09.12.2013

MEDIZINDie Fruchtbarkeitsreserve

Frauen lassen ihre Eizellen einfrieren, um noch in späteren Jahren Kinder auf die Welt bringen zu können. Ist es tatsächlich möglich, die biologische Uhr zurückzudrehen?
Die Frau wünscht sich ein Kind. Sie sagt, das sei ein Wunsch, um den sie sich nicht herumdrücken könne. Die Marketingleiterin aus München ist bereits 38 und will nicht den Nächstbesten nehmen. Deshalb hat sie einen Weg gesucht, sich um den Nächstbesten herumzudrücken.
Vor einem Jahr ließ Sarah Voß(*) einige ihrer Eizellen einfrieren. Elf Stück lagern seither tiefgefroren im Flüssiggastank einer Kinderwunschpraxis, konstant gekühlt bei minus 196 Grad. Von diesen elf Eizellen könnten vielleicht drei bis vier befruchtet werden, woraus ein oder zwei
Kinder heranwachsen könnten. Das ist die Hoffnung. Die statistische Chance, dass es so kommt, liegt bei etwa 25 Prozent. Das ist nicht viel.
Die Statistik, sagt Voß, habe sie bei ihrer Entscheidung aber nicht wirklich interessiert. Sie habe ihre Entscheidung vor allem aus Wut getroffen. Aus Wut darüber, hilflos zusehen zu müssen, wie ihre biologische Uhr abläuft. Sie hätte noch mehr Eizellen einfrieren lassen können, die Statistik weiter verbessern. Doch bei 7000 Euro war Schluss. Sie ist gesund, beruflich erfolgreich, sie sieht gut aus. Wenig spricht dagegen, dass sie demnächst auf natürlichem Weg ein Kind bekommt.
Hat die Medizin nun eine Methode gefunden, die Wut von Frauen wie Sarah Voß zu besänftigen? Oder nimmt sie ihnen auf dem Weg, ein Kind zu bekommen, nur eine Stange Geld ab? Lässt sich die Fruchtbarkeit durch das "Social Freezing" wirklich verlängern?
Entwickelt wurde das Verfahren ursprünglich, um krebskranken Frauen, die vor einer Chemotherapie stehen, zu ermöglichen, anschließend noch Kinder zu bekommen. Die Eizellen könnten durch die Krebstherapie geschädigt werden.
Eizellen, die man einer Frau in einer kleinen Operation entnimmt, werden dabei durch schnelle Kühlung konserviert. Dadurch können sie auch nach Jahren aufgetaut, befruchtet und der Frau in die Gebärmutter eingesetzt werden.
Der Kreis der Experten ist klein. Die Mediziner streiten darüber, wie sie mit dem Social Freezing umgehen sollen.
Jörg Puchta, 53, ist der Arzt, der Sarah Voß' Eizellen konserviert hat. Zusammen mit Kollegen betreibt er das Kinderwunsch Zentrum an der Oper in München. Puchta sagt: "Mit Hilfe des Social Freezing sind Frauen in der Lage, ihre Fruchtbarkeit zu bewahren. Es wird ihnen der Druck genommen, den die biologische Uhr auf sie ausübt." Seinen Patientinnen rät er, bis zum 40. Geburtstag Eizellen eingefroren zu haben.
Michael von Wolff, 47, ist Reproduktionsmediziner an der Uni-Klinik in Bern.
Er hat vor sieben Jahren das Netzwerk "FertiProtekt" gegründet, dessen Mitglieder daran arbeiten, Frauen vor einer Chemotherapie zu helfen. Wolff sagt: "Social Freezing ist Lifestyle-Medizin. Für Frauen, die älter sind als 35, ist das Einfrieren von Eizellen wenig sinnvoll."
Aber das Social Freezing wirft nicht nur medizinische Fragen auf. Es wird damit möglich, eine Frau weit jenseits der Wechseljahre zur Mutter zu machen. Mit Hormonen unterstützt, kann damit eine 50- oder 60-Jährige Kinder bekommen. In Italien, Spanien, Rumänien gibt es Mütter, die bei der Geburt ihres ersten Kindes auf die 70 zugingen.
Rechtlich zulässig wäre dies auch hier. Fremde Eizellenspenden sind in Deutschland verboten, aber die eigenen Eizellen darf eine Frau verwenden.
Wäre es der nächste Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung der Frau? Nicht mehr an das biologische Alter gebunden zu sein? Schließlich können auch Männer noch in späten Jahren Vater werden. Oder hilft das Social Freezing zu weit über die natürlichen Grenzen hinweg?
Auf dem Schreibtisch von Jörg Puchta in München stehen zwei Champagnerflaschen. Daraufgeklebt sind Fotos von Zwillingen. "Zum Spaß vereinbare ich mit meinen Patienten: Für jedes Kind, das mit meiner Hilfe auf die Welt kommt, kriege ich eine Flasche", sagt Puchta. Der Mediziner ist groß, gut gebräunt, trägt Weiß. Er sagt: "Mit Champagner kenne ich mich mittlerweile gut aus."
Jörg Puchta ist wahrscheinlich derjenige Arzt in Deutschland, der am offensivsten für das Einfrieren von Eizellen wirbt. In einem Radiowerbespot, den seine Praxis geschaltet hat, sagt eine Frau: "Karriere oder Kinder - beides geht bei meinem Job nicht!" Darauf antwortet ein Mann: "Du, ich hab da was gelesen von Social Freezing. Da friert man sozusagen deine Fruchtbarkeit ein. So dass du später noch unseren Sohn auf die Welt bringen kannst."
In einer Broschüre, die das Zentrum herausgibt, steht: "Legen Sie Ihre Familienplanung auf Eis: Sie erobern sich Zeit und Leichtigkeit zurück." Es klingt, als würde man sich bei einem Yogastudio anmelden.
Anders als bei einer künstlichen Befruchtung (IVF) gibt es für das Social Freezing keinen medizinischen Grund. Zur IVF entschließen sich Frauen, die erfolglos versucht haben, schwanger zu werden. Ihre Kinderlosigkeit ist als Krankheit anerkannt, teilweise erstatten die Krankenkassen die Behandlung. Zum Eizell-Einfrieren hingegen entschließen sich Frauen, die noch gar nicht versucht haben, auf natürliche Weise schwanger zu werden. Die Behandlung müssen sie selbst zahlen.
Das Münchner Kinderwunschzentrum beziffert die Kosten auf 2000 Euro pro Zyklus, dazu kommen noch Medikamente von 500 bis 1000 Euro. Die Lagerung der Eizellen kostet 240 Euro pro Jahr. Später kommen dann die Kosten für eine IVF-Behandlung von mindestens 2000 Euro hinzu. Es wird teurer, je mehr Zyklen man braucht, um ausreichend Eizellen zu gewinnen. Puchta rät seinen Patientinnen, mindestens 20 Eizellen einzufrieren.
Machen Sie Geld mit der Angst der Frauen, Herr Puchta?
Der Arzt lehnt sich in seinem Sessel zurück. Er sagt, der Reproduktionsmedizin werfe man zu reflexhaft Geschäftemacherei vor. "Ich sehe hier viele Schicksale. Und wir können helfen." Als Frau könne man heute eine Versicherung gegen Kinderlosigkeit abschließen - eine Art Fruchtbarkeitsversicherung.
Seit 2008 hat Puchta Eizellen von fast 250 Patientinnen eingefroren. Zwölf von ihnen haben mittlerweile einen Teil davon befruchten lassen. Sieben sind gerade schwanger. Puchta geht davon aus, dass etwa 10 bis 15 Prozent seiner Patientinnen auf diese Fruchtbarkeitsreserve zurückgreifen müssten. Alle anderen bekämen höchstwahrscheinlich auf natürlichem Weg ein Kind.
Statt von Angst spricht der Gynäkologe lieber von Sicherheit. Er wisse, was es für eine Frau bedeute, wenn sie erst mit 42 Jahren den Mann zum Kinderkriegen finde und es dann auf natürliche Weise nicht mehr klappe. "Vermutlich würde sie über kurz oder lang eine IVF-Behandlung in Erwägung ziehen", sagt Puchta.
Doch unterlägen ihre - 42 Jahre alten - Eizellen dann den Hemmnissen dieses Alters: einem höheren Fehlbildungsrisiko, häufigeren Fehlgeburten. Bei einer Eizelle, die im Alter von 30 Jahren eingefroren wurde, sei diese Gefahr entsprechend geringer. Puchta sagt: "Das ist doch eine pragmatische, eine kluge Kalkulation."
Ob die Erfolgsraten einer künstlichen Befruchtung durch das Eizell-Einfrieren wirklich steigen, kann derzeit niemand wissen. Langzeitstudien fehlen, die Methode ist noch zu neu. Die wenigsten Ärzte haben Erfahrung mit dem langen Lagern von Eizellen.
Doch das Einfrieren von Eizellen macht Schwangerschaften in einem Alter weit jenseits der natürlichen Fruchtbarkeitsgrenze möglich. Selbst nach ihren Wechseljahren kann eine Frau hormonell noch so stimuliert werden, dass sie befruchtete Eizellen austragen kann.
Jörg Puchta würde diese Eizellen einer Frau auch noch spät einsetzen. Wie spät? Bis zum Alter von 55? 60? Er sagt: "So lange die Frau möchte. Und solange es medizinisch vertretbar ist. Ich richte nicht darüber, wie alt eine Mutter sein darf."
Im Inselspital in Bern in der Schweiz nimmt Michael von Wolff in seinem Sprechzimmer Platz. An der Wand hängt beruhigende Kunst, an einer Stehlampe baumelt ein Storch aus Holz. Wolff leitet die Abteilung für Reproduktionsmedizin. Ihn ärgert es, wenn Kollegen wie Puchta mit der Angst der Frauen Geschäfte machen. "Vielleicht klingt das jetzt unmodern", sagt Wolff, "aber mir ist nicht wohl dabei, wenn auf diese Art für eine medizinische Leistung geworben wird."
Aus seiner Zeit in Deutschland kennt Wolff die Sätze, die Kinderwunsch-Ärzte sagen, um Patienten zu überzeugen. Einer lautet: "Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass es funktioniert, aber Sie haben alles dafür getan. Dann müssen Sie sich hinterher keine Vorwürfe mehr machen." Keine Vorwürfe.
Friert Wolff die Zellen einer Frau ein, die Krebs hat, dann sei das ein Notfall. Auch für das Social Freezing habe er Verständnis, aber die meisten Frauen, die sich dafür interessierten und das nötige Geld hätten, seien schon weit über 35 Jahre alt - aus seiner Sicht zu alt für das Einfrieren von Eizellen. Er befürchtet, dass viele der Frauen, die sich mit dem Social Freezing absichern möchten, das zu sehr ungünstigen Konditionen tun.
Seine Begründung: Vor allem von der Zahl der zur Verfügung stehenden Eizellen hängt es ab, ob später eine künstliche Befruchtung gelingt. Doch die Chance, genügend Eizellen zu gewinnen, nehme nach dem 35. Lebensjahr stark ab.
Wolff rechnet vor: "Man geht davon aus, dass ein Hormonzyklus 10 bis 15 Eizellen ergibt. Doch je älter eine Frau ist, desto weniger sind es pro Behandlungszyklus." Wolle man eine sinnvolle Anzahl an Eizellen gewinnen, dauere das wahrscheinlich ein halbes Jahr und koste mindestens 10 000 Euro. "Solche Details werden in einem Radiospot verschwiegen."
Ohnehin funktioniere die Natur stets besser als das Labor, sagt Wolff. Eine aus dem Eierstock entnommene, im Reagenzglas befruchtete Eizelle werde nie das gleiche Potential besitzen wie eine, die sich natürlich entwickelt hat.
Wer unbedingt eine Fruchtbarkeitsversicherung abschließen wolle, der müsse das als junge Frau tun, am besten zwischen Mitte zwanzig und Anfang dreißig. Doch gerade bei Frauen, die sich so früh mit dem Thema auseinandersetzten, vermutet der Reproduktionsmediziner, werde ein Kinderwunsch nicht lange aufgeschoben.
Folglich geht Wolff davon aus, dass die meisten der Frauen gar nicht auf ihre Eizell-Reserve zurückgreifen müssen. "Und um was", fragt er, "wenn nicht vor allem ums Geldverdienen, geht es dann?"
Der Mediziner ist auch dagegen, Frauen jenseits der Wechseljahre oder gar über 50 ihre konservierten Eizellen einzusetzen. Nicht, weil er einer älteren Frau keine Mutterschaft zutraue, "sondern weil ich befürchte, dass die Komplikationen bei einer späten Schwangerschaft zunehmen".
Die Medizin hat wenig Erfahrungen mit Schwangerschaften über fünfzig. Dafür treten sie viel zu selten auf. Vor einigen Jahren brachte die italienische Sängerin Gianna Nannini, damals 54, ihr erstes Kind auf die Welt. Sie verschwieg, wie genau es dazu kam.
Claudia Wiesemann glaubt nicht daran, dass Social Freezing sich massenhaft durchsetzen wird, dazu sei die Methode zu teuer und zu aufwendig. Dennoch ist die Professorin für Medizinethik in Göttingen, Mitglied im Deutschen Ethikrat, dagegen, späte Mütter zu verdammen. Der Trend, dass Frauen erst in fortgeschritteneren Jahren ihre Kinder bekommen, sei nicht mehr umkehrbar.
"Das zu dramatisieren, halte ich für falsch", sagt Wiesemann. Eine späte Mutterschaft habe sogar Vorteile für das Kind.
"Unser soziales Leben ist von großer Bedeutung für unsere Gesundheit. Wir wissen sehr gut: Armut und Stress machen krank", sagt Wiesemann. Frauen, die eine gesicherte Lebenssituation haben, bevor sie ihre Kinder bekommen, sollten daher gefördert und nicht kritisiert werden. "Es ist eine altmodische Vorstellung, dass sich nur eine junge Frau gut um ein Kind kümmern kann."
Die Münchnerin Sarah Voß macht sich gleichwohl Gedanken darüber, wann sie selbst sich zu alt fühlen würde, auf ihren Vorrat an Eizellen zurückzugreifen. "Für mich persönlich liegt die Grenze dort", sagt sie, "wo auch die Natur einen Schnitt macht." Mit den Wechseljahren wäre Schluss. "Schließlich", sagt Voß, "will ich keine alte Mutter werden."
* Name von der Redaktion geändert.
Von Kerstin Kullmann

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