16.12.2013

Willis Wüstentraum

GLOBAL VILLAGE: Wie ein ehemaliger Fußballmanager die Scheichs in Katar zu besseren Menschen machen will
Bevor er nach Katar aufbrach, bekam Wilfried Lemke einen Zettel geschickt. Darauf stand, er solle seine Redezeit auf dem Podium bitte auf drei Minuten begrenzen. Lemke ist Sonderberater des Uno-Generalsekretärs, zuständig für Sport. "Drei Minuten", ruft er. Wer fährt für drei Minuten nach Katar?
Er steht in der 47. Etage seines Hotels und schaut aus dem Fenster. In der Ferne ragen die Hochhäuser der Hauptstadt Doha in den Wüstenhimmel, unten sind das Khalifa International Stadium und einige Rasenplätze zu sehen. Sie liegen auf dem Sand wie grüne Fußmatten. Lemke blickt auf die Wolkenkratzer, das Stadion und den Rasen und sagt, in 150 Jahren sei das doch alles wieder Wüste.
Er ist nach Katar gekommen, um den Scheichs einige unangenehme Fragen zur Fußball-WM 2022 zu stellen. Im September war herausgekommen, dass über 100 nepalesische und indische Arbeiter, die auf Baustellen beschäftigt waren, offenbar an den Folgen unmenschlicher Arbeitsbedingungen starben. Amnesty International schrieb Mitte November in einem Report, die Lage von Gastarbeitern in der Baubranche sei "grauenhaft".
Die halbe Welt fragt sich seither, ob es richtig war, den Scheichs die WM zu geben. Es melden sich Leute wie DGB-Chef Michael Sommer, die das Turnier am liebsten wieder abziehen würden. Wilfried Lemke, genannt Willi, vertritt jetzt in Doha das Weltgewissen.
Er war 18 Jahre lang Manager von Werder Bremen, später wurde er Bildungssenator. Vor sechs Jahren fragte ihn SPD-Mann Peter Struck, ob er nicht zur Uno gehen wolle. Lemke ist jetzt 67 Jahre alt und Diplomat der Weltorganisation, aber gedanklich ist er noch häufig im Stadion. Er sagt oft "geil" und "scheiße".
Das Schicksal von Katar ist, dass hier alles möglich zu sein scheint. Unter dem Sand lagern 13 Prozent der weltweiten Gasreserven, es gibt Öl und damit sehr viel Geld. Sonst jedoch nichts. Das Land ist eine riesige leere Fläche, die man bespielen kann.
Noch steht kein WM-Stadion. Aber es werden Hotels in den Sand geklotzt, U-Bahn-Schächte ausgehoben und eine Hochgeschwindigkeitstrasse gebaut. Hunderttausende ausländische Arbeiter zogen nach Katar: Philippiner, Inder, Jordanier, Nepalesen. Gleichzeitig kamen viele Baufirmen, auch aus Europa. Sie wollen ebenfalls vom Wüstentraum profitieren. Ein Gewissen kann dabei sehr lästig sein.
Lemke sagt, er trete nicht als Oberlehrer auf. Er will gerade das Hotel zu einem Gespräch mit Scheich Faisal Bin Mubarak al-Thani verlassen, dem Chef der "Doha Goals"-Stiftung, einer Sportorganisation. Sie hat zur Konferenz geladen, bei der sich die Herrscher des Landes Freunde machen wollen. Aber der Scheich sagt kurzfristig ab. Lemke wird noch öfter warten müssen.
Der Deutsche lässt sich durch die Konferenz im Aspire Dome treiben, einer gigantischen Mehrzweckhalle. Gekommen sind 150 Redner aus der Welt des Sports, dazu Athleten, Rechtehändler, Marketingleute, Berater. Boris Becker und Katarina Witt sind auch hier. Es wird viel über die WM gesprochen, nicht wegen der toten Nepalesen, sondern wegen der Deals, die bis 2022 noch abzuschließen sind.
Angeblich soll die Tagung mehrere Millionen Dollar kosten. Es ist die katarische Art, sich wichtige Leute gewogen zu machen. Im Februar kam Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern mit zwei Rolex aus Katar zurück, er vergaß nur, sie auf der Rückreise beim deutschen Zoll anzumelden, wie sich das gehört. Rummenigge sagte, die Uhren habe ihm sein Gastgeber geschenkt.
Man trifft in Doha aber auch Leute, die weniger gut vernetzt sind als Rummenigge. Sie schuften bis spät am Abend und schlafen danach in Baracken, wie Dupendra aus Nepal. Er ist 20 und friert im Wind an einem Hotelpool in Doha City, den er im Auftrag einer Sicherheitsfirma bewacht; zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
Dafür bekommt er umgerechnet 300 Euro im Monat. Die Agentur in Nepal, die den Job vermittelt hat, stellte ihm 1400 Euro in Rechnung. Auf die Frage, ob er den Umzug bereue, zuckt Dupendra mit den Schultern: "Was soll ich sonst machen?"
Willi Lemke blättert später im Wagen zurück zum Flughafen die Visitenkarten durch. Am Ende hat er sogar doch noch einen Termin bei Scheich Faisal bekommen. Lemke hatte den Eindruck, dass in Katar genau beobachtet wird, wer im Westen Kritik äußert. Die Herrscher missbilligen die Kritik und sind der Auffassung, dass man Konflikte besser im persönlichen Gespräch klärt. Rummenigge mit seinen Uhren findet Katar doch auch nicht böse. Einer der Scheichs wollte wissen, warum Michael Sommer vom DGB nicht mal vorbeikommt.
Lemke will warten, ob sich bis zum Frühjahr an den Bedingungen für die Arbeiter etwas ändert. Gegebenenfalls werde er den Druck erhöhen. Eine Londoner Anwaltskanzlei untersucht derzeit die Fälle der toten Nepalesen.
In den zwei Tagen kam Willi Lemke der Macht im Emirat in kleinen Schritten näher. Er hofft, dass er jemanden in Katar davon überzeugen kann, seine Uno-Jugendcamps finanziell zu unterstützen, die er mehrmals im Jahr für talentierte junge Menschen aus armen Ländern organisiert. Ein paar Millionen wären für den Emir eine Kleinigkeit.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 51/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Willis Wüstentraum

  • Videoumfrage zu Mobbing: "Die haben mich bis nach Hause verfolgt"
  • Unwetter in Spanien: "Es war plötzlich alles überflutet."
  • Proteste in Hongkong: "Die Briten sind moralisch dazu verpflichtet, zu helfen"
  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach