06.01.2014

Der bosnische Knoten

Die Ermordung von Österreichs Thronfolger im Juni 1914 in Sarajevo platzte mitten ins Pokerspiel der Großmächte auf dem Balkan. 100 Jahre und drei verheerende Kriege später ist die Vielvölker-Region noch immer nicht zur Ruhe gekommen.
In einer sechsteiligen Serie beleuchtet der SPIEGEL die gegenwärtigen Folgen des Ersten Weltkriegs. In Bosnien, wo der Krieg mit den Schüssen von Sarajevo begann, spielte sich ab 1992 das letzte Massensterben auf europäischem Boden ab. Bis heute bleibt das Land wegen der rebellischen Serben ein Krisenherd.
Im äußersten Osten von Sarajevo, in den Wohnblockschluchten unweit des Flughafens, gilt der Mörder Gavrilo Princip noch heute als Held.
Hier, wo Bosniens Serben unter sich sind, ehren sie ungeniert ihren berühmtesten Sohn: jenen schnauzbärtigen Studenten, der eines wolkenlosen Juni-Sonntags 1914 in Sarajevo Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand erschoss. Mit einer Kugel in die Halsschlagader, abgefeuert aus einer Browning, Kaliber 7.65.
Der tödliche Anschlag des jungen bosnischen Serben auf den Spross der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie entpuppte sich als Ouvertüre zu einer beispiellosen Tragödie. 15 Millionen Menschen verloren während des Ersten Weltkriegs ihr Leben; die Herrscher aus den Häusern Habsburg, Hohenzollern und Romanow büßten am Ende mit ihrem Thron.
War Princips Bluttat aus serbischer Sicht berechtigt, ein Racheakt an den Habsburgern, die das osmanische Bosnien 1878 besetzt und 1908 annektiert hatten? In Sarajevos Osten jedenfalls schmückt sich das Soho Caffe noch jetzt, ein Jahrhundert später, wandfüllend mit dem Porträt des Attentäters. Auch dessen letzten Worte, einst eingeritzt in eine Zellenwand im böhmischen Theresienstadt, sind abgedruckt: "Unsere Geister werden durch Wien wandern."
Was Gavrilo Princip und seine Mitverschwörer von der panslawistischen Organisation "Junges Bosnien" vor hundert Jahren antrieb, war ein explosives Gemisch: radikaler Nationalismus, gepaart mit Skepsis gegenüber dem westlichen Lebensstil und mit dem Zorn über die eigene wirtschaftliche Rückständigkeit. Ermutigt vom Niedergang des Osmanischen Reichs, das den Balkan jahrhundertelang beherrscht hatte, waren Kriegstreiber in der Region bereits vor dem Attentat von Sarajevo auf dem Vormarsch, vor allem im benachbarten Königreich Serbien - wo von einem Staat geträumt wurde, der sämtliche von Serben besiedelten Gebiete auf dem Boden Österreich-Ungarns einschließen sollte.
Bis heute gefährden Nationalisten auf dem Gebiet der zerfallenen Vielvölker-Republik Jugoslawien die Stabilität im Herzen Europas - nirgendwo ist das offensichtlicher als in Bosnien-Herzegowina. In jener kunterbunt wie ein Flickenteppich gewirkten Republik, in der muslimische Bosniaken, orthodoxe Serben und katholische Kroaten siedeln.
Dass erstaunlich wenige Lehren aus dem Leid der vergangenen hundert Jahre gezogen wurden, aus zwei Weltkriegen und dem innerbosnischen Schlachten ab 1992, findet auch der weißhaarige Herr, den sie in Sarajevo-Ost "Bato" - Kumpel - rufen und der an diesem Nachmittag im Soho Caffe unter dem Bild des Todesschützen von 1914 sitzt.
Der 61 Jahre alte Diplomökonom und Geschäftsmann heißt Gavrilo Princip. Er ist Namensvetter und leibhaftiger Großneffe jenes Burschen, der nur ein paar Kilometer entfernt den folgenreichsten Mordanschlag im 20. Jahrhundert verübte. "Batos" Vater lebte mit dem angehenden Attentäter unter einem Dach; was er seinem Sohn über den berühmten Vorfahren erzählte, stammt aus erster Hand.
Ein sittenstrenger, strebsamer Kerl aus einfachsten Verhältnissen, das ist überliefert, war jener Gavrilo Princip, der mit seinen Schüssen Weltgeschichte schrieb. Hat er sich schuldig gemacht? "Ich bin kein Historiker", sagt der Großneffe, "ich weiß lediglich - er war noch sehr jung."
Mag "Bato" äußerlich nur mit seiner langen, schmalen Nase dem Todesschützen von 1914 ähneln, tief im Innern teilt er dessen Stolz aufs Serbentum und den Abscheu gegen jede Form der Fremdherrschaft. "Bato" ist irritiert, dass der Rebell Princip nicht mehr zum modernen Geschichtsbild im unabhängigen Bosnien passt. "Als ich in Sarajevo aufs Gymnasium ging, hingen da noch Bilder zu seinen Ehren, und das 'Junge Bosnien' wurde als revolutionäre Organisation verehrt", sagt er verwundert, "und nun, nach dem Ende Jugoslawiens, sollen das plötzlich alles Terroristen gewesen sein?"
An diesem Punkt scheiden sich die postjugoslawischen Geister, vor allem jetzt, da der 100. Jahrestag des Attentats vom 28. Juni 1914 naht. Befürworter und Kritiker des Vermächtnisses von Gavrilo Princip stehen sich dabei so unversöhnlich gegenüber wie einst, während des blutigen bosnischen Sezessionskriegs ab 1992, zu beiden Seiten der Front - beim Streit um den historischen Rang des Attentäters von Sarajevo ähnelt die Gefechtslage jener von vor 20 Jahren.
Im einen Lager überwiegen Kroaten und Muslime, die in Gavrilo Princip einen großserbischen Nationalisten und Mörder sehen, den zu feiern es im unabhängigen Bosnien-Herzegowina keinen Grund geben sollte; im anderen Lager finden sich vorrangig Bosniens Serben, die ihren Landsmann als national und antiimperialistisch gesinnten Freiheitskämpfer verehren.
Anders als die katholischen Kroaten und die muslimischen Bosniaken, 1914 mehrheitlich kaisertreu, standen die kriegerischen Serben im Habsburgerreich stets unter Verdacht - als fünfte Kolonne Belgrads. Heute sind die Gräben zwischen den Völkern und Konfessionen in Bosnien tiefer denn je: Im Krieg in den neunziger Jahren starben noch einmal 100 000 Menschen, vor allem Muslime, auf diesem blutgetränkten Boden.
"Ja, Bosnien ist das Land des Hasses", lässt der spätere jugoslawische Nobelpreisträger Ivo Andrić in seiner Erzählung "Brief aus dem Jahr 1920" einen Arzt jüdischer Herkunft sagen. "Diesen spezifisch bosnischen Hass müsste man studieren
und bekämpfen wie eine gefährliche und weitverbreitete Krankheit. Ich glaube sogar, dass fremde Wissenschaftler nach Bosnien kommen würden, um hier den Hass zu studieren, genauso wie sie die Lepra studieren."
Was Serben gegen Ende des 20. Jahrhunderts ihren ex-jugoslawischen Landsleuten in Bosnien antaten, hat auch mit Ereignissen vom Anfang des Jahrhunderts zu tun. 550 000 serbische Soldaten und Zivilisten, beinahe ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, verloren zwischen 1914 und 1918 ihr Leben. Kein anderes Volk erlitt im Ersten Weltkrieg, relativ gesehen, vergleichbare Verluste.
Das 1918 geschaffene serbisch dominierte Königreich Jugoslawien, genannt SHS nach seinen drei Völkern Serben, Kroaten und Slowenen, war ein Vorgängermodell des späteren Jugoslawien und auch als Entschädigung für diesen entsetzlichen Blutzoll gedacht. Doch die Serben wurden darin mit jenen vereinigt, die auf der anderen Seite der Front gekämpft hatten.
Das Königreich SHS trug deshalb den Keim des Zerwürfnisses von Beginn an in sich. Und so kam es genau dort, wo Sieger und Verlierer von 1918 weiter auf engstem Raum miteinander lebten, im Zweiten Weltkrieg und erneut in den neunziger Jahren zu den blutigsten Schlachten: in der bosnischen Krajina und am Drina-Fluss.
All die vielen Worte vom Hass und von der balkanischen "Ursünde" aber, die sein Vorfahr mit den Schüssen von Sarajevo begangen habe, beschäftigten "Bato" wenig. Er raunt lieber von dunklen Mächten im Hintergrund. Warum, so fragt er, haben die Österreicher damals ihrem Franz Ferdinand, dem angehenden Herrscher über ein Imperium von Triest an der Adria bis Lemberg in Galizien, so wenige Leibwächter mit auf den Weg ins unruhige Bosnien gegeben?
Wo doch bekannt gewesen sei, dass der Erzherzog "morganatisch", also unstandesgemäß vermählt und deshalb nicht einmal bei Hofe in Wien wirklich gelitten war; dass er sogar den Thronverzicht für seine Kinder beurkunden musste, nur um seine böhmische Sophie heiraten zu dürfen. Da dränge sich zwangsläufig die Frage auf, sagt "Bato", ob nicht im Umfeld des greisen Kaisers Franz Josef ein paar hinterlistige Wiener Hofschranzen das Attentat selbst orchestriert haben.
"Bato" spricht's, grinst über seine Verschwörungstheorie und startet im VW Golf zu einer Spritztour durch Ost-Sarajevo - jenen Außenbezirk der geteilten bosnischen Hauptstadt, der seit dem Friedensabkommen von Dayton 1995 offiziell nicht zur muslimisch-kroatisch dominierten Föderation zählt, sondern zur zweiten Landeshälfte, zur "Republika Srpska".
Hier, wo einst Serbenführer Radovan Karadžić und General Ratko Mladić ihr gnadenloses Regiment führten, ist inzwischen ziviles Leben eingekehrt. Während die beiden Hauptverantwortlichen vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag noch den Vorwurf des Völkermords zu entkräften versuchen, spazieren in Serbisch-Sarajevo Studenten plaudernd über das ehemalige Kasernengelände in Lukavica. Nur wenig erinnert noch daran, dass von diesem Boden aus die fast vierjährige Belagerung und Zerstörung Sarajevos gesteuert wurde, eine zumindest der Dauer nach einzigartige Barbarei in Europas Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Gavrilo Princip, sein Päckchen Drina-Zigaretten stets in Reichweite, sein Ziel fest im Auge, steuert flott übers historisch verminte Gelände. Hält am verlassenen Postenhäuschen des ehemaligen Armeegeländes, das noch zu Kriegszeiten nach Onkel Slobodan Princip benannt war, einem Partisanenführer und postum hochdekorierten Volkshelden der Sozialistischen Republik Jugoslawien. Zeigt den Flughafen, auf dem in den Jahren der Belagerung Uno-Maschinen Lebensnotwendiges anlieferten; und die ersten Häuser von Dobrinja, dem Athletendorf während der Olympischen Winterspiele 1984.
Im Bosnien-Krieg wurde Dobrinja zur täglichen Hölle für Zehntausende eingekesselter Frontlinien-Bewohner, die hier Teevorräte aufrauchten, Löwenzahn aßen und die toten Opfer serbischer Granatangriffe in ihren Vorgärten verscharrten. Dass blütenweiße Uno-Jeeps und -Schützenpanzer in Sichtweite an ihren Häusern vorbeirollten, ohne zu helfen, nahmen die Eingeschlossenen mit Galgenhumor: "Solange unsere Totengräber hier nicht mit dem Spaten auf Öl stoßen, schert sich die Welt nicht um uns."
Das Verhältnis Bosniens zur Restwelt ist in der Tat seit eh und je geprägt durch einen wesentlichen Widerspruch - zwischen dem Desinteresse, das dem wilden, gebirgigen Balkanland in Friedenszeiten entgegengebracht wird; und dem traurigen Ruhm, den es als Bühne des Blutvergießens immer wieder erlangt.
Es ist, als platzte da in unschöner Regelmäßigkeit schlecht vernarbtes Gewebe an alten Schnittstellen wieder auf. In Bosnien und Herzegowina treffen ja nicht nur Orient und Okzident aufeinander, Rom und Byzanz, Katholizismus, Orthodoxie und Islam, Lateinisches und Kyrillisches. Es berühren sich hier auch angestammte Interessengebiete der Osmanen, Zaren und Habsburger. Deren erbitterter Poker um Macht in der Region war das Vorspiel zur Tragödie von Sarajevo 1914.
Bis heute berühren sich auf bosnischem Boden die Interessen von Groß- und Regionalmächten - von Russen und Türken, Amerikanern, EU-Europäern und Vertretern der islamischen Welt.
Dass sich das 20. Jahrhundert "im Wesentlichen zwischen zwei Brücken in Sarajevo abgespielt" habe, wie der bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan bemerkt, mag eine verkürzte Sichtweise sein. Doch in der Tat waren die Ermordung Franz Ferdinands 1914 an der Lateinerbrücke wie auch die Ermordung zweier Zivilistinnen an der Vrbanja-Brücke bei Kriegsausbruch im April 1992 Fanale von erheblicher Bedeutung: Im ersten Fall zerbarst eine mühsam austarierte europäische Ordnung; im zweiten Fall ging der Glaube zuschanden, mit dem Ende des Kalten Kriegs könnte dauerhafter Frieden auf dem Kontinent möglich sein.
Wie schon 1914 waren auch 1992 die Serben, größtes Slawenvolk auf dem Balkan, am Ausbruch der Gewalt ursächlich beteiligt. Bis heute gründet ihr Selbstverständnis, Pfeiler des christlichen Abendlandes zu sein, auf der - verlorengegangenen - Amselfeld-Schlacht gegen das Osmanische Reich 1389; auch auf dem Widerstand gegen die Deutschen und Habsburger im Ersten Weltkrieg; und auf dem Partisanenkampf gegen die faschistischen Besatzer im Zweiten Weltkrieg.
Was die kriegserprobten Serben zur unverändert kritischen Masse auf dem Balkan macht, ist nicht zuletzt der Umstand, dass sie seit dem Zerfall Jugoslawiens auf verschiedene Republiken verteilt leben: außer in Serbien selbst unter anderem auch in Bosnien-Herzegowina, Kroatien und im abtrünnigen Kosovo, wo ihr Status bis heute ungeklärt ist.
Der Kommunist Marschall Tito, von 1945 bis 1980 der "größenwahnsinnige Zwerg" (Stalin) an der jugoslawischen Staatsspitze, hatte die ethnischen Fliehkräfte noch zu bändigen gewusst. Ab 1991 aber brachen die Dämme. Die Serben, mit ihrer traditionellen Schutzmacht Russland im Rücken, nahmen in Belgrad unter Slobodan Miloŝević Kurs auf ein Großserbien; ihr Statthalter Karadžić exekutierte derweil auf bosnischem Boden seine Politik "ethnischer Säuberung". Erst das Eingreifen der USA und die Bomben der Nato konnten dem blutigen Treiben Einhalt bieten - eine schmerzliche Lektion für die Europäer, und besonders für die Deutschen.
Schon 1914 waren die ja eher kopflos ins Desaster an der Seite Österreichs "hineingeschlittert", wie Großbritanniens Premier Lloyd George es damals nannte. Im Zweiten Weltkrieg dann trugen Hitlers Truppen samt kroatischen Satelliten wesentliche Verantwortung dafür, dass eine Million Jugoslawen ihr Leben verloren. Und Anfang der neunziger Jahre schließlich, unter der Ägide von Kanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher, setzte Bonn sich mit der frühzeitigen Anerkennung der Abspaltung Sloweniens, Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas dem Vorwurf aus, heikle Allianzen und gewachsene Erbfeindschaften auf dem Balkan zu unterschätzen.
"Bato" hat den Bosnien-Krieg ab 1992 in Pale verbracht. Ausgerechnet in der Serbenhochburg oberhalb von Sarajevo, am Regierungssitz des Despoten Karadžić. Eine Stelle im Ministerium für Tourismus und Marketing hatten sie ihm dort angeboten, weil er nach Aufenthalten in Cambridge und Paris als Sprachenkundiger und Weltläufiger unter bosnischen Betonschädeln galt: "Alternativ wäre mir nur die ,puschka', die Knarre, geblieben - und Krieg ist meine Sache nicht", so rechtfertigt sich ausgerechnet der Nachfahr des Attentäters von 1914.
Im Nachkriegs-Bosnien ist er zu bescheidenem Wohlstand gekommen. Über Räucherschinken und Schmalzgebackenem sitzt er hinterm Flughafen im Motel M3, an dem er Anteile hält. Die unsichtbare Demarkationslinie zwischen dem serbischen und dem Föderationsgebiet Bosniens, identisch fast mit der Frontlinie bei Kriegsende 1995, verläuft quasi vor der Tür. "Die wahre Grenze allerdings ist hier oben", sagt Bato und tippt sich mit dem Finger an die Stirn: "im Kopf."
Generalmajor Dieter Heidecker, Edelweiß am Revers, 600 Soldaten aus 22 Ländern im Rücken, sieht das ähnlich. Der Österreicher ist ranghöchster Militär der EU-Mission "Althea", deren Soldaten mehr als 21 Jahre nach Kriegsausbruch in Bosnien-Herzegowina noch immer Präsenz zeigen müssen. "Dies ist ein wunderschönes Land mit Leuten, die extrem nett sind - solange sie nicht mit ihresgleichen zu tun haben", spottet sanft der Herr General.
Heidecker arbeitet mit seinen Truppen daran, dass die Bosnier bald allein für ihre Sicherheit sorgen können. "Wir haben hier inzwischen die ersten Rekruten, die nach dem Krieg geboren wurden", sagt der Eufor-Oberkommandierende. Das gebe Anlass zur Hoffnung: "Die bosnische Armee ist derzeit das Einzige, was in diesem Land auf multiethnischer Ebene funktioniert."
Seit dem Dayton-Abkommen von 1995 gibt es nicht nur zwei Landesteile in Bosnien-Herzegowina plus einen multinationalen Distrikt, sondern auch zehn Kantone und insgesamt 180 Minister. Bis zu zwei Drittel des Budgets werden von der Verwaltung aufgefressen. Einigkeit zwischen den Landesteilen und Volksgruppen ist nicht einmal bei grundlegendsten Dingen wie Minderheitenrechten herzustellen. Die EU droht, so ausdauernd wie erfolglos, mit Sanktionen.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass nicht nur auf militärischem, sondern auch auf zivilem Gebiet hundert Jahre nach dem Attentat die Österreicher schon wieder das Kommando in Sarajevo haben: Valentin Inzko verkörpert als Hoher Repräsentant gemäß Dayton-Abkommen die oberste zivile Autorität im Land. Europa, sagt Inzko, müsse sich an der Lösung des Problems Bosnien-Herzegowina messen lassen: "Denn das hier ist unser Hinterhof."
Von seinem ursprünglichen Traum, Bosnien schon zum 100. Jahrestag des Attentats in die EU zu bugsieren, hat Inzko sich verabschiedet. Nun spricht er nur noch von vorbereitenden Schritten zur "Integration" in die EU und die Nato. Warum es so mühsam sei, den bosnischen Knoten zu zerschlagen? Es fehle, sagt Inzko, zwischen Muslimen, Kroaten und Serben ganz offensichtlich an der Grundlage für einen funktionierenden Staat - am "Konsens zwischen den drei Völkern".
Ein Urteil, das ernüchternder kaum ausfallen könnte - für Sarajevo, Europas Schicksalsort, und für ganz Bosnien.
Wenn sich die verschiedenen Volksgruppen derzeit überhaupt auf etwas verständigen können, dann auf die These, dass seit dem Berliner Kongress 1878, seit Versailles 1919, Jalta 1945 und Dayton 1995 so gut wie immer die anderen schuld waren; all jene, die über diesen Landstrich am grünen Tisch entschieden und dadurch Unheil verursacht haben - in einer, so sehen zumindest die Bosnier selbst das, eigentlich friedfertigen Gegend, in der man halt gern fünf gerade sein lässt.
Bis wieder einmal alles schiefgeht.
Dort, wo die Massengräber aus dem letzten Krieg dicht an dicht liegen, im Osten Bosniens, unweit der serbischen Grenze, verbringt Gavrilo "Bato" Princip seine Sonntage. Seine Mutter lebt hier. Die Anfahrt führt durch die Republika Srpska, die knapp anderthalb Millionen Einwohner starke Teilrepublik der Serben. Den Staat im Staat regiert als Präsident der Hardliner Milorad Dodik, der das Konstrukt Bosnien-Herzegowina als todgeweihten "Teufelsstaat" beschimpft. Und der sich dabei der schützenden Hand Belgrads wie auch Moskaus sicher sein darf.
In der Republika Srpska, zwischen Bratunac und Srebrenica, kam es ab 1992 zu den entsetzlichsten Gewalttaten auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Massaker an über 8000 Männern und Jungen aus Srebrenica erschütterte die Weltöffentlichkeit. Die Mörder waren Angehörige regulärer und paramilitärischer Einheiten der Serben - Landsleute "Bato" Princips also.
Mitten in den bosnischen Killing Fields trifft er nun auf seine aus der Nähe Sarajevos vertriebene Mutter: Dragica Princip, 92 Jahre alt, lebt seit 1995 als Flüchtling in Bratunac. Zwischen Holzkisten voller Äpfel, Klopapierrollen und Flaschen mit selbstgebranntem Pflaumenschnaps versucht die Alte, Würde zu wahren. Sie war ja anderes gewohnt: Zu jugoslawischen Zeiten "standen uns alle Türen offen, wir hatten Privilegien", sagt Dragica - die Verwandtschaft zum Attentäter sei hilfreich gewesen.
Draußen, vor Dragicas Tür, liegt eine geschundene Stadt. Zur Ruine verkommen ist das Hotel Fontana, wo der Serben-General Mladić dem niederländischen Uno-Kommandanten Ton Karremans ein Schnapsglas in die Hand drückte, ehe das tödliche Schicksal der muslimischen Männer und Burschen aus der Uno-Schutzzone seinen Lauf nahm.
Von tobenden Kindern umgeben ist die Schule, in der Muslime 1992 zu Hunderten erschossen wurden. Als trügerische Idylle mit frisch gemähtem Rasen tarnt sich das Stadion "Brüderlichkeit und Einheit", in dem der FK Bratstvo inzwischen wieder Heimspiele bestreitet - nachdem dort 1992 laut Abschlussbericht der Uno-Expertenkommission massenhaft Muslime festgehalten, verbrannt und in den nahen Drina-Fluss geworfen worden waren.
3337 Tote, fast ein Fünftel der Bevölkerung, hatte allein Bratunac zu beklagen. 75 Massengräber wurden bislang im Umkreis der Stadt gefunden. 612 Menschen sind bis heute vermisst. Immer noch werden Opfer ausgegraben, DNA-Proben entnommen, Leichenteile identifiziert. Unabdingbar im Sinn der Aufklärung sei dies, sagt Adam Boys von der Internationalen Kommission für Vermisste: "Denn der Brennstoff für den Bosnien-Krieg in den Neunzigern kam aus ungeklärten Vorkommnissen während des Ersten und Zweiten Weltkriegs; wir müssen diesen Mythenzirkel durchbrechen."
Bürgermeister von Bratunac, wo die alte Dragica Princip lebt, ist allerdings ein Serbe aus der Karadžić-Partei. Einer, der behauptet, sein damaliger Parteichef sei an der Sache mit den 8000 Toten von Srebrenica nicht schuld; und was die Zukunft Bosniens angehe, sei es am besten, wenn jede Nation "einen eigenen Staat hätte, selbst wenn dafür Grenzen geändert werden müssen".
So reden und so denken noch immer viele in Bosnien-Herzegowina. Nicht nur Serben, auch Kroaten.
Sieben Autostunden westlich von Bratunac, dicht hinter der Außengrenze des EU-Neulings Kroatien, liegt geduckt in eine wilde Landschaft aus Wald und Fels in gespenstischer Stille die Kleinstadt Bosansko Grahovo im heutigen Bosnien-Herzegowina. Hier wurde der Attentäter Gavrilo Princip geboren.
Von dem Haus, in dem er seine Kindheit verbrachte, sind nur Außenmauern aus grobem Naturstein geblieben. Marodierende kroatische Truppen haben das Gebäude bei ihrem Feldzug zur Rückeroberung verlorener Siedlungsgebiete 1995 verwüstet - nachdem es zuvor, 1942, schon einmal von den Partisanen in Trümmer gelegt worden war, wie der Alte erzählt, der vom Nachbargrundstück mit seinem Krückstock herüberschlurft.
Miljkan Princip, 81 Jahre alt, ist ein Vetter von Gavrilo "Bato" und der letzte aus der Großfamilie, der vor Ort verblieben ist. Er hat das Königreich Jugoslawien erlebt, die Partisanen, Titos Sozialistische Republik, den Vormarsch radikaler Serben Anfang der Neunziger und die brutale Rache der Kroaten danach.
98 Prozent der Häuser von Bosansko Grahovo wurden 1995 zerstört, zerschossen, ausgeräuchert. Der Hauptverantwortliche für den Verwüstungsfeldzug, der kroatische Generalmajor Ante Gotovina, wurde in Den Haag wegen diverser Kriegsverbrechen verurteilt, später aber freigesprochen. Inzwischen macht er gute Geschäfte auf EU-Gebiet und ist Ehrenbürger der Küstenstadt Split.
Derweil schlagen sich in Bosansko Grahovo, zwischen den Ruinen der Gavrilo-Princip-Schule und des Gavrilo-Princip-Kulturhauses, die zurückgekehrten Serben durch, so gut es geht. Ihre Stadt liegt nun im kroatisch dominierten Teil der Föderation - eine Serben-Hochburg in feindlicher Umgebung. 70 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos, im Öffentlichen Dienst kommen bevorzugt Nicht-Serben unter. Vor der Polizeistation in Grahovo hängt nicht die Flagge Bosnien-Herzegowinas, sondern jene Kroatiens.
"Es wird in dieser Gegend keinen Frieden geben, solange nicht jeder unter seinem eigenen Volk lebt", sagt der serbische Bürgermeister. Und "Bato" Princip, der Nachfahr des Attentäters , warnt Rest-Europa vor der Illusion, dass dort, wo der Erste Weltkrieg ausbrach, alle ihre Lektion gelernt hätten: "Denn in diesem unserem Land gibt es leider immer drei Wahrheiten - je eine für Serben, Kroaten und Muslime."
* Illustration in einer Pariser Zeitung, 1914.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 2/2014
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