrie noch langsamer als zu Beginn des großen Vorhabens.
Was sich die Eliten in der Hauptstadt ausdenken, wird vor Ort oft nicht umgesetzt. In den 28 indischen Bundesstaaten regieren häufig lokale Parteien, bewilligte Fördergelder verfehlen oft die Adressaten. Auch Autoboss Bhargava macht die alltägliche Korruption für Indiens Rückständigkeit verantwortlich.
Er unterscheidet zwei Arten der Abzocke: Eine Variante spiele auf "hoher Ebene" - etwa wenn Politiker bei Projekten Anteile verlangen. Oder es handle sich um "alltägliche" Korruption, wenn Bürger Beamte für Leistungen schmieren müssen, die ihnen per Gesetz zustehen. "Das nenne ich Erpressung", sagt Bhargava.
Der Maruti-Suzuki-Chairman spricht für viele Bosse, ihre Stimmung ist durchweg mies. Und daran dürfte sich in den kommenden sechs Monaten wenig ändern. Die Koalition der Kongresspartei unter Premier Manmohan Singh regiert nach neun Jahren nur noch auf Abruf. Bis zur Wahl sind von dem 81-Jährigen keine mutigen Reformen mehr zu erwarten.
Im Gegenteil, der Regierungschef mit dem blauen Sikh-Turban gilt als tragische Figur des verblassten Wirtschaftswunders. Dabei gehörte der in England geschulte Ökonom Anfang der Neunziger zu jenen, die Indien nach Dekaden besonders heftiger staatlicher Gängelei für die Marktwirtschaft öffneten. Damals war er Finanzminister. Doch längst fehlt ihm die Autorität in seiner eigenen Partei. Die Landsleute langweilt er mit stocksteifen Auftritten, viele verspotten ihn als "Roboter".
Indiens neue Hoffnung heißt für viele dagegen Narendra Modi. Der 63-Jährige trägt einen penibel gestutzten grauen Bart und dazu fast täglich ein neues buntes Gewand, die Kurta. Er ist der Spitzenkandidat der oppositionellen Hindu-Partei Bharatiya Janata (BJP), insbesondere Wirtschaftsbosse und die urbane Jugend sehnen ihn als Erlöser aus der kollektiven Erstarrung herbei.
Sein Gesellenstück als Reformer lieferte Modi im westlichen Bundesstaat Gujarat, wo er in dritter Amtszeit regiert - straff wie ein chinesischer Parteisekretär. Der Sohn eines Teeverkäufers gilt als nicht korrupt. Unter ihm wuchs die Wirtschaft des 60-Millionen-Staates um die Hälfte schneller als der Durchschnitt Indiens.
Als protestierende Bauern in Westbengalen beispielsweise den Bau einer Fabrik für das Kleinauto Nano des Tata-Konzerns verhinderten, holte der unternehmerfreundliche Modi das Projekt im Eiltempo nach Gujarat. Wenn es jedoch um soziale Fortschritte geht, etwa um Gesundheit oder Erziehungswesen, dann schneidet Gujarat teilweise noch schlechter ab als andere Bundesstaaten.
Gleichwohl spekulieren westliche Anleger bereits darauf, dass ein möglicher Premier Modi Indien erneuern könnte. Das US-Wertpapierhaus Goldman Sachs revidierte kürzlich seine pessimistische Prognose für den Subkontinent und empfiehlt mit Blick auf Modi nun, wieder indische Aktien zu kaufen. Der Titel des Papiers ist zugleich die Botschaft: "Modi-fying our view".
Die Parteinahme für Modi kommt indes reichlich früh. Insbesondere bei vielen Wählern der muslimischen Minderheit ist der hinduistische Wirtschaftsreformer verhasst. In seiner Amtszeit brachen in Gujarat 2002 antimuslimische Gemetzel aus, über tausend Menschen kamen dabei unter den Augen der Behörden um. Modi weigert sich bis heute, dafür die politische Verantwortung zu übernehmen.
Und selbst wenn Modi in Delhi die Macht erringt: Wie der glücklose Amtsinhaber Singh müsste auch er voraussichtlich in einer Koalition um Kompromisse feilschen. Selbst in seiner BJP sträuben sich die Vertreter mächtiger Interessengruppen, die indische Wirtschaft weiter zu öffnen, beispielsweise für ausländische Supermärkte.
Egal wer künftig regiert, einen Erfolg könnte Indien im Herbst 2014 wohl feiern: die Mars-Mission. Vorausgesetzt, die Sonde erreicht bis dahin ihr Reiseziel.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 48/2013
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