09.12.2013

TREIBHAUS BERLINKommando Müntefering

In der vergangenen Woche erhielten widerspenstige Sozialdemokraten Anrufe von einer Nummer der Berliner Parteizentrale. Sie wurden aufgefordert, ihren Widerstand gegen die Große Koalition aufzugeben und einfach mal beherzt ja zu sagen - und sei's zum ersten Mal. Andernfalls, drohte der Anrufer, werde es nichts mit einer Karriere in der SPD. Offenbar ist die SPD-Führung in diesem Falle unschuldig. Nachdem sich ein angerufener Genosse beschwert und Generalsekretärin Andrea Nahles die Polizei eingeschaltet hatte, übernahm ein gewisses "Kommando Gerhard Schröder" in einem Bekennerschreiben die Verantwortung für die Aktion. Das macht die Sache interessant.
Natürlich ist die Idee von "Kommandos" in der deutschen Geschichte mit den Jahren ein wenig in Verruf geraten, und natürlich klingt es erst mal fies, wenn idealistische Jusos oder andere von inneren Überzeugungen gehemmte Sozialdemokraten telefonisch unter Druck gesetzt werden. Die Grundidee aber hat Charme. Beherzt fortgeführt, könnte sie helfen, dieser aufmüpfigen Vereinigung nach 150 Jahren innerparteilicher Meinungsfreiheit endlich so etwas wie Disziplin zu verpassen. Es kann ja nicht angehen, dass Parteimitglieder ihrer Führung ständig die Gefolgschaft verweigern, nur weil sie eine andere Meinung haben. Die Mitglieder von CDU und CSU haben das längst begriffen und verzichten auf solchen Mumpitz. Der deutsche Wähler weiß das zu schätzen. Das "Kommando Gerhard Schröder" könnte ein Anfang sein. Der Name ist jedenfalls gut gewählt. Kaum jemand hat unter der Widerspenstigkeit des gemeinen Genossen stärker gelitten als der frühere Kanzler, dessen Agenda-Reformen viele Sozialdemokraten bis heute die Gefolgschaft verweigern. Das Kommando kämpft somit auch für die Befreiung der SPD von ihrem schlechten Gewissen, was ebenfalls verdienstvoll ist, denn ohne Gewissen lebt es sich leichter.
Vermutlich aber ist ein einzelnes Kommando zu wenig, um echte Genossen endlich zu Vernunft, Disziplin und marktkonformen Überzeugungen zu verleiten. Es brauchte mehr Drohanrufe, es brauchte beherzte Nachahmer. Denkbar wäre ein "Kommando Wolfgang Clement" mit der Forderung, endlich den Widerstand gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse aufzugeben, getreu dem alten Clement-Motto: Mehr Bangladesch wagen! Am Ende des Telefonats dürfte der Hinweis nicht fehlen, dass Clement jederzeit wieder in die SPD eintreten könne.
Hilfreich wäre zudem ein "Kommando Franz Müntefering" mit dem Auftrag, den Widerstand gegen eine demografiekonforme Rentenpolitik zu brechen und die Rente mit 76 salonfähig zu machen. Das Bekennerschreiben ließe sich stilecht mit dem Modell von Münteferings alter Reiseschreibmaschine tippen. Als letzte Eskalationsstufe könnte dann das "Kommando Peer Steinbrück" aktiv werden. Dessen Drohung würde jeden Genossen zur Räson bringen: eine erneute Kanzlerkandidatur des Namensgebers. Markus Feldenkirchen
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 50/2013
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