21.12.2013

BILDUNG„Übertriebener Status“

Craig Calhoun, Direktor der London School of Economics, kritisiert das Standesbewusstsein deutscher Hochschullehrer und plädiert für Studiengebühren.
Calhoun, 61, leitet die London School of Economics and Political Science (LSE). Die weltweit führende Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hat rund 9500 Studenten, darunter mehr als 400 deutsche. Der US-amerikanische Soziologe lehrt regelmäßig an der LSE, sowie an der Technischen Universität München und der Humboldt-Universität Berlin.
SPIEGEL: Sie stehen einer Bildungseinrichtung vor, um die viele Studenten, Professoren und Hochschulpolitiker Großbritannien beneiden. Was können deutsche Universitäten von der LSE lernen?
Calhoun: Wir waren es, die von Deutschland gelernt haben, nämlich die Einheit von Forschung und Lehre. Aus ihr folgt etwa, dass Wissenschaft vor allem an Universitäten stattfinden sollte. Und dass auch Nobelpreisträger den Kontakt zu ihren Studenten nicht verlieren sollten. Allerdings ist dieses Ideal, das ja einst Wilhelm von Humboldt formulierte, in der Bundesrepublik etwas aus dem Blick geraten.
SPIEGEL: Wodurch?
Calhoun: Die deutsche Wissenschaftspolitik hat die Forschung aus den Universitäten weitgehend ausgelagert. Spitzenwissenschaftler arbeiten an Max-Planck-Instituten und ähnlichen Einrichtungen, wo sie zwar exzellente Bedingungen vorfinden, aber fast nie einen Studenten zu Gesicht bekommen. Outsourcing ist der eine Feind von Spitzen-Unis. Der andere heißt: Hierarchie - zwischen Professoren und Studenten oder Professoren und ihren Mitarbeitern.
SPIEGEL: Aber dieses Machtgefälle gibt es doch an jeder Universität der Welt!
Calhoun: Den übertriebenen Status des Herrn Professor Doktor nach deutschem Vorbild kennen wir in Großbritannien so nicht. Hochschullehrer fühlen sich stärker dem verpflichtet, was ihre Studenten lernen wollen. Der persönliche Kontakt und die Interaktion zählen sehr viel, nicht der Professor auf der Bühne.
SPIEGEL: Jetzt tun Sie den Kollegen unrecht, die kommen vor lauter Klausurkorrekturen gar nicht auf die Bühne.
Calhoun: Deutschland hat phantastische Professoren, und gerade die besten von ihnen gehen gern nach dem Seminar noch etwas mit ihrem Kurs trinken. Ich will sagen: Der informelle Austausch ist im deutschen Hochschulsystem einfach nicht so angelegt, er hängt zu stark vom persönlichen Engagement der einzelnen Professoren ab.
SPIEGEL: Wie lässt sich das ändern?
Calhoun: Der wissenschaftliche Nachwuchs ist zu lange abhängig von den betreuenden Professoren. Ein "assistant professor" in Großbritannien oder den USA versteht sich nicht als Assistent von jemandem, er hat nur einen formal niedrigeren Rang innerhalb der Fakultät. Das ist keine Feudalbeziehung. Ich finde es fraglich, wenn ein Land die Kreativität seiner 28-Jährigen dem Stolz seiner 60-Jährigen opfert.
SPIEGEL: Die USA und Großbritannien dienen in der deutschen Bildungsdiskussion häufig als Vorbild, nicht nur hinsichtlich der Karrierewege in der Wissenschaft. Mit Recht?
Calhoun: Beide Länder sind Deutschland in der Spitzenforschung an Universitäten voraus. Doch der Vorsprung hat seinen Preis: Ungleichheit. Die herausragenden Wissenschaftler konzentrieren sich an einigen Unis wie beispielsweise Harvard, Stanford, Oxford, Cambridge, der LSE. Deren Abstand zu weniger gut ausgestatteten Hochschulen ist gewaltig. Die Bundesrepublik hatte bisher eine recht ausgeglichene Uni-Landschaft, nach der Exzellenzinitiative wird die Spannbreite größer. Das hat seine Risiken.
SPIEGEL: Wie lässt sich verhindern, dass einige Unis absacken?
Calhoun: Durch öffentliche und private Investitionen, denn Qualität kostet. Die Regierungen sollten sich vor Augen halten, dass Hochschulen einen Profit für die Allgemeinheit abwerfen. Nicht nur indem Forscher Therapien für Krankheiten entdecken oder Patente anmelden. Auch die Geistes- und Sozialwissenschaften haben ihre Funktion, indem sie den Bürgern komplexe Vorgänge veranschaulichen. Deshalb sollte es ausreichend Staatsgeld für Universitäten geben.
SPIEGEL: Und zusätzlich Studiengebühren?
Calhoun: Ja, sie erinnern uns daran, dass wir unseren Studenten eine gute Dienstleistung anbieten müssen. Aber sie sollten sich in bezahlbarer Höhe bewegen und durch Stipendien und Nachlässe für ärmere Studenten abgefedert werden. An der LSE kostet das Studium Geld, aber es ist nicht übertrieben teuer, insbesondere im internationalen Vergleich.
SPIEGEL: Wie viel kostet es?
Calhoun: Wir dürfen bis zu 9000 Pfund pro Studienjahr verlangen, rund 10 700 Euro. An renommierten US-Universitäten sind es um die 50 000 Dollar pro Jahr, also rund 36 000 Euro.
SPIEGEL: In Deutschland kostet das Erststudium nichts.
Calhoun: Das ist nett für die Studenten, es kann sich aber negativ auf die Qualität auswirken. Und die andere Frage ist: Ist es fair? Die Universitäten geben die Rechnung an den Steuerzahler weiter. Belastet werden alle, auch diejenigen Bürger, die ihre Kinder nicht zum Studieren schicken. Deshalb sollte man sich fragen, ob sich nicht diejenigen, die einen Nutzen aus ihrem Studium ziehen, beteiligen sollten. Das Geld muss ja irgendwoher kommen.
SPIEGEL: Ihr Vorgänger trat zurück, nachdem die LSE Geld vom Gaddafi-Regime in Libyen angenommen hatte. In Deutschland stehen einige Hochschulen in der Kritik, weil sie Forschung vom US-Militär bezahlen ließen. Wo liegen die Grenzen solcher Fremdfinanzierung?
Calhoun: Wir sollten kein Geld von Diktatoren oder Drogenhändlern annehmen, das ist klar. Universitäten sollten sich nach zusätzlichen Geldquellen umschauen, aber diese Quellen sorgfältig auswählen.
SPIEGEL: Nehmen Sie Geld von der Finanzindustrie?
Calhoun: Ja, genauso wie von Unternehmen aus anderen Branchen. Nur darf es die Unabhängigkeit der Forschung nicht unterminieren. Wenn eine Investmentbank Stipendien für unsere Studenten finanziert, ist das willkommen. Wenn sie uns Geld geben will, damit wir erforschen, wie sie Regulierungen für Finanzprodukte umgehen kann, dann ist das ein illegitimes Forschungsthema.
SPIEGEL: Wie praxisnah sollte ein Hochschulstudium sein?
Calhoun: Mir liegt der Bezug zum echten Leben und zu den großen Fragen unserer Zeit sehr am Herzen. An der LSE sind Studenten aus 150 Staaten eingeschrieben, da geht es naturgemäß viel um Themen wie Migration oder die globalen Finanzströme. Solche Themen lassen sich in internationalen Großstädten wie London oder Berlin natürlich leichter fassen. Passgenaues Wissen für den Beruf vermitteln wir bevorzugt in speziellen Master-Programmen.
SPIEGEL: In Deutschland wird diskutiert, ob das Studium nach der Umstellung auf Bachelor und Master nun zu kurz dauert. In welchem Alter sollten junge Akademiker in den Beruf gehen?
Calhoun: Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Ich glaube nur, dass Großbritannien für Studenten, die nach dem Bachelor Berufserfahrung gesammelt haben, bessere Master-Studiengänge anbietet als Deutschland. Hier können Hochschulabsolventen nach ein paar Jahren in der Arbeitswelt noch einmal zurück an die Uni kommen - wenn sie genau wissen, was sie interessiert.
SPIEGEL: Wie gut haben die deutschen Hochschulen die Umstellung auf die angelsächsischen Abschlüsse Bachelor und Master bewerkstelligt?
Calhoun: Mein Eindruck ist, dass Deutschland hier scharf die Richtung gewechselt hat. Früher verblieben die Studenten lange an der Hochschule, nun sind sie schnell mit dem Studium fertig. Die deutschen Hochschulen sollten nicht von einem Extrem zum anderen übergehen. In Großbritannien dürfen Bachelor-Studien auch länger dauern als drei Jahre.
SPIEGEL: Dafür ist das Promotionsstudium hierzulande sehr beliebt, rund 200 000 Studenten sitzen an einer Doktorarbeit.
Calhoun: Ja, da geht es wieder um Prestige, das im deutschen System so viel zählt. Ich bezweifle, dass eine Promotion für diejenigen sinnvoll ist, die gar keine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollen.
Interview: Jan Friedmann
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 52/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BILDUNG:
„Übertriebener Status“

  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"