16.12.2013

KARRIERENDie Septembergefallenen

Noch nie haben die Deutschen eine Regierungspartei aus dem Bundestag gewählt. Wie gehen FDP-Spitzenleute wie Philipp Rösler und Daniel Bahr mit dem Höllensturz um? Über Schuld und Scheitern in der Politik.
Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten verstanden.
Guido Westerwelle
Daniel Bahr denkt im Moment oft an seine erste Woche im Bundestag zurück. Herbst 2002, es waren die dramatischen Tage des Rückzugs von Jürgen Möllemann aus der Politik. Vor allem ein Bild aus dieser Zeit hat sich Bahr ins Gedächtnis gebrannt, eine Szene, die ihn bis heute verfolgt.
Es war die allererste Fraktionssitzung des jungen FDP-Abgeordneten in Berlin. Möllemann stellte sich vor die versammelte Mannschaft und verkündete seinen Rücktritt vom stellvertretenden Bundesvorsitz. Dann wollte er gehen, weg, nur raus aus dem Sitzungssaal. Aber die Tür war verschlossen. Auch eine zweite. Eine dritte. Schweigend stand Guido Westerwelle da, der Vorsitzende, schweigend sahen die Abgeordneten zu, wie Möllemann nach dem Ausgang suchte und ihn nicht fand. Bahr lässt dieses Bild nicht los, das Bild von einem, der den Weg nach draußen nicht finden konnte und bald darauf keinen Sinn mehr sah im Leben.
Als Bahr die Geschichte erzählt, sitzt er in einem Restaurant in Rom unweit der Spanischen Treppe. Es ist der vergangene Donnerstag, einer seiner letzten Tage als geschäftsführender Gesundheitsminister.
Er ist auf Abschiedstour durch Europa, am Dienstag ist er in Brüssel beim Ministerrat gewesen, am Mittwoch in London auf einer Konferenz zum Thema Demenz. Jetzt Rom, wieder eine Konferenz, dieses Mal Pandemien und Global Health. Bahr ist schon auf dem Weg zum Ausgang.
Keine drei Jahre war Bahr Minister. Keine drei Jahre ist es her, dass er sich gemeinsam mit Philipp Rösler und Christian Lindner an die Spitze der Partei putschte, um, wie er glaubte, die FDP zu retten. Stattdessen führten die drei die Partei in die größte Katastrophe ihrer Geschichte.
Wie geht die FDP-Spitze mit der Katastrophe um? Als in Japan nach der Jahrtausendwende die Firmen pleitegingen, zwang man die Manager, ihr Versagen öffentlich einzugestehen. Sie weinten vor Scham. Es sah etwas peinlich aus, aber es war auch eine Läuterung. In der FDP hat niemand öffentlich geweint. Am Wahlabend haben nur die Ehefrauen in den Hinterzimmern ein paar Tränen vergossen, so wurde es kolportiert.
Politiker werden abgewählt, aber noch nie wurde eine Partei, die an der Regierung beteiligt war, aus dem Parlament gespült. Politiker wie Bahr, Rösler und Generalsekretär Patrick Döring müssen nun ihr Leben neu erfinden. Sie sind gerade einmal vierzig, und ihre politischen Karrieren liegen hinter ihnen. In den vergangenen drei Monaten haben sie damit begonnen, eine offene Tür zu suchen in ein sinnvolles Leben jenseits der Politik.
Was Leo Tolstoi in "Anna Karenina" über die Familien geschrieben hat, gilt auch für die Politik: Alle Wahlsieger ähneln einander, jeder Wahlverlierer ist auf seine Art unglücklich.
Daniel Bahr ist nicht glücklich, aber er ist weniger unglücklich als andere. Er hat einen Grund zur Freude: Er ist vor kurzem Vater geworden. Im Ministerium nimmt Bahr es seit der Wahl etwas lockerer. Die Morgenrunde hat er von acht auf neun Uhr verschoben. Er hält Reden, besucht Konferenzen, bearbeitet Vorlagen. Er funktioniert. "Ich bin froh, wenn es vorbei ist", sagt er.
Mit dem Gedanken, nicht mehr Minister zu sein, hat Bahr sich schon vor der Wahl befasst. "Politik ist immer ein Geschäft auf Zeit", sagt er. Je weiter oben, desto mehr. "In einem solchen Amt weiß man immer, dass so etwas kommen kann: ein Skandal, vielleicht unverschuldet - und du bis weg." Aber man kann nicht auf Vorrat trauern. Wenn es passiert, tut es trotzdem weh.
Bahr hat ein paar attraktive Angebote, aber er hat sich noch nicht entschieden, was er machen wird. "Ich kann nicht sofort die Rennwagen wechseln", sagt er. Er braucht eine Zeit des Übergangs, nicht nur nach außen eine Karenzzeit, die der Wechsel in die Wirtschaft gebietet, sondern auch für sich. Vielleicht ein paar Monate mit dem Wohnmobil von San Francisco nach San Diego.
In Berlin wird er eine Pause sicher nicht verbringen. Das könnte er nicht ertragen, ins Café Einstein zu gehen und zu sehen, wie seine Nachfolger mit den Journalisten zu Mittag essen.
Seit dem 1. November sitzt Otto Fricke nicht mehr in seinem geräumigen Zimmer mit Blick auf den Reichstag, sondern in einem winzigen Hinterzimmer. "FDP-Fraktion i. L." steht auf dem Türschild - i. L., das heißt: in Liquidation. Der bisherige Parlamentarische Geschäftsführer der Liberalen ist jetzt der Liquidator. Liquidatoren nannte man die Männer in weißen Schutzanzügen, die nach dem GAU von Tschernobyl die lebensgefährlichen Aufräumarbeiten erledigten.
Fricke sieht aus, als könnte er auch einen Schutzanzug gebrauchen. Er ist von morgens bis abends mit Aufräumen beschäftigt: weinende Menschen, gefährdete Existenzen, fragile Parteifinanzen. "Ich komme nicht zur Trauerarbeit", sagt er.
Die Kontakte zur engeren Parteiführung sind spärlich geworden. Die Hemmschwelle, jemanden anzurufen, ist hoch. Rainer Brüderle etwa oder Rösler. In deren Situation kann schon ein Anruf schmerzhaft sein, die Frage: "Wie geht es dir?"
Auf dem Parteitag vor neun Tagen übernahmen Rösler und Spitzenkandidat Brüderle in floskelhaften Sätzen die Verantwortung, um dann die Schuld auf andere zu schieben: auf Westerwelle, der die FDP zur Steuersenkungspartei verengt hatte, auf die Union, auf die Medien. Dann erklärte der neue Vorsitzende Christian Lindner die "Zeit der Trauerarbeit" für beendet.
Fricke fragt sich, warum es in der Politik so schwer ist, Fehler einzugestehen. Ob die Angst vor der unbarmherzigen Öffentlichkeit eigentlich berechtigt ist. Es gab einen Moment im Bundestag, an den sich Fricke erinnert: Im September 2003 gab der damalige Kanzler Gerhard Schröder in der Rentendebatte zu, dass er etwas falsch gemacht hatte. Einfach dieser Satz: "Das war ein Fehler."
Fricke ist sich nicht sicher, ob das der FDP geholfen hätte. Schwäche zu zeigen, sagt er, sei in unserer Gesellschaft immer weniger akzeptiert. "Wir sind eine Sicherheitsgesellschaft. Die Menschen wollen Politiker an der Spitze, die keine Fehler machen."
Man könnte auch sagen: Sie wollen Leute an der Spitze, die lieber nichts tun, als Fehler zu machen. Angela Merkel hat das verstanden.
Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Patrick Döring Versicherungsunternehmer ist. Sicherheit war wichtig im Leben des bisherigen Generalsekretärs der FDP. Jahrelang hat er sein Geld damit verdient, anderer Leute Haustiere gegen Schäden zu versichern. Nun ist für ihn selbst der Schadensfall eingetreten.
Auf den ersten Blick sieht man Döring sein Unglück nicht an, wie er Mitte November braungebrannt und rotwangig in seinem Generalsekretärszimmer sitzt. Gerade hat er mit dem Vorstand seiner Tierversicherung ein paar Tage auf Mallorca verbracht. Klausurtagung mit Golfen. Für Döring kam das Ende seiner politischen Karriere völlig überraschend. Er hatte in Niedersachsen Platz zwei auf der Landesliste, ein sicherer Listenplatz, wie er glaubte. Dass er nicht mehr dem Bundestag angehören könnte, lag bis zum Nachmittag des Wahlsonntags außerhalb seiner Vorstellungskraft.
Doch dann reagierte Döring schnell. Schneller als alle anderen kehrte er in seine Firma zurück, in den Vorstand der von ihm gegründeten Tierversicherung. Ganz schnell wollte er wieder diese Sicherheit haben: ein Büro, eine Sekretärin, eine Struktur. Irgendwo noch jemand sein. In der Politik ist er seit dem Parteitag nur noch Kreisschatzmeister der Region Hannover.
Am Anfang überwog die Scham. "Du denkst, du kannst nie wieder unter die Leute gehen", sagt er. Aber dann stellte er fest, dass die Leute auf der Straße ihn gar nicht persönlich für die Katastrophe verantwortlich machten. Jetzt freut er sich, wenn sie ihn noch erkennen.
Döring will irgendwie weitermachen, unbedingt. "Ich bin nach wie vor eines der bekanntesten Gesichter der FDP", versichert er. Es wäre ganz falsch, meint er, sich jetzt aus dem Gefühl der Niederlage zurückzuziehen, sich unsichtbar zu machen. Vor allem will er nicht Sündenbock sein. "Die Septembergefallenen", sagt er, "das wird nicht funktionieren."
Döring hält nichts von "Rückschau und Selbstgeißelungen". Aufarbeitung gibt es höchstens in Form von "Nach-Skat-Veranstaltungen", wie er das nennt: "Man fängt an herumzudenken, wo man etwas hätte anders machen sollen." Wäre es besser gewesen, wenn er nach dem dritten Stich noch einmal Herz gespielt hätte? Oder die Pik-Dame ausgespielt? Als seien die vier Regierungsjahre der FDP eine große Skat-Runde gewesen, die man mit einem anderen Ausspiel, einer clevereren Taktik hätte gewinnen können.
Döring redet, als sei erfolgreiche Politik eine Frage der Taktik. Manche in der FDP sehen das als Grund für die Katastrophe: Für Leute wie Döring hätten nicht Inhalte gezählt, sondern nur der nächste Spielzug. Aber Wähler merken, wenn die Taktik zum Selbstzweck wird und an die Stelle des Inhalts tritt. Die FDP war hohl geworden.
Am Abend wird Döring in Berlin auf einen großen Empfang gehen. Das ist nicht angenehm, die hämischen Blicke, die bohrenden Fragen. Aber das nimmt er in Kauf. "Da bin ich preußisch", sagt er. Er wird ihnen zeigen, dass es ihn noch gibt. "Ich bin nicht tot", sagt Döring.
Philipp Rösler bekommt Ende November die Ehrenmedaille des Deutschen Handwerks verliehen. Es ist einer der raren öffentlichen Auftritte des Ministers seit der Wahlniederlage. Aber außer zwei Fotografen interessiert sich niemand für diesen Termin.
Rösler ist der dritte Preisträger in der Geschichte der Verbands, einige Jahre nach Peter Ramsauer und Günter Verheugen. Gut zwei Dutzend Mitglieder der Arbeitsgruppe "Image" des Zentralverbands Handwerk sitzen um den Tisch. "Nicht ganz das Publikum, dass ich Ihnen gewünscht hätte", sagt Verbandspräsident Otto Kentzler zu Rösler.
Die Stimmung ist gedämpft. Man hatte sich das alles ganz anders vorgestellt, als man Ende August die Entscheidung zur Ehrung Röslers fällte. Kentzler hält tapfer eine kurze Laudatio. Er weiß nicht, wie er damit umgehen soll, dass der Minister eigentlich schon keiner mehr ist. Also tut er so, als sei nichts geschehen. Er weiß nicht, wie er der Scham begegnen soll, die in Röslers Gesicht steht.
Am Ende bedankt sich Rösler brav. Dann werden noch schnell ein paar Fotos gemacht. Zwei Männer lächeln gequält. Das Ganze dauert keine halbe Stunde.
In den Monaten seit der Bundestagswahl ist kaum jemand an Rösler herangekommen. "Er kapselt sich ab", sagen Vertraute. Von sich aus gehe er auf niemanden zu. "Er kommuniziert nicht", heißt es im Ministerium.
In drei Monaten hat der Parteivorsitzende der FDP nur ein einziges kurzes Interview gegeben. Dort sagt er, er wolle die Sache mit Anstand zu Ende bringen. Das hat er getan. Er hat Haltung bewahrt. Preußisch, wie Döring es nennen würde. Aber die Haltung hat ihren Preis: keine Trauer, kein Eingestehen von Fehlern, keine Absolution.
In seiner Abschiedsrede auf dem Parteitag bedauerte Rösler, dass er die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt habe. Wie ein Kind, das seine Eltern enttäuscht hat. Als sei der Parteivorsitz eine Schulaufgabe gewesen, die er nicht lösen konnte.
Niemand ist so unglücklich wie Rainer Brüderle. Völlig fertig sei er, sagen seine Parteifreunde. Bitter. Voller Rachegelüste gegen die Presse, der er die Schuld gibt an seinem Scheitern als Spitzenkandidat. Dem "Stern", dem er die Dirndl-Affäre verdankt und allen anderen, die ihm das Bild vom alternden Lüstling anhefteten, das er nie mehr loswurde.
Er hadert mit seinem Unfall, dem Sturz kurz vor Beginn des Wahlkampfs, der ihn auch äußerlich zum gebrochenen Mann machte. Mit der Brille und dem toten Winkel unten am Rand, dessentwegen er die letzte Stufe nicht sehen konnte, über die er stürzte und sich den Oberschenkel brach. Die Brille war schuld.
Für die anderen ist Brüderle der Name, den sie als Erstes nennen, wenn sie auf der Suche nach Schuldigen sind. "Er wollte einfach nicht erkennen, dass seine Zeit vorbei ist", sagt einer.
Im Restaurant an der Spanischen Treppe in Rom bleibt das Handy des geschäftsführenden Ministers Bahr zwei Stunden lang still. Niemand will ihn sprechen. Den geplanten Auftritt im Morgenmagazin zur Demenz-Konferenz in London hat das ZDF abgesagt. Auch die Tagesthemen wollten ihn nicht mehr schalten. Nur SMS gehen noch ein - mit den neuesten Gerüchten zur Kabinettsbildung in Berlin. Am Morgen hat die "FAZ" berichtet, Ursula von der Leyen werde Superministerin für Gesundheit und Soziales. Bahr überlegt sich gerade, wann er das Ministerium übergeben kann, als eine SMS das Gerücht schon wieder dementiert.
Bahr weiß nicht, ob dies jetzt das endgültige Aus für seine politische Karriere bedeutet. Lindner hatte ihm einen Platz im Präsidium angeboten, aber er lehnte ab. Mit einem neuen Job ließe sich das kaum vereinbaren. Und 2017? "Ich glaube eher nicht", sagt Bahr.
In der Partei halten ihn manche für die stille Reserve. Schließlich ist er frühzeitig von der glücklosen Parteiführung abgerückt. Er konzentrierte sich auf sein Ministerium, äußerte sich kaum zur FDP-Parteipolitik. Er wollte weg von dem Boy-Group-Image, ein seriöser Politiker sein. Er erarbeitete sich Anerkennung. Genützt hat es am Ende nicht.
Bahr erhebt sich. Vor dem Galadiner mit der italienischen Gesundheitsministerin will er noch schnell in den Laden mit Babykleidung. "Ich habe noch kein Geschenk für meine Tochter", sagt er. Als er den Laden verlässt, hat er eine rosa Tüte mit einem Kleidchen um den Arm.
Von Christiane Hoffmann

DER SPIEGEL 51/2013
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