09.12.2013

RELIGION„Ich hänge nicht an diesem Leben“

Im Vatikan findet zurzeit jene Revolution statt, für die Hans Küng ein Leben lang gekämpft hat. Doch der Theologe ist am Ende seiner Kräfte und kann nur noch zuschauen. Ein Gespräch über den katholischen Frühling und die Hölle auf Erden
SPIEGEL: Professor Küng, kommen Sie in den Himmel?
Küng: Das hoffe ich doch sehr.
SPIEGEL: Für die Hölle spräche, dass Sie in den Augen der Kirche ein Ketzer sind.
Küng: Ich bin kein Ketzer, sondern ein kritischer Reformtheologe, der allerdings im Unterschied zu vielen seiner Kritiker nicht mittelalterliche Theologie, Liturgie und Kirchenrecht als Maßstab hat, sondern das Evangelium.
SPIEGEL: Gibt es die Hölle überhaupt?
Küng: Die Rede von der Hölle ist eine Warnung, dass ein Mensch seinen Lebenssinn völlig verfehlen kann. An eine ewige Hölle glaube ich nicht.
SPIEGEL: Wenn Hölle heißt, den Sinn im Leben zu verlieren, ist das aber eine ziemlich diesseitige Vorstellung.
Küng: Sartre sagt, die Hölle, das sind die anderen. Die Menschen bereiten sich die Hölle selber, zum Beispiel in Kriegen wie in Syrien oder auch in einem hemmungslosen Kapitalismus.
SPIEGEL: Thomas Mann hat in seinem "Fragment über das Religiöse" zugegeben, dass er an fast jedem Tag seines Lebens an den Tod dachte. Sie auch?
Küng: Ich habe eigentlich von früh an mit meinem Tod gerechnet, weil ich dachte, bei dem wilden Leben, das ich führe, erreiche ich mein 50. Lebensjahr nicht. Jetzt bin ich überrascht, dass ich 85 Jahre alt bin und immer noch lebe.
SPIEGEL: Sie sind 2008 zum letzten Mal Ski gefahren. Wie ist das, wenn man weiß, das ist jetzt das letzte Mal?
Küng: Das letzte Mal in Lech hoch oben am Arlberg gestanden zu haben stimmt mich natürlich schon etwas wehmütig. Ich liebe die klare, kalte Luft der Alpen, hier habe ich mein oft gequältes Gehirn durchlüftet. Aber ich hadere nicht. Ich freue mich eher, dass ich noch mit 80 Jahren Ski fahren konnte.
SPIEGEL: Sie sind ein alter, kranker Mann. Sie leiden unter einem Hörsturz, haben Arthrose und eine Makuladegeneration, die dazu führt, dass Sie bald nicht mehr lesen können.
Küng: Das wäre das Schlimmste, nicht mehr lesen zu können.
SPIEGEL: Vor einem Jahr hat Ihr Arzt Parkinson bei Ihnen festgestellt.
Küng: Dennoch arbeite ich noch jeden Tag intensiv. Allerdings nehme ich all dies als mahnende Vorboten des Todes. Auch meine Schrift wird klein und oft unlesbar, sie scheint fast zu verschwinden. Meine Finger versagen. Dass sich mein Allgemeinzustand verschlechtert hat, ist ein Faktum, aber ich kämpfe auch dagegen an.
SPIEGEL: Wie?
Küng: Ich schwimme täglich eine Viertelstunde hier im Haus, mache physiotherapeutische Übungen auf dem Boden, dazu Stimmübungen, Fingerübungen, konzentriere mich auf neue Aufgaben. Außerdem nehme ich täglich zehn verschiedene Tabletten.
SPIEGEL: Sie haben mehr als 60 Bücher geschrieben, waren immer ein leistungsstarker Mensch, der gern Auseinandersetzungen eingegangen ist. In Ihrer Biografie fragen Sie sich, ob Sie bald nur noch ein Schatten Ihrer selbst sein werden.
Küng: Die Diagnosen und Prognosen von Ärzten sind ja naturgemäß ungenau. Die Verschlechterung meiner Augen zum Beispiel geht langsamer voran als vorhergesagt. Vor zwei Jahren meinte mein Arzt, ich könne nur noch zwei Jahre lang lesen. Ich kann es immer noch! Aber ich lebe auf Abruf und bin bereit, jederzeit Abschied zu nehmen.
SPIEGEL: Ihre Parkinson-Erkrankung wird fortschreiten.
Küng: Letztes Jahr war zur Eröffnung der Olympischen Spiele in London Muhammad Ali zu sehen, der ebenfalls unter Parkinson leidet. Er wurde der ganzen Welt vorgeführt, stier und stumm, es war zum Erbarmen. Für mich eine schreckliche Vorstellung.
SPIEGEL: Ihr Freund Walter Jens fiel vor neun Jahren in eine sich rasch verschlimmernde Demenz. In diesem Juni starb er.
Küng: Ich habe ihn immer wieder besucht, auch kurz vor seinem Tod noch. Bis vor einigen Jahren hat sein Gesicht noch aufgeleuchtet, wenn ich kam. Aber in den letzten Jahren wusste er schon nicht mehr, ob ich ihn gestern oder vor einem Monat das letzte Mal besucht hatte. Schließlich hat er mich nicht mehr erkannt. Das war deprimierend, wenn man bedenkt, dass Jens, einer der bedeutendsten Intellektuellen der Nachkriegszeit, in eine Art Kindheit zurückgefallen ist.
SPIEGEL: War die Demenz auch für Jens schlimm oder nur für seine Angehörigen und Freunde?
Küng: Wenn man ihn am Anfang seiner Krankheit fragte, wie es ihm gehe, sagte er fast immer, "schrecklich" und "schlecht". Gleichzeitig entwickelte er eine Freude an kleinen Dingen, an Kindern, Tieren und Süßigkeiten. Ich brachte ihm immer Schokolade mit, anfangs nahm er sie selbst, später steckte ich sie ihm in den Mund. Was Jens letztlich erlebte, war uns verschlossen. Aber das kann man von mir nicht erwarten, dass ich so einen Zustand in Kauf nehme.
SPIEGEL: Sie haben 1995 zusammen mit Jens das Buch "Menschenwürdig sterben" veröffentlicht. Darf man als Christ seinem Leben selbst ein Ende setzen?
Küng: Für mich ist das Leben eine Gabe Gottes. Aber Gott hat diese Gabe in meine eigene Verantwortung gegeben. Das gilt auch für die letzte Phase des Lebens, das Sterben. Der Gott der Bibel ist ein Gott der Barmherzigkeit und nicht ein grausamer Despot, der den Menschen möglichst lang in der Hölle seiner Schmerzen sehen will. Sterbehilfe kann also die ultimative, letztmögliche Lebenshilfe sein.
SPIEGEL: Für die katholische Kirche ist es eine Sünde, ein Eingriff in die Souveränität des Schöpfergottes.
Küng: Ich habe es nicht geschätzt, dass der Sprecher des Bischofs von Rottenburg sofort erklärte, was ich geschrieben habe, sei die Lehre von Herrn Küng und nicht die Lehre der Kirche. Eine kirchliche Hierarchie, die sich bei Empfängnisverhütung, Pille und künstlicher Befruchtung so sehr geirrt hat, sollte jetzt nicht die gleichen Fehler machen bei den Fragen am Ende des Lebens. Unsere Situation im 21. Jahrhundert hat sich doch grundlegend geändert. Vor hundert Jahren war die durchschnittliche Lebenserwartung 45 Jahre, die meisten Leute starben eines frühen Todes. Ich bin jetzt 85 Jahre alt, aber das ist eine künstliche Verlängerung meiner Lebenszeit, dank der zehn Tabletten am Tag, dank der Fortschritte der Hygiene und der Medizin.
SPIEGEL: Haben Sie Angst vor langem Siechtum?
Küng: Ich habe jedenfalls eine präzis formulierte Patientenverfügung gemacht und bin seit kurzem Mitglied in einer Sterbehilfeorganisation. Das heißt nicht, dass ich den Freitod anstrebe. Aber ich möchte für den Fall, dass meine Krankheit sich zuspitzt, die Garantie haben, in menschenwürdiger Weise sterben zu können. Nirgendwo in der Bibel steht, dass ein Mensch bis zum verfügten Ende durchhalten muss. Was "verfügt" ist, ist uns verborgen.
SPIEGEL: Um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, müssten Sie in ein anderes Land fahren.
Küng: Ich bin Schweizer Staatsbürger.
SPIEGEL: Wie läuft das technisch ab? Rufen Sie dort an und sagen, ich möchte jetzt kommen?
Küng: Ich habe noch keinen Fahrplan. Aber meine persönliche Sterbeliturgie habe ich in meinem letzten Memoirenband genau niedergelegt.
SPIEGEL: Ein Pfarrer darf Ihnen nicht die Letzte Ölung geben.
Küng: Ich werde einen Freund, der Priester und einer meiner Schüler ist, dabeihaben.
SPIEGEL: In Goethes "Die Leiden des jungen Werther" tötet sich die Hauptfigur aus Liebeskummer. Das Buch endet mit dem Satz: "Kein Geistlicher hat ihn begleitet." Das ist die Position der Kirche.
Küng: Ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass man meine Einstellung zum Sterben als Protest gegen die kirchliche Autorität sieht. Ich will keine allgemeine Regel geben, ich entscheide nur für mich. Es wäre doch lächerlich, seinen Tod zu inszenieren als Protest gegen die kirchliche Autorität. Ich will aber bewirken, dass man das Thema offen und freundlich erörtert. Seit den nationalsozialistischen Massentötungen von Behinderten ist das Thema "aktive Sterbehilfe" in Deutschland tabuisiert.
SPIEGEL: Wer will sich aber als unheilbar Kranker seinen Angehörigen noch zumuten, wenn Sterbehilfe gesellschaftlich akzeptiert ist?
Küng: Natürlich besteht die Gefahr, die Sie beschreiben. Aber heute findet Sterbehilfe in einer Grauzone statt, weil sie verboten ist. Viele Ärzte erhöhen die Morphiumdosis, wenn's drauf ankommt, und laufen Gefahr, sich strafbar zu machen. Einzelne Patienten, die solche Ärzte nicht finden, stürzen sich in Kliniken aus dem Fenster. Das ist doch unerträglich! Wir können diese Fragen nicht in das Belieben jedes Arztes legen, wir brauchen eine gesetzliche Regelung, nicht zuletzt auch zum Schutz der Ärzte.
SPIEGEL: Hängt man am Ende nicht sehr am Leben und verpasst dann den richtigen Moment?
Küng: Das ist natürlich möglich.
SPIEGEL: Hängen Sie am Leben?
Küng: Ich hänge nicht am irdischen Leben, weil ich an ein ewiges Leben glaube. Das macht den großen Unterschied zu einer rein säkularistischen Position.
SPIEGEL: In Ihrer Autobiografie schreiben Sie: "Es wird mir weh ums Herz, wenn ich bedenke, dass ich das alles aufgeben soll."
Küng: Das stimmt schon, ich verabschiede mich ja nicht aus dem Leben, weil ich ein Menschenfeind wäre oder dieses Leben geringschätzte, sondern weil es aus anderen Gründen an der Zeit ist, langsam zu gehen. Ich bejahe mit Überzeugung ein Leben nach dem Tod, allerdings nicht in primitiver Weise verstanden, sondern als Eingang meiner ganzen endlichen Person in die Unendlichkeit Gottes. Als Übergang in eine andere Wirklichkeit jenseits der Dimension von Raum und Zeit, welche die reine Vernunft weder bejahen noch verneinen kann. Es ist eine Sache eines vernünftigen Vertrauens. Ich habe keine mathematisch-naturwissenschaftlichen Beweise dafür, aber ich vertraue mit guten Gründen auf die Botschaft der Bibel und glaube an ein Aufgefangenwerden durch einen gnädigen Gott.
SPIEGEL: Haben Sie eine Vorstellung vom Himmel?
Küng: Die meisten Redensarten über den Himmel sind reine Bilder, die man nicht wörtlich nehmen darf. Wir sind weit entfernt von den Himmelsvorstellungen der Zeit vor Kopernikus. Ich hoffe aber im Himmel auf die Lösung der großen Welträtsel, auf Fragen wie: Warum ist etwas und nicht nichts? Woher kommen der Urknall und die Naturkonstanten? Also jene Fragen, die die Astrophysik so wenig klären kann wie die Philosophie. Es geht jedenfalls um einen Zustand ewigen Friedens und ewiger Glückseligkeit.
SPIEGEL: Die Physik kann den dunklen Kosmos mit Milliarden Sternen heute viel besser erklären als früher. Hat das Ihren Glauben erschüttert?
Küng: Wenn man bedenkt, wie riesig das Universum ist und wie dunkel, macht das den Glauben zumindest nicht leichter. Beethoven konnte in seiner 9. Sinfonie noch hoffen, "überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen". Seit der Aufklärung funktioniert dieses Konzept nicht mehr. Wir müssen aber auch akzeptieren, wie wenig wir letztlich wissen. 95 Prozent des Universums sind uns nicht bekannt, wir kennen weder die 27 Prozent Dunkle Materie noch die 68 Prozent Dunkle Energie. Die Physik kommt zwar immer näher an den Ursprung ran, kann den Ursprung selber aber nicht erklären.
SPIEGEL: Am Ende Ihrer Beerdigung wünschen Sie sich das Kirchenlied "Nun danket alle Gott".
Küng: Weil es ausdrückt, dass mein Leben nicht verendet, sondern vollendet ist. Darüber kann man doch froh sein, oder?
SPIEGEL: Im Vatikan findet derzeit genau das statt, wofür Sie ein Leben lang gekämpft haben, eine Öffnung und Reform der Kirche; ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, an dem Sie alt und kraftlos werden. Eine Ironie der Geschichte?
Küng: Die Ironie betrifft mehr meinen früheren Kollegen Ratzinger als mich. Ich habe nicht mehr damit gerechnet, eine Wende in der katholischen Kirche zu erleben. Ich bin immer davon ausgegangen und habe mich auch damit abgefunden: Küng geht, und Ratzinger bleibt. Deshalb war ich völlig überrascht, dass Benedikt geht und ausgerechnet an meinem Geburtstag und Ratzingers Namenstag, dem 19. März 2013, Papst Franziskus sein Amt antritt.
SPIEGEL: Wie konnte es geschehen, dass ein Kardinalskollegium aus konservativen und restaurativen Männern einen Revolutionär zum Papst wählt?
Küng: Zunächst einmal wussten die gar nicht, wie revolutionär er ist. Aber abgesehen vom harten kurialen Kern war vielen Kardinälen klar, dass die Kirche in einer tiefen Krise steckt, wofür die Korruption im Vatikan, die Vertuschung der Missbrauchsfälle und die Vatileaks-Affäre stehen. Die Kardinäle waren in ihrer Heimat oft mit der harten Kritik der Basis konfrontiert.
SPIEGEL: Kann ein Einzelner überhaupt eine Institution wie die katholische Kirche revolutionieren?
Küng: Ja, wenn er als Papst gut beraten wird und einen fähigen Stab hat. Juristisch gesehen hat der Papst eine größere Macht als der Präsident der Vereinigten Staaten.
SPIEGEL: Aber nur innerhalb der Kirche, weil es zum Beispiel keinen Kongress gibt, der Entscheidungen absegnen muss.
Küng: Es gibt auch keinen Obersten Gerichtshof. Der Papst könnte, wenn er will, von heute auf morgen das im 12. Jahrhundert eingeführte Zölibatsgesetz abschaffen.
SPIEGEL: Kommt nach dem Arabischen jetzt ein katholischer Frühling?
Küng: Er ist schon da, aber es besteht die gleiche Gefahr von Rückschlägen und einer Gegenbewegung wie beim Arabischen Frühling. Es gibt mächtige Gruppen in Vatikan und Weltkirche, die gerne das Rad zurückdrehen möchten. Die haben Angst um ihre Pfründen.
SPIEGEL: Leiden Sie darunter, dass Sie nicht mehr mitmischen können?
Küng: Das nehme ich gelassen. Mir ist wichtiger, dass der Papst das liest, was ich ihm schicke, als dass er mich nach Rom einlädt.
SPIEGEL: Er hat Ihnen vor kurzem geschrieben, dass er die zwei Bücher, die Sie ihm geschickt haben, gern lese und "zu Ihrer Verfügung bleibe".
Küng: Ich habe schon zwei handgeschriebene und sehr freundliche Briefe von ihm erhalten. Auf dem Umschlag stand als Absender einfach "F., Domus Sanctae Marthae, Vaticano", unterzeichnet "mit brüderlichem Gruß". Das ist schon ein neuer Stil. Johannes Paul II. hat mich 27 Jahre lang keinerlei Antwort gewürdigt.
SPIEGEL: Mit wem ist Franziskus zu vergleichen?
Küng: Am ehesten mit Johannes XXIII., aber er hat eine Schwäche von ihm nicht. Johannes XXIII. hat Reformen en passant gemacht, ohne Programm. Er hat große administrative Fehler begangen.
SPIEGEL: Die Frage ist, ob Franziskus nur durch Gesten beeindruckt oder ob mehr dahintersteckt.
Küng: Die Vereinfachung der Kleidung, die Veränderungen des Protokolls, die ganz andere Sprache, das sind nicht nur Äußerlichkeiten. Er hat einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Man sieht bei diesem Papst wieder viel mehr den Dienstcharakter des Petrusamtes. Er fordert, dass man rausgeht aus der Kirche, dass man auf die Menschen zugeht. Dieser Tage hat er eine Umfrage an die Bischöfe gestartet, um die Ansichten auch der Laien zu Familienthemen zu erfahren. Seine erste Reise führte ihn zu den Flüchtlingen nach Lampedusa. Das alles ist ein Bruch mit der Art, wie Benedikt das Amt verstanden hat. Auch die Forderung nach einer armen Kirche führt zu einem anderen Denken. Unter Benedikt wäre der Protzbischof von Limburg vermutlich noch immer im Amt.
SPIEGEL: Franziskus hat als Chef der Glaubenskongregation aber auch Erzbischof Gerhard Ludwig Müller bestätigt, einen Hardliner.
Küng: Ich könnte mir vorstellen, dass Benedikt sich für den Verbleib Müllers starkgemacht hat. Die Bewährungsprobe wird aber sein, ob der neue Papst ihn weiter Glaubensaufseher und Großinquisitor spielen lässt.
SPIEGEL: Franziskus hat die Heiligsprechung von Johannes Paul II. angekündigt, einem restaurativen Papst, der Gruppen wie Opus Dei und die Legionäre Christi stark gemacht hat.
Küng: Ich kann nicht verstehen, dass dieser Papst heiliggesprochen werden soll. Er ist der widersprüchlichste Papst des 20. Jahrhunderts. Er war ein Marienverehrer - und verweigerte Frauen Ämter in der Kirche. Er predigte gegen Massenarmut - und verbietet Empfängnisverhütung. Im letzten Band meiner Autobiografie habe ich elf solche massiven Widersprüche ausführlich behandelt. Er hat ständig anders geredet als gehandelt. Er hat zum Beispiel auch Pater Marcial Maciel, einen der schlimmsten Knabenschänder und Gründer der Legionäre Christi, als seinen persönlichen Freund betrachtet und ihn gegen alle Kritik in Schutz genommen.
SPIEGEL: Dennoch verzeihen Sie Franziskus diese Heiligsprechung?
Küng: Die Heiligsprechung Wojtylas wurde von Benedikt forciert, unter Missachtung aller vorgeschriebenen Fristen. Dies nun einfach abzubrechen wäre nicht nur ein Affront gegen Benedikt, sondern auch gegen viele Polen. Ich kann verstehen, dass Franziskus das nicht will. Immerhin hat er gleichzeitig angekündigt, den Reformpapst Johannes XXIII. heiligzusprechen. Im Übrigen kann man sich fragen, ob Heiligsprechungen heute überhaupt noch Sinn machen, sie sind ja eine Erfindung des Mittelalters.
SPIEGEL: Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie gern rückgängig machen würden?
Küng: Ich war manchmal zu polemisch und wäre froh, wenn ich manches nicht gesagt hätte. Aber das einschneidendste Erlebnis war für mich der Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis im Jahr 1979, das hat mich schließlich psychisch und physisch umgehauen. Es gab einen Tag, da lag ich nur noch auf diesem gelben Sofa hier und konnte nicht in die angekündigte Fakultätssitzung zu meinem Fall gehen.
SPIEGEL: Sie waren depressiv?
Küng: Nicht depressiv, aber erschöpft. Ich habe mich natürlich gefragt, ob ich mich hätte beugen sollen. Man hat ja nur verlangt, dass ich ruhig sein soll. Was ich persönlich glaube, war denen in Rom egal, die haben gesagt: Sie können glauben, was Sie wollen. Manche sagen, wenn ich damals klein beigegeben hätte, wäre ich längst Kardinal. Aber gerade das war nicht mein Ziel.
SPIEGEL: Sie haben sich in dieser Zeit danach gesehnt, einen Lehrstuhl in den USA zu bekommen. Wollten Sie Deutschland verlassen?
Küng: Ich war begeistert von Amerika. Ich kannte Präsident Kennedy, eine seiner Schwestern und andere Familienmitglieder, und ich wurde von vielen Universitäten in den USA zu Vorträgen eingeladen. Ja, das war ein Traum: ein Lehrstuhl etwa in Los Angeles, mit einem Haus am Pazifik. Aber es war unrealistisch. Ich wollte Tübingen gar nie verlassen.
SPIEGEL: Rechnen Sie damit, dass Sie noch zu Lebzeiten rehabilitiert werden?
Küng: Nein. Die Deutsche Bischofskonferenz könnte zwar einen Anfang machen, Rom müsste dem nur zustimmen - aber ich rechne nicht mehr damit und erwarte es auch nicht. Papst Franziskus sollte nicht andere wichtige Aufgaben gefährden, indem er mich aufwertet und zu viel Nähe zu mir zeigt.
SPIEGEL: Ihnen wurde ein Leben lang Eitelkeit vorgeworfen. In Ihrer Biografie gibt es dazu sogar ein ganzes Kapitel.
Küng: Ich bin aber vermutlich nicht eitler als der Durchschnittsmensch.
SPIEGEL: Sie schreiben, dass andere Theologen auf Sie neidisch waren, weil Sie öfter zu Fernsehsendungen eingeladen wurden, weil Sie auf einen sportlichen Körper und angemessene Kleidung Wert legen, einen Schlips tragen.
Küng: Dort steht "bisweilen einen Schlips".
SPIEGEL: Noch ein Zitat: "Meine Fähigkeiten habe ich selten überschätzt."
Küng: Wenn Sie das so aus dem Zusammenhang reißen, klingt es tatsächlich eitel. Auf derselben Seite steht aber auch, dass ich eine Abneigung gegen illusionistisch überschätzte Eigenschaften habe. Ich kenne meine Grenzen. Ich verabscheue Pose, Wichtigtuerei. Aber wenn ich in der Auseinandersetzung mit Rom kein Selbstbewusstsein gehabt hätte, wäre ich untergegangen. Bis auf den heutigen Tag werden meine Bücher von der Hierarchie und der Schultheologie ignoriert. Vielleicht habe ich deshalb auch immer wieder erwähnt, wer mich in Wissenschaft, Politik und Medien anerkennend zitiert.
SPIEGEL: Ihr Vater war Schuhhändler, Sie wurden mit 32 Jahren Professor für Theologie in Tübingen, mit 34 Jahren Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil - und dann 1979 der Hammer des Lehrverbots.
Küng: Damals wurde eine publizistische Großaktion gegen mich durchgeführt und schließlich sogar in allen Kirchen der Bundesrepublik ein Hirtenwort gegen mich verlesen, das müssen Sie sich mal klarmachen.
SPIEGEL: Beim Entzug der Lehrerlaubnis ging es auch darum, dass Sie die Ehelosigkeit von Priestern in Frage gestellt haben. Glauben Sie, dass es unter Franziskus zu einer Reform beim Zölibat kommen wird?
Küng: Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass diese Frage weiter aufgeschoben wird, weil täglich weniger Priester für die Gemeinden da sind. Ich weiß nicht, wie man in der nächsten Generation noch Seelsorge in Deutschland leisten kann. Die Frage ist schon längst reif, und das Kirchenvolk ist weithin bereit zu dieser Reform.
SPIEGEL: Leben Sie selbst zölibatär?
Küng: Ich bin nicht verheiratet, habe weder Frau noch Kinder.
SPIEGEL: Im Buch gibt es eine Frau, die Sie "meine ideale Lebensbegleiterin" nennen.
Küng: Ja, im Sinn einer vorbildlichen Wegkameradschaft: Wir haben getrenntes Eigentum, getrennte Stockwerke, getrennte Wohnungen. Das habe ich alles in meiner Autobiografie geschrieben, dazu stehe ich auch. Mehr habe ich darüber nicht zu sagen.
SPIEGEL: Professor Küng, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Markus Grill.
Von Markus Grill

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