16.12.2013

DEBATTEVersuch und Irrtum

Warum die Kampagne zur Abschaffung der Prostitution naiv und herablassend ist
Ich verstehe nicht, wie man homosexuell sein kann", sagte der Wiener Kulturhistoriker Egon Friedell einmal. "Das Normale ist doch schon unangenehm genug!"
So ist das mit dem Sex: Für jeden bedeutet er etwas anderes, im Laufe des Lebens ändert sich auch das immerfort, und dass zwei Menschen zur selben Zeit dasselbe wollen, kann als glücklicher Umstand gelten.
Der komplizierten Lage zum Trotz hat sich unter der Führung von Alice Schwarzer eine Bewegung entwickelt, die eins genau weiß: Prostitution ist böse, sie soll geächtet und abgeschafft werden. Den Aufruf haben schon eine Menge Leute unterschrieben, von denen nicht bekannt ist, dass sie sich in dem Thema auskennen, und vermutlich würden Maria Furtwängler, Hannes Jaenicke, Margot Käßmann und Silvana Koch-Mehrin eine Nachfrage zu persönlichen Erfahrungen auch abschlägig bescheiden, gerade weil sie käuflichen Sex für verächtlich halten. Das macht natürlich nichts, wenn man Prostitution für ein Verbrechen hält. Man muss ja auch nicht selbst beklaut worden sein, um etwas gegen Diebstahl zu haben.
Aber man sollte doch zwei Dinge auseinanderhalten, nämlich Politik und das private Leben. Die Bekämpfung des Verbrechens gehört zur Politik. Die Frage, wann "der wechselseitige Gebrauch von eines anderen Geschlechtsorganen", wie Immanuel Kant das formulierte, zum persönlichen Glück beiträgt, kann nur von den Beteiligten selbst entschieden werden.
Der Aufruf zur Abschaffung der Prostitution geht von einer Menge Vermutungen aus, die allesamt nicht belegbar sind. Ob die Zahl der Prostituierten in der Bundesrepublik seit der Gesetzesnovelle 2002, die das angeblich älteste Gewerbe der Welt aus der Sittenwidrigkeit geholt hat, um 30 oder 150 Prozent gestiegen ist, weiß kein Mensch. Es gibt auch keine soliden Zahlen darüber, wie hoch der Anteil jener Prostituierten ist, die verschleppt worden sind und unter Gewaltandrohung "arbeiten", also missbraucht werden.
Für die Gegenwart darf man festhalten: Menschenhandel, Gewaltandrohung und Freiheitsberaubung sind bereits strafbar. Bei der Frage, wie man die Opfer schützt und rehabilitiert und wie man die Täter findet und bestraft, sollte man sich danach richten, was die Opfer und die Ermittlungsbehörden für sinnvoll halten. Und hier darf gerade nicht gesellschaftliche Stimmung, sondern muss allein die Effizienz entscheiden. Es ist ein Prozess von Versuch und Irrtum, wie die Politik insgesamt.
Die Ächtung von käuflichem Sex aber hat damit grundsätzlich nichts zu tun.
Die harmonische Verbindung von Geist, Körper und Seele mit einer passenden Biografie ist ein Ideal unserer Zeit. Wir sollen alle möglichst mit uns identisch sein. Dennoch findet man es allgemein wenig anstößig, wenn ein humanistisch gebildeter Hedgefonds-Manager Anleihen verkauft, die ihre Rendite der Kinderarbeit in afrikanischen Kobaltminen verdanken oder die Umwelt nachhaltig schädigen. Er ist eben jung und braucht das Geld, und dass er dabei möglicherweise auch gegen die eigenen moralischen Grundsätze verstößt, betrachten wir nicht als Skandal, sondern als Betriebsunfall des Kapitalismus. Wenn aber eine Frau oder ein Mann sich nicht geistig prostituiert, sondern körperlich, dann soll das skandalöser sein? Warum soll die leibliche Integrität mehr gelten als die geistige und moralische?
Die Verkoppelung von Sexualität und Gefühl ist eine Spielart des Menschlichen, so wie deren Gegenteil auch. Schon die Antike diskutiert die Frage, um welcher Vorteile willen ein Jüngling sich zum Geliebten eines älteren Mannes machen soll und wie viel "Beziehung" dafür erforderlich ist. Die weibliche Prostituierte kommt in der Kulturgeschichte als böse Verführerin vor und als vulgäre Bedrohung, als armes Hascherl, als tragische Heldin, als souveräne Hetäre, gebildete Konkubine und als glücksspendende Befreierin männlicher Sexualität; bei männlicher Prostitution ist das Panorama beinahe ebenso groß. Es gibt keinen historisch übergreifenden Maßstab dafür, was "normal" ist in der menschlichen Sexualität, so wie es keine Norm gibt für Mutterliebe, romantische Liebe, freundschaftliche Zuneigung. All das, wie jede Art von Gefühl, ist nie "eigentlich" zu besichtigen, sondern immer nur als persönliche, also auch gesellschaftlich geformte Erfahrung.
Welche Anmaßung liegt darin, erotische Beziehungen einer sittlichen Norm zu unterwerfen! Ist es für die Seele gesund, wenn eine Frau mit ihrem Mann schläft, um ihn nicht zu enttäuschen? Das hängt wohl von ihrer Einstellung ab - und von der ihres Mannes auch.
Seit Jahrzehnten schon leben wir in Verhältnissen, die weniger prüde und zugleich wohlhabender sind denn je. Frauen sind nicht auf Heirat angewiesen, um Armut oder gesellschaftliche Ächtung zu vermeiden. Egon Friedell müsste Homosexualität nicht mehr fürchten. Erotische Erfüllung ist, für alle Geschlechter, ein anerkannter Aspekt menschlichen Glücks. Dennoch gibt es Menschen, die ihre Sexualität nicht so leben, wie die Viktorianerin Alice Schwarzer das offenbar gern hätte: immer schön in Beziehung, aufrichtig und als ganzer Mensch.
Ich habe nicht das Geringste gegen die Blümchenvariante, zumal es auch die meine ist. Aber ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die alles andere für krank oder verachtenswert erklärt.
Die Politik ist das Reich des Utilitarismus; hier muss sachlich abgewogen werden, wie möglichst viel Leid für möglichst viele Menschen zu verhindern ist. Das gilt für jede Art der Ausbeutung, für jede Form sozialen und materiellen Elends. Alles andere aber ist alles andere - und möge es bitte bleiben. ◆
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 51/2013
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