16.12.2013

BUNDESWEHRMein Kamerad, der Feind

In einer Thüringer Kaserne soll ein junger Soldat wochenlang tyrannisiert worden sein. Wollte die Truppe den Fall unter der Decke halten?
Schwer zu sagen, wie sich der Gefreite D. den Feind vorstellte, als er vor ein paar Monaten zur Bundeswehr ging. Vielleicht dachte er an die Taliban in Afghanistan, einen Feind, gegen den auch das Panzergrenadierbataillon 391 schon gekämpft hatte, seine spätere Einheit. Oder an die Natur, wenn sie zum Feind wird: Auch bei der Elbe-Flut waren die 391er ausgerückt, zum Katastrophenschutz. Aber ansonsten, welche Feinde?
Heute weiß D., wie der Feind aussieht, er hat ihn gefunden. Nicht in Afghanistan und nicht an der Elbe, sondern unter den eigenen Kameraden. In Thüringen, in der Werratal-Kaserne Bad Salzungen.
Wochenlang hat der 19-jährige Soldat offenbar Schikanen und Schindereien über sich ergehen lassen müssen, wurde geschlagen, gedemütigt, fertiggemacht. Bis er nicht mehr konnte und die Quälerei nach oben meldete. Inzwischen wird der Fall in der Bundeswehr als "Besonderes Vorkommnis" eingestuft und hat damit die höchste Ebene erreicht: das Verteidigungsministerium und im Bundestag den Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus.
Der will sich wegen der laufenden Ermittlungen nicht zum Fall äußern, stellt aber klar, dass "jeder einzelne Misshandlungsfall einer zu viel" sei und umfassend untersucht werden müsse. Bundeswehrsprecher Torsten Stephan sagte, man nehme den Fall sehr ernst: "Die Bundeswehr duldet keine Form von Mobbing oder körperlichen Übergriffen." Wie ernst, zeigte sich am Freitag: Das Verteidigungsministerium, aufgeschreckt vom SPIEGEL, ergriff die Flucht nach vorn und gab hastig eine Pressemitteilung heraus: Gegen drei Soldaten werde dienstlich ermittelt.
Zwei mutmaßliche Täter sind zurzeit offiziell krankgeschrieben, ihr direkter Vorgesetzter ist im Urlaub; in der Einheit wird das als Vorgriff auf ein mögliches Ausscheiden gesehen. Am vergangenen Donnerstag schaltete das Bataillon auch die zuständige Staatsanwaltschaft in Meiningen ein, wegen des Verdachts auf "Misshandlung eines Kameraden". Die Behörde soll den Fall aufklären.
Erklären aber muss ihn das Militär schon selbst: Vor allem, wie sich die augenscheinliche Tour der Leiden so lange hinziehen konnte, ohne dass höhere Ränge der Einheit davon etwas mitbekommen haben sollen. Und zu den offenen Fragen gehört auch, warum die Bundeswehr zehn Tage brauchte, um die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Immerhin geht es um den Verdacht auf vorsätzliche Körperverletzung.
Nach der Grundausbildung war der Soldat D. nach Bad Salzungen versetzt worden, ein kleiner schmächtiger Junge, "Typ Abiturient", wie einer seiner Kameraden erzählt. D. gefiel es beim Bund, er wollte Offizier werden. Erst mal kam das Greenhorn aber als einfacher Gefreiter zur 5. Kompanie, in den "VU-Trupp". Die Versorgungsgruppe hatte ihr Dienstzimmer ganz in der Nähe der Kompanieführung und war für alles zuständig, was mit der Ausrüstung der Einheit zu tun hatte.
Beim VU-Trupp traf D. auf drei ältere Kameraden: einen Stabsunteroffizier, der den Trupp führte, und zwei Oberstabsgefreite, Mannschaftssoldaten wie D., die sich schon auf Jahre verpflichtet hatten. Wie sich schnell zeigte, konnten die drei Ostdeutschen den Neuen aus dem Westen nicht leiden. Die Konstellation: drei gegen einen, Ost gegen West, Revierpinkler gegen Schlaumeier. Auf der einen Seite die zwei Oberstabsgefreiten, die ihre Wut auslebten, und ihr Vorgesetzter, der sie gewähren ließ. Auf der anderen Seite ein leichtes Opfer. "Die Oberstabsgefreiten wollten wohl ihre Grenzen austesten", heißt es in der Bundeswehrspitze.
Die Tortur des Soldaten D. soll Ende Oktober mit Pöbeleien begonnen haben. Er sei ein "Nichtsnutz", ein "totaler Versager". Einmal bemalten ihm die Zeitsoldaten angeblich das Gesicht mit Filzstiften. Dann sollen sie sein Barett zerschnitten haben.
Am schlimmsten erwischte es den Wessi, wenn er etwas falsch gemacht hatte. So berichten Kameraden, dass D. tagelang mit einer schusssicheren 15-Kilo-Schutzweste durch die Kaserne laufen musste; er hatte bei der Ausgabe solcher Westen eine zu wenig vermerkt. Schwer vorstellbar, dass der Gefreite mit der Weste keinem Vorgesetzten außerhalb des VU-Trupps aufgefallen sein soll.
Das hätten sie aber doch alles nicht böse gemeint, sondern nur lustig gefunden, verteidigten sich seine Peiniger, als sie jetzt befragt wurden. Auch Schläge und Kopfnüsse - angeblich nur ein Jux. Oder dass sie D. im Schwitzkasten über den Flur geschleift haben sollen. Eines Tages sollte der Gefreite zu Fuß eine Kiste in der Kaserne ausliefern, fast so schwer wie er selbst. In der Kiste waren alte Metallteile, auf die keiner wartete; es ging nur darum, dass D. sich damit abschleppte. Weitere Punkte auf der langen Liste der vorgeworfenen Schikanen: Fesseln mit Panzerklebeband, Beschießen mit Tackernadeln, ein Schlag mit der Feldmütze ins Gesicht und, besonders ekelig: das sogenannte Anpimmeln. Die Mobber legten ihren Penis auf Nahrungsmittel und filmten sich dabei. Nachdem der Gefreite diese Verpflegung gegessen hatte, spielten sie ihm die Szenen vor.
Im November setzten die Oberstabsgefreiten ihm angeblich einen harten braunen Brocken vor, Kaffeesatz aus einer Espressomaschine. Den, so heißt es, musste D. dann essen. Einem Kameraden zufolge wurde auch davon ein Video gemacht, das der Stabsunteroffizier des VU-Trupps bei Unteroffizieren herumgezeigt haben soll. Auch das spräche dafür, dass der Kameraden-Terror vielen bekannt war. Wem genau, so Bundeswehrsprecher Stephan, soll nun auch geklärt werden.
Irgendwann muss es D. gereicht haben, er wollte sich wehren. Seine Quäler mögen es für eine Geste des Kuschens gehalten haben, als er ihnen Kaffee servierte. Später zeigte D. ihnen Aufnahmen, wie er ihre Tassen vorher saubergemacht hatte: mit einer Klobürste. Das brachte die Oberstabsgefreiten offenbar völlig in Rage. Sie sollen den Frischling auf den Boden geworfen und auf ihn eingetreten haben. Mit blauen Flecken und Schwellungen suchte der Gefreite in der ersten Dezemberwoche endlich Hilfe bei einem Vorgesetzten, dem er vertraute. Weinend erzählte er seine Version der Geschehnisse. So kam die Sache ins Rollen.
Der Chef des Bataillons, Oberstleutnant Uwe Büscher, sieht keine Fehler bei der Aufklärung, im Gegenteil: "Wir haben sofort umfangreiche Untersuchungen in die Wege geleitet." Allerdings schaltete die Einheit nicht nur den Staatsanwalt, sondern auch den Wehrdisziplinaranwalt erst am vergangenen Donnerstag ein, nach der Anfrage des SPIEGEL. In einem internen Meldeformular an das Ministerium heißt es außerdem, der Gefreite habe sich erst am 4. Dezember offenbart. Zu SPIEGEL-Informationen, wonach dies schon am 2. Dezember geschehen sein soll, wollte das Ministerium keine Stellung mehr nehmen.
Kurz nach der Meldung des Gefreiten hatte Kommandeur Büscher Offiziere und Unteroffiziere in einen Lehrsaal beordert. Dort habe er befohlen, dass keiner etwas nach außen dringen lassen dürfe, damit nicht die Medien vor dem Kasernentor stünden. Büscher sagt dazu, es sei nur darum gegangen, einen "einheitlichen Informationsstand" herzustellen. Damit keine Spekulationen aufkämen.
Der Gefreite D. ist fürs Erste im Urlaub. Den hat er wohl auch nötig, nach seinem Feindkontakt an der Heimatfront.
Von Jürgen Dahlkamp, Matthias Gebauer, Hubert Gude und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 51/2013
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