16.12.2013

UMWELTSterbehilfe für den Salzsee

Ein „historisches Abkommen“ zwischen Israel, Jordanien und den Palästinensern soll das Tote Meer retten. Doch es könnte mehr schaden als nützen.
Das Tote Meer, ein türkisblau schimmernder Salzsee mitten in der Wüste, bleibt selbst im Sterben noch ein mystischer Ort. Geisterhaft ragen Bootsstege an verlassenen Orten ins Leere, denn der Wasserspiegel sinkt und sinkt, jedes Jahr um einen Meter, und der See schwindet dahin, weil die Menschen ihm das Wasser entziehen.
Wo das Nass weicht, bröselt die Küste. Schon ist sie durchlöchert von tiefen Kratern, die unvermittelt aufreißen können. Dennoch lockt der See, siechende Schönheit, die Menschen noch immer an seine Ufer.
Es fragt sich nur, wie lange noch.
Zwar soll das Tote Meer jetzt gerettet werden. Doch die Pläne seiner selbsternannten Retter könnten sich als Sterbehilfe erweisen.
Vorige Woche haben sich der israelische Energieminister Silvan Schalom, sein jordanischer und sein palästinensischer Amtskollege auf ein gemeinsames Projekt geeinigt, das, so hieß es feierlich, das Tote Meer vor dem Austrocknen bewahren wird. Zugleich soll das "historische Abkommen" (Schalom) die Wasserversorgung für die notorisch dürre Region sichern - und ein Zeichen der Völkerverständigung in Nahost setzen.
Für zahlreiche Umweltschützer und 20 palästinensische NGOs, die sich im Vorfeld gegen das Projekt ausgesprochen hatten, ist die bejubelte Vereinbarung allerdings nichts als Makulatur.
Geplant ist der Bau einer Entsalzungsanlage im jordanischen Akaba am Roten Meer, die sowohl die israelische Nachbarstadt Eilat als auch den Süden Jordaniens mit Süßwasser versorgen soll. Die Sole, die dabei entsteht, soll durch eine Pipeline ins 180 Kilometer entfernte Tote Meer gepumpt werden.
Wird der Schwund des Toten Meeres so gestoppt?
"Schwachsinn", sagt Gidon Bromberg dazu bloß. Der Jurist beschäftigt sich als israelischer Direktor der Umweltorganisation Friends of the Earth Middle East seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Toten Meer.
Was jetzt stattfinde, sagt Bromberg, sei kein bahnbrechendes Projekt zur Rettung des Salzsees, sondern schlicht ein Wasseraustausch. Israel und Jordanien wollten ihre Wasserversorgung ausbauen, und die angebliche Öko-Rettungsaktion eigne sich vorzüglich, um dafür internationale Gelder einzutreiben.
Bromberg ist nicht der Einzige, der so denkt. Allein schon weil die 200 Millionen Kubikmeter Sole, die frühestens ab 2017 jährlich ins Tote Meer gepumpt werden sollen, nur etwa ein Zehntel der Wassermenge ausmachen, die nötig wäre, um den Rückzug des Sees aufzuhalten.
"Die Wassermenge ist nicht ausreichend", sagt auch der Hydrogeologe Christian Siebert vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, der erkundet, wie sich das Absinken des Toten Meeres auf die Grundwasserspeicher der Region auswirkt. "Und die ökologischen Folgen sind nicht absehbar."
Was Siebert und die Umweltschützer umtreibt, ist die Frage, was geschieht, wenn sich Meer- und Seewasser mischen.
Experimente israelischer Mikrobiologen im Auftrag des Geological Survey of Israel zeigen, dass die Infusion aus dem Roten Meer ökologisch katastrophale Folgen fürs Tote Meer haben könnte. Zu befürchten ist
‣ ein unkontrolliertes Wachstum roter oder grüner Algen,
‣ die Ausbreitung von Bakterien,
‣ eine rostrote Färbung des Sees
‣ und die Bildung weißer Gipskristalle an der Wasseroberfläche.
"Der See wäre völlig eingetrübt", sagt Hydrogeologe Siebert. Möglich wäre auch, dass sich das Wasser aus dem Roten und das aus dem Toten Meer wegen der unterschiedlichen Dichten nicht durchgängig mischen, sondern schichten würde. Im schlimmsten Fall, so Siebert, könnten sich Mikroorganismen ansiedeln, die Gips in giftigen, faulig stinkenden Schwefelwasserstoff umwandeln.
Die Sole, das Abfallprodukt der Meerwasserentsalzung, ist zudem meist mit Chemikalien und Kupfer verunreinigt.
Bisher rühmten vor allem Menschen mit Hautkrankheiten das Tote Meer wegen der Heilkraft seines Wassers. Aber wer will noch baden in einem übelriechenden See voller chemischer Abfälle?
Wer das Tote Meer retten will, da sind sich der Deutsche Siebert und der Israeli Bromberg einig, muss erst mal den Jordan retten. Der speiste einst den Salzsee. Jetzt ist der Zufluss beinahe versiegt; genau das ist das Problem. Der biblische Strom ist heute ein erbärmliches, verdrecktes Rinnsal.
Unglaubliche 98 Prozent des Jordanwassers werden von den Anrainerstaaten abgezweigt, mehr als die Hälfte davon beansprucht Israel. Bis vor zwei Jahren teilten sich Syrien und Jordanien den Rest; durch den Bürgerkrieg bleiben die Syrer mittlerweile weitgehend außen vor. Bei den Palästinensern kommen noch etwa fünf Prozent an.
Um den Fluss wiederherzustellen, müssten Israel und Jordanien auf ein Drittel des Jordanwassers verzichten. Ein hehres Ziel in einer Region, in der Wasser immer auch Waffe ist, Machtinstrument.
Gidon Bromberg hat deswegen eine andere Lösung im Kopf: Die Chemiefirmen an den Ufern des Toten Meeres, vor allem die israelische Dead Sea Works Company und die jordanische Arab Potash Company, sollen endlich etwas abgeben von den Millionenumsätzen, die sie mit Salzen und anderen Mineralien machen.
Um diese Stoffe zu gewinnen, lassen die Unternehmen im großen Stil Wasser aus dem Salzsee verdunsten. Für das kostbare Nass zahlen sie - nichts.
Von Julia Amalia Heyer und Samiha Shafy

DER SPIEGEL 51/2013
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