16.12.2013

STUTTGART 21Der harte Kern

Noch immer protestieren jede Woche Hunderte Menschen gegen die Tieferlegung des Hauptbahnhofs. Nach den jüngsten Enthüllungen fühlen sie sich in ihrer Unnachgiebigkeit bestätigt.
Wer glaubt, dass Überzeugung nichts kostet, der kennt Dagmar S. nicht. 71 Euro gibt sie pro Woche für ein ruhiges Gewissen aus. So viel zahlt sie für ihr Zugticket zweiter Klasse von Bonn nach Stuttgart und retour. Die 72-Jährige ist Besitzerin einer BahnCard und - das ist aus ihrer Sicht kein Gegensatz - vehemente Stuttgart-21-Gegnerin.
Jeden Montag reist die Pensionärin die rund 350 Kilometer in ihre alte Heimat, um auf der sogenannten Montagsdemo gegen die Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs zu protestieren. "Das bin ich den kommenden Generationen schuldig", sagt die Frau, die in zwei Kirchenchören singt und auch ansonsten keinen Mangel an Hobbys oder Freunden hat.
Seit drei Jahren ist Dagmar S. eines der vielen Gesichter der schwäbischen Wut- und Mutbürger-Bewegung, auf die im Sommer 2010 die ganze Nation blickte. Ein adrett geschminktes, lächelndes Gesicht, eingerahmt von einem selbstgestrickten Stirnband.
Rund 1500 Leute demonstrieren noch immer jeden Montag vor dem Hauptbahnhof gegen das umstrittene, wohl mehr als sechs Milliarden Euro teure Projekt, mit Trommeln und Trillerpfeifen. Wenn neue Bauabschnitte anstehen oder wie Anfang Dezember, als die 200. Montagsdemonstration stattfand, schwillt der Tross auf bis zu 3000 Mitstreiter an. Sie bilden in der schwäbischen Metropole eine Minderheit. Aber eine laute, zähe, selbstbewusste.
Und eine, die immer wieder neue Gründe findet, nicht nachzulassen. Vorige Woche zum Beispiel hatten Dagmar S. und ihre Gesinnungsgleichen ihren Lieblingsfeind am Wickel: Stefan Mappus, den ehemaligen Ministerpräsidenten, in dessen Verantwortung die rabiate Räumung des Schlossgartens im September 2010 fiel. 130 Demonstranten waren bei dem Polizeieinsatz verletzt worden, manche schwer.
Nun sind wieder neue E-Mails aufgetaucht, und damit neue Fragen. Mussten die Bäume so dringend abgeholzt werden, damit sich der Ex-Landeschef bei seiner anstehenden Regierungserklärung als starker Mann präsentieren konnte? Wurden die Akten zum Wasserwerfereinsatz im Staatsministerium erst "frisiert", bevor sie dem Landtag zugeleitet wurden? "Da sieht man doch, wie wichtig es ist, dass wir keine Ruhe geben", sagt Lothar Gmür, ein früherer Elektrotechniker und S-21-Gegner, "wir müssen einfach dranbleiben."
Die Demo-Touristen, die Jugendlichen mit Punker-Frisur, die Spinner und die Familien mit grünen Kopfbahnhof-21-Luftballons am Kinderwagen - sie alle sind längt von der Bildfläche verschwunden. Geblieben ist ein harter Kern von mehrheitlich grauhaarigen Bürgern.
Sie sorgen etwa dafür, dass die Mahnwache am Bahnhof seit mehr als 1200 Tagen mit mindestens zwei Personen besetzt ist, 24 Stunden pro Tag. Lothar Gmür mit dem dichtem Bart ist einer von den Unentwegten. Er klatscht in die Hände, gegen die Kälte und die Müdigkeit. Es ist ein dunkler Morgen in Stuttgart-Mitte, in der Ferne strahlt der Mercedes-Stern vom Bahnhofsturm. Um 6.30 Uhr treffen sich jeden Dienstag die Frühaufsteher zum "Blockade-Frühstück" gegen Stuttgart 21. Mit Gmür frieren und protestieren an diesem Morgen fast 30 Menschen an einer Zufahrtsstraße zur Baustelle, sie haben selbstgebastelte Banner dabei. Immer wenn ein Laster oder Baufahrzeug um die Ecke biegt, buht die Truppe los.
"Ich war früher für den Bahnhof, aber dann habe ich mich informiert", erzählt Gmür, das Projekt sei "ein großes Übel". Am meisten kränkt ihn der Vorwurf, er sei als S-21-Gegner ein Fortschrittsverweigerer: "Ich habe doch nicht generell etwas gegen einen neuen, besseren Bahnhof, aber Stuttgart 21 ist ein Rückbau der Gleise und Kapazitäten." Er ist in der katholischen Gemeinde engagiert, aber nicht nur die Politik, auch die Kirche hat ihn im Streit um das Milliardenprojekt enttäuscht. "Feige" nennt er das Schweigen der Amtsträger.
Werte wie Nächstenliebe lebt Lothar Gmür daher jetzt in der Protestgemeinde aus. Er und seine Frau beherbergen seit einigen Monaten eine Dame, die von weit her zu den Demos anreist. Bis zur Rodung des Mittleren Schlossgartens schlief die Aktivistin im Park, für ein Hotelzimmer reicht ihre Rente nicht. "Sie übernachtet jetzt jeden Montag bei uns, in einem der alten Kinderzimmer", erzählt Gmür, dessen drei erwachsene Söhne längst aus dem Haus sind. "Wir Aufrichtigen müssen zusammenhalten."
Über den andauernden Aufstand mögen Menschen außerhalb der Stadtgrenze den Kopf schütteln. Doch die Demonstranten im Stuttgarter Kessel fühlen sich weiterhin auf einer Mission. Sie haben ja auch einiges erreicht: Sie haben einen Ministerpräsidenten aus dem Amt gejagt, den Machtverlust der CDU-Regierung nach fast 60 Jahren befördert und einen Grünen auf den Sessel des Oberbürgermeisters gewählt - daraus ziehen sie Kraft und Hoffnung, allen verlorenen Volksabstimmungen und gescheiterten Klagen zum Trotz.
Vorigen Dienstag haben Grüne und SPD einen neuen Untersuchungsausschuss beschlossen; es ist der zweite in der Causa Stuttgart 21. Er soll klären, ob dem ersten Ausschuss wichtige Unterlagen vorenthalten wurden und ob die damaligen Zeugenaussagen wirklich der Wahrheit entsprachen. "Da gibt es ja noch viele Fragezeichen", meint Lothar Gmür, der schon die Kommunalwahl im Frühjahr 2014 im Blick hat. "Es geschehen ja tagtäglich Dinge auf dieser Baustelle, bei denen wir nicht wirklich dahinterblicken. Da fühlt man sich als Bürger oft nicht ernst genommen."
Zwischen Gefühlen von Macht und Ohnmacht schwanken auch die Besucher im Sitzungssaal I des Stuttgarter Amtsgerichts. Einige haben Vesperbrote dabei und tragen "Oben bleiben"-Buttons, das Motto der Gegner der Bahnhofsuntertunnelung. Manche sind direkt vom Blockade-Frühstück hierhergekommen und lassen dafür das Gruppentreffen der "Senioren gegen Stuttgart 21" sausen, das gleichzeitig stattfindet.
Angeklagt sind an diesem Dienstagvormittag fünf Demonstranten, die Ende Februar 2012 eine Sitzblockade vor der Zufahrt zum "Grundwassermanagement" abgehalten haben. Die Blockierer - der älteste ist 1938, der jüngste 1960 geboren - ließen sich damals widerstandslos von der Polizei wegtragen. Jetzt müssen sie sich wegen "gemeinschaftlicher Nötigung" vor Gericht verantworten.
Einer der Unterstützer steht auf und richtet das Wort an die Mitstreiter auf der Anklagebank: "Wir möchten uns ganz herzlich bei euch bedanken, dass ihr auch für uns hier vorn sitzt. Die wahren Angeklagten, Herr Grube, Herr Schuster und Herr Mappus, sind leider heute nicht anwesend. Aber sie werden ihre gerechte Strafe auch noch erhalten." Lachen und Klatschen, dann betritt die Richterin den Raum.
Zu den Angeklagten gehört Lore Bernecker-Boley, eine Dame mit feiner Goldrandbrille und Seidenschal. Sie habe schon in den achtziger Jahren gegen die Stationierung der "Pershing"-Raketen und gegen Atomtests demonstriert, trägt sie im Gerichtssaal vor. "Inzwischen hat uns die Geschichte recht gegeben - ich bin sicher, dass auch der tausendfache Protest gegen den Bahnhof irgendwann erfolgreich sein wird."
Sie plädiert dafür, die "Tatmotive" beim Urteil gegen sie zu berücksichtigen. "Es kann nicht verwerflich sein, gegen ein illegales Projekt zu demonstrieren", sagt sie, "die Bahn pumpt derzeit, ohne Legitimation, doppelt so viel Grundwasser ab wie ursprünglich genehmigt." Bernecker-Boley hält es daher für ihre "staatsbürgerliche Pflicht" zu demonstrieren.
Von der Zuschauerbank gibt es Zwischenapplaus; ihr Verfahren wird gegen eine Geldauflage von 100 Euro eingestellt.
Bernecker-Boley unterstützt auch die beiden neuen Bürgerbegehren, für die Stuttgart-21-Gegner derzeit auf Stimmenfang gehen. "Storno 21 - BürgerBegehren gegen BahnBetrug" zielt auf den Ausstieg der Stadt aus den Finanzierungsverträgen. "Leistungsrückbau S21" stützt sich auf Gutachten zu den angeblich wahren Kapazitäten des zukünftigen Tiefbahnhofs. Damit beide Begehren in den Stuttgarter Gemeinderat eingebracht werden können, müssen jeweils mindestens 20 000 Unterschriften gesammelt werden. Die Initiatoren rechnen damit, im Januar die Listen gefüllt zu haben.
Dass der Gemeinderat die beiden Begehren einfach umsetzen wird, glaubt keiner auf der Montagsdemo. Die Protestler setzten vielmehr auf eine Doppelstrategie, erklärt Joris Schoeller, Unternehmensberater und Vertrauensmann für eines der Begehren. "Im Fall einer Ablehnung durch den Gemeinderat wollen wir vor dem Verwaltungsgericht klagen", sagt er. So könnte das Gericht die Stadt zwingen, "sich mit den Vertragsbedingungen zu beschäftigen und wenigstens eine Vertragsanpassung zu Lasten der Bahn vorzunehmen".
Schoeller trägt Anzug und Mantel, er zählt zu den Pionieren der Bewegung. Im Sommer 2010 besetzte er mit anderen den Nordflügel, wenige Wochen später wurden ihm beim Einsatz im Schlossgarten zwei Rippen gebrochen.
Über alle, die aufgegeben haben, will er nichts Schlechtes sagen: "Ich verstehe ja diejenigen, die nach der Volksabstimmung ihren Kampfgeist verloren haben, auch weil wir einen grünen Ministerpräsidenten haben, der sagt: Es zählt die Mehrheit und nicht die Wahrheit." Aber für ihn kommt das nicht in Frage, natürlich nicht. Im vergangenen März fiel Joris Schoellers 50. Geburtstag auf einen Montag. Er hat ihn auf der Demo neben der Bahnhofsbaustelle gefeiert.
Von Simone Salden

DER SPIEGEL 51/2013
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