09.12.2013

THAILANDRevolte rückwärts

Der Abgeordnete Sunai und der Protestführer Suthep stehen für die zwei Lager, die darum ringen, wer künftig das Sagen hat: gewählte Populisten oder Putschisten.
Allmählich werde er zu alt für diese Art von Spielchen, die tückisch sind und keineswegs ungefährlich, sagt Sunai Chulpongsatorn, er sagt es halb im Scherz, aber nur halb. Der Abgeordnete der Regierungspartei ist 62 Jahre alt, er ist erschöpft von den vergangenen Tagen und Wochen; er ist grau im Gesicht, seine Stimme ein Krächzen.
Das Fernsehstudio liegt in der Innenstadt von Bangkok, und Sunai kommt gerade aus dem Aufnahmeraum 1, wo er seine Polit-Sendung eingespielt hat. "Asia Update" heißt sie, eine Million Zuschauer sehen sie täglich, sagt er. Und nachdem er eben eine Stunde lang geredet hat, in den Tagen zuvor ununterbrochen debattiert, Parteimitgliedern gedroht und um ihre Hilfe gebettelt hat, ist jetzt seine Stimme weg. Er wankt in den Ruheraum neben dem Studio, lässt sich auf ein Sofa fallen. "Nur einen Schluck Wasser", flüstert er, "dann erkläre ich, was hier passiert, es ist leider alles etwas kompliziert."
Nein, er fühlt sich nicht zu alt für diese Spielchen, er liebt sie, je gefährlicher, desto besser - das findet Suthep Thaugsuban, 64 Jahre alt. Er hat seinen Parlamentssitz und sein Amt als Vizechef der Demokratischen Partei aufgegeben; er setzt alles auf diese eine Karte, auf diese Bewegung, deren Tribun und Anführer er ist. Sein Ziel: die Regierung stürzen. Seine Mission: Thailand retten. So sieht er es jedenfalls.
Am Tag zuvor erschien ein kritischer Artikel über ihn auf der Titelseite der "Bangkok Post". Na und? Immerhin, die Titelseite! Er sitzt in einem Plastikstuhl und lächelt. "Es wird ein bisschen dauern", sagt er, "aber wir sind auf bestem Wege, jeden Tag haben wir mehr Zulauf."
Sutheps Leute haben das Regierungsviertel besetzt, Tausende Menschen kampieren jetzt hier, hocken oder liegen auf Matten in den Fluren oder in der mit weißem Marmor ausgelegten Halle. Sie haben die wichtigsten Ministerien gekapert, dazu 19 Büros in der Provinz, die großen Zufahrtsstraßen um das Demokratie- und das Sieges-Monument. Ende Oktober, als er die Bewegung ins Leben rief, habe er nur 40 000 Anhänger gehabt, sagt er. Jetzt seien es 2 Millionen.
Suthep hat sein Hauptquartier im Keller von Gebäudekomplex B aufgeschlagen; Räume, Computer, Telefone hat ein Reisebüro zur Verfügung gestellt. Drei Reihen schwarzer Security-Leute schützen ihn, man wird nach Waffen durchsucht, bevor man zu Suthep gelangt, der behaglich auf seinem Stuhl sitzt, mit der Trillerpfeife spielt, die um seinen Hals hängt, und lächelt. "Das ist alles ganz einfach", sagt er. "Ich repräsentiere das Volk, und das Volk erhebt sich."
Sunai und Suthep - zwei Männer, zwei Geschichten, zwei Ansichten dieses Aufstands. Sunai, der Abgeordnete, fühlt sich als Gejagter, obwohl seine von den Rothemden unterstützte Partei die Regierung stellt. Und Suthep, der Anführer der Gelbhemden, der, obwohl ohne Amt, mit Verve seine Rolle als Jäger spielt. Beide kennen einander seit Jahren, sie saßen Jahrzehnte zusammen im Parlament - und sie sind Todfeinde.
Seit Wochen treiben Suthep, der Mann mit der Trillerpfeife, und sein Demokratisches Reformkomitee des Volkes die Regierungspartei "Für Thailand" vor sich her. Der Versuch, ein Amnestiegesetz durchzusetzen, das Ex-Premier Thaksin Shinawatra die Rückkehr aus dem Exil ermöglicht sowie Straffreiheit garantiert hätte, war der willkommene Anlass für die Revolte.
Die Gelbhemden haben Chaos geschürt, haben Straßenkämpfe mit Tränengas und Wasserwerfern provoziert und dafür gesorgt, dass in Bangkok etwa 20 000 Polizisten eingesetzt werden mussten. Mindestens vier Menschen wurden getötet, Hunderte verletzt. Dann aber kehrte vorige Woche plötzlich Waffenruhe ein, denn der greise König Bhumibol Adulyadej hatte Geburtstag. Und Thailand ging gehorsam über in den Happy-Birthday-Modus. Es ist der heiligste Tag des Jahres. Denn der "König der Könige", angeblich einer der reichsten Monarchen der Welt, ist für die meisten Thais ein Übervater, beinahe ein Halbgott. Wer im Kino nicht aufsteht, auf der Straße nicht erstarrt, sobald die Hymne gespielt wird, bekommt Ärger. Thailänder sehen sich um, bevor sie ein viertelkritisches Wort über ihren König aussprechen.
Undenkbar, die zeremoniellen Feiern durch Proteste oder Gewalt zu schänden. Es gab also eine Atempause - die der königstreue Aufrührer Suthep nutzte, um Drohungen auszustoßen. Sobald die Regierung entmachtet sei, kämen die nächsten Schritte: Ein Rat des Volkes würde gebildet, Gesetze würden verabschiedet, um die Polizei zu dezentralisieren, um angeblich korrupte Politiker zu bestrafen, um die Monarchie zu stärken.
Wollen Sie keine Neuwahl abhalten, Mr. Suthep?
Er wedelt mit dem Zeigefinger: "Oh, keinesfalls! Erst müssen wir das Wahlsystem reformieren und sicherstellen, dass keine Stimmen gekauft werden." Er senkt die Stimme und redet im Verschwörerton weiter. "Glauben Sie etwa, wir haben hier eine Demokratie? Ha!"
Warum gibt es ausgerechnet in Thailand einen derart hässlichen Kampf, der die Gesellschaft zu zerlegen droht? Hier, im Sehnsuchtsland so vieler Touristen, wo es die schönsten Strände gibt, die besten Curry-Gerichte; wo auch die Wirtschaft floriert und 2012 um 6,5 Prozent wuchs, die Banken stabil sind und die Staatsschuldenquote bei 45 Prozent liegt, wovon europäische Finanzminister träumen. Wo man auf den Straßen wenige Bettler sieht und viele neue Autos. Woher also dieser Zorn?
Vielleicht kommt er gerade daher: weil sich Thailand entwickelt.
Einer der besten Landeskenner, der US-Professor Benedict Anderson, schrieb unlängst über den gesellschaftlichen Wandel in Thailand, er berief sich dabei auf den Denker Antonio Gramsci: Wenn das Alte sterbe und das Neue nicht geboren werden könne - dann entstünden, so Anderson, Monster. Die politische Krise in Thailand ist ein solches Monster.
Im Nordosten, dem Isaan, lebt knapp ein Drittel der 69 Millionen Einwohner, sie sind die Armen, die Dummen, auf die man in Bangkok hinabschaut. In thailändischen Serien ist die Deppenrolle stets mit Isaan besetzt; die schönen Frauen und Helden sind aus Bangkok oder dem Süden, sie gehören zur reichen, mächtigen Oberschicht, mit Nähe zum Königshaus.
So war es, so sollte es bleiben. Doch dann trat ein promovierter Kriminologe mit eckigem Schädel und Goldrandbrille auf den Plan - und änderte die Machtverhältnisse. Man wird Thaksin Shinawatra wohl nicht zu nahe treten, wenn man ihn als gerissen, skrupellos und machtgierig beschreibt. So sehen ihn viele Thailänder, selbst Sunai stimmt bekümmert zu. Als Thaksin damals antrat, schloss Sunai sich ihm an, er wurde einer seiner Vertrauten, noch heute telefonieren sie mehrmals die Woche.
Geschäftemacherei und Staatsdienst waren im Thailand vor Thaksin säuberlich getrennt; Thaksin schloss diese Lücke. Sein erstes großes Geld verdiente er mit dem Auftrag, die Polizei mit Computern auszustatten. Dann bekam er eine von zwei Mobilfunklizenzen und wurde reich. Er ging in die Politik und erkannte, dass Demokratie eine schöne Idee war - vor allem um die Macht zu erringen. Und die Macht war ein Hebel, um mehr Geld zu verdienen.
Thaksin verbesserte die Lage der Armen im Nordosten, das war seine Strategie, so fuhr seine Partei grandiose Wahlsiege ein - und er wurde Regierungschef. In den Kreisen der alten Oligarchie jedoch machte Thaksin sich keine Freunde, eher mächtige Feinde.
Als er 2003 den "Krieg gegen Drogen" ausrief, wurden in einigen Monaten schätzungsweise mehr als 2000 Menschen getötet, ohne umständliche Gerichtsverfahren. Er ließ Gesetze schreiben, die ihm als Unternehmer nutzten, er erinnert damit an Silvio Berlusconi. Um Anteile der Telekommunikationsfirma Shin Corp steuerfrei verkaufen zu können, brachte er 2006 ein eigenes Gesetz auf den Weg. Kurz darauf wurde er vom Militär seines Amtes enthoben und später zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er floh ins Ausland und lebt nun abwechselnd in Dubai, Hongkong oder London.
Seitdem befindet sich das Land in einer politischen Dauerkrise, denn aus dem Ausland zieht Thaksin weiter die Strippen, die virtuose Anwendung des thailändischen Schattentheaters auf die Politik. 2007 gewann eine von ihm gesteuerte Partei die Wahlen, dagegen demonstrierten die Gelbhemden so lange, bis Ende 2008 ein Premierminister der Anti-Thaksin-Kräfte vom Militär ernannt wurde. Dann demonstrierten wieder die Rothemden.
Seit 2011 regiert seine Schwester Yingluck Shinawatra das Land. Thaksin nennt sie "mein anderes Ich". Ihre oder eben seine Partei warb mit dem Slogan: Thaksin denkt, Yingluck führt aus. Seine Anhänger halten zu Thaksin, seine Entmachtung sehen sie als Versuch der alten Elite, das Rad zurückzudrehen. Zudem gilt er ihnen als der Einzige, der stark, reich und gerissen genug ist, all diesen Sutheps mit ihren Verbindungen zum Königshaus zu trotzen.
Die zwei Männer, Sunai, der erschöpfte Thaksin-Anhänger, und Suthep, der Vertreter der alten Elite, stehen für diese sich bekämpfenden Systeme.
Sunai stammt aus dem Norden; in den siebziger Jahren, als Thailand eine Militärdiktatur war, lebte er jahrelang im Dschungel und kämpfte auf Seiten der Kommunisten.
Suthep hingegen ist ein Mann des begüterten Südens, er besitzt dort Plantagen und Shrimp-Farmen. "Nichts gegen diese Leute. Aber sie sind ungebildet und lassen sich ihre Stimmen abkaufen", sagt Suthep abfällig über die Isaan. Die Polizei sucht ihn jetzt per Haftbefehl, der Vorwurf: Aufruhr gegen die Regierung. Zudem soll er als Vizepremier 2010 den Schießbefehl gegen Sunais Rothemden erteilt haben, 90 Menschen starben.
Thaksins Gegner, unterstützt vom Militär, glauben, dass jetzt die Zeit reif ist für einen erneuten Umsturz - denn ist der alte König erst einmal tot, könnte das royale Machtvakuum die Gegner der Monarchie ermutigen. Und dem wollen Suthep und seine Aufständischen nun zuvorkommen, mit einer Wiederherstellung der alten Verhältnisse. Mit einer Revolte, die eine Rolle rückwärts ist.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 50/2013
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