16.12.2013

HELDENDas satanische Foto

Die Ägypterin Aliaa Mahdi wurde zu einer Ikone des Arabischen Frühlings, nachdem sie ein Nacktbild von sich ins Internet gestellt hatte. Dann flüchtete sie vor Salafisten. In Schweden versteckt sie sich. Wem hat ihre Tat genützt?
Wenn diese Geschichte erscheint, wird Aliaa Mahdi ihre Spuren vernichtet haben und an einem uns unbekannten Ort leben. Sie wird weiter fliehen und den Tag fürchten, an dem einer der Männer aus ihrer Heimat sie aufspüren und vor ihr stehen wird, um sie zu holen.
Die Ägypterin Aliaa Magda al-Mahdi, 22 Jahre alt, ist seit zwei Jahren eine Gejagte, weil sie ein Foto von sich mit dem Selbstauslöser ihrer Digitalkamera aufnahm und ins Internet stellte. Sie trägt auf diesem Foto nur Strümpfe und Schuhe.
Das Foto machte Aliaa zu einer Ikone des Arabischen Frühlings. Millionen Menschen sahen das Bild in den ersten Tagen nach seiner Veröffentlichung. Schon damals war nicht klar, ob die Betrachter an der Botschaft interessiert waren oder an nackter Haut, aber ein paar Wochen lang war Aliaa ein Star. Sie gab dem Fernsehsender CNN ein Interview. Dann bekam sie Morddrohungen, flüchtete aus ihrem Land und versteckte sich.
Manche Menschen sagen, Aliaa habe die Gesetze des Islam verspottet, sie sei eine Schande für Ägypten, eine Hure. Muslime aus der ganzen Welt schickten ihr Morddrohungen. Ein radikaler Muslim versuchte zu erreichen, dass ihr die ägyptische Staatsbürgerschaft entzogen wird. Für viele andere Menschen ist Aliaa seitdem eine Heldin.
Ihre Geschichte wirft Fragen auf: War das Foto Protest oder Therapie? Ist sie eine Heldin oder naiv? Aliaa hat geschwiegen. Nun gibt sie die Antwort, die der Schlüssel zu vielen Fragen sein könnte. Die Antwort auf die Frage: Wer ist Aliaa Mahdi?
Aliaa lebte zuletzt in einem schwedischen Dorf, das man nach einer einstündigen Fahrt durch einen Nadelwald erreicht. Es ist ein Ort, an dem Fremde sich selten aufhalten. Es war schwer, Aliaa zu kontaktieren, viele Menschen haben versucht, ihr E-Mails oder Nachrichten auf Facebook zu schreiben. Aliaa ignoriert Nachrichten von Fremden, weil die meisten Fremden sie beschimpfen.
Aliaa hat sich als Treffpunkt ein Café ausgesucht. Sie setzt sich mit dem Rücken zum Fenster und bestellt einen Erdbeersaft. Sie schaut einem nicht gern in die Augen.
Aliaa wuchs in Kairo auf, sagt sie, in Heliopolis, einem Stadtteil der Oberschicht. Sie vermisse, wenn sie heute daran denke, den Geruch der Sonne auf den Straßen, die Katzen, die über Müll klettern, und das ägyptische Gericht Kuschari, eine Mischung aus Makkaroni, Reis und Linsen, das ihre Mutter für sie kochte. Ihre Eltern, sagt sie, seien nicht streng religiös und gingen nicht in die Moschee. Sie sind Cousin und Cousine, die Mutter ist Buchhalterin, der Vater Offizier in der ägyptischen Armee. Er habe sie, Aliaa, geschlagen, seit sie sich erinnern könne.
Manchmal, so berichtet sie, schlug er sie, weil sie widersprach oder weil sie ihre Haare offen trug, manchmal einfach so. Ihre Mutter stand daneben und sagte: "Schlag sie, aber verletze sie nicht." Einmal kam Aliaa von der Schule nach Hause, und der Vater sagte zu ihr, dass sie widerlich sei, weil sie so klein sei. Einmal zertrümmerte er mit der Faust ihre Brille. So jedenfalls erzählt sie es. Ihre Eltern reden nicht mit der Presse.
Aliaa ging auf eine Privatschule, und nach dem Unterricht sperrten die Eltern sie zu Hause ein. Sie durfte nicht raus, weil sie draußen ihre Jungfräulichkeit hätte verlieren können. Sie wurde gehalten wie ein kostbares Kalb, das eines Tages an den Meistbietenden versteigert werden würde.
Sie bittet um einen Notizblock. "Ich weiß nicht, wie man das auf Englisch sagt", sagt sie. Sie zeichnet einen Stab mit einer Spitze daran, eine Waffe, die aussieht wie ein Speer. "Damit schlug er mich."
Ihre Eltern erklärten ihr, dass eine anständige Frau nicht für Fotos posieren dürfe, keine Blumen im Haar trage, nicht breitbeinig stehe, nicht die Haut ihrer Beine zeige, keine enge Kleidung und keinen Lippenstift trage.
Mit 13 Jahren entschied Aliaa, dass es keinen Gott geben könne. Sie lernte zu lügen und ihren Stundenplan zu fälschen, um sich ein paar Momente von Freiheit zu verschaffen. Sie sagt, es sei leicht gewesen, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren.
Nach der Schule bekam Aliaa einen Studienplatz im Fach Kunst an der American University in Cairo. Die Eltern holten sie jeden Tag vom Campus ab. Die Mutter wollte kontrollieren, ob ihre Tochter noch ein Jungfernhäutchen habe. Aliaa nahm daraufhin ein Küchenmesser in die Hand und sagte, dass sie ausziehen werde. Der Vater tauschte die Schlösser der Türen aus, um sie einzusperren.
Aliaa sagt, sie habe zu Hause nicht atmen können. Es war, als gelangte kein Sauerstoff in ihre Lunge.
Einmal, als sie allein war, stellte sie einen Fotoapparat auf einen Stapel in ihrem Kinderzimmer, malte ihre Lippen blassrot und zog sich aus. Sie schlüpfte in ein paar halterlose Strümpfe und steckte sich eine Blume ins Haar. Sie machte Fotos in verschiedenen Posen. Sie habe die Fotos für sich selbst gemacht, sagt sie heute, als eine Form des stillen Protests gegen ihre Eltern. Dann vergaß sie die Fotos.
Ein paar Wochen später ging Aliaa während des Unterrichts aus der Vorlesung. Sie trug einen Rucksack, in den sie morgens einige Kleidungsstücke gepackt hatte, und nahm einen Bus in die Innenstadt von Kairo. Sie ging am Ufer des Nils entlang und atmete tief ein. Sie wusste, dass sie nie wieder zu ihren Eltern zurückkehren würde. Sie hatte bewiesen, dass sie sich nicht würde halten lassen wie ein Tier. Sie wohnte bei einer Freundin, dann zog sie mit einem Mann zusammen. Sie war 19 Jahre alt und fühlte sich frei.
Es war das Jahr 2011, in Ägypten erhoben sich die Menschen und rebellierten gegen den Diktator. Aliaa ging ein paarmal auf den Tahrir-Platz. Sie erlebte ihre persönliche Befreiung parallel zur Befreiung ihre Landes, und es muss sich für sie angefühlt haben, als habe das eine mit dem anderen viel zu tun. Darin liegt die Keimzelle ihres Unglücks.
Im Oktober 2011 lud sie Fotos von ihrer Digitalkamera auf ihren Laptop. Sie fand die Nacktfotos, die sie von sich gemacht hatte, und suchte das schönste Bild aus. Sie wusste, dass Nacktheit ein Tabu für manche Menschen in ihrem Land ist. Aliaa lud das Bild bei Facebook hoch.
Jeder Nutzer von Facebook klickt beim Eröffnen seines Kontos an, dass er eine "Erklärung der Rechte und Pflichten" akzeptiert. Unter dem Abschnitt "Sicherheit" steht: "Du wirst keine Inhalte posten, die Hassreden enthalten, bedrohlich oder pornografisch sind, zu Gewalt auffordern oder Nacktheit sowie Gewalt enthalten."
Facebook wurde in den USA erfunden, und es verbietet Fotos wie das von Aliaa. Offenbar ist Nacktheit auch im Westen an manchen Orten ein Tabu. Hier zeigte sich zum ersten Mal, dass die Welt komplexer ist, als Aliaa sich das wünschte.
Die Administratoren von Facebook löschten das Foto, ein paar Stunden nachdem Aliaa es hochgeladen hatte. Aliaa aber wollte sich nie wieder irgendetwas verbieten lassen, also stellte sie das Bild in ihr Blog, so dass es jeder sehen konnte. www.arebelsdiary.blogspot.com.
Kriege und Revolutionen wie in Ägypten verlangen nach Symbolen: Fotos wie das des fallenden Kämpfers aus dem Spanischen Bürgerkrieg, das des vietnamesischen Mädchens auf der Flucht vor der Napalmbombe oder das Foto des Jungen aus dem Warschauer Ghetto, der seine Arme hebt. Solche Fotos vereinfachen die Welt. Sie reduzieren Politik auf Gefühle: Angst, Entsetzen, Hoffnung.
Aber wer weiß schon den Namen des vietnamesischen Mädchens? Den Ikonen ist gemeinsam, dass sie größer sind als das Schicksal eines Einzelnen. Und sie haben noch etwas gemeinsam: Sie zeigen Opfer.
Aliaas Foto wirkte wie ein Gegenbeweis. Sie war kein Opfer. Sie unterschied sich auch von dem vietnamesischen Mädchen oder dem fallenden Soldaten, weil sie ihr Foto selbst aufgenommen und veröffentlicht hatte. Aliaa erlebte, wie das Foto immer größer wurde.
Anhänger der ägyptischen Revolution, die Liberalen und die Strenggläubigen distanzierten sich von dem Bild. Es war der persönliche Protest einer jungen Kunststudentin gegen die Misshandlung durch ihre Eltern. Jedes Detail, die Blume, die Pose, die Strümpfe, bezieht sich auf eine Regel, die ihre Eltern aufgestellt hatten. Wer das nicht wusste, und es wusste kaum jemand, las in dem Foto seine eigene Botschaft. Das Bild erlaubt Mehrdeutigkeit, darin liegt seine Kraft. Zur Ikone wurde das Foto erst, weil der Westen es dazu machte.
Es erschien in Zeitungen aus der Schweiz, Italien, Belgien, Dänemark; in Deutschland in der "Zeit" und im SPIEGEL. Es passte zur Vorstellung, die sich viele Europäer anfangs von der Revolution in Ägypten machten. Sie nannten es Arabischer Frühling und dachten, in Nordafrika laufe etwas Ähnliches ab wie die Französische Revolution. Sie hofften, wenn die Proteste vorüber wären, würden die Leute aufgeklärter sein, Demokratien aufbauen, und die Frauen würden zu einer selbstbewussteren Rolle finden.
Aliaa gefiel die Aufmerksamkeit, sagt sie, aber auf Facebook erhielt sie Nachrichten, in denen Männer ankündigten, sie zu töten. Die Drohungen waren Aliaa unheimlich, aber es war irgendwie auch eine aufregende Zeit. Sie ahnte nicht, was es zu bedeuten hatte, dass wenige Wochen nach der Veröffentlichung ihre Katze verschwand.
Ein Mann rief sie an und sagte, er habe die Katze gefunden. Sie besuchte ihn allein, der Mann wartete auf sie mit einem Freund. Er schloss die Wohnungstür ab. Der Mann versuchte, Aliaa die Hose von den Beinen zu reißen, und sagte, sie habe das verdient, weil sie ein Nacktfoto gepostet habe. Als Aliaa nicht aufhörte, sich zu wehren, stahlen die Männer ihre Geldbörse und ihr Handy und ließen sie am Morgen danach frei.
Nach dieser Nacht ahnte Aliaa, dass das Foto ihr Leben zerstören könnte, wenn sie in Ägypten bliebe. Zehn Tage später stieg sie in Kairo in ein Flugzeug und flüchtete nach Schweden. Das war im März des Jahres 2012.
Aliaa war zur Gefahr geworden, weil sie andere Frauen dazu aufforderte, ihr nachzueifern. Im Interview mit CNN sagte sie: "Ich bin nicht zufrieden, bis wir eine soziale Revolution haben."
Die Rolle der Frau ist der schicksalhafte Streitpunkt zwischen Muslimen und dem Rest der Welt. Im Leben der Frauen findet ein Kulturkampf seinen symbolischen Schauplatz.
Manch strenggläubige Muslime fürchten sich davor, dass ihre Frauen so werden wie die US-amerikanische Sängerin Miley Cyrus. Und Menschen in Europa und den USA schauen besorgt nach Ägypten, weil sie glauben, sie müssten die verschleierte Frau aus den Fängen des Kamelreiters retten.
Es ist leicht, sich zum moralischen Lehrmeister aufzuschwingen, wenn man im Westen über Frauenrechte in Ägypten spricht. Es wäre gut, sich daran zu erinnern, dass in Deutschland per Gesetz eine Ehefrau noch bis 1958 nicht ohne Zustimmung ihres Ehemannes ein eigenes Bankkonto eröffnen konnte. Es ist weniger als hundert Jahre her, dass Frauen in Deutschland nicht wählen durften. In der Bundeswehr dürfen Frauen erst seit dem Jahr 2001 in Kampftruppen dienen.
Der Streit zwischen den Kulturen wird mit grobgeschnitzten Keulen ausgetragen. Es geht um Kopftücher in deutschen Klassenzimmern, Burkas in Frankreich, High Heels in Afghanistan, Autofahren in Saudi-Arabien. In Pakistan schossen Taliban der Schülerin Malala in den Kopf, weil die sich dafür eingesetzt hatte, dass Mädchen zur Schule gehen dürfen. Die Niederländerin Ayaan Hirsi Ali lebt unter Polizeischutz, weil sie in einem Kurzfilm die Gewalt gegen Frauen durch muslimische Männer kritisierte. Auch Aliaa steht jetzt auf der Liste der Hassprediger. Im Internet schreibt jemand: "Ihr Körper soll in der Hölle schmoren."
Einer der Männer, die Aliaa Sünde vorwerfen, heißt Mahmud Abd al-Rahman. Er ist ein 32-jähriger Jurist, der im ägyptischen Finanzministerium als Buchhalter arbeitet. 3500 Kilometer Luftlinie entfernt von Aliaas Versteck bittet er zum Gespräch in ein Café in der Altstadt Kairos. Zu Beginn des Interviews sagt er, dass er wisse, wie fremd sich seine Argumente für einen Menschen aus Europa anhörten. Dann ruft der Muezzin, und Rahman unterbricht das Gespräch, weil er beten will.
Er glaubt daran, dass in Ägypten die Scharia gelten müsse, das islamische Recht. Er sagt, er liebe Ägypten wie seine Mutter und dass die Liebe noch größer wäre, wenn sich alle Frauen im Land verhüllten.
Auf seiner Stirn hat er einen dunklen Fleck. Es ist die Stelle, auf die er seinen Kopf fünfmal am Tag zur Huldigung seines Gottes auf den Boden legt.
Als er sich nach dem Gebet im Café wieder an den Tisch setzt und sagt, dass Männer Frauen beschützen müssten, weil Frauen schwach seien, fällt das Licht im ganzen Stadtviertel aus.
Rahman sagt: "Ich war traurig, als ich Aliaa zum ersten Mal nackt gesehen habe." Als er im vergangenen Frühjahr im Internet ein Video von Aliaa fand, in dem sie nackt vor der ägyptischen Botschaft in Stockholm steht und einen Koran vor ihren Genitalbereich hält, wusste Rahman, dass Gott von ihm verlangte zu handeln. Er setzte sich zu Hause in sein Arbeitszimmer und schrieb einen Brief an den Generalstaatsanwalt Ägyptens. Rahman bat die Staatsanwaltschaft darum, Anklage gegen Aliaa zu erheben, weil sie nackt mit dem Koran hantiert habe. Er schrieb: "Ich erbitte Eure Exzellenz, alle rechtlichen Handlungen vorzunehmen, um ihr die ägyptische Staatsbürgerschaft zu entziehen." Am darauffolgenden Morgen ging Rahman in das Büro des Generalstaatsanwalts und reichte die Klage ein. Bisher hat er keine Nachricht darüber bekommen, ob es zu einer Gerichtsverhandlung kommen wird.
Rahman sagt, Aliaa müsse so hart wie möglich bestraft werden, weil er fürchte, sonst würden seine Töchter ihr Handeln eines Tages nachahmen. Als er sein Handy aus der Hosentasche zieht und darauf Fotos seiner Töchter zeigt, steigen ihm Tränen in die Augen. Er sagt, dass seine Frau vor einem Monat an einem Herzinfarkt gestorben sei. Er müsse die beiden kleinen Töchter allein großziehen.
Es gibt einen Film im Internet, der zeigt, wie ihn Reporter des Fernsehsenders Arte zu Hause besuchen. In diesem Film spricht Rahmans Frau mit den Reportern und sagt über Aliaa: "Sie hat sich nackt mit dem Koran hingestellt, was hat der Koran ihr denn getan?" Frau Rahman machte nicht den Eindruck, als wollte sie befreit werden.
Im Streit zwischen Aliaa und Rahman sind die Positionen unversöhnlich. Aliaa beruft sich auf ihre persönliche Freiheit und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Rahman beruft sich auf Gott. Es wäre vielleicht einfacher für Aliaa, wenn sie wüsste, dass Rahman ein Einzelkämpfer ist, aber der salafistische Block Ägyptens, die "Partei des Lichts", holte bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr knapp ein Viertel der Stimmen. Die jahrhundertealte Tradition dieser Menschen wird Aliaa nicht durch Nacktporträts ändern.
Nach ihrer Flucht aus Ägypten beantragte Aliaa in Schweden politisches Asyl und ging ein halbes Jahr lang kaum aus dem Haus. Sie zog die Vorhänge zu, und jedes Mal, wenn sie ein lautes Geräusch hörte, fürchtete sie, nun kämen ihre Verfolger. Hinter den geschlossenen Vorhängen überlegte sie, was aus ihr werden sollte.
Sie hat keine Familie mehr, keinen Studienplatz, keine Arbeit, keine Heimat, in die sie zurückkehren könnte. Sie hat keine Freunde in Schweden. Ihr Freund, den sie hin und wieder sieht, wohnt in Norwegen. Ihr Leben liegt in Trümmern.
Es wäre nachvollziehbar, wenn Aliaa ihren Namen ändern und versuchen würde, die Vergangenheit zu verdrängen. Sie entschied sich für das Gegenteil. Sie suchte nach einer Organisation, in der sie sich einbringen konnte, und fand die in der Ukraine gegründete Gruppe Femen, die gegen Religion und für mehr Gleichberechtigung von Frauen kämpft. Die Frauen von Femen wurden bekannt, weil sie sich auszogen und nackt randalierten. Sie versuchen, Ikonen in Serie zu konstruieren.
Aliaa demonstrierte mit Frauen von Femen ohne BH für die Rechte russischer Homosexueller. Ein anderes Mal schlich sie mit einer Burka getarnt in eine Moschee in Stockholm, zog sich aus und demonstrierte gegen die Scharia. Aliaa hatte erfahren, dass nur ein kleiner Kreis Menschen von diesen Aktionen vorher wusste, sie fühlte sich dadurch vor ihren Verfolgern sicher. Einmal zündeten die Aktivistinnen von Femen eine Fahne mit dem islamischen Glaubensbekenntnis an. Aliaa sagt: "Ich respektiere Religion grundsätzlich nicht, wenn sie frauenfeindlich ist."
Als sie im Jahr 2011 ihr Nacktfoto veröffentlichte, war es schwer, Aliaa gerecht zu werden, weil niemand wusste, wofür sie steht. Heute fällt es schwer, ihr gerecht zu werden, weil sie für so vieles zu stehen scheint: für Homosexuelle, für den Hass auf den Islam, für das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber auch gegen das Recht auf freie Ausübung der Religion. Sie scheint sich im Streit der Kulturen verirrt zu haben.
An einem Herbsttag des Jahres 2013 hat Aliaa einen Auftritt auf einer Buchmesse in Göteborg. Sicherheitsleute schützen die Veranstaltung. Es ist eine Podiumsdiskussion auf einer kleinen Bühne, vier Frauen sprechen über Feminismus. Die Moderatorin fragt, ob nackte Brüste die wahre Botschaft verdecken können. Aliaa legt ihr Mikrofon auf einen Tisch und zieht ihren Pullover hoch. Sie steht mit nackten Brüsten vor der Moderatorin und dem Publikum. Die Zuschauer halten ihre Smartphones über den Kopf und fotografieren. "Der Körper ist nur ein Symbol", sagt Aliaa zur Moderatorin.
Fragt man sie, was ihre Proteste bringen, antwortet Aliaa: "Menschen werden mutiger und drücken ihre Gefühle aus. Es geht darum, das Tabu zu brechen."
Ein Tabu erfüllt eine Funktion, es beruht auf einem Einverständnis, das von Menschen stillschweigend hingenommen wird, und bindet eine Gesellschaft zusammen. Ein Tabu kann schlecht sein, aber auch gut. In Kairo, Göteborg oder Berlin ist es ein Tabu, sich auf der Straße nackt auszuziehen. Frauen werden dadurch nicht unterdrückt, Männer auch nicht.
Aliaa wird von ihren Anhängern vor allem an ihrem Mut gemessen, aber vielleicht sollte man fragen, was sie mit ihrem Protest erreicht hat. In Ägypten hat sie erreicht, dass manche Männer Feminismus mit Nacktfotos verwechseln. Es gibt arabische Feministinnen, die sagen, Aliaa habe der Gleichstellung der Frau in Ägypten mehr geschadet als geholfen. In Schweden hat sie erreicht, dass die Betreiber einer Moschee sie wegen Belästigung der Allgemeinheit anzeigten und dass Besucher einer Buchmesse Erinnerungsfotos mit nackten Brüsten haben. Wahrscheinlich gibt es nur einen Menschen, dem es etwas nützt, wenn Aliaa sich auszieht: sie selbst.
Auf die Frage, was ihre Botschaft für Ägypter wie Rahman sei, antwortet sie: "Egypt is not your fucking country, and who are you to decide, who gets citizenship." Ägypten ist nicht dein verdammtes Land, und wieso glaubst du, entscheiden zu können, wer die Staatsbürgerschaft erhält.
Vielleicht ging es Aliaa nie um Ergebnisse, nie darum, mit ihrem Protest etwas Konkretes zu erreichen. Ihre große Leistung ist die Nachricht, die sie mit Hilfe des Fotos an ihre Eltern und an die Salafisten sendete. Die nackte Aliaa sagt: Ich lebe noch.
Rahman nimmt die Botschaft von ihr in Kairo mit einem Lächeln auf und sagt, er habe auch eine Nachricht an Aliaa: "Wenn du Probleme hast, kann ich an deiner Seite stehen. Wir Ägypter müssen zusammenhalten. Ich wünsche dir das Beste."
Fragt man Aliaa, ob sie es bereue, das Foto gemacht zu haben, antwortet sie, dass sie es habe machen müssen, weil sie sonst nicht sie selbst gewesen wäre. Dieser Satz zeigt die ganze Tragik ihrer Geschichte. Von Anfang an erwarteten die Menschen von Aliaa, dass sie etwas anderes sein solle als sie selbst, und als sie sich traute, endlich sie selbst zu sein, zerstörte sie damit ihr Leben.
Es ist viel darüber spekuliert worden, was Aliaa mit ihrem Blick sagen wollte, als sie sich auszog und in die Kamera schaute. Die "taz" schrieb: "Jene, die geil aufs Bild schauen und darauf spucken, sollten den Blick betrachten. Niemals hat eine Prostituierte einen solchen Blick." Die "Frankfurter Rundschau" schrieb: "So schaut die 22-jährige Studentin Al Mahdy nicht lasziv, sondern neugierig-trotzig in die Kamera." Und das Magazin "Cicero" schrieb: "Sie schaut nicht besonders aufreizend, es ist eher ein forschender Blick."
Nach dem Gespräch im Café steht Aliaa am Ufer eines Sees am Rande des schwedischen Dorfs. Sie schaut den Enten zu, und als sie einen Spielplatz entdeckt, klettert sie auf ein Gerüst und setzt sich auf eine Schaukel. Die Ikone des Arabischen Frühlings schaukelt ein wenig und kichert dabei. Was hatte ihr Blick auf dem Foto zu bedeuten? "Der Blick bedeutet, dass ich mich nicht schäme, die Frau zu sein, die ich bin."
Aliaa wird von nun an vielleicht alle paar Monate die Adresse wechseln. Die Flucht droht zu ihrem Lebensinhalt zu werden. Aber anders als von dem schreienden Kind auf dem Foto aus Vietnam wird von Aliaas Tat im Gedächtnis der Welt nicht viel übrig bleiben. Die Symbolkraft des Bildes wird nachlassen, mehr und mehr. Das Foto hat nichts verändert, nicht den Islam, nicht Ägypten, nicht die Stadt Kairo, nicht einmal Aliaas Eltern. Von ihrer nackten Brust wird nichts bleiben als eine nackte Brust.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 51/2013
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