16.12.2013

SYRIENDie schwarze Macht

Eine besonders brutale Islamistengruppe greift die Rebellen hinter der Front an. Die Freie Syrische Armee - vom Westen im Stich gelassen, vom Krieg zermürbt - hat ihnen wenig entgegenzusetzen.
Der Absender der Mail war nicht zu erkennen. Aber der junge Ingenieur wusste, von wem sie kam, als er das angehängte Foto öffnete. Unter dem Bild der grausam zugerichteten Leiche des stadtbekannten Bürgerrechtlers Muhannad Halaibna stand nur ein Satz: "Bist du jetzt traurig über deinen Freund?"
Stunden später flohen der Ingenieur und 20 weitere Oppositionelle - Ärzte, Stadträte, Aktivisten - aus der nordsyrischen Stadt Rakka in die Türkei. Sie flüchteten nicht vor dem Regime Baschar al-Assads, sondern vor einer neuen Schreckensmacht, die kein Gesicht, aber viele Namen trägt: "Islamischer Staat im Irak und Syrien", ISIS, heißt diese Qaida-Formation offiziell, die sich von Osama Bin Ladens Nachfolger losgesagt hat. "Daaisch" lautet ihre gängigste Abkürzung in Syrien. "Aber wir nennen sie die Armee der Masken", sagt Basil, der geflohene Ingenieur, "denn ihre Männer zeigen selten ihr Gesicht, treten schwarzgekleidet und meist vermummt auf."
Ihre Schergen hatten den Bürgerrechtler Halaibna zuvor entführt wie auch Hunderte anderer Bürger allein in Rakka, von wo Assads Armee schon im März vertrieben worden war. Die Dschihadisten griffen sich den Vorsitzenden des Stadtrats, die Köpfe der zivilen Opposition, einen italienischen Jesuiten und sechs europäische Journalisten. Wer sich den ISIS-Kämpfern widersetzt oder auch nur als Ungläubiger gilt, verschwindet.
Vier Gefängnisse für ihre Geiseln unterhält ISIS allein in der Umgebung. Und Rakka war nur der Anfang: In den vergangenen vier Monaten hat die zu Jahresbeginn in Syrien noch fast unbekannte Dschihadisten-Truppe mehrere Städte, aber auch strategisch wichtige Straßen, Ölfelder und Getreidespeicher unter ihre Kontrolle gebracht.
Was jetzt im Norden und Nordosten des Landes geschieht, könnte die schlimmsten Befürchtungen und damit einen endgültigen Zerfall Syriens wahr werden lassen. Und zwar nicht, weil die aufständischen Syrer begeisterte al-Qaida-Anhänger wären, wie es Assads Propaganda seit Frühjahr 2011 gebetsmühlenartig behauptet - sondern weil die Menschen nach drei Jahren der Verwüstung am Ende sind und der rasanten Expansion der Dschihadisten nicht mehr viel entgegenzusetzen haben.
Zwei Jahre lang lautete das stete Mantra der USA und Europas, dass man die syrischen Rebellen nicht militärisch unterstützen dürfe, weil Radikale unter ihnen seien und Waffen in die falschen Hände geraten könnten. Also überließ man sie weitgehend sich selbst und dem mörderischen Patt im Kampf gegen Assads von Russland und Iran gestützte Militärmaschinerie.
Vor der Ignoranz einer solchen Politik haben viele gewarnt, auch der SPIEGEL: "Je länger Hilfe ausbleibt, desto eher werden andere die Lücke füllen, und sei es al-Qaida", konstatierte ein Kommentar im August 2012 unter der Überschrift "Der Preis des Zögerns". Nun scheint es so weit zu sein, dass "Ratlosigkeit und Illusionen der Regierungen genau das heraufbeschwören, was doch verhindert werden" sollte.
Das Kräfteverhältnis unter den Rebellen hat sich verschoben. Im vergeblichen Hoffen auf amerikanische Militärhilfe ist die Freie Syrische Armee (FSA) stetig geschrumpft. Als die Zahl ausländischer Kämpfer noch sehr niedrig war, mochte Washington die syrischen Rebellen nicht unterstützen, weil al-Qaida ja kommen könnte. Als Konsequenz ist al-Qaida nun da.
Und die Rebellen reiben sich im Zwei-Fronten-Krieg auf: vorn Assad, hinten die Dschihadisten. Nun planen Washington und London auch noch, ihre ohnehin schon magere Unterstützung der Rebellen gänzlich einzustellen.
Mitte September stürmte ISIS, rund 7000 Mann stark, die Kleinstadt Asas im Nordwesten, kurze Zeit später den Grenzort Dscharabulus 200 Kilometer östlich, außerdem die Städte Dana, Tarib, Binisch, Bab und sogar Teile von Aleppo - alles Gebiete, die bis dahin von örtlichen Rebellen kontrolliert worden waren.
Hunderte jener Leute, die in den befreiten Gebieten Infrastruktur und Rechtswesen halbwegs aufrechterhielten, sind in den vergangenen Monaten vor al-Qaida in die Türkei geflohen - dieselben Menschen, die zuvor vom Regime in Damaskus verfolgt wurden.
Kaum jemand wagt es, sich den Maskierten entgegenzustellen. Als ein ISIS-Konvoi aus Pick-ups mit aufmontierten Maschinengewehren Ende November in den Ort Turmanin einrollte, fiel kein Schuss. Die Dschihadisten besetzten das größte Gebäude im Ort und errichteten Straßensperren.
Mit einer Mischung aus zentraler Führung, Brutalität und Bestechung zielen sie auf die Achillesferse der syrischen Aufständischen: deren Uneinigkeit. Als ISIS den Grenzort Asas angriff, habe es ein Kommandeurstreffen der großen Rebelleneinheiten des Nordens gegeben, so ein Augenzeuge. Ob man der bedrängten Einheit der Freien Syrischen Armee gegen die ISIS-Kämpfer beistehen solle?
"Nein", sagte schließlich der Führer der Tauhid-Brigade, der größten Formation in Aleppo mit etwa 12 000 Kämpfern. Man könne sich keine zweite Front leisten, solange der Kampf gegen Assads Armee alle Kräfte binde. Stattdessen verhandelte die Tauhid-Führung einen Waffenstillstand - der freilich nur so lange hielt, bis ISIS genügend maskierte Kämpfer zusammengezogen hatte, um die Kleinstadt endgültig zu unterwerfen.
Begonnen hat der Aufmarsch von ISIS eher still als Ergebnis eines Machtkampfs innerhalb von al-Qaida: Im April dekretierte Abu Bakr al-Baghdadi, der Anführer von al-Qaida im Irak, dass seine Kommandos fortan auch in Syrien gelten sollten. Die Dschihadisten der Nusra-Front, deren Anfänge im Dunkel mehrerer vom Regime inszenierter Anschläge liegen, widersprachen: Sie unterstünden allein dem Kommando von Aiman al-Sawahiri, dem offiziellen Nachfolger Osama Bin Ladens. Doch dessen Wort aus den isolierten Bergen Westpakistans besitzt nicht mehr viel Gewicht. Fast alle bis dato eingesickerten ausländischen Nusra-Kämpfer wechselten zu al-Baghdadis Truppe.
Noch im Sommer waren die über die Türkei eingereisten ausländischen Dschihadisten von ISIS nur eine Größe unter vielen in Nordsyrien. Es gab erste Entführungen, aber ISIS kontrollierte nicht die Straßen. Begegneten einem ausländische Islamisten, waren dies eher bizarre Zusammenstöße: wie in einem der letzten Restaurants in den Bergen von Latakia, wo eine Gruppe junger Saudi-Araber am Tisch saß. Einer stand auf, langhaarig, mit einer Sprengstoffweste um den Bauch, einem Kabel und einem roten Plastikschalter, an dem er herumspielte: "Wenn ich da draufdrücke, bumm! Hehe."
Sie wirkten bedrohlich - aber eher irre als organisiert.
Das änderte sich im Herbst. Zusehends koordiniert und trainiert griffen ISIS-Einheiten an. In Rakka erledigten sie die kleinen Rebellengruppen eine nach der anderen. Als eine FSA-Brigade sich nicht fügen wollte, schickte ISIS vier Selbstmordattentäter nacheinander in deren Hauptquartier.
Woanders reichte der in Rakka erworbene Ruf, um konkurrierende Rebellen zu unterwerfen: Als ein ISIS-Konvoi auf die Stadt Bab zurollte, sagten die Maskierten den örtlichen Rebellen, sie wollten nur durchfahren zur Front in Aleppo. Kaum waren sie in der Stadtmitte, sprangen die Vermummten aber von ihren Pick-ups und besetzten ohne nennenswerte Gegenwehr das Zentrum. "Das war wie im Film", erinnert sich ein Zeuge, "lauter schwarze Horrorgestalten."
Habe sich ISIS einmal festgesetzt wie in Bab, erlasse der örtliche Emir fortwährend neue Dekrete, so der Zeuge aus Bab: "Erst hieß es, Frauen dürften nur noch in Abaja auf die Straße", dem knöchellangen Übergewand, "dann durfte zu den Gebetszeiten keiner mehr draußen sein. Danach wurde das Rauchen verboten, letzte Woche nun die Musik. Jetzt kontrollieren sie auf den Hochzeiten, dass nichts gespielt wird. Die sind schlimmer als das Regime."
Es bleibt schwer erklärlich, wieso Menschen, die sich gegen die Zerstörungswucht von Assads Kampfjets erhoben haben, nun vor einer Bande maskierter Mörder in die Knie gehen. "Doch gegen Assad war es klarer", versucht ein Geflohener aus Aleppo zu erklären: "Jeder wusste, warum er gegen ihn war. Jetzt ist es weniger klar. Sind die Amerikaner gekommen, uns zu helfen? Die Europäer? Niemand kam, außer den Dschihadis, die sagten, sie seien unsere Brüder." Es kursieren zwar Gerüchte, die ISIS-Terroristen würden für Assad arbeiten. Aber sie geben sich durchaus Mühe, nicht als fünfte Kolonne des Regimes wahrgenommen zu werden. Gelegentlich kämpfen einige von ihnen gegen die Armee wie Anfang August, als zwei Selbstmordattentäter der ISIS die Eroberung eines Militärflughafens bei Aleppo flankierten. Doch das Gros ihrer Kampfkraft setzen sie ein, um im Hinterland der Rebellen Orte und Landstriche unter ihre Kontrolle zu bringen.
Im Gegenzug lässt Assads Regime ISIS unbehelligt. Als Hauptquartier in Rakka hat die Gruppe den Gouverneurspalast bezogen, einen kaum zu verfehlenden, massiven Komplex. Er wurde von Assads Luftwaffe jedoch noch nie angegriffen, ebenso wenig wie die anderen ISIS-Quartiere in und um Rakka.
Die ISIS-Kämpfer folgen einer ausgefeilten Strategie. Dazu gehören Kleinigkeiten wie die angsteinflößende Vermummung. Dazu gehört aber auch eine Kommandostruktur, die in der Lage ist, binnen Stunden Einheiten aus allen Teilen des Nordens zu mobilisieren, falls eine Gruppe irgendwo in Bedrängnis gerät.
Auch die Geiselpolitik der Islamisten gibt Rätsel auf. Als Mónica García Prieto, Frau des Mitte September nördlich von Rakka entführten spanischen Journalisten Javier Espinosa, sich vergangene Woche an die Öffentlichkeit wandte, sprach sie von Erfahrungen, die für alle ISIS-Geiseln gelten. Es gebe "kein Lebenszeichen, keine Lösegeldforderungen, keine Antwort, nichts". Die gefangenen Ausländer, insgesamt etwa 30, und die meisten entführten Syrer werden von den Islamisten weder verkauft noch umgebracht - sondern festgehalten für eine spätere Verwendung, die keiner kennt.
Wer die ISIS-Strategen wirklich sind, das bleibt im Dunkeln. Entgegen der landläufigen Annahme, dass militärisch erfahrene al-Qaida-Kader aus dem Irak das Rückgrat von ISIS stellen, sind die Iraker eine der kleineren Gruppen in dem multinationalen Terrorverband.
Einer der wenigen ISIS-Aussteiger gab gegenüber dem SPIEGEL an, dass von 2650 ausländischen Kämpfern unter ISIS-Kommando im "Emirat Aleppo" ein Drittel Tunesier seien - die größte Gruppe. Mit einigem Abstand folgten Saudi-Araber, Türken und Ägypter, dann erst Tschetschenen und Dagestaner, Iraker, Indonesier; ein paar Europäer seien auch dabei. Insgesamt seien rund 5000 Ausländer bei ISIS. Dazu kämen 2000 Syrer.
Auf amerikanischen Druck hin verkündete die türkische Regierung unlängst, nun gegen den ISIS-Nachschub vorzugehen. Außenminister Ahmed Davutoglu forderte eine bessere Kooperation mit westlichen Nachrichtendiensten, um zu erfahren, wer da einreise. Dabei würde ein Blick in die Passagierlisten der beiden türkischen Fluglinien genügen, die den Flughafen Hatay im Süden der Türkei anfliegen.
Über dieses komfortable Drehkreuz des Qaida-Tourismus reisten bis zum Spätherbst unbehelligt Tunesier, Tschetschenen, Ägypter, Saudi-Araber ein und aus. Man sah sie mit schwerem Gepäck ankommen, sie wurden empfangen und abgeholt. Man sah sie in der Schlange zum Einchecken stehen, wenn sie ausreisen wollten.
Aber niemand stellte Fragen, keiner hielt sie auf. Selbst eine Gruppe tschetschenischer Dschihadisten, die sich in Syrien brüstete, von Interpol gesucht zu werden, flog über Hatay.
Gegenüber dem britischen "Daily Telegraph" dementierte ein türkischer Regierungsvertreter vehement, dass seine Regierung dem Einsickern von Dschihadisten nur zusehe: "Aber solange wir aus deren Heimatländern nicht darüber informiert werden, dass sie al-Qaida-Mitglieder sind - welche rechtliche Grundlage haben wir, sie zu stoppen, solange sie mit einem gültigen Reisepass unterwegs sind?"
Die Dschihadisten kommen, die Syrer gehen: 160 Kilometer östlich des Grenzübergangs sind die aus Rakka geflohenen Bürgerrechtler in der türkischen Stadt Urfa gestrandet. Vorläufig wohnen sie in einem Haus, dessen Miete ein nach Norwegen ausgewanderter Arzt aus Rakka bezahlt.
Auf Dauer bleiben wollen sie nicht, aber die Hoffnung auf Rückkehr haben die meisten aufgegeben. "Wir haben uns von Assad befreit, um dann von Wahnsinnigen gejagt zu werden? Nein." Sie wollen nach Schweden, nach Deutschland, "egal wohin, nur fort", sagt einer.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 51/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SYRIEN:
Die schwarze Macht

  • Eklat in Großbritannien: US-Diplomatenfrau reist nach tödlichem Unfall aus
  • Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen
  • Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung