16.12.2013

AFGHANISTANIn der Falle

Der Mord an einem ehemaligen Dolmetscher der Bundeswehr bringt Berlin in Bedrängnis. Trotzdem will die Regierung nur wenige Helfer vor den Taliban retten.
Es war ein seltsamer Anblick, an diesem Tag im April. Da demonstrierten 16 Afghanen vor dem Feldlager in Kunduz. Bis vor kurzem hatten sie für die Bundeswehr gearbeitet, die meisten als Übersetzer, nun standen sie draußen vor dem Stacheldraht, in den Händen Protestplakate. Sie waren gekommen, um die deutschen Soldaten anzuflehen, sie nicht schutzlos zurückzulassen.
Unter den Demonstranten war auch ein junger Mann mit Ledersandalen. Sein Name lautete Dschawad Wafa, seit Januar 2009 hatte er als Dolmetscher der "Task Force Kunduz" gearbeitet. Er riskierte sein Leben für die Deutschen, dafür bekam er umgerechnet erst 400, später 660 Euro im Monat.
Bis zum Januar, denn da begann die Bundeswehr mit ihrem Abzug aus Afghanistan. Dschawad Wafa und seine Übersetzerkollegen wurden nicht mehr gebraucht, doch im Gegensatz zu den deutschen Soldaten sollten sie bleiben.
Die Bundeswehr-Helfer fürchteten die Rache der Taliban, denn die hatten wiederholt angekündigt, jeden zu töten, der mit den Ausländern zusammengearbeitet habe. Regelmäßig bekommen die Ortskräfte der Deutschen Todesdrohungen. Daher hatten Wafa und seine Kollegen auf ihre Plakate geschrieben: "Wir wollen nicht von den Aufständischen getötet werden. Wir wollen leben".
Am 24. November wurde Wafa tot aufgefunden - im Kofferraum eines blauen Toyota Corolla, mitten in der Stadt Kunduz. Seine Hände waren mit Kabeln auf dem Rücken zusammengebunden. Über seinen Kopf hatte jemand eine Plastiktüte gezogen, das Gesicht war geschwollen und übersät mit großen dunklen Flecken. Um den Nacken wand sich ein Draht. Wafa war offenbar erwürgt worden.
Sein Tod ist ein Drama für die Familie - und ein Problem für die Bundesregierung. Zunächst stand Berlin wegen der restriktiven Haltung beim Umgang mit gefährdeten afghanischen Helfern in der Kritik. Erst durch den öffentlichen Druck, so der verantwortliche General Michael Vetter, habe man Berlin schließlich zu einer halbwegs anständigen Regelung bringen können.
Nicht schnell genug: Mitte vorvergangener Woche nahm eine Sondereinheit der Polizei zwei junge Männer fest, beide hatten Wafa vor seinem Verschwinden verdächtig oft angerufen. Nach mehreren Vernehmungen sind sich die Ermittler sicher, dass die beiden hinter dem Mord an dem Dolmetscher stecken. "Es war eindeutig eine Tat der Taliban", sagt Sarwar Hussaini, Sprecher der Behörde in Kunduz.
Tragisch ist, dass Dolmetscher Wafa bereits eine Aufnahmezusage aus Deutschland hatte, seine Angst war ernst genommen worden. Aber das Verfahren lief zu langsam für Wafa, der mit 25 Jahren starb. Ein ruhiger Mann war er, der Fußball liebte, der an der Universität Englisch studiert hatte und glücklich war über seinen Job bei der Bundeswehr.
Etwa 1500 lokale Helfer haben seit Beginn der Afghanistan-Mission im Jahr 2001 für die Bundeswehr gearbeitet, davon etwa ein Drittel Dolmetscher. 184 dieser sogenannten Ortskräfte erkannte die Bundesregierung Ende Oktober als gefährdet an - und versprach den Männern, ihren Ehefrauen und Kindern Aufenthaltsgenehmigungen für Deutschland. Auch Wafa.
Am Tag nach der Entdeckung seiner Leiche saß die Familie zusammen, die Brüder und Mohammed Nasim, Onkel und Familienoberhaupt. "Dschawad wurde getötet, weil er für die Deutschen gearbeitet hat", sagte Nasim. "Ich habe eine Botschaft an die deutsche Regierung: Als die Ausländer nach Afghanistan kamen, dachten wir, sie würden Frieden und Demokratie bringen. Wir dachten, sie würden uns helfen. Wir hatten keine Vorstellung davon, dass es so enden würde. Was ist das für ein Frieden?" Jetzt seien alle Verwandten in Gefahr. Daher müsse Deutschland nun die gesamte Familie aufnehmen, 20 Menschen.
Genau so etwas will die Bundesregierung verhindern. Sofort nach Wafas Tod prüften deutsche Militärs den Fall und kamen sehr schnell zu dem Schluss, dass Wafa kein Opfer der Taliban sein könne. In internen Papieren der Bundeswehr heißt es, die Islamisten würden ihre Opfer üblicherweise ja nicht erdrosseln. Wafa sei nach Ende seiner Arbeit für die Bundeswehr in das Juweliergeschäft seines Vaters eingestiegen - und solche Händler lebten eben gefährlich. Zudem habe sich keiner der Taliban zu dem Mord bekannt. Ähn-
lich sah das zunächst auch Mirwais Talash, Ermittler der afghanischen Polizei. Er war dabei, als Wafa gefunden wurde. Anwohner, die vom Morgengebet kamen, waren auf das Auto aufmerksam geworden, weil eine Tür offen stand und der Zündschlüssel steckte. Auf seinem Mobiltelefon zeigte der Fahnder in den Tagen danach Bilder vom Fundort: den gekrümmten Leichnam im Kofferraum, die durchsichtige Plastiktüte über dem Kopf. Talash: "Die Taliban hätten eine Nachricht an der Leiche hinterlassen", glaubte er.
Dabei hatte Wafa, als er noch bei der Bundeswehr war, einmal einen Brief vor seiner Tür gefunden. Die Islamisten wüssten, dass er für die Ausländer arbeite, stand darin. Er müsse ihnen Geheimnisse verraten. Wenn nicht, würden sie ihn töten.
Aber Wafa lieferte nichts. Seitdem wurden auch seine Brüder am Telefon von Unbekannten bedroht. Weil die Drohungen in jüngster Zeit zugenommen hatten, zog Wafa mit seiner Familie aus der Innenstadt in ein Haus, in dem einer seiner Brüder lebt. Sie hofften, es werde nicht für lange sein.
Im Herbst fuhren Wafa und seine früheren Kollegen zu dem deutschen Feldlager nahe Mazar-i-Scharif und reichten Ausweispapiere ein. Eine Woche vor seinem Tod reiste Wafa dann nach Kabul, um neue Pässe für die Familie zu beantragen. Alles schien bereit.
Am Sonnabend vor drei Wochen schließlich besuchte er zusammen mit seiner Frau Bibi Zahra und der Tochter den Schwiegervater. Dort bekam er einen Anruf, ein Freund sei bei einem Unfall verletzt worden. Wafa lieh sich den Toyota seines Bruders, um dorthin zu fahren. "Ich weiß nicht, wer ihn angerufen hat, aber ich bin sicher, diese Person hat Dschawad eine Falle gestellt", sagt sein Bruder Hasanzada.
Nachdem sie die beiden Mordverdächtigen festgenommen hatten, fanden afghanische Polizisten schließlich bei ihnen das Handy, von dem aus Wafa angerufen worden war. Einer der beiden Männer heißt Hazbullah Roshan. Er ist der Sohn des regionalen Taliban-Führers Maulawi Roshan. Als geistige Autorität hatte der Talib mit Hasspredigten Attacken auf Truppen der westlichen Allianz befeuert. Deswegen war er auf der Fahndungsliste der Nato-Truppen gelandet. In einer Nacht im Oktober 2010 schließlich umstellten Soldaten des deutschen Kommandos Spezialkräfte dann ein Gehöft bei Kunduz und nahmen Hazbullah Roshans Vater fest.
Doch Dolmetscher Wafa hat offenbar nicht gemerkt, wer ihn da zu einem angeblichen Unfallort rief. Kurz nachdem ihr Mann das Haus verlassen hatte, wählte Zahra seine Nummer. Er antwortete nicht. Als sie es eine Stunde später erneut versuchte, war das Telefon ausgeschaltet. Am Abend riefen die Brüder bei Freunden, Verwandten und früheren Kollegen an, schließlich bei der Polizei, ohne Erfolg. Am Sonntagmorgen aber meldeten sich die Ermittler. Sie baten Mohammed Nasim, Auto und Kleidung des Vermissten zu beschreiben. Da ahnte die Familie, dass Wafa tot war.
Auf einem staubigen Hügel in Kunduz betete kurz danach Aliullah Nazary am Grab seines Freundes. Der 26-Jährige ist der Sprecher der ehemaligen Bundeswehr-Dolmetscher, er arbeitete mit Wafa zusammen in derselben Einheit.
"Ich bin total betäubt", sagte er. "Wenn uns die Deutschen hier nicht rausbringen, droht uns allen das gleiche Schicksal."
Er könne jetzt niemandem mehr vertrauen, so Nazary, er verlasse das Haus noch seltener als zuvor. "Wer sagt, die afghanische Armee und die Polizei könnten die Bevölkerung schützen, der lügt. Sie konnten Dschawad nicht schützen."
Ob Wafas Tod im Chaos der afghanischen Justiz je gesühnt wird, ist zweifelhaft. Obwohl die Ermittler die beiden Festgenommenen für die Mörder halten, wurden diese inzwischen schon wieder freigelassen. Gegen Kaution.
* Mit afghanischen und deutschen Soldaten während seiner Zeit bei der "Task Force Kunduz".
Von Nicola Abé, Matthias Gebauer und Anders Sømme Hammer

DER SPIEGEL 51/2013
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