06.01.2014

ERZIEHERSchneller Einsatz

Weil es an Personal mangelt, haben viele Bundesländer die Ausbildung verändert: Auch pädagogische Laien dürfen Kinder betreuen.
Dass es kinderleicht sei, Kinder zu betreuen - dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. "Die Leute stellen sich das immer so einfach vor, aber es steckt ganz viel dahinter", sagt Cathleen Hackel. Ohne Erfahrung gehe man schnell unter, ohne Ausbildung sowieso; die Kinder merkten genau, ob ihre Betreuer kundig seien oder nicht.
Hackel, 44, leitet den Kindergarten "Kleine Füße - Naseweis" im Berliner Ortsteil Friedrichshain. 35 Erzieher kümmern sich um rund 200 Mädchen und Jungen im Alter von bis zu sechs Jahren. Hackel hat hohe Ansprüche und deshalb ein Problem. Wenn eine Stelle frei wird, findet sie nur schwer eine erfahrene, ausgebildete Erzieherin. In ihrer Not greift sie auf eine neue Art von Betreuungskräften zurück, die ihre Ausbildung berufsbegleitend absolvieren - drei Tage pro Woche Arbeit im Kindergarten, zwei Tage Lernen in einer Fachschule. Die Besonderheit dieser Auszubildenden: Sie dürfen bereits mit den Kindern arbeiten, bevor sie etwas gelernt haben. Sie dürfen sogar allein eine Gruppe betreuen - auch wenn der erste Unterrichtstag im Extremfall noch sechs Monate entfernt ist.
Erzieher sind rar und begehrt, weil die Zahl der Kita-Plätze in Deutschland stark gestiegen ist. Seit August vergangenen Jahres haben Eltern einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz für ihr Kind, sobald es ein Jahr alt ist. Insbesondere in den Ballungsräumen überbieten sich die Kita-Träger deshalb im Gerangel um Fachkräfte: Die Stadt Mainz schaltete Radiowerbung, Frankfurt am Main bietet Rundfahrten zu Kitas mit abendlicher Feier, und München lockt mit günstigen Mietwohnungen (SPIEGEL 29/2013). Laut einer Schätzung des Deutschen Städte- und Gemeindebunds fehlen bundesweit rund 10 000 Erzieher.
Um die Lücke schneller zu schließen, werden viele Länder erfinderisch. Brandenburg etwa bietet eine zweijährige Turbo-Ausbildung an. Baden-Württemberg hat den Kreis derjenigen Personen erweitert, die Kinder wie ein Erzieher betreuen dürfen: Nach einem 25-tägigen Lehrgang können unter anderen Krankenpfleger und Hebammen in einer Kita anheuern. Und nicht nur in Berlin gibt es neben der herkömmlichen Ausbildung nun eine berufsbegleitende.
Auch Hamburg und Baden-Württemberg bekämpfen die Personalnot mit Nachwuchskräften, die ihre Ausbildung in Teilzeit absolvieren und somit sofort einsetzbar sind. Mit diesem Modell spart der Staat. Die Teilzeit-Auszubildenden arbeiten zwar nicht umsonst, sondern werden bezahlt - aber die meisten erhalten weniger als examinierte Kräfte. Sie leisten an den Tagen, die sie in der Kita und nicht in der Schule verbringen, gleiche Arbeit für weniger Lohn.
"Die Ausbildung zum Erzieher wird immer weiter abgewertet", sagt Norbert Hocke, Experte für frühe Bildung bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Viele Fachleute kritisieren das Ausbildungsniveau heute schon als zu niedrig und weisen darauf hin, dass in anderen europäischen Ländern angehende Erzieher eine Hochschule besuchen müssen.
Ein Sprecher des Berliner Senats lobt hingegen die Praxisnähe der neuen berufsbegleitenden Ausbildung. Die Teilnehmer würden "von den Kitas in der Regel als Bereicherung empfunden".
Aus den Einrichtungen sind andere Töne zu hören. Kita-Leiterinnen wie Cathleen Hackel müssen ihre Auszubildenden von erfahrenen Kollegen anleiten und betreuen lassen. "Doch dafür bleibt uns kaum Zeit", sagt Hackel. Unter ihren 35 Erziehern sind drei Frauen, die ihre Ausbildung berufsbegleitend absolvieren. Da die Nachwuchskräfte die Planstellen examinierter Erzieherinnen besetzen, sei mit weniger qualifiziertem Personal mehr Arbeit zu bewältigen. "Und das geht ja eigentlich nicht", sagt Hackel.
In Berlin hat sich nach Angaben des Senats bereits ein Drittel der angehenden Erzieher für die berufsbegleitende Ausbildung entschieden. In vielen Kitas, wie etwa den städtischen Betrieben, wurde ein Azubi-Anteil von zehn Prozent als Obergrenze festgelegt. Doch das Land hat die Vorschriften im April vorigen Jahres weiter gelockert: Bis zu 25 Prozent der Erzieher eines Kindergartens dürfen seitdem noch in der Ausbildung sein. Gewerkschaften und Personalräte kritisieren die Entscheidung. Die bereits ausgebildeten Kollegen litten unter der Doppelbelastung: Sie müssten sich um die Kinder kümmern - und zugleich um die Kollegen, die noch lernen sollten.
Simona Diederichsen, 42 Jahre alt und bislang Kunsttherapeutin, hat vor vier Monaten in Hackels Berliner Kita als Teilzeit-Auszubildende angefangen. Es helfe ihr sehr, dass sie selbst Kinder habe, sagt sie. "Ohne diese Erfahrung käme ich oft an meine Grenzen." Betreut werde sie nur unzureichend, ihre Mentorin hätte kaum Zeit für sie. "Man wird einfach mitgezogen", sagt Diederichsen, "darunter leidet die Qualität."
Von Philipp Alvares de Souza Soares

DER SPIEGEL 2/2014
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