16.12.2013

Heiratsantrag

POPKRITIK: „Black Panties“, das neue Album des amerikanischen Sängers R. Kelly, ist eine Hymne auf die Zweisamkeit.
Selbst ein Soul-Superstar wie R. Kelly braucht ganz schön dicke Eier, um sich so fotografieren zu lassen: "Black Panties" heißt das neue Album des amerikanischen Sängers, und das Cover zeigt ihn, wie er der ziemlich nackten Frau auf seinem Schoß mit einem Bogen über die Seite streicht. Ich bin ein Virtuose des Sex, sagt dieses Bild. Wartet nur, was ich diesem Körper für Klänge entlocken werde.
Sexistisch? Ja. Grotesk? Sicher. Lustig? Irgendwie auch. Große Popkunst? Da gehen die Meinungen auseinander.
Robert Sylvester Kelly ist mittlerweile 46 Jahre alt und der wahrscheinlich begabteste Soulsänger seiner Generation. Er ist im Gospel zu Hause, hat aber auch Songs mit Rappern aufgenommen, im Augenblick ist Lady Gagas Song "Do What U Want" mit seinem Gastauftritt in den Charts. Er ist ein brillanter Songwriter und ein talentierter Komiker, seine Soul-Seifenoper "Trapped in the Closet" hat er in mittlerweile 33 Folgen im Internet veröffentlicht. Vor allem ist er allerdings der große Schmierlappen des Sex-Gesangs.
Ein Gebiet, das der heterosexuelle Mann im Pop der vergangenen Jahre ja einigermaßen freigegeben hat. Was vor allem am unaufhaltsamen Niedergang der Rockmusik als Kunstform liegt und dem dazugehörigen Rückzug des Phallus aus der Musik. Das Ungebrochene, mit dem etwa die Rockband Led Zeppelin das männliche Sexualorgan feierte ("I'm gonna give you every inch of my love" hieß es in "Whole Lotta Love"), ist aus dem Mainstream fast vollständig verschwunden.
Stattdessen ist das Singen über Sex zu den Frauen übergewandert, von Madonna und Rihanna bis zu Peaches und Lady Gaga. Der heterosexuelle Mann dagegen kommt heute im Pop eher als Junge daher. Wenn es gut läuft, ist er so sexy wie Justin Timberlake. Aber als Timberlake sich kürzlich an einem Sex-Song versuchte, fiel ihm nichts Besseres ein als zu singen, er wolle ihr Lolli sein, wenn sie sein Erdbeerkaugummi werde.
Da gibt es also eine Lücke. Und R. Kelly füllt sie aus.
"Black Panties" ist eines der erstaunlichsten Konzeptalben des Jahres. Es ist eine Platte, die sich fast ausschließlich um Sex dreht. Hier geht es nicht um Verführung, die 13 Songs (in der "Deluxe Edition" sind es 17) sind keine Musik, um eine Frau ins Bett zu bekommen. Die Anbahnungsphase ist lange vorbei, wenn diese Lieder einsetzen. Sie handeln von der Sache selbst.
Zum Beispiel "Genius", ein Song, in dem Kelly einer Frau vorsingt, was er gleich mit ihr anstellen werde, er, das Sex-Genie. Oder "Throw This Money on You", ein Lied, das sich an eine Frau richtet, die den Sänger so wild macht, dass er sein Geld auf sie werfen möchte - möglicherweise ist die Betreffende eine Stripperin. "Marry the Pussy" schließlich ist ein Heiratsantrag an den Körperteil der Frau, den R. Kelly am meisten verehrt.
"Black Panties" ist kein musikalisches Meisterwerk wie einige andere Alben von R. Kelly. Die Songs sind einfach gestrickt, und viel zu oft wird Kellys Gesang durch einen modernen Stimmverzerrer gejagt.
Wenn hier etwas beeindruckt, dann die monothematische Radikalität, mit der dieser Mann ohne Angst vor Peinlichkeit sein Begehren ausstellt. R. Kelly liebt die Frauen - und zwar unterschiedslos alle. Klein, groß, jung, alt, weiß, schwarz, klug, dumm, schön, nicht so schön. Was in der offensichtlichen Wahllosigkeit, mit der R. Kelly am liebsten jede haben würde, natürlich etwas zutiefst Neurotisches und fast schon Tragisches hat.
Songs wie "Legs Shakin'", "Crazy Sex" oder "Every Position" bereiten ein ähnliches Vergnügen, wie es einen bei Klaus-Kinski-Filmen beschleichen kann. Auch diese Filme sind nur selten Meisterwerke. Meistens leben sie von kaum etwas anderem als der Intensität Kinskis. Von seiner Kunst - aber eben auch von seiner Rücksichtslosigkeit und Angstfreiheit.
Und genau wie Klaus Kinski es war, ist Kelly im echten Leben eine eher fragwürdige Figur. Kinskis Tochter Pola warf ihrem Vater vor, sie missbraucht zu haben. Anfang der nuller Jahre kursierte Videomaterial, das R. Kelly angeblich beim Sex mit einer Minderjährigen zeigte. Er bestritt es, die Justiz befasste sich mit der Angelegenheit, von Kinderpornografie war die Rede, er wurde freigesprochen. Außerdem soll Kelly die Sängerin Aaliyah geheiratet haben, als sie 15 Jahre alt war - einer der Songs, die er für sie schrieb, hieß passenderweise "Age Ain't Nothing But a Number".
Wobei Kellys größtes Problem ein ganz anderes sein dürfte, der späte Klaus Kinski konnte ein Lied davon singen: Der Sex-Virtuose wird leicht zur Karikatur seiner selbst. Gerade im Alter lässt er sich oft nur schwer von einem Clown unterscheiden.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 51/2013
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