16.12.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Lästig sein“

Bayern-Kapitän Philipp Lahm, 30, über den Stil von Trainer Pep Guardiola, die Lust an seiner neuen Rolle im Mittelfeld und respektlose junge Spieler
SPIEGEL: Herr Lahm, Sie durften den Weltfußballer des Jahres mitwählen und standen selbst als Kandidat zur Wahl. Wem haben Sie Ihre drei Stimmen gegeben?
Lahm: Meine Nummer eins ist Franck Ribéry, vor Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.
SPIEGEL: Warum haben Sie ausschließlich Offensivspieler gewählt?
Lahm: Die Zuschauer möchten doch im Stadion ein Spektakel erleben. Sie wollen sehen, wie ein Spieler ein, zwei Gegner stehenlässt und aufs Tor schießt.
SPIEGEL: Über den Weltfußballer stimmen aber keine Zuschauer ab, sondern Experten. Als Defensivspieler waren Sie bei der Wahl krasser Außenseiter. Wieso haben Sie nicht einmal unter Fachleuten eine Chance, zum besten Fußballer auf Erden ernannt zu werden?
Lahm: Es zählen Talent, Technik, Dribbling, Tore. Weniger das gute, intelligente Stellungsspiel.
SPIEGEL: Ist das nicht ungerecht? Sie gelten als einer der besten Außenverteidiger und spielen inzwischen meist zentral vor der Abwehr, auf der wohl wichtigsten Position des modernen Fußballs. Sie müssen als sogenannter Sechser dem Gegner den Ball abluchsen und mit einem Pass den Angriff einleiten. Ziemlich anspruchsvoll.
Lahm: Trotzdem: Wenn man ein Spiel gewinnen will, muss vorne etwas passieren. Franck hat mit uns beim FC Bayern alles gewonnen, Pokal, Meisterschaft, Champions League und den europäischen Supercup. Ronaldos Schusstechnik und Kopfballspiel sind überragend, außerdem macht er entscheidende Tore. Messi hat einmal in einem Jahr fast hundert Treffer erzielt. Wenn das nicht die drei Top-Fußballer sein sollen, wer dann?
SPIEGEL: Ihr Münchner Trainer Pep Guardiola schwärmt, Sie seien "der intelligenteste Spieler, den ich je trainiert habe". Wie meint er das?
Lahm: Das müssten Sie eigentlich Pep Guardiola selber fragen. Ich glaube, dass ich Situationen gut erfassen kann. Nach zehn Jahren als Profi weiß ich, was auf welcher Position zu tun ist, und ich handle schnell. Diese Kompetenz, schnell und präzise Entscheidungen zu treffen, wird im modernen Fußball immer wichtiger.
SPIEGEL: Sie haben zehn Jahre lang Außenverteidiger gespielt. Brauchten Sie den Reiz des Neuen?
Lahm: Ich finde es spannend, aus meiner Routine herauszugehen. Es fordert mich
geistig, im Zentrum zu spielen. Ich habe viel mehr Ballkontakte. Als Außenverteidiger habe ich jede denkbare Situation schon erlebt.
SPIEGEL: Profitieren Sie besonders von Guardiola?
Lahm: Ich profitiere von der Entwicklung durch die Trainer der vergangenen Jahre. Angefangen bei Louis van Gaal, der Struktur in unsere Spielweise gebracht hat. Jupp Heynckes hat das verfeinert, die Defensive gestärkt und die richtigen Leute dazugeholt. Pep Guardiola arbeitet taktisch überragend gut. Er sagt uns, wie wir noch effektiver werden können. Das musste die Mannschaft allerdings erst mal verstehen.
SPIEGEL: Hat sie das jetzt?
Lahm: Im Grunde ja. Es geht noch um Feinheiten, darum, Automatismen zu verändern. Eine Viererkette in der Abwehr bleibt eine Viererkette, aber wie sie und das Mittelfeld sich bewegen, das hat sich leicht verändert. Es braucht Zeit, bis so etwas bei allen sitzt.
SPIEGEL: Welche Rolle fällt Ihnen als Kapitän in dem Prozess zu?
Lahm: Aufgabe jedes Führungsspielers ist es, die Ideen des Trainers auf den Platz zu transportieren und umzusetzen. Also eine Vermittler- und Kommunikatorrolle, wenn man so will. Es war sicherlich kein Nachteil für den Trainer, dass ich mich auf das Experiment eingelassen habe, die Position auf dem Platz zu wechseln.
SPIEGEL: Was zeichnet den Guardiola-Stil aus?
Lahm: Der heutige Fußball, nicht nur bei uns, lebt von aggressiver Defensive ...
SPIEGEL: ... was nicht mehr heißt: den Gegner weggrätschen.
Lahm: Nein, es heißt: stören. Gut anlaufen, unter Druck setzen, ihm keine Zeit lassen. Lästig sein.
SPIEGEL: Wie muss Ihr Team spielen, damit Guardiola zufrieden ist?
Lahm: Er will, dass wir das Spiel dominieren. Wenige Torchancen zulassen, Ballbesitz haben, eigene Tormöglichkeiten erzeugen, sie verwerten und am Ende gewinnen.
SPIEGEL: Trotz seines erfolgreichen ersten halben Jahres in München wirkt er, als genüge das Spiel der Mannschaft seinen Ansprüchen bislang nicht. Ist das so?
Lahm: Da ist schon noch Luft nach oben. Wir müssen es noch hinkriegen, alle drei Tage gut zu spielen. In der Champions League haben wir bei Manchester City überragend gespielt, vorige Woche aber nur 20 Minuten lang - und verloren. Wenn zwei, drei Spieler ein bisschen nachlassen, dann wird es für uns immer gefährlich gegen solche Teams.
SPIEGEL: Egal ob im Training oder im Spiel: Guardiola gestikuliert oder redet fast permanent. Wie sehr nimmt er Einfluss?
Lahm: Er hat einen akribischen und zielsicheren Blick für Kleinigkeiten, auch für Details beim Gegner. Es geht bei uns meistens um Kleinigkeiten: ob sich der Außenverteidiger mehr innen anbieten soll, ob Positionen getauscht werden, wohin einzelne Spieler sich orientieren sollen, um mehr Raum zu haben.
SPIEGEL: Guardiola sagt, auf der Sechser-Position werde die Mannschaft zusammengehalten. Können Sie von dort aus das Spiel stärker beeinflussen?
Lahm: Ja. Vielleicht weil man dort mehr Ballkontakte hat. Dort entscheidet sich oft, wie das Spiel aufgebaut wird: über links, rechts oder die Mitte. Im Mittelfeld liegt der ganze Korridor vor mir.
SPIEGEL: Unter Bundestrainer Joachim Löw sind Sie fast immer Außenverteidiger. Müsste Löw Sie nicht auch ins Mittelfeld stellen?
Lahm: Nein. Ich möchte lediglich vor der Weltmeisterschaft wissen, für welche Position ich in der Nationalmannschaft vorgesehen bin.
SPIEGEL: Bis wann wollen Sie darüber Klarheit haben?
Lahm: Spätestens beim WM-Vorbereitungslehrgang im Mai.
SPIEGEL: Bastian Schweinsteiger deutete nach der vorigen Europameisterschaft an, es habe an Teamgeist gemangelt. Was würden Sie in dem Fall unternehmen?
Lahm: Ohne auf das konkrete Beispiel einzugehen: Wir werden wochenlang zusammen sein, da wird es auch auf die Stimmung ankommen. Wenn einer nicht mitziehen würde, würde ich darauf einwirken. Wir haben eine große Chance, bei dem Turnier etwas zu erreichen. Die wollen wir nicht verstreichen lassen.
SPIEGEL: Während sich viele Kollegen aus Nationalelf und Bundesliga mit Verletzungen herumplagen, scheinen Sie wenig anfällig zu sein. Warum?
Lahm: Ich habe das Glück, einen unempfindlichen Körper zu haben. Vor allem habe ich mein Privatleben auf den Profisport eingestellt. Ich finde sehr viel Ruhe bei meiner Familie. Wenn wir alle drei Tage spielen, muss ich mir vorher sehr gut überlegen, an welchem Tag ich mich wie lange ins Restaurant setze und das Leben genieße. Viele Tage bleiben dafür nicht. Und natürlich: Massage, Stretching, auch mal im Training das Tempo herausnehmen, sich etwas weniger belasten - das sind alles wichtige Faktoren.
SPIEGEL: Sie haben gerade eine Ihrer seltenen Muskelverletzungen, eine Zerrung, auskuriert. Mit der Rückkehr schienen Sie es nicht so eilig zu haben.
Lahm: Wenn man etwas abbekommen hat, dann sagt der Körper ja nichts anderes als: Stopp! Auf Biegen und Brechen wieder spielen zu wollen, das geht meistens schief. Für mich kam das einfach zu früh, ich habe noch etwas im Oberschenkel gespürt. Dann gehe ich das Risiko nicht ein.
SPIEGEL: Früher hätten Sie gewaltig an Respekt eingebüßt, wenn Sie nicht die Zähne zusammengebissen und gespielt hätten.
Lahm: So etwas kommt heute auch noch vor. Aber zu mir sagt das keiner. Die wissen schon, dass ich nicht mit Wehwehchen einfach so zu Hause bleiben würde.
SPIEGEL: Schweinsteiger sagte, er habe seine Verletzung im Vorjahr nicht richtig auskuriert und zu früh wieder angefangen. Nun fehlt er erneut, wegen einer Operation am lädierten Knöchel. Ahnten Sie, dass er noch nicht fit war, als er wieder spielte?
Lahm: Vor uns konnte er natürlich nicht verbergen, dass er immer noch Probleme hat. Er hat manchmal gesagt: "Das gibt es doch gar nicht, ich habe immer noch Schmerzen." So etwas hemmt jeden Spieler. Man ist im Kopf nicht mehr frei, wenn der Körper nicht mitmacht.
SPIEGEL: Sami Khedira hat einen Kreuzbandriss erlitten und müsste so schnell wie möglich wieder spielen, um seine Chance auf eine WM-Teilnahme zu wahren. Was raten Sie ihm?
Lahm: Sami muss Geduld haben, er darf sich nicht verrückt machen lassen. Wenn für ihn alles perfekt läuft, wird er das Turnier spielen. Aber eines sollte er auf keinen Fall tun: sich einen festen Termin setzen, wann er wieder einsteigen will. Man macht sich damit unnötig Druck. Wenn man diese Prognosen nicht einhalten kann, weil der Körper einfach noch nicht so weit ist, dann wird man unruhig. Wenn er es am Ende nicht rechtzeitig schaffen sollte, wäre das schlimm für ihn, schlimm für unsere Mannschaft. Aber davon würde die Welt nicht untergehen. Wirklich schlimm wäre es, wenn er zu früh anfinge und danach doppelt so lange ausfiele.
SPIEGEL: In der Champions League haben Sie Ihren ersten internationalen Titel geholt. Sie mussten lange auf einen solchen Erfolg warten. Nimmt Ihnen das ein wenig Last vor der bevorstehenden WM?
Lahm: Nein. Es ist schön zu wissen, dass man so einen Titel gewinnen kann. Aber mit der Nationalmannschaft geht es um einen ganz anderen Titel. Weltmeister kann man nur alle vier Jahre werden.
SPIEGEL: Als Nationalspieler hat Sie der Europacup-Triumph nichts gelehrt?
Lahm: Doch: Erst durch einen solchen Titel lernt man, was wichtig für eine Mannschaft ist. Der Kader muss zusammenhalten, jeder Spieler muss das Gefühl haben, gebraucht zu werden, auch wenn er nur von der Bank kommt. Man holt solche Titel nur, wenn das Gefüge passt.
SPIEGEL: Sie gehörten zu den Talenten, die Deutschlands Fußball wieder aufgerichtet haben und 2006 das Sommermärchen auslösten. Mittlerweile sind Sie 30 Jahre alt, und die nächste Generation im Profifußball taucht auf. Ist sie anders als Ihre?
Lahm: Definitiv. Ich habe als junger Spieler noch eine andere Generation etablierter Spieler erlebt. Damals war es nicht so leicht, als Jugendspieler nach oben zu kommen. Die Alten haben ihre Plätze auf Teufel komm raus verteidigt, teilweise auf fragwürdige Art. Der Umgang untereinander war viel rauer. Heute ist das ganz anders.
SPIEGEL: Wie denn?
Lahm: Der Altersschnitt hat sich insgesamt nach unten verschoben. Dadurch ist es viel einfacher, in den Kreis der Profis zu stoßen. Ein junger Spieler wird eher danach bewertet, was er kann - und nicht danach, wie alt er ist. Wenn er die Mannschaft weiterbringen könnte, dann bekommt er die Chance, das zu zeigen.
SPIEGEL: Hört sich fast paradiesisch an.
Lahm: Ob dadurch alles besser geworden ist, das ist eine andere Frage. Manchmal vermisse ich bei einigen jungen Spielern den Respekt vor Älteren, etwa wenn es darum geht, wer vor und nach dem Training die Bälle oder Tore trägt. Etwas mehr Demut täte manchmal gut.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich denn als Frischling verhalten?
Lahm: Wenn wir früher zum Aufwärmen ein Kreisspiel gemacht haben, fünf gegen zwei, bei dem man nach einem Fehlpass in die Mitte musste, wäre ich nie auf die Idee gekommen, mit einem Älteren darüber zu diskutieren, ob mein Anspiel zu schlecht war oder er den Ball einfach nicht richtig gestoppt hat. Heute ist es fast selbstverständlich, über all diese Dinge zu reden.
SPIEGEL: Wie beenden Sie solche Diskussionen?
Lahm: Indem ich die Spieler einfach in die Kreismitte schicke. Ein Mitspracherecht und ein regelmäßiger Austausch mit allen sind wichtig, aber ganz ohne Hierarchien funktioniert es nicht, dann würde auf dem Platz Chaos herrschen.
SPIEGEL: Bleiben Sie da eher sachlich?
Lahm: Sehr lange, ja. Wenn es allerdings achtmal vorkommt, wird der Ton schon mal etwas lauter, schärfer. Ich bin aber nicht der Typ, der ausrastet. Dafür ist mir meine Energie zu wertvoll.
SPIEGEL: Wonach fragen die jüngeren Kollegen Sie, wenn sie Rat brauchen?
Lahm: Das sind vor allem Fußballfragen. Ansonsten wissen die alle schon selber, was sie dürfen und was nicht. Die lesen ja auch Zeitung und wissen, dass am nächsten Tag sofort groß berichtet würde, wenn mal einer zwei Tage vorm Spiel nachts irgendwo herumhinge.
SPIEGEL: Sie werden aber nicht als der langweilige Kapitän wahrgenommen, der abends um neun zu Bett geht und das Nachtleben kaum kennt?
Lahm: Ich glaube nicht. Ich hoffe es zumindest.
SPIEGEL: Herr Lahm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Rafael Buschmann und Detlef Hacke.
Von Rafael Buschmann und Detlef Hacke

DER SPIEGEL 51/2013
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