16.12.2013

BILDUNG„Gefühltes Unbehagen“

Dieter Lenzen, 66, Erziehungswissenschaftler und Präsident der Universität Hamburg, über den Widerstand der Bildungsbürger gegen das G8-Gymnasium und den zweifelhaften Wert des Abiturs
SPIEGEL: Herr Lenzen, Sie haben sich vergangene Woche bei den Befürwortern der neunjährigen Gymnasialzeit unbeliebt gemacht: Initiativen gegen G8 wie in Hamburg, so äußerten Sie, gingen von den Eltern der Mittel- und Oberschicht aus, "die ihre Kinder nachmittags Tennis spielen lassen wollen". Warum dieser Angriff?
Lenzen: In Hamburg gibt es mit der Stadtteilschule eine Alternative, die in neun Jahren zum Abitur führt. Aber ich habe den Eindruck, dass bisweilen gerade bildungsnahe Familien den Kontakt zu anderen sozialen Schichten meiden. Sie wünschen ihren Kindern mehr Zeit, wollen aber mit der Hauptklientel der Stadtteilschule nichts zu tun haben. Mein Einwand reicht aber über Hamburg und die hiesige Volksinitiative hinaus: Wir sollten unsere große soziale Errungenschaft, das öffentliche Schulwesen, nicht dadurch in Gefahr bringen, dass wir zu sehr auf Partikularinteressen Rücksicht nehmen.
SPIEGEL: Gefährdet es das Schulwesen, wenn Eltern ihre Kinder am Nachmittag zum Tennis bringen?
Lenzen: Kinder sollten nachmittags Sport treiben oder Musik machen dürfen. Aber solche Angebote bereitzustellen ist international auch die Aufgabe der Ganztagsschule. G8 und die Ganztagsschule gehören zusammen, nur wurde bislang erst die eine Hälfte umgesetzt. In der Halbtagsschule sind Kinder aus sozial schwächeren Familien im Nachteil, weil sie oft von ihren Eltern nicht entsprechend gefördert werden können.
SPIEGEL: In Umfragen spricht sich stets eine große Mehrheit der Eltern dafür aus, zu G9 zurückzukehren. Liegen die Mütter und Väter falsch?
Lenzen: Natürlich hätte man die Lehrpläne entschlacken müssen. Ich kann deshalb nicht erkennen, dass die kürzere Schulzeit als solche über Gebühr belastet. Ich höre im Gegenteil aus vielen Familien, dass sie keine Probleme mit dem achtjährigen Gymnasium haben. Die Klage über Druck und Stress ist übrigens so alt wie die Schule selbst. Sie taucht dann verstärkt auf, wenn Reformen anstehen und diese Einzelinteressen berühren.
SPIEGEL: Soll die Politik gegen den Mehrheitswillen der Eltern am achtjährigen Gymnasium festhalten?
Lenzen: Schule funktioniert nicht ohne Eltern, Schule gegen Eltern schon gar nicht. Aber in der Schulpolitik ist die Neigung von Nichtexperten zu intervenieren erstaunlich groß. Kein Mensch käme auf die Idee, einen Blinddarm zu operieren, nur weil er selbst einen hat. Wer eine Schule besucht hat, ist noch kein Experte in Bildungsfragen. Ein gefühltes Unbehagen sollte nicht der Ausgangspunkt für Schulpolitik sein.
SPIEGEL: Nehmen die Landespolitiker, die das Abitur wieder nach neun Jahren anbieten, zu viel Rücksicht auf Eltern?
Lenzen: Die Angst bei vielen Politikern ist groß, wahltaktisch etwas falsch zu machen. Sie scheuen vor unbeliebten Wahrheiten zurück.
SPIEGEL: Vor welchen Wahrheiten?
Lenzen: Das Gymnasium ist zur Massenschule geworden, mit einer sehr vielfältigen Schülerschaft. Gleichzeitig tun wir so, also würde es jeden Schüler gezielt für die Universität vorbereiten wie 1965.
SPIEGEL: Die allgemeine Studierfähigkeit, so wie sie in Bildungsplänen und Schulgesetzen steht, ist eine Lüge?
Lenzen: Sie ist eine Fiktion. In der Schule steht ein Dutzend Fächer auf dem Stundenplan, die Universität bietet Hunderte Studiengänge an, auf die kann die Schule gar nicht passgenau vorbereiten.
SPIEGEL: Was sollte dann die Aufgabe des Gymnasiums sein?
Lenzen: Das Gymnasium sollte elementare Fähigkeiten vermitteln. Etwa Texte formulieren können. Oder breitere Mathematikkenntnisse, ohne die kommt heutzutage zum Beispiel kein Betriebswirt aus.
SPIEGEL: Beherrschen Ihre Studenten solche Fähigkeiten nicht?
Lenzen: Ich will hier überhaupt kein Gymnasiums- oder Studentenbashing betreiben. Wenn ich aber sehe, dass Studienanfänger das Mittelalter ins 19. Jahrhundert verorten, dann ist die Studienvorbereitung unzureichend. Außerdem alarmieren mich die hohen Abbrecherquoten. Rund ein Viertel aller Studienanfänger steigt schon im ersten oder zweiten Semester wieder aus oder um.
SPIEGEL: Wer ist schuld daran?
Lenzen: Ich sehe das eher als Aufgabe. Die Universitäten müssen selbst verstärkt dafür sorgen, dass ihre Studenten studierfähig sind. Wir bieten ja bereits solche Kurse an: etwa Mathematik für BWLer, wissenschaftliches Schreiben oder Computerkenntnisse. Solche Elemente müssen die Universitäten ausbauen.
SPIEGEL: Wie soll das funktionieren?
Lenzen: Ich bin dafür, das Bachelor-Studium auf vier Jahre auszudehnen, mit Elementen der Allgemeinbildung zu Beginn. Im Master-Studium kommt dann die wissenschaftliche Spezialisierung.
SPIEGEL: Wenn nun immer mehr Schüler aufs Gymnasium gehen und das Studium leichter wird, wo bleibt dann die Auswahl nach Leistung?
Lenzen: Die Defizite sollten nicht zu einer Negativselektion führen. Um die Guten mache ich mir keine Sorgen, weder in der Schule noch an der Universität. Sie suchen sich ihr geistiges Futter. Wichtig ist ebenso, Leistungsdefizite auszugleichen.
SPIEGEL: Die Abiturientenquote steigt und steigt: Produziert Deutschland zu viele Akademiker?
Lenzen: Wenn die Hälfte eines Jahrgangs Abitur macht, dann sind wir wohl an einer Grenze angelangt. Wir brauchen ebenso guten Nachwuchs für das duale Ausbildungssystem in Industrie und Handwerk. Denn das duale System ist eine besondere Stärke unseres Landes.
Interview: Jan Friedmann
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 51/2013
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