09.12.2013

KARRIERENRette mich, wer kann

Hans-Olaf Henkel soll für die AfD bei der Europawahl kandidieren. Der Ex-BDI-Chef bekommt so eine neue Bühne für seine steilen Thesen.
Marktwirtschaft bedeutet für Hans-Olaf Henkel, auf die Erfolgreichen zu setzen. Im Jahr 2011 tingelte der Ex-BDI-Chef über die Veranstaltungen der Freien Wähler. Sie waren damals eine steigende Aktie, er pries die Minipartei als "Plattform für meine liberalen Ideale" und verkündete, er sei "per Handschlag" Mitglied geworden. Sogar eine Kandidatur zum Bundestag schloss er nicht aus, "wenn ich überzeugt bin, dass in der Partei Not am Mann ist".
Dann aber sank der Stern der Freien Wähler - und so auch Henkels Interesse an der Partei. Der Hans-Olaf Henkel von heute unterstützt nun die Alternative für Deutschland (AfD). Jetzt lobt er diese als "einzige Partei, die sich in Europa für Wettbewerb und Eigenverantwortung einsetzt", was auch daran liegen könnte, dass die AfD ganz gute Chancen hat, im Mai in das Europaparlament einzuziehen. Henkel kann sich eine Kandidatur vorstellen: "Wenn ich überzeugt bin, dass man mich wirklich braucht."
Was anderen als Opportunismus ausgelegt würde, sieht Henkel offenbar als Chancenoptimierung. Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, ist seinem ehemaligen Aktivisten aber deshalb nicht gram. "Er denkt halt immer a bissl betriebswirtschaftlicher, auch in der Politik." Nach Kosten und Nutzen eben.
Schwer zu sagen, wer von der Kandidatur mehr profitieren würde. Der ewige Ex-Funktionär Henkel? Oder die Euro-
Gegner, die sich gerade für den Europawahlkampf rüsten? Zwar muss die AfD bei der Europawahl nur die Hürde von drei Prozent überspringen, das macht den Einzug sehr wahrscheinlich. Andererseits werden viele AfD-Landesverbände von Grabenkämpfen geplagt. Davon würde man gern mit einer hübschen Personalie ablenken. "Hans-Olaf Henkel wäre das ideale Aushängeschild für uns, kompetent und prominent", sagt Günter Brinker, Chef der Berliner AfD, auf deren Ticket Henkel nach Brüssel reisen könnte.
Schon bei der Bundestagswahl habe man mit ihm als Spitzenmann geliebäugelt, sagt Brinker. Letztlich stellten die Berliner aber den Ökonomen Joachim Starbatty auf. "Professor Starbatty ist aber auch schon 73 Jahre alt", gibt Brinker zu bedenken. Nun wird Henkel im März 74, aber wenn es darum geht, mit Worten die Welt zu ändern, ist er frisch wie eh und je. "Wenn ich für die AfD antrete, dann, um Europa vor dem Euro zu retten, politisch wie ökonomisch", sagt Henkel.
Vergangenen Samstag wollte er die Eröffnungsrede zum europapolitischen Konvent der Berliner AfD halten. Presseeinladungen hatte die Partei reichlich verschickt. Henkel selbst auch. Noch ziert er sich aber vor der Kandidatur, und die AfD gönnt ihm viel Bedenkzeit. Theoretisch müsste Henkel sich erst auf dem Bundesparteitag in Aschaffenburg am 25. Januar erklären, wo die AfD ihre Bundesliste zur Europawahl aufstellen wird.
Finanziell hätte Henkel das Abenteuer Europa nicht nötig, auch nicht in Zeiten von Niedrigzinsen. Er sitzt in diversen Aufsichtsräten, und der Weltkonzern IBM dürfte bei der Rente früherer Top-Kräfte nicht knausern. Dagegen sind die Diäten eines EU-Abgeordneten Peanuts. Dafür würde sich das Mandat in politischer Aufmerksamkeit auszahlen, die Henkel seit einigen Jahren vermissen muss.
Was hilft es, wenn er Finanzminister Wolfgang Schäuble in seinem Buch "Profi der Täuschung" nennt und Angela Merkel "Kanzlerin Gespaltene Zunge"? Es hört keiner zu. Für unbequeme Wahrheiten werde man in Deutschland "zur Sau gemacht", sagte Henkel einst. Dass ihn seit Jahren kein relevanter Politiker mehr zur Sau machte, muss den Mann betrüben, der einst zum Inventar der Talkshow-Republik zählte.
Die relevanten Leute hören eben schon kaum hin, wenn ein CSU-Generalsekretär den EZB-Präsidenten beleidigt. Warum sollten sie also horchen, wenn ein Ex-Irgendwas über einen Minister lästert?
Eigentlich könnte Hans-Olaf Henkel so ziemlich alles sagen, was ihm einfällt. Aber Narrenfreiheit zu genießen heißt ja irgendwie auch, ein Narr zu sein.
* Mit Ehefrau Bettina Hannover und deren Schwester Almut beim Bundespresseball in Berlin.
Von Melanie Amann

DER SPIEGEL 50/2013
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