16.12.2013

ARBEITSMARKTÜble Tricks

Zeitarbeiter sollen genauso viel verdienen wie Stammkräfte. Doch die Verleihfirmen drücken sich oft um fällige Zuschläge.
Anfangs schien alles in Ordnung beim neuen Job von Ute Hagen. Das Gehalt kam pünktlich, der Lohn war so hoch wie vereinbart, und auch als nach einigen Monaten die zugesagten Zuschläge fällig wurden, hielt sich die Firma an die Absprachen - anscheinend.
Die gelernte Buchhalterin war seit September 2012 bei Robert Half, einem Zeitarbeitsunternehmen, das spezialisierte Fachkräfte aus dem Rechnungswesen verleiht, im Bereich Finance & Accounting angestellt. Für elf Euro die Stunde arbeitete die Kölnerin bei der Deutschen Post-DHL. Der laut Sondervereinbarung fällige Zuschlag belief sich auf einen Euro pro Stunde, von April 2013 an stieg er auf zwei Euro je Stunde.
Seit einem Jahr müssen Zeitarbeitsfirmen in vielen Branchen generell Zuschläge zahlen. Damit sollen die Löhne ihrer Beschäftigten allmählich an das Niveau der Stammbelegschaft in den Einsatzbetrieben herangeführt werden.
So weit die Theorie. In der Praxis aber versuchen viele Zeitarbeitsfirmen, die Zuschläge zu umgehen. Sie setzen zu wenige Arbeitstage an, legen die Tarifverträge falsch aus oder kürzen andere Lohnbestandteile. So drücken sie den Verdienst dauerhaft und unterlaufen die neue Regelung.
Bei Ute Hagen beispielsweise zahlte ihr Arbeitgeber den Lohnzusatz lediglich für tatsächlich geleistete Arbeitstage aus, nicht aber für Krankheits-, Urlaubs- oder Feiertage. Ihr Mann, ein Sachverständiger für Lohnausgleichsverfahren, ist jedoch der Auffassung, dass die Firma damit gegen den einschlägigen Tarifvertrag verstößt. Der sieht vor, dass Beschäftigungstage ausnahmslos unter Anrechnung sämtlicher Zuschläge und "schwankender Entgelte" abgerechnet werden müssen.
"Wir können uns offensichtlich nicht darauf verlassen, dass der Tarifvertrag flächendeckend fair umgesetzt wird", sagt IG-Metall-Chef Detlef Wetzel. Es gebe immer wieder "üble Tricks, mit denen Verleihfirmen die neue Regelung umgehen".
Mal würden sie die fälligen Zusatzbeträge mit anderen Zuschlägen etwa für besonders schwere oder schmutzige Arbeit verrechnen. Mal würden sie die Aufwandsentschädigungen der Beschäftigten für Fahrgeld oder Miete am Einsatzort in eine pauschale "Einsatzzulage" umwandeln. Die jedoch gilt als außertariflicher Gehaltsbonus und darf vollkommen legal mit den Branchenzuschlägen verrechnet werden. Betroffene schildern, dass ihnen deshalb bis zu 300 Euro monatlich weniger in der Tasche bleiben.
Der Erfindungsreichtum ist offenbar grenzenlos. Mitarbeiter würden aus einer höheren Tarifgruppe in eine niedrigere umgruppiert, was den Effekt des Zuschlags oft völlig ausgleicht. Andere Verleihfirmen verschieben ihre Mitarbeiter formal vom höher dotierten Metall- in den Logistiktarifvertrag, um so Mehrkosten durch die Zuschläge zu verhindern. "Im schlimmsten Fall ziehen Leiharbeitsfirmen ihre Mitarbeiter ab, bevor die höchste Zulagenstufe greifen würde, und schieben sie in einen anderen Betrieb", sagt Gerd Denzel, Zeitarbeitsexperte bei Ver.di. Dort fangen die Mitarbeiter wieder bei null an, auch wenn die Entleihbetriebe oft murren, weil ihnen dadurch gut eingearbeitetes Personal verlorengeht.
Ein halbes Jahr nach Einführung der Branchenzuschläge befragte die IG Metall kürzlich 40 000 Leiharbeiter. Nur 42 Prozent gaben an, korrekte Zuschläge ausbezahlt zu bekommen. Denn durch sie sinkt der Anreiz bei Unternehmen, Zeitarbeiter einzusetzen, da sie teurer werden. Das schmälert gleichzeitig den Gewinn der Verleiher. Die haben nur eine Alternative: entweder Personal abzubauen oder die Zuschläge zu vermeiden.
Auch der DGB registriert, dass die Zahl entsprechender Klagen vor den Arbeitsgerichten steigt. "Noch ist es kein Massenphänomen", sagt Michael Engesser vom DGB-Rechtsschutz, "aber es hat das Potential, eines zu werden, es gibt die Tarifverträge ja noch nicht lange."
Inzwischen haben viele Branchen Zuschläge vereinbart. So erhalten beispielsweise Leiharbeiter in der Metall- und Elektroindustrie nach sechs Wochen einen Zuschlag von 15 Prozent auf ihren Zeitarbeitstarif und 50 Prozent nach neun Monaten Entleihdauer in ein und demselben Betrieb. Danach, so sehen es die entsprechenden Tarifverträge vor, sollen Zeitarbeitnehmer in etwa genauso viel verdienen wie Stammbeschäftigte.
Doch weil viele Firmen tricksen, droht die gutgemeinte Regelung nun das Gegenteil dessen zu bewirken, was beabsichtigt war. Anstatt die Branche von ihrem Lohndrücker-Image zu befreien, wird es bekräftigt.
Auch Ute Hagen konnte sich nur teilweise mit ihrem Arbeitgeber einigen. Nachdem sie die Firma mit ihrer Sicht der Dinge konfrontiert hatte, forderte sie, ihren Lohn neu zu berechnen. 750 Euro bekam sie nachgezahlt. Nach Auffassung von Hagen ist das nicht genug.
Vergangene Woche traf sie sich mit Vertretern ihres Verleihbetriebs zu einem Gütetermin vor dem Arbeitsgericht. Geeinigt haben sich die beiden Parteien nicht. Nun soll es im August nächsten Jahres zur Hauptverhandlung kommen.
Von Janko Tietz

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