06.01.2014

PÄDOPHILIEUnter die Haut

In den achtziger Jahren wurde öffentlich diskutiert, ob Sex zwischen Erwachsenen und Kindern legal sein soll. Pädophile fühlten sich sicher, benutzten sogar Institutionen wie den Kinderschutzbund, um ihre Opfer zu finden. Zwei Betroffene erzählen von den Folgen.
Sich zu verletzen, sich zu ritzen würde jetzt helfen, wenigstens für einen Moment. Nora Krüger(*) ringt nach Luft. Sie krallt die Fingernägel in ihre Daunenjacke. "Mir ist übel", flüstert sie. Das Kopfkino ist angesprungen, jetzt sind die Bilder wieder da: das Bett mit den Kuscheltieren, die Pizzakartons auf dem Boden, die Hand, die den Mund zuhält, und der Arm, der ihre Beine auseinanderzwingt.
Krüger steht in dem Haus in Münster, in dem sie vergewaltigt wurde. Es ist nicht das erste Mal, dass sie hierher zurückkehrt. Sie hofft, dass der Ort ihr hilft, den Schrecken zu verarbeiten. Aber er hilft nicht. 22 Jahre ist es her, doch die Szenen kommen ständig hoch.
Mit ihren Augen sucht sie das Dachfenster, das sie damals in der Ferne sah. "Du kannst ruhig schreien, dich wird sowieso niemand hören", sagte er. Das Fenster war so weit weg. Sie schrie nicht.
Damals war sie gerade 16 und auf der Flucht aus einem Zuhause, das keines war. Kein Vater, eine lieblose Mutter und ein Verwandter, der sich an ihr verging. In einem Bus sah sie die "Nummer gegen Kummer" vom Kinder- und Jugendtelefon.
Irgendwann war Nora Krüger so verzweifelt, dass sie die Nummer wählte. Die freundliche Frau am Ende der Leitung empfahl ihr, sich an die Ausreißerhilfegruppe in Münster zu wenden, eine Initiative des Kinderschutzbundes.
Doch statt Hilfe erlebte sie neuen Missbrauch. Ausgerechnet über den Kinderschutzbund landete sie bei einem Pädophilen. Herr K. war zehn Jahre lang Leiter der Ausreißerhilfegruppe, über die Jahre wandten sich Hunderte hilfesuchend an ihn. Aber er verging sich an Mädchen und Jungen. Jugendamt, Kinderschutzbund, Medien - alle waren blind und taub, sogar als schon gegen K. ermittelt wurde. 1994 wurde er schließlich wegen sexuellen Missbrauchs in mehreren Fällen verurteilt.
K.s Treiben blieb lange folgenlos, auch weil der Zeitgeist auf seiner Seite war. Damals diskutierten Grüne und Liberale
die Abschaffung der Missbrauch-Paragrafen im Sexualstrafrecht bei Gewaltfreiheit, die Grünen schrieben sie sogar in Wahlprogramme. So boten sie Pädophilie-Befürwortern eine Bühne und schufen ein Klima, in dem sich Pädophile sicher fühlten.
Ermutigt durch die 68er-Bewegung, die in ihrem Sturm gegen sexuelle Repressionen auch Sex mit Kindern enttabuisieren wollte, benutzten Pädophile Institutionen wie den Kinderschutzbund, um an Kinder und Jugendliche heranzukommen. Es entstand ein Netzwerk aus pädophilen Pädagogen, Kinderschützern und Wissenschaftlern. Sex mit Kindern wurde ganz offen zum Bestandteil pädagogischer Konzepte. So war der langjährige Bundesvorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes Walter Bärsch zugleich Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität (AHS), jener Gruppe, die sexuelle Kontakte Erwachsener mit Kindern propagierte.
Vorsitzender der AHS war in den achtziger Jahren der Pädo-Lobbyist B., der als Heimerzieher arbeitete. Siegfried Weber(*) ist eines seiner Opfer. Er sagt, er leide bis heute an dem, was B. ihm angetan habe. Weber war zwölf Jahre alt, er lebte in einem Heim in Düsseldorf, als B. begann, ihn zu missbrauchen. "Der hat mein Leben zerstört", sagt Weber. Er ist 53 und seit 20 Jahren arbeitsunfähig. Er hat keine Frau, keine Familie, keine Freunde. "Aber nicht, weil ich das so will. Es geht einfach nicht."
Nora Krüger hat vier Suizidversuche hinter sich. Sie sitzt in einer abgelegenen Ecke im Café und erzählt ganz ruhig ihre Geschichte, nur ihr Zeigefinger verrät die Nervosität: Immer wieder nimmt sie ihn zur Nase, kratzt, nimmt die Hand irritiert wieder runter. "Opfer haben kein Leben mehr, zumindest kein lebenswertes", sagt sie.
Auch sie ist allein, kann nicht arbeiten, enge Beziehungen erträgt sie nicht. Sie bekommt Sozialhilfe, weniger als 300 Euro hat sie im Monat für sich. Die Psychologen sprechen von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ähnlich wie bei Soldaten im Krieg ist das Erlebte für die Opfer so schrecklich, dass sie es kaum verarbeiten können. Nora Krüger schläft nie eine Nacht durch. Therapien haben nicht geholfen. Vor drei Jahren begann sie das Ritzen. An den Armen und an den Brüsten, da, wo er sie festgehalten hatte.
Die Kellnerin kommt und bringt Kakao. Löffel um Löffel schiebt Krüger die Sahne in den Mund. Dabei öffnet sie ihn nur gerade so weit wie nötig, niemand soll die braunen, verfaulten Stümpfe sehen. Krüger leidet an Oralphobie, sie hat panische Angst vor dem Zahnarzt - auch das eine Folge des Missbrauchs.
"Hören Sie das?", fragt Krüger plötzlich. Im Radio läuft "Last Christmas" von Wham!. Sie hasst Weihnachten. Überall Friede, Freude, Liebe. Sie stellt sich vor, wie der Täter unter dem Weihnachtsbaum sitzt und "O du fröhliche" singt.
Das Schlimmste ist, dass K. sich so sicher fühlte. "Du kannst machen, was du willst, mir passiert nichts", habe er gesagt, immer wieder. Denn K. wurde gedeckt. Schlimmer noch: Er war der Vorzeigepädagoge, der das Prestigeprojekt des Kinderschutzbundes leitete. Die Medien überschütteten ihn mit Lob, er bekam einen mit 10 000 Mark dotierten Preis für Kinderschutz der Hanse-Merkur-Versicherung und durfte in Frank Elstners ZDF-Sendung "Nase vorn" auftreten.
Damals war der Kinderschutzbund stolz auf seinen Verein. Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband und Politiker unterstützten das Projekt, das Jugendamt finanzierte jahrelang mit, nachdem sich die Grünen vor Ort dafür eingesetzt hatten.
Bis zuletzt hat Krüger die Grünen gewählt. Jetzt ist sie entsetzt, wie lange die Grünen brauchten, bis sie sich überhaupt dem Missbrauchsthema stellten. Erst spät entschuldigte sich nach und nach die Parteispitze. Der Kinderschutzbund Münster hat sich bislang gar nicht um eine Aufarbeitung gekümmert. Erst im November 2013 beauftragte der Dachverband - genau wie die Grünen - das Göttinger Institut für Demokratieforschung mit der Aufarbeitung.
Besonders enttäuschend findet Krüger, dass Grüne und Liberale keine Telefon-Hotline für Opfer einrichten wollten. Auch Weber verlangt, dass die Opfer endlich gehört werden müssen. Er möchte mit "Leuten wie Trittin oder Cohn-Bendit" sprechen, er will, dass sie verstehen, welches Leid die Toleranz der Grünen für Pädophilie angerichtet hat. Naivität wirft er den Grünen-Politikern vor. Die Debatte wühlt ihn auf, er schläft noch schlechter, wacht nachts alle paar Stunden schweißgebadet auf.
Auch B. fühlte sich sicher. Als Chef der zwei wichtigsten Pädo-Lobbygruppen der siebziger und achtziger Jahre, der AHS und der Deutschen Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie, suchte er Einfluss bei Parteien und auch Organisationen wie dem Kinderschutzbund.
Zahlreiche Dokumente belegen seine Argumentation. "Woher sollen Kinder eigentlich den Umgang mit ihrer Sexualität lernen, wenn nicht von Erwachsenen?", fragte er beispielsweise in dem von Joachim Hohmann herausgegebenen Buch "Pädophilie heute". Der Titel seines Beitrags: "Pädophilie ist ein Talent". 1993 wurde B. wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in neun Fällen zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Einmal sei er von B. am Wochenende mit nach Hause genommen worden, erzählt Weber. Morgens habe B. ihn zu sich in sein Bett geholt. Er habe verlangt, dass Weber vor ihm onaniere. "Mach mal", habe er gesagt. "Mach doch mal." Weber war damals 14. Am selben Tag sei B. mit ihm ins Hallenbad gefahren. Der Erzieher habe ihn mit in seine Umkleidekabine genommen. "Dann stand er da. Der wollte, dass ich auf ihn zukomme, dass ich ihn anfasse." B. habe ihn auch anderen Päderasten ausgeliefert, mal in der Umkleidekabine, mal zu Hause, sagt Weber. Vier Jahre lang sei das so passiert.
Jetzt ist Weber seit Jahren in Therapie, aber er kommt nicht an gegen den Missbrauch. Seit 20 Jahren verbringt Weber die meiste Zeit zu Hause, führt Selbstgespräche, starrt an die Wand oder sitzt am Computer. Und grübelt. "Wenn du allein bist, denkst du ja ständig nach."
Auch Nora Krügers Leben besteht aus Einsamkeit und Therapie. Zweimal die Woche Ergotherapie, ab und zu geht sie ins Internetcafé, "das war's". Selbst an guten Tagen holt der Missbrauch sie ein: wenn jemand so aussieht wie er, die Musik von damals läuft, etwas so riecht wie seine Wohnung. Dann geht das Kopfkino wieder los. Und wenn jemand die Worte sagt, die er sagte.
Krüger kann die Worte nicht aussprechen. Sie versucht, sie zu umschreiben, aber es funktioniert nicht. Sie seufzt, nimmt Block und Stift und schreibt langsam einen Satz auf. In säuberlicher Schrift steht da: "Mit vollem Mund spricht man nicht!" Und in Klammern dahinter: "beim Oralverkehr".
Es waren K.s Worte. Aber sie kannte sie schon aus ihrer Familie: Der Verwandte habe dieselben Worte benutzt. "Mit vollem Mund spricht man nicht!" - wenn sie das heute hört, glaubt sie wieder zu ersticken, sie kann sich nicht rühren, ist wie gelähmt.
Krügers Leiden hätte verhindert werden können. Das belegen Dokumente aus Archiven und Gespräche mit Zeitzeugen. Schon ab 1983 gab es Kritik an K., wie das münstersche "Stadtblatt" später berichtete. Er stritt sich mit Kollegen über sexuelle Kontakte zu Jugendlichen. Doch K. warf seinen Kritikern "Verklemmtheit und Rückschrittlichkeit" vor. Sexuelle Kontakte, sagte er, seien Bestandteil seines Konzepts.
Der Kinderschutzbund Münster berief eine außerordentliche Mitgliederversammlung ein. Doch es war nicht K., der gehen musste. Stattdessen traten kritische Vorstandsmitglieder zurück und Mitglieder aus. K. durfte weiterarbeiten. Das zeigen die Protokolle des Kinderschutzbundes aus der Zeit.
Selbst als sechs Jahre später ein Mädchen Anzeige erstattete, hielt der Kinderschutzbund zu K. Im Dezember 1989 informierte K. den Vorstand über die Missbrauchsvorwürfe. Laut Protokoll der Vorstandssitzung war man "sehr bestürzt" und bedauerte die entstehenden Konsequenzen sowohl für K. "persönlich als auch für seine Arbeit". Bis zur Klärung solle er seine Ämter niederlegen. Man war allerdings "sehr hoffnungsvoll", dass sich die Vorwürfe zerschlagen würden.
K. legte seine Ämter zwar nieder, aber: Die Ausreißerhilfe befand sich in seiner Privatwohnung, sowohl das Büro als auch die Zimmer für die Kinder. Und niemand hinderte ihn daran, sie noch zwei Jahre weiterzuführen - auch nicht das Landesjugendamt, das die Heimaufsicht über die Ausreißerhilfe hatte und von den Vorwürfen wusste. Selbst die Förderung durch die Stiftung Deutsche Jugendmarke lief einfach weiter, die Mittel kamen vom Bundesinnenministerium.
Anderthalb Jahre liefen die Ermittlungen schon, als Nora Krüger bei der "Nummer gegen Kummer" anrief. Doch weil der Münsteraner Kinderschutzbund niemanden über die Vorwürfe informiert hatte, wurde ihr die Ausreißerhilfegruppe empfohlen. Das ist ihr Schicksal.
Den Opfern, den Ausreißern und Problemkindern schenkte offensichtlich niemand Glauben. "Die hatten keine Lobby!", sagt Krüger. Der Täter hatte eine Lobby - und Freunde an wichtiger Stelle.
Für den ersten Prozess schrieb ausgerechnet Helmut Kentler das Opfergutachten. Unglaubwürdig sei das Mädchen, das bei der Tat zwölf Jahre alt war, lautete sein Urteil. Eher kein Zufall, denn Kentler war der führende propädophile Sexualforscher der Zeit. Er schrieb über die "positiven Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung" von Kindern durch Sex mit Erwachsenen und schickte schwierige Jugendliche zu Pädophilen. Außerdem saß er im Kuratorium der AHS - gemeinsam mit dem Kinderschutzbundvorsitzenden Bärsch und Webers Missbraucher B. Die Aktivistenszene war gut vernetzt.
Das Gefühl von Rückhalt und Sicherheit unter den Tätern sorgte dafür, dass die Opfer ihrem eigenen Gefühl nicht trauten. Auch Siegfried Weber nicht: "B. hat kein Wort von Geheimhalten gesagt. Als wenn das ganz normal wäre", erinnert er sich. Da zweifelte er eher an sich selbst.
Weber fühlte sich mitschuldig an dem, was B. ihm antat. B. sei anders als die anderen Erzieher gewesen. "Der war lieb, er hatte so eine weiche Art", sagt Weber. Schrie nicht und schlug nicht. Nahm ihn sogar in den Arm. Weber fasste Zutrauen. Heute weiß er, dass B. sich nur an ihm reiben, ihn fest auf seinen Schoß drücken wollte. Weber hat B. nie angezeigt, erst seit drei Jahren kann er überhaupt über sein Leiden sprechen. Jetzt sind die Taten verjährt.
Auch Nora Krüger fühlte sich lange schuldig. Denn ein wenig Zuneigung und eine Umarmung hatte sie ja gewollt. "Das muss ich schon zugeben." Traurig blickt sie hoch. Aber sie habe klar nein gesagt, das sagt sie zweimal. Doch er hörte einfach nicht auf.
Erst habe er sie eingelullt, "er war richtig nett". So erzählt sie es, den Blick nach unten gerichtet: Er zeigte ihr die Wohnung, am Ende standen sie in seinem Schlafzimmer. Er habe einen Porno angemacht, sie gezwungen, alles Gesehene nachzustellen. Alles, nur von hinten nicht. Sie war wie betäubt. Als gehörte ihr Körper nicht zu ihr.
Acht Jahre nach dem Missbrauch zeigte sie ihn an, aber das Verfahren wurde eingestellt. Denn K. war bereits inhaftiert: 1994 und 1997 wurde er in mehreren Fällen verurteilt, zu siebeneinhalb Jahren. Laut Strafprozessordnung kann die Staatsanwaltschaft von einem Verfahren absehen, wenn die zu erwartende Strafe gegen die bereits verhängte "nicht beträchtlich ins Gewicht fällt".
Krüger schüttelt den Kopf, sie versteht das nicht. Mengenrabatt bei Missbrauch. Er bekam nicht einmal ein Berufsverbot. Nur eines habe sie erreicht: dass er seine Strafe bis zum Ende absitzen musste.
Ein schwacher Trost. Nora Krüger will nicht mehr kämpfen. Aber sie kommt nicht von ihrer Vergangenheit los. Wenn sie beschreibt, wie es ihr geht, nimmt sie die Finger zur Hilfe. Sie zählt ab: "Aussichtslosigkeit und Leere." Sie hält inne, legt den Kopf kurz zur Seite, denkt nach. "Und Schmerz und Hoffnungslosigkeit." Sie zieht die Ärmel ihres Pullovers ein Stück runter und verdeckt ihre Narben.
* Name von der Redaktion geändert.
Von Ann-Katrin Müller und Christian Teevs

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