16.12.2013

GESCHÄFTSFREUNDEGelogen oder betrogen

Die Ehefrau eines ehemaligen Post-Managers attackiert einen prominenten PR-Unternehmer: Er nutze die Demenz ihres Mannes zum eigenen Vorteil.
Es gab Zeiten, da war Hans-Hermann Tiedje, 64, ein gefürchteter Mann. Als Chefredakteur der "Bild"-Zeitung konnte er Karrieren von Prominenten und Politikern fördern oder ruinieren. Heute, gut zwanzig Jahre später, schmückt er sich mit ihnen.
Im Aufsichtsrat seiner auf Kommunikationsberatung spezialisierten Firma WMP Eurocom AG sitzen der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel, der frühere Daimler-Vorstand Eckhard Cordes und Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Vorsitzender des Gremiums ist der Doyen des Beratungsgeschäfts, Roland Berger.
Doch hinter dem Vorhang aus großen Namen und wichtig klingenden Funktionen geht es offenbar ziemlich klein und schmutzig zu. Zum Vorschein kommt eine Geschichte, deren Komponenten aus einer TV-Soap vom Schlage "Denver-Clan" oder "Dallas" stammen könnten. Es geht um außerehelichen Sex, um Geld und Firmenanteile, um Freundschaft und Verrat.
Losgetreten hat die Geschichte eine Frau, die behauptet, dass Tiedje die Demenz ihres Gatten schamlos ausnütze. Seit mehr als 40 Jahren ist Margret Schukies mit ihrem Gert verheiratet. Auch er war einst ein Mann mit Macht und Einfluss - Kommunikationschef bei Bertelsmann, bei Nixdorf und viele Jahre bei der Deutschen Post. Die Gottschalk-Brüder Thomas und Christoph gehörten ebenso zu seinen Freunden wie Franz Beckenbauer; stolz flanierte der Manager durch die Formel-1-Boxengasse, als die Post den Rennzirkus noch mit Millionen sponserte.
Damals war Gert Schukies mit Hans-Hermann Tiedje eng verbandelt, freundschaftlich wie geschäftlich. Von 2000 bis 2004 gehörte der Post-Direktor dem Aufsichtsrat der WMP Eurocom AG an, die sich der Wirtschaft als "Ihre Brücke in die Öffentlichkeit" andient.
In den vergangenen Jahren ereilte das Ehepaar Schukies jedoch ein schweres Schicksal. Der ehemalige Top-Manager wurde dement, seit Juni 2012 steht er unter rechtlicher Betreuung seiner Gattin und lebt in einem Heim in Westfalen.
Als die Ehefrau die Akten ihres Mannes sichtete, fand sie im Tresor einen Brief aus dem Jahr 2001 wieder. Absender: Hans-Hermann Tiedje.
In dem als "persönlich/vertraulich" gekennzeichneten Schreiben bestätigt der Zigarrenliebhaber seinem Freund Gert, "dass Dir 2,5 Prozent der Aktien der WMP Eurocom AG aus meinem Bestand gehören".
Weiter heißt es: "Den Nominalpreis von 14 000 Mark hast Du ja schon in bar bezahlt, wofür ich mich nochmals bedanke. Es ist schön, dass Du nun unser Partner bist. Welcome on board." Schukies' Anwalt informierte den Firmengründer Tiedje darüber, dass seine Mandantin vom Gericht als Betreuerin für ihren Ehemann bestellt sei. Er bat um Aufklärung, was es mit den Aktien auf sich habe.
Wochen vergingen, dann meldete sich Tiedje telefonisch. Er machte, wie der Anwalt notierte, "einen sehr schroffen und genervten Eindruck".
Niemals habe er 14 000 Mark bekommen. Er habe seinem damaligen Aufsichtsratsmitglied Schukies auch keine Aktien abgetreten. Das Ganze sei, so Tiedje gegenüber dem SPIEGEL, eine "Gefälligkeit" für einen Freund gewesen, der offenbar familienintern einen Beleg über 14 000 Mark brauchte.
Ähnlich hatte der WMP-Boss auch gegenüber Schukies' Anwalt argumentiert. Tiedje, notierte der Jurist, vermute einen "Zusammenhang mit seiner außerehelichen Beziehung".
Unsinn, sagt Margret Schukies. Über die außerehelichen Eskapaden ihres Gatten sei sie stets im Bilde gewesen, "da gab es nichts zu verheimlichen". Schließlich habe ihr Mann sogar zeitweise bei seiner Geliebten gewohnt. "Er hat mir den Brief damals ja selbst gegeben und gesagt, ich solle ihn gut weglegen."
Entgegen Tiedjes Erklärung vermutet Margret Schukies, dass die Anteile eine Art Prämie waren - weil ihr Mann der WMP-Tochter TV-Media bei der Akquise von Aufträgen geholfen habe und als Aufsichtsrat der WMP keine Rechnung schreiben wollte. "Jetzt will er Gerts Demenz ausnutzen, um da wieder rauszukommen. Aber selbst wenn er recht hätte und das Ganze eine reine Gefälligkeit war, spricht das auch gegen ihn. Entweder er hat gelogen oder betrogen."
Auch andere Dokumente, die die Ehefrau fand, nähren ihr Misstrauen gegenüber dem ehemaligen "Bild"-Chef. Etwa die Unterlagen über eine Beteiligung ihres Mannes an der "Theodor Fontane" Besitz- und Betriebsgesellschaft mbH, die in Brandenburg die Luxus-Hotelanlage "Resort Schwielowsee" betreibt. Hauptanteilseigner mit je 24,5 Prozent sind Tiedje und der ehemalige Stasi-Scherge Axel Hilpert, der im Reich des DDR-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski für Kunst und Antiquitäten zuständig war.
2012 wurde Hilpert wegen schweren Betrugs, Untreue und Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und acht Monaten verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Hilpert beim Bau des Resorts Schwielowsee die Investitionsbank des Landes Brandenburg um 9,2 Millionen Euro betrogen hat. Hilperts Anwälte haben gegen das Urteil Revision beantragt.
Das Vertrauen von Tiedje und den anderen Eignern der "Theodor Fontane" Besitz- und Betriebsgesellschaft hat Hilpert offenbar nicht verloren. Im Januar 2013 bestätigten die Gesellschafter seinen Geschäftsführervertrag für weitere zwei Jahre. Wie solche Abstimmungsergebnisse zustande kommen, findet Margret Schukies seltsam. Bei der Liste der von den Gesellschaftern zu fassenden Beschlüsse findet sich eine Unterschrift auf jener Linie, die für Schukies' Signatur vorgesehen war: "i. A. Hans-Hermann Tiedje". Auf die Frage, wie er dies erkläre, sagt Tiedje, er habe "seit einigen Jahren eine umfassende, unwiderrufbare persönliche Vollmacht von Schukies in Sachen Schwielowsee". Davon jedoch hat dessen Gattin "noch nie etwas gehört".
Möglicherweise gibt es für die Rätsel eine ganz einfache Erklärung: Tiedje, der gemäß den offiziellen WMP-Unternehmensregeln Aufträge ablehnt, "die nicht rechts- und normenkonform sind", hat jedes Gefühl dafür verloren, was sich gehört und was nicht.
Publizistisch hat er den Beweis vor wenigen Wochen erbracht. In seiner Kolumne in der "Euro am Sonntag" sagte er dem Grünen-Politiker Anton Hofreiter nach, er habe "eine makabre Ähnlichkeit mit Norwegens Attentäter Anders Breivik, der 72 Menschen umbrachte". Anschließend forderte er, dass Hofreiter "unbedingt die langen Haare behalten" müsse - "schon damit er sich optisch immer von diesem schrecklichen Breivik unterscheidet".
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 51/2013
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