21.12.2013

EXPORTEAkropolis, adieu

Deutsche Autohersteller sind ins Visier griechischer Steuerfahnder geraten. Der Vorwurf: Die Konzerne verkaufen ihre Fahrzeuge zu Dumpingpreisen.
Griechenland macht der deutschen Autoindustrie nicht viel Freude. Gerade mal 7895 Autos exportierten die Fahrzeughersteller im vergangenen Jahr in das krisengeschüttelte Land. Doch jetzt könnte der kleine Markt an der Ägäis den Unternehmen sogar noch große Probleme bereiten.
Mercedes-Benz, BMW und Opel sind ins Fadenkreuz der griechischen Steuerfahnder geraten. Sie werfen den Autokonzernen vor, dass sie ihre Modelle zu Dumpingpreisen nach Griechenland liefern. Dem Fiskus sollen dadurch in den vergangenen Jahren hohe Millionenbeträge an Einnahmen entgangen sein.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass deutsche Autohersteller nun den verschärften Zugriff der griechischen Finanzbehörden zu spüren bekommen. Auf dem Höhepunkt der Euro-Krise hatten vor allem deutsche Politiker den Griechen vorgeworfen, sie seien zu lasch beim Eintreiben von Steuern. Jetzt sagt Theodoros Floratos, Direktor bei der griechischen Behörde zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität (SDOE): "Wir ermitteln gegen eine Reihe internationaler Automobilfirmen wegen möglicher Steuervergehen."
Dabei konzentrierten sich die Fahnder vor allem auf hochpreisige Fahrzeuge, weil dort der vermutete Schaden am größten ist. "Wir werden in wenigen Tagen unseren Bericht der Staatsanwaltschaft übermitteln", sagt der Steuerfahnder.
Sie hatten im Frühjahr begonnen zu ermitteln, Ausgangspunkt waren die extrem niedrigen Preise, zu denen deutsche Konzerne ihren griechischen Töchtern die Autos verkaufen. Die Fahnder konzentrierten sich zunächst auf Mercedes-Benz, BMW und Opel. Mittlerweile überprüfen sie auch die amerikanische, japanische und französische Konkurrenz.
Tatsächlich liegen die Einfuhrpreise für deutsche Fahrzeuge erstaunlich niedrig. Für eine S-Klasse des Typs S 500 Blue Efficiency stellt die Stuttgarter Zentrale dem hauseigenen Importeur Mercedes-Benz Hellas laut interner Preisliste nur 22 135 Euro in Rechnung. Der Verkaufspreis liegt bei mehr als dem Vierfachen. Eine C-Klasse 200 CDI kostet den Importeur gerade mal 7300 Euro, der Kunde muss dafür mehr als 32 000 Euro zahlen. Solche Rabatte werden für Fahrzeuge der gesamten Produktpalette gewährt. Bei anderen Autobauern sieht die Preispolitik ähnlich aus. Der Einkaufspreis von BMW Hellas für einen X3 sDrive soll bei rund 12 000 Euro liegen, der Ladenpreis mindestens bei dem Dreifachen.
Der griechische Fiskus fühlt sich hintergangen, weil der Importpreis Grundlage für eine Reihe von Steuern ist. Und je niedriger er ausfällt, desto geringer sind die Einnahmen des Staates, von der Mehrwertsteuer bis zur Luxussteuer.
Dass es sich dabei um einen Steuertrick handeln könnte, schließen die Ermittler auch aus der Tatsache, dass die Importpreise in anderen Ländern viel höher liegen - je nach Modellen um bis zu 60 Prozent. Griechenland seien deshalb im Laufe mehrerer Jahre bis zu 200 Millionen Euro entgangen, heißt es in Ermittlerkreisen.
BMW und Mercedes-Benz bestätigen, dass die griechische Behörde SDOE bei ihnen im Mai dieses Jahres vorstellig wurde. Beide Unternehmen sehen in den seltsam niedrigen Abgabepreisen aber kein Problem - und schon gar kein Delikt. Die Verrechnungspreise basierten auf internationalen Steuerstandards. Sie stünden in Einklang mit den OECD-Regeln und dem europäischen Recht.
Aber warum verkaufen die Hersteller ihre Fahrzeuge zu solchen Dumpingpreisen? Aus Notwehr, sagen Vertriebsexperten in München und Stuttgart. Wie so vieles ist auch der Automobilmarkt in Griechenland infolge der Krise zusammengebrochen. BMW verkaufte dort 2007 noch über 10 000 Fahrzeuge, 2012 waren es weniger als 2300 Autos.
Bei weiter sinkenden Verkäufen müssten viele Händler ihr Geschäft aufgeben. Die deutschen Hersteller müssten Griechenland endgültig adieu sagen. Das wollten sie verhindern, argumentieren BMW und Mercedes-Benz, und so geben sie ihre Fahrzeuge zu extrem niedrigen Preisen an griechische Händler ab. Diese fordern dann zwar offiziell noch den Listenpreis, können potentielle Kunden aber mit einem hohen Rabatt locken.
Müssten sie ihre Preispolitik ändern, würde der Autoverkauf weiter sinken, Händler gingen Konkurs, und der griechische Staat würde noch weniger einnehmen, heißt es bei BMW. Daimler hat inzwischen sogar schon einen Bescheid erhalten, dass gegen Mercedes-Benz Hellas nicht mehr ermittelt werde.
Doch beendet ist das Verfahren damit noch nicht. Die Akte wurde nur an eine andere griechische Steuerbehörde verschickt. Sie soll den Fall weiter prüfen. Den Vorwurf, die Griechen würden beim Eintreiben von Steuern zu nachsichtig sein, kann Deutschland ihnen nun kaum noch machen.
Von Markus Dettmer, Dietmar Hawranek, Thodoris Kouvakas und Christian Reiermann

DER SPIEGEL 52/2013
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