16.12.2013

HUMORMigranten-Stadl

Junge Comedians mit ausländischen Wurzeln bringen auf unkorrekte Weise alle Vorurteile auf die Bühne, die ihnen in Deutschland entgegenschlagen. Womöglich befördert ihr brachialer Witz sogar die Integration.
Jilet Ayse hat zu allem eine Meinung, und eine andere lässt sie selten gelten. Schon gar nicht bei der Frage, ob ihr Freund sie schlagen darf. Er darf. "Isch verdiene das dann auch", empört sie sich. "Isch wisch das Blut weg, come on!"
Schließlich kaufe Ayak ihr Klamotten, von Adidas, gemeinsame Kinder wolle er irgendwann auch, acht, neun Stück, aber "manchmal du musst ein Frau ihr Platz schicken, verstehst du, wie ein Hund".
Dass Jilet Ayse sich so in Rage redet, liegt an ihrer Schwester, die mit einem Deutschen zusammen ist und ihr die Freiheit nehmen möchte, sich schlagen zu lassen, "diese Integrationsnutte". Sechs Minuten dauert ihre Tirade an, man findet sie im Internet. Ihre Komik entsteht aus dem Widerspruch zwischen überbordendem Ego und Opferrolle.
Jilet Ayse ist ein Produkt Thilo Sarrazins. Als die Schauspielerin Idil Baydar vor zwei Jahren das Buch des SPD-Politikers in die Hände bekam, in dem der gegen Zuwanderer aus muslimischen Ländern hetzte, beschloss sie: "Du wolltest deine Kanakin, jetzt kriegst du sie." Sie erschuf die Berliner Ghettobraut Jilet Ayse, eine türkische Antwort auf Cindy aus Marzahn. Als Jilet sitzt Baydar im Trainingsanzug auf der Couch, vor ihr fünf Handys, sie ist vorlaut und laut, ihre Thesen enden mit "Isch schwöre!".
Baydar, 38, gehört zu einer jungen Generation von Comedians, deren Eltern oder Großeltern nach Deutschland eingewandert sind. Ihr Thema ist das Leben als Migrant. Sie füllen keine Stadien und erreichen kein Millionenpublikum wie Bülent Ceylan oder Kaya Yanar. Ihre Bühnen sind YouTube oder die Digitalkanäle Eins Plus und ZDFneo. Von dort aus kübeln sie Deutschland die Vorurteile und Anfeindungen vor die Füße, mit denen sie sich hier konfrontiert sehen.
Ihre Auftritte verstören umso mehr, als Deutschland sich neuerdings müht, politische Korrektheit zu demonstrieren, von der Streichung des Zigeunerschnitzels aus Speisekarten bis zur Diskussion um eine etwaige Umbenennung von Martinsumzügen in Sonne-Mond-und-Sterne-Fest.
Die Ethno-Comedians hingegen legen Unterschiede offen, anstatt sie zuzudecken, und lösen Verkrampfungen. "Wir ziehen die Vorurteile dorthin, wo sie hingehören", sagt Baydar. "Ins Lächerliche."
Die ernste Seite der Vorurteile ist Baydar vertraut. Aus ihrer Schulzeit und weil sie einige Jahre lang türkischstämmigen Kindern Deutsch beibrachte, auch an der durch Gewalttaten in Verruf geratenen Rütli-Schule in Berlin-Neukölln.
Sie lernte Mädchen kennen, die so ähnlich wie Jilet redeten. "Solche Jugendliche gibt es. Sie sind aber nicht die Mehrheit. Sie sind nur die Lautesten."
Sie erlebte, wie Kinder ihrer Herkunft wegen benachteiligt wurden und nahm halb amüsiert, halb entsetzt das Lob einer Berliner Abgeordneten entgegen, die ihr bescheinigte, sie spreche "aber mal gut Deutsch". Dabei ist Deutsch ihre Muttersprache. Auf Türkisch radebrecht sie nur.
Idil Baydar kam in Niedersachsen zur Welt, ihre Eltern waren in den siebziger Jahren aus Ankara eingewandert. Sie macht gern den Witz: "Meine einzige Migration war die aus dem Bauch meiner Mutter." Trotzdem sagt sie, fühle sie sich in Deutschland als Ausländerin.
Befremdlich ist, dass sie sich als Künstlerin ausgerechnet die eifrigste Verbreiterin von Vorurteilen zur Verbündeten genommen hat, indem sie jede Woche für das Internetportal von "Bild" ein Jilet-Video produziert. Baydar sagt dazu, sie möchte die Massen erreichen. Auch auf die Gefahr hin, dass manches anders ankommt, als es gemeint ist.
"Manche Türken finden mich schlimm, weil sie glauben, ich würde unsere Kultur verraten. Aber Jilet ist keine Kreation der Türkei, sondern Deutschlands. Die wäre in der Türkei nie so geworden."
Ausländerfeindliche Reaktionen erhalte sie selten. Wenn, dann gibt sie Kontra. Als auf ihrer Facebook-Seite jemand sinngemäß kommentierte, früher hätte man eine wie Jilet vergast, antwortete sie ihm mit dem Link zu einer Selbsthilfegruppe für Nazis. Alles Weitere lässt sie Jilet erledigen, die in einem Video auch mal die Deutschen anpöbelt, sie sollten endlich mehr Kinder produzieren anstatt nur alte Leute: "Wenn es euch nicht mehr gibt, über wen sollen wir lachen?"
Das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" stellte Anfang des Jahres in einem Essay die Frage, ob Ethno-Comedy die Integrationsdebatte womöglich nicht befördere, sondern blockiere. Und ob "die sogenannten Comedians Stereotypen nicht aufbrechen, sondern bestätigen, reproduzieren, verfestigen". Aber ein Witz ist nun mal kein physikalischer Versuch, der unter denselben Voraussetzungen immer gleich ausgeht. Ein Humorist kann sich nicht gegen die Fehlinterpretation seiner Pointen schützen, so wie ein umsichtiger Seiltänzer sich mit einem Netz absichert. Ein Gag, der nur mit Gebrauchsanleitung funktioniert, funktioniert in Wahrheit gar nicht. Und politische Korrektheit ist oft nur das Synonym für Langeweile.
Womöglich muss man die Wirkung von Witzen so pragmatisch sehen wie der Komiker Abdelkarim: "Ein normaler Erwachsener wird schon verstehen, was in meinem Programm Ironie ist und was nicht. Natürlich gibt es bestimmt auch mal den ein oder anderen, der Ironie nicht gleich erkennt, aber meine Zuschauer haben zum Glück bisher immer einen schlauen Eindruck gemacht."
Abdelkarim, dessen Eltern aus Marokko stammen, führt die Ressentiments der Deutschen ebenso vor wie die Palette muslimischer Klischees. Wie bei einem gewieften Elfmeterschützen weiß man nie, in welche Ecke der 32-Jährige gleich zielen wird.
Bei einem Auftritt in der Hamburger Dependance des "Quatsch Comedy Clubs" erzählte er vor ein paar Wochen zuerst, wie er einen älteren Herrn an der Supermarktkasse vorlassen wollte, aber der habe gesagt: "Nee, ich hab dich lieber im Blick." Im nächsten Moment machte Abdelkarim sich darüber lustig, wie sein Vater ihm das Schachspiel verbieten wollte: "Die Dame darf ja überall hin, was soll denn das?" Beruhigt sei der Vater gewesen, als er ihm erklärt habe, dass man die Dame auch schlagen dürfe.
80 Prozent dessen, was er auf der Bühne erzählt, habe den Ursprung in seinem Leben, sagt Abdelkarim.
Immer wieder geschieht es, dass Leute die Straßenseite wechseln, wenn er ihnen im Dunkeln entgegenkommt. Weil er nicht nur fremdländisch aussieht, sondern auch bullig gebaut ist und gern eine Lederjacke trägt. Als er neulich in Wattenscheid aus dem Zug stieg, wickelte eine ältere Dame auf dem Bahnsteig ihre Tasche gleich viermal ums Handgelenk. "Das war jetzt kein Erlebnis, das es in meine Liste der 10 000 schönsten Momente an deutschen Bahnhöfen schafft, aber ich kann ihr ja nicht vorwerfen, dass sie sich fürchtet", sagt Abdelkarim.
Die Frau dürfte kaum zur Zielgruppe der Show "StandUpMigranten" zählen, die er jeden zweiten Samstag auf Eins Plus präsentiert. In jeder Folge begrüßt Abdelkarim in einer Münchner Shisha-Bar vier junge Comedians. Sie haben jamaikanische, ägyptische oder russische Wurzeln, für viele von ihnen ist dies der erste Fernsehauftritt. Ursprünglich sollte die Sendung "Migranten-Stadl" heißen, sagt Thorsten Sievert, der die Show für die Produktionsfirma Constantin Entertainment erfunden hat - aber der Name sei schon von Kleinkunstbühnen besetzt gewesen. Die Zahl der Comedians mit Migrationshintergrund schätzt Sievert auf weit mehr als hundert.
Das Konzept fiel ihm beim "Comedy Grand Prix" ein, einem komödiantischen Wettstreit, den er für RTL produziert. Dort sei irgendwann die Mehrzahl der Bewerber Migrantenkinder gewesen, sagt Sievert. "Sie haben es auf der Bühne leichter. Ein Deutscher muss sich erst sein Thema suchen. Sie dagegen bringen ihre Geschichte schon mit. Sie sind anders, und das haben sie im Leben oft zu spüren bekommen." Mobbing als Startkapital.
Die Ausgrenzung, die sie als Jugendlicher erfuhren, ist bei vielen Entertainern der Schlüssel zu ihrer Komik. Karl Dall mit dem hängenden Auge, Harald Schmidt, der pickelige Schlaks. Oft bleibt nur die Flucht ins Komische: Wenn ein Gag auf der Hand liegt, macht man ihn lieber selbst, bevor ihn ein anderer macht. Dann tut er weniger weh. Wer angefeindet werde, müsse sich entscheiden, sagt der Komiker Tedros Teclebrhan: "Entweder du lässt dich von so etwas bremsen. Oder du machst etwas daraus."
Teclebrhan, der im Schwäbischen aufwuchs und sich Teddy nennt, wurde vor zwei Jahren bekannt. Damals stellte er ein Video online, in dem er Antoine spielte, das Klischee eines afrikanischen Einwanderers, der sich bei einer Straßenumfrage dem Integrationstest unterzieht.
Antoine glaubt, der Kanzler heiße Angelo Merte und sei der direkte Nachfolger von Adolf Hitler. Auch sonst versemmelt er alle Antworten. Bis heute wurde das Video auf YouTube 21 Millionen Mal geklickt. Voriges Jahr hatte Teddy eine eigene Sendung bei ZDFneo.
Über seinen Humor redet er gern. Über Persönliches nicht. Stattdessen versteckt er sich hinter Scherzen. Fragt man ihn, wie er im Alter von sieben Monaten mit seiner Mutter vor dem Bürgerkrieg in Eritrea nach Deutschland geflüchtet sei, sagt er: "Business-Class". Und sein Vater? "Der wollte eigentlich gleich noch zum Kaffee hierherkommen."
Die Wahrheit ist: Seinen Vater hat der 30-Jährige nie kennengelernt. Und über die Flucht mag er nicht reden. "Ich will nicht, dass die Leute erst mal meine Geschichte im Kopf haben. Sie sollen die Figuren sehen, nicht mich. Ich will keine Mitleidsnummer abziehen."
Es gibt die Anekdote, wie Teddy in einer Weinstube kellnerte, um sich die Schauspielschule zu finanzieren, und ein Gast sich den Spaß machte, bei ihm, dem Farbigen, Schwarzriesling zu bestellen. Teddy hat sie einmal einem Journalisten erzählt. Heute sagt er, man solle das nicht dramatisieren, so schlimm sei das Erlebnis für ihn nicht gewesen.
Wer wissen will, wie er Rassismus erlebt hat, bekommt zur Antwort: "Schauen Sie den Ernscht Riedler an."
Der Ernscht ist eine weitere Figur aus Teddys Klischeekiste. Er ist Schwabe, einer, dessen Horizont nicht über die Schwäbische Alb hinausreicht. Am liebsten sitzt er in der Kneipe, einmal belehrt er dort eine fremdländisch aussehende Frau, dass sie "nichts klauen" solle, "gell, Afrika!", um danach zu rufen: "Des musch dene sage!" In Riedlers Kopf ist immer Kehrwoche, und was seiner Weltsicht im Weg steht, wird weggefegt.
Teddy als Ernscht. Der Farbige als Spießer. Der Schwabe ist einem fremder als der Mann aus Eritrea, der ihn spielt.
Teclebrhan sagt, solange keine fremdenfeindliche Haltung dahinterstecke, finde er es in Ordnung, wenn auch deutschstämmige Comedians über Migranten scherzen, ohne gleich als Rassisten dazustehen.
Vielleicht wird in Deutschland eines Tages tatsächlich unbefangen über Araber oder Türken gelacht werden. Ohne dass bei jedem Gag der Korrektheits-Check anläuft, ob man das, worüber man sich amüsiert, wirklich lustig finden darf. Wenn das Fremde Teil des Alltags wird, steht der Migranten-Witz irgendwann womöglich gleichberechtigt neben den Witzen über Ostfriesen oder Franken.
Die "StandUpMigranten" wagten neulich bereits einen Schritt in diese Richtung. Da begrüßte Gastgeber Abdelkarim als Vertreter einer besonders gebeutelten Randgruppe den jungen Komiker Ingmar Stadelmann. Der ist Ossi.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 51/2013
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