16.12.2013

KINOSanfte Unerbittlichkeit

In Cannes gewann das dreistündige Epos „Blau ist eine warme Farbe“ die Goldene Palme. Schlagzeilen macht der Film aus einem anderen Grund: Er zeigt ausgiebig Sex zwischen Frauen.
Wenn eine halbwüchsige Schülerin mit verschlafenem Blick an einem hellgrauen Morgen ein Reihenhaus in einer französischen Provinzstadt verlässt, sich im fohlenhaften Lauf zur Bushaltestelle noch das T-Shirt in die Jeans stopft und die Haare aus der Stirn bläst, während die Schultertasche träge an ihrer Seite baumelt - was für einen Film sehen wir dann?
Die Musik könnte Auskunft geben, ob es sich um einen Krimi handelt (das Mädchen wird entführt, möglicherweise getötet), ein Sozialdrama (der Vater ist verschuldet und landet wegen Betrugs im Gefängnis), eine Familiengeschichte (sie ist schwanger mit Zwillingen, die Eltern lassen sich scheiden) oder einen Werbefilm des regionalen Verkehrsverbunds, für den das Budget nicht groß genug war, um auf die Sonne zu warten.
Aber in "Blau ist eine warme Farbe", dem diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, wird die Musik nur sparsam eingesetzt. Man hört sie, wenn sie auch real dazugehören würde - in der Disco, bei einer Fête, beim Rhythmus- und Sprachunterricht in der Vorschule. Und einmal, als die beiden Hauptfiguren durch eine Ausstellung klassischer Skulpturen und alter Malerei wandern, vorbei an glatten, ideal geformten Körpern, an schmachtenden Leinwandfiguren, mit Gaze überhauchten Schenkeln und Busen, betörten weiblichen Blicken der Helenas, Dianas und Aphrodites: Da wird im Hintergrund der langsame Satz des Klarinettenkonzerts von Mozart gespielt, der zur Filmgeschichte gehört, seit Robert Redford zu dieser Musik der Verzögerung und Hingabe Meryl Streep in Kenia die Haare shampoonierte.
Nach dieser Szene wird es wieder stumm: Da folgen wir den beiden in die Wohnung von Emma, wo es mit der Verzögerung ein Ende hat und sich die Hingabe entfaltet. Ohne Musik.
Also begreift man erst langsam, um was für eine Art Film es sich handelt bei diesem dreistündigen Epos, das im Original "La Vie d'Adèle, chapitres 1 & 2" betitelt ist, ausgehend von einem Comic-Roman der Französin Julie Maroh und wiederum im Zwiegespräch mit einem Roman des Frühaufklärers Pierre Carlet de Marivaux: Der publizierte gut 40 Jahre vor der Französischen Revolution "La Vie de Marianne", eine psychologisch feine Lebensgeschichte in Briefen, die von der ersten Liebe eines jungen Mädchens handelt. Mariannes Herkunft ist ungewiss - weshalb sie als Modell des jungen Mädchens schlechthin fungieren kann -, ihre Moral ist hoch - weshalb sie zum Vorbild prädestiniert ist -, aber ihre Fähigkeit zur Selbstbeobachtung ist derart ausgeprägt, dass sie jede Idealisierung, jede Konformität zugleich zunichtemacht.
Sie ist in Aufrichtigkeit und Präzision eine Schwester der klugen Heldinnen Jane Austens, die keine Expedition in die Tiefen ihrer schmalen Erfahrung scheuen, um auf den Begriff zu bringen, was ihnen widerfährt. Denn sie sind alle gebildet genug, um zu wissen: Wir begreifen erst, was wir fühlen, wenn wir es denken können. Und wie könnten wir es denken, ohne die rechten Worte dafür zu finden? Wie können wir wissen, was wir erleben, wenn das Erleben sprachlos bleibt, ohne Vergleich, ohne Analyse, ohne den Maßstab der Reflexion?
Wir sehen also einen Bildungsroman. Allerdings einen mit Sex. Die explizite Darstellung des ersten Liebesakts zwischen der 17-jährigen Adèle und der jungen Erwachsenen Emma in "Blau ist eine warme Farbe", eine Szene von gut sechs Minuten, hat in der internationalen Presse zu Diskussionen geführt: Ist das nun Pornografie, was da in aller Nüchternheit gezeigt wird, so nüchtern, wie der Film insgesamt in seiner Sprache ist?
Denn "Blau ist eine warme Farbe" verzichtet nicht nur beinahe gänzlich auf musikalische Stimmungsverstärker, sondern auch auf erhebende Lichtregie, radikale Schnitte und opulente Großaufnahmen. Der Regisseur und Drehbuchautor Abdellatif Kechiche, 53, setzt stattdessen auf einen Verismus, der wiederum nichts Grausames hat, sondern eher dem menschlichen Auge angepasst wirkt.
Wir sind da, wo wir immer sind - in der unvollkommenen Wirklichkeit, in der Spaghettisauce an den Mundrändern hängen bleibt und die Haare am Ansatz fettig sind. Und in der Adèle (Adèle Exarchopoulos) und Emma (Léa Seydoux), als sie die Kunstausstellung verlassen, in der Versuchung und Verführung ästhetisch zelebriert werden und von allen Wänden locken, wieder allein sind mit der ersten Gewissheit ihrer Verliebtheit, mit ihrem Verlangen und ihrer Furcht vor Entblößung, mit ihrer Sehnsucht und ihrer Scheu.
Wie sie sich dann gegenseitig in den sexuellen Taumel führen, in die Erforschung ihrer Lust und in die Selbstvergessenheit des absoluten Erlebens - das wird, in der Tat, nicht im Geringsten pornografisch gezeigt. Sondern in jenem Modus protokollarischer, menschenfreundlicher Nüchternheit, die diesem meisterhaften Film insgesamt eigen ist.
Wir sehen eine Coming-of-Age-Geschichte, und wir sehen die Geschichte eines Coming-out. Wir sehen, wie Adèle, ein Teenager ohne erkennbare Besonderheit, ihr tägliches Pensum absolviert: den kleinen Lauf die Straße hinunter, um den Bus nicht zu verpassen. Die Ankunft auf dem Schulhof, wo die Freundinnen-Clique wartet. Die kleinen Flirts, die verstohlenen Blicke von Jungen und Mädchen, hin und her. Die Abendessen zu Hause, wo man bei Spaghetti Bolognese fernsieht und dabei ein paar Sätze spricht: Wie war dein Tag? Du siehst müde aus. Willst du noch Wein?
Und wir sind Zeugen der altersgemäßen Verwirrung. Wenn sie sehr unglücklich ist, greift Adèle unter das Bett, wo eine Schachtel mit Süßigkeiten steht. Wenn sie von Verlangen getrieben wird, isst sie mehr, als ihr der Hunger diktiert. Wenn sie nicht mehr weiterweiß, schreibt sie Tagebuch.
Und sie hat allen Grund dazu. Denn auf dem Weg zum ersten Rendezvous mit dem netten, interessanten Jungen aus der zwölften Klasse, der sie schon seit langem anhimmelt, begegnet sie jener zwingenden Kombination aus Zufall und Notwendigkeit, die romantische Liebe heißt: Ein Augenblick, und sie ist verloren. Das Mädchen mit den blaugefärbten Haaren, das Arm in Arm mit seiner Freundin durch die Fußgängerzone geht und das ihr eine Sekunde der Aufmerksamkeit schenkt, versetzt sie in jenen Zustand von Entzücken und alarmiertem Ernst, der, seit es Liebesgeschichten gibt, den zuverlässigen Auftakt einer großen Erzählung markiert. Bis dahin war sie ein Mensch wie alle, nun hat Adèle ein Schicksal.
Bei Marivaux führt die Entdeckung des Gefühls sofort zu einem Fall: "Ich war so verträumt, dass ich das Räderrollen einer Kutsche nicht hörte, die hinter mir herkam und mich zu überfahren drohte und deren Kutscher sich heiser schrie: 'Achtung!' Sein letzter Warnungsruf entriss mich meinen Träumereien, aber die Gefahr, der ich mich ausgesetzt sah, lähmte mich dermaßen, dass ich, die Flucht ergreifend, zu Boden stürzte und mir im Sturz den Fuß verletzte."
Im Film entgeht die Heldin nur knapp einem Auto, als sie, betäubt von der eigenen Ergriffenheit, die Straße überqueren will. Äußerlich bleibt sie heil.
Wir sehen einen Film über die erste Liebe, aber eben auch einen Bildungsroman. Nicht nur, weil Adèle, das einzige Kind einfacher Leute, die Schule als Tor zu einer Welt begreift, die sie erobern will: einer Welt, in der das Fremde und das Unbegriffene freundliche Zumutungen sind. Und in der das Versprechen, das Leben könnte mehr sein als eine Folge von Essen, Schlafen und Fernsehen, von harmlosen Vergnügungen und harter Arbeit, eingelöst wird. In der sie schließlich auch, durch die Lektüre von Marivaux' Roman, über die Liebe zu reflektieren lernt.
Und nicht nur, weil die Erfahrung des Andersseins, die jähe Zugehörigkeit zu einer Minderheit, sie mit politischer Energie versorgt: Wir sehen sie mit ihrer neuen Liebe unter der Fahne des Regenbogens demonstrieren, glücklich in einer losen Gemeinschaft, die für eine solidarische Zukunft kämpft.
Sondern vor allem, weil Adèle inständig darum ringt, aus ihrem Leben eine Erfahrung zu machen. Etwas, für das es Sinn und Bedeutung gibt und das mehr ist als eine Abfolge von Stimmungen und Ereignissen. Etwas, das sich erzählen und deshalb verstehen lässt.
Doch für das, was sie mit Emma erlebt, gibt es dieses Verstehen nicht. Die körperliche Anziehung, die absolute Hingabe ist eine Macht, die sich all dem entzieht. Sprachlos wird sie erlebt, und sprachlos lässt sie zurück. Wie Gestrandete sitzen die beiden irgendwann in einem beinahe leeren Café, und in einer Gebärde rührender Hilflosigkeit nimmt Adèle Emmas Hand in ihren Mund und saugt und kaut daran wie ein Welpe, überwältigt von ihrem Begehren und von der Erinnerung an eine Intimität, die sich nicht wiederholen lässt.
In dieser Szene ist ein Höhepunkt jener Schauspielkunst zu bewundern, die den beiden Darstellerinnen gemeinsam einen großen Preis in Cannes eingebracht hat. Und sie zeigt auch, welch enorme Entwicklung der Regisseur, 2007 international bekannt geworden mit der melancholischen Immigrationskomödie "Couscous mit Fisch", inzwischen genommen hat: vom gut verdaulichen, charmanten Erzählen zur existentiellen Wucht.
Was Beziehung war, ist vorbei. Emma hat sich für ein anderes Leben entschieden. Sie hat nun das, was man eine Familie nennt. Adèle bleibt allein zurück; inzwischen ist sie Lehrerin geworden und gibt weiter, was sie getragen hat: eine sehr französische Erfahrung von Bildung, die mit sanfter Unerbittlichkeit aus verspielten Tieren selbstbewusste Subjekte macht, die lesen und schreiben, denken und urteilen können und aus dem Naturzustand der Vergnügungssucht in die Phase der Emanzipation geleitet werden.
So weit, so ideal. Wie ein Fels aber, der in einem Skulpturengarten liegt, unbehauen und massiv, stört der Sexus das harmonische Bild. Die Personen in Kechiches Film dürfen ihn nicht nur erleben, sondern sogar darüber reden. Aber das ändert fast nichts. Er zeigt sich als eine Macht, die sich dem Begreifen entzieht: unmodellierbar, von erschreckender Autonomie, unerreichbar für jeden Bildungsroman.
Das ist der Stand der Dinge im Jahr 2013, wie Kechiche ihn uns zeigt.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 51/2013
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