16.12.2013

Nachbarn

HOMESTORY Wie ich zum Spießer wurde
Im Januar ziehen bei uns neue Nachbarn ein, und ich frage mich, ob es unangemessen wäre, ihnen zur Begrüßung einen Elektrogrill zu schenken. Es ist Winter, ja, aber die Leute grillen heute ja auch im Winter. Ein Elektrogrill erleichtert das Zusammenleben im Reihenhaus, er qualmt nicht, stinkt nicht, und weil man ihn nicht draußen stehen lassen kann, wird er auch nicht so oft benutzt. Das ideale Gerät für den idealen Nachbarn.
Ich weiß: Elektrogrillen ist wie Sex mit Kondom. Verantwortungsbewusst, ja, rücksichtsvoll, ja, und währenddessen redet man sich ein, den Unterschied zum Real Thing gar nicht so doll zu spüren (außer im Geschmack vielleicht). Nun ja.
Trotzdem: Ich will einfach von Menschen umgeben sein, die sich an die Grundregeln des Miteinanders halten: Geh anderen nicht auf die Nerven, benimm dich nicht daneben. Also, zum Beispiel: Wenn du in der S-Bahn sitzt, pack deine Füße nicht auf den Sitz gegenüber.
Früher störte mich das nie. Und wenn jemand einen Fußhochleger zurechtwies, dann fand ich das spießig.
Auch heute bleibe ich still. Aber eigentlich nur, weil ich noch keinen Satz gefunden habe, der nicht entweder anbiedernd-bescheuert klingt ("Yo, Bro, chill deine Füße mal woanders") oder mich nach griesgrämigem altem Sack aussehen lässt. Mir fällt das auf, seit ich die 50 überschritten habe: Ich möchte spießig sein, es soll sich nur nicht so anhören.
Der Wandel begann, als wir noch in unserem alten Haus wohnten, neben einer netten polnischstämmigen Familie. Vielleicht ein wenig laut (wobei ich anfangs noch dachte, die Wände seien vielleicht ein wenig dünn). Aber ich mochte das, so kam ein bisschen Leben in den verschlafenen Vorort.
Nachbarn sind Menschen, die einem das Schicksal zuteilt; man sucht sie sich nicht aus. Das macht die Sache schwierig.
Unsere Nachbarn stellten ihren Grill in den Garten, und ab und zu reichten sie Knoblauchfrikadellen über den Zaun. Die waren köstlich.
Den Zaun gab es übrigens, weil wir ein Kind hatten und die Nachbarn einen Rottweiler.
Über Monate grillten die Nachbarn jeden Tag, die Holzkohle qualmte, und der Wind stand stets gegen uns. Die fettigen Würste rochen nicht mehr lecker. Wir ärgerten uns still. Man will ja deswegen keinen Streit anfangen.
Eines Tages erzählten die Nachbarn, dass Freunde von ihnen zu Besuch kämen. Ob es okay wäre, wenn sie im gemeinsamen Vorgarten ein Zelt aufstellen würden? Ich fand das keine gute Idee, weil der Vorgarten sehr klein war und ein Zelt die Distanz unterschreiten würde, die man zu Unbekannten eigentlich hält. "Kein Problem", sagte ich - alles andere hätte spießig geklungen.
Am Wochenende stand dann ein Kleinlaster in der Auffahrt. Zwei Männer schleppten eine eiserne Feuerschale zu den Nachbarn, während im Hintergrund fortwährend neue Freunde aus dem Wagen kletterten. Ein Pärchen winkte freundlich in unser Küchenfenster und pflanzte ein imposantes Zelt direkt davor. Nun kam wirklich Leben in unsere Siedlung - und mir dämmerte, dass ich das Verschlafene, leicht Spießige an der Gegend vermissen würde.
Die Freunde blieben sechs Wochen. Abends warfen sie Kanthölzer in die Feuerschale, schütteten tiefgefrorene Hühnerbeine auf den Rost und ließen es qualmen. Dann wurde gegessen, getrunken, gelacht, gestritten, geschrien und weitergetrunken.
Aus dem Ghettoblaster tönte Volksmusik. Wir hielten die Fenster geschlossen - wegen des Qualms und damit es nicht hereinjodelte. So gegen eins in der Nacht war Ruhe.
Unser Verhältnis kühlte ab.
Ein paarmal habe ich mich an den Zaun gestellt, gewartet, bis der Rottweiler nicht mehr bellte, und um etwas Rücksicht gebeten. Anfangs bekam ich noch Hühnerbeine und Wodka angeboten, aber das ließ dann auch nach.
Wenn mir jemand erzählt, wie anregend es ist, wenn unterschiedliche Lebensweisen zusammenkommen, und dass man offen sein muss für neue Erfahrungen und locker im Umgang, gebe ich ihm recht. Im Prinzip.
Es wurde kühler. Eines Nachts, es war kurz nach drei, wachte ich von dumpfen, lauten Schlägen draußen im Garten auf. Die Nachbarn und ihre Freunde standen in der hinteren Gartenecke und schlugen mit einer Axt ihren Jägerzaun zu Brennholz.
Ich rief die Polizei.
Wir sind dann ein paar Monate später umgezogen, neben ein ruhiges Ehepaar. Und genau so eines wünsche ich mir nun wieder: mittleren Alters, gern auch mit Kindern - idealerweise mit solchen, die aus dem Schreialter raus und im Partyalter noch nicht drin sind.
Als ich damals am Fenster stand und zusah, wie zwei Polizisten den Nachbarn erst die Axt wegnahmen und dann mit der Taschenlampe um den Kleinlaster strichen, fiel mir etwas ein: Die besten Partys, an die ich mich erinnere, waren die, bei denen irgendein Spießer die Polizei gerufen hatte.
Ich stand jetzt auf der anderen Seite.
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 51/2013
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