21.12.2013

AUTORENHinter den sieben Bergen

Im toten Winkel Europas hat der mazedonische Schriftsteller Vlada Uro#353evi#263in den vergangenen Jahrzehnten ein großes Werk erschaffen.
Auf dem verbuckelten Kopfsteinpflaster türmen sich eiserne Kettenglieder mit Dornen, so lang und gebogen wie der von Gicht gekrümmte Finger eines Hünen. Aus dem Schornstein der engen Schmiede steigt Dampf in die graue Morgenluft von Skopje; der Gehilfe hämmert die Halskränze für die Hirtenhunde, die in den Bergen Mazedoniens die Schafe vor den Wölfen verteidigen: Wenn die den Hütehunden in den Fellkragen beißen, sind sie schnell erledigt.
Bei dem kleinen, rundlichen Albaner, dem Herrn dieser Werkstatt im Alten Basar der Stadt, bestellt der Dichter Vlada Urošević einen Schlüssel und skizziert den Umriss gleich im Auftragsbuch: So lang wie eine Frauenhand sollte er sein und mit drei Bärten versehen. Über den Preis wird man sich bei der Lieferung einig, jetzt wird erst mal ein bisschen diskutiert, über das Wetter (der Nebel wird bleiben), Europa (hat uns vergessen) und den Sinn des Lebens (hat die Reporterin vergessen). Es ist Urošević' erster Auftrag für diesen Schmied, und es wird nicht sein letzter sein.
Hundert Schritte von hier, am Rande der Altstadt, hat Urošević sein Büro in der Akademie. Er ist Professor für Literaturwissenschaft, aber einer mit vielfältigen Begabungen. In diesem Winter präsentiert er dort auch seine Kunst: Collagen, Stiche, Zeichnungen, in denen riesige Insekten, Schlangen mit zwei Köpfen und andere sehr korrekt gezeichnete Fabelwesen die äußere Ordnung der Welt sanft, aber wirkungsvoll durch eine innere ersetzen. Dort sind auch seine Schlüssel zu besichtigen, gerahmt und hinter Glas. Alle sind sie unbrauchbar, weil es keine Schlösser mehr für sie gibt. Urošević hat sie gefunden; sinnlos sind sie geworden in der Wirklichkeit, nun passen sie zu Kafkas Tor des Gesetzes oder vielleicht auch zur Pforte des Paradieses.
In der europäischen Literatur wirkt der 79-jährige Mazedonier längst schon wie ein Fabelwesen. Ein kosmopolitischer Surrealist hinter den sieben Bergen, ein Dissident des Realismus, ein Lyriker, Essayist und Romancier, von dem nun das erste Buch eines großen Werks in deutscher Sprache zu lesen ist.
"Meine Cousine Emilia" heißt dieser "Roman in achtzehn Erzählungen"(*). Er spielt nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, als Verwandte das Elternhaus des Erzählers belagern - lauter bejahrte Onkel und Tanten, die von den Bulgaren, den Serben oder Deutschen vertrieben worden sind und nun kaffeetrinkend, strümpfestrickend, radiohörend und palavernd ihrer Verstörung beizukommen
suchen. "Sie waren zurückhaltend und auf eine abwesende Art liebenswürdig, mit einer gewissen Verlorenheit im Blick: ein unrasierter Mann mit Brille, in dessen Miene etwas zugleich Verzweifeltes und aufgesetzt Lustiges lag, eine Frau, die ständig Krimskrams aus einem Behältnis in ein anderes umfüllte ..."
Aber neben den alten Leuten ist auch ein Mädchen unter den Gästen für lange Zeit, gerade im richtigen Alter für den Erzähler, einen Jungen an der Schwelle zur Pubertät - mit der Magie im Bunde. Er zeigt dem Mädchen die erschossenen Pferde, die in der Straße hinterm Haus auf ihre Verwesung warten. Und sie entdeckt ihm einen Winkel im verlassenen Hamam, in dem sich zwischen dem Unrat der Jahrhunderte eine Greisin "mit furchterregendem Antlitz, verrunzelt wie zerknülltes Pergamentpapier", verborgen hält.
Mit dieser Cousine verirrt sich der Erzähler in den undurchdringlichen Nebeln von Skopje, mit ihr sucht er im Weinberg der Familie nach einem vergrabenen Schatz, und mit ihr fährt er in der Eisenbahn zur Schule, vorbei "an mächtigen, kahlen Bergen, über denen der Vollmond leuchtete, an zerstörten Brücken und ausgebrannten Fabriken", zwischen Zigeuner-Blaskapellen, geflüchteten Deserteuren, Falschspielern und Berufsagitatoren.
Mit ihr erlebt er mithin jene Phase des Heranwachsens, von der Nabokovs "Ada" erzählt, Twains "Tom Sawyer" und "Angria und Gondal" der Geschwister Brontë: eine Zeit, in der die Entdeckung der Welt noch von keiner Mahnung beschattet, von keinem Verbot verstellt und kaum von Schuldgefühl beschwert ist. In der ein Keller noch ein Verlies sein kann, in dem die wilden Kerle wohnen, und in der ein Käfer auf seinem langen, mühsamen Weg über ein halbverdorrtes Kastanienblatt vollkommene Versunkenheit verdient. In der in der spontanen Wahrnehmung die Fabel und das Erlebte, die innere und die äußere Realität, der Traum und der Tag sich zu einer poetischen Wirklichkeit amalgamieren, die, je nach den Umständen, furchterregend oder beglückend sein kann - und natürlich auch beides zugleich.
Vlada Urošević, dieser höfliche Surrealist, lebt mit seiner russischen Frau Tanja, selbst Autorin und Übersetzerin - beispielsweise des als Manuskript herausgeschmuggelten "Doktor Schiwago" -, und seiner Tochter, der Künstlerin Vana Urošević, in einem kleinen Haus am Rande von Skopje, umgeben von Büchern, Objekten, Erinnerungen. Dass sein Land kaum noch zum kulturellen Europa gerechnet wird, ist für ihn leichter zu ertragen als für die 52-jährige Vana, die nicht einmal zur Vorbereitung des mazedonischen Pavillons auf der Biennale problemlos nach Venedig reisen konnte. Im Leben ihrer Generation hat sich ein Erdrutsch ereignet: Skopje ist nicht mehr selbstverständlicher Teil eines Europas zwischen Wien und Budapest, Belgrad, Paris und Berlin.
Stattdessen führt man nun eine Existenz im toten Winkel, in einer abgehängten, winzigen Volkswirtschaft am Rande der westlichen Welt. In der Metropole der unbrauchbaren Schlüssel - einer Stadt, die einmal von den Slawen und einmal von den Habsburgern niedergemacht worden war und beim letzten großen Erdbeben, 1963, nahezu gänzlich in sich zusammenfiel. Sie wurde, mit internationaler Hilfe, modern wieder aufgebaut und erlebt derzeit, da man die sachlich-stilvollen Anlagen der Tito-Ära planvoll verrotten lässt, ihre jüngste Phase der Umgestaltung.
Die national gesinnte Regierung - deren Minister sich gern von der Konrad-Adenauer-Stiftung schulen lassen - siedelt die Hauptstadt dieses balkanischen Landes gleich im Reich des Imaginären an: Große bärtige Kerle auf glattpolierten Schlachtrössern zielen mit Pistolen auf unsichtbare Feinde, riesige Löwen reißen bedrohlich das Maul auf, und im Zorn erstarrte Recken in Prinz-Eisenherz-Mänteln halten die Faust in die abgasbelastete Luft. Einer Horde entfesselter Jungriesen gleich, bestückt die Regierung die Halbmillionenstadt Skopje mit Denkmälern wie aus dem Playmobilkatalog, um eine Vergangenheit zu erfinden, die so ehrenvoll wie ruhmreich ist, und mit Regierungsgebäuden, deren groteske Übergröße von imperialen Träumen erzählt. Hin und wieder finden Demonstrationen gegen das pubertäre Treiben statt, von Bürgern jeden Alters, die Investitionen in Schulen und Infrastruktur vernünftiger fänden als solche in die Lufthoheit phantasierter Geschichte. Aber es könnte bald keine Plätze mehr geben, die für eine Versammlung begehbar sind. Und auch, fürchtet Urošević, keine Winkel mehr, in denen man alte Schlüssel auftreiben könnte.
"Die ganze Stadt ist eine chaotische Handschrift, unpaginierte Seiten, verlorene Zusammenhänge", heißt es in einem Gedicht von Urošević, der in Skopje geboren ist und, wenn es nach seinen Wünschen geht, dort sterben wird. Er hat Ägypten, Brasilien und China gesehen und den Mai 1968 in Paris verbracht. Er hätte in Frankreich bleiben können, in diesem revolutionär vibrierenden Land, in dessen Sprache er zu Hause ist wie in seiner eigenen und in der seine Bücher erscheinen, aber es zog ihn zurück in diese Teilrepublik am Rande Jugoslawiens, die für ihn am Ende der sechziger Jahre ihre politisch hoffnungsvollste Zeit schon hinter sich hatte.
Eine Karriere zu Hause war nicht zu erwarten, dazu war er ideologisch zu unzuverlässig; ein freundlicher Einzelgänger, mit dem man keinen Staat machen kann. Aber da waren die kleinen Dinge, an denen die Seele hing wie die Beere an ihrem Zweig: der Kosmos der heimischen Straße, die unendlichen Abende im Sommer und die Pappeln, die in jedem Frühjahr tränen. Er könne nirgendwo anders schreiben, sagt Urošević heute, der gerade eine Erzählung beendet hat, in der die Mützen der Gymnasiasten eine Hauptrolle spielen: Jeder Schüler musste sie tragen, sobald er das Haus verließ, und abends ab 20 Uhr gab es überhaupt keinen Ausgang mehr. Das war gerade im vergangenen Jahrhundert, Anfang der fünfziger Jahre, mitten im schönsten Frieden, und wer damals in Skopje auf ein Gymnasium ging, der hatte die Deutschen, die Serben und die Bulgaren überlebt, die Partisanen, die Bomben und wahrscheinlich mindestens eine Flucht. Aber abends im Park spazieren zu gehen, das schien nun doch zu gefährlich!
Die Ironie der Geschichte taucht in Urošević' Werk nur am Rande auf; da, wo der Text und die Welt sich berühren. Es regieren nicht die Gesetze der Realität, sondern die der poetischen Einbildungskraft, wie sie den Dichtern und ihren Übersetzern eigen ist: Da gibt es in einem Vers eine Schwingung, die niemals zu einem Ende kommt, weil rhythmische Fügung, klangliche Schönheit und evozierter Sinn in einem perfekten Spannungsverhältnis stehen. Weil das Geheimnis von deren Zusammenspiel, durch wissenschaftliche Analyse nicht zu ermitteln, so diskret wie unabweisbar verborgen bleibt. Weil, wie es in einer Erzählung Urošević' heißt, "eine arme Begabung, im Kleinsten Vergnügen zu finden", die Dichter und ihre Leser zu einer Gemeinde verbindet, deren Aufnahmebedingung allein die ästhetische Wahrnehmung ist.
Doch geschieht es hin und wieder, dass die Bücher solcher Autoren, die scheinbar jenseits von allem schweben, auf befreiende Weise wörtlich genommen werden. In Deutschland war das bei Ernst Jüngers "Auf den Marmorklippen" der Fall, als der Roman - den Urošević kennt und schätzt - 1939 erschien. Urošević' "Der Hofpoet in einem Flugapparat" wurde zur Milošević-Zeit ins Serbische übersetzt und dort als Parabel gelesen, zunächst zum Erstaunen des Autors. Doch dann, sagt er, "leuchtete es mir ein: Es beginnt wie eine Erzählung aus der alten Zeit, über einen Fürsten, der einen Krieg angezettelt hat. Dann merkt der Leser, das Ganze spielt in einem Mittelalter nach unserer Zeit. Und noch später begreift er, dass die geschilderten Szenen Filmszenen sind. So dass es keinen Punkt mehr gibt, von dem aus man zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann".
Die erste Auflage war binnen kurzem vergriffen, aber der Roman wurde nicht nachgedruckt. Nicht publiziert zu werden ist die einzige Art von Zensur, die Urošević je erlebte; im blockfreien Jugoslawien waren Märtyrer der freien Kunst nicht erwünscht. Wer sich zum Sänger der neuen Zeit partout nicht eignen wollte, der konnte manchmal, wie Urošević, von seiner Begabung leben, auch ohne im Schriftstellerverband Mitglied zu sein; als Reisejournalist, Autor von Fernseh- und Radiofeatures. Und nebenbei ein Werk publizieren, das, in seinem Fall, mehr als 30 Bücher umfasst, das vielfach übersetzt wurde und nun, endlich, auch ins Deutsche.
In einem seiner Gedichte ist von den Archiven die Rede, die lückenhaft sind, "und niemand hat Zeit, in ihnen zu wühlen". Seine Literatur, immerhin, füllt Lücken mit Schönheit und Gedächtnis, die in der Erinnerung Europas unaufhörlich entstehen.
* Vlada Urošević: "Meine Cousine Emilia". Aus dem Mazedonischen von Benjamin Langer. Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 240 Seiten; 14,90 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 52/2013
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