06.01.2014

Serie (II) RusslandGestohlener Sieg

Fast hundert Jahre lang hat Russland den Ersten Weltkrieg ignoriert. Nun wird er neu entdeckt. Die These: Wir waren schon immer auf uns selbst gestellt. Von Christian Neef
Wer nach der letzten menschlichen Spur sucht, die der Erste Weltkrieg in Russland hinterlassen hat, sollte sich in die Moskauer Metro setzen. In die grüne Linie, die zum Flusshafen fährt, wo die Ausflugsdampfer Richtung Wolga ablegen. Drei Stationen vorher muss man aussteigen, in Sokol.
Es sind 400 Meter zu Fuß, man entfernt sich vom Straßenlärm des Leningrader Prospekts, geht durch einen Torbogen an der Allerheiligen-Kirche in Wsechswjatskoje vorbei, überquert eine kleine Straße, bis sich zwischen hohen Häusern ein Park öffnet. Es ist eine jener Grünanlagen, die dem 14-Millionen-Moloch Moskau ein bisschen Luft zum Atmen verschaffen.
Wie in allen Moskauer Parks schieben Mütter hier Kinderwagen durchs Laub, führen ältere Damen Hunde aus, es wird gejoggt, telefoniert, Fußball gespielt. Und doch ist dieser Park eine Besonderheit - wegen eines Steins aus rotem Granit, der einsam mitten auf einer Wiese steht. Auf ihm ist in weißen Lettern eingraviert: "Sergej Alexandrowitsch Schlichter, Student der Moskauer Universität, geboren am 31. Dezember 1894, am 20. Juni 1916 bei Baranowitschi im Kampf verwundet, gestorben am 25. Juni 1916."
Nirgendwo sonst in Russland findet man einen Stein mit dem Namen eines Soldaten, der im Ersten Weltkrieg fiel. Die fast zwei Millionen Toten sind aus dem Gedächtnis der Russen verschwunden - auch weil der "Große Krieg", wie er hier einst hieß, lange Zeit nicht in das verordnete Geschichtsbild passte.
Warum aber gibt es ausgerechnet den Hinweis auf Sergej Schlichter?
Irgendjemand hat ein Foto des Soldaten an den Stein geheftet und dazu die Porträts zweier Barmherziger Schwestern, die aus Schlichters Einheit stammten und ebenfalls starben, die eine durch eine Granate, die andere an Typhus.
Schlichter, Sergej Alexandrowitsch. In den Archiven immerhin findet sich einiges über ihn. Geboren ist er im ukrainischen Poltawa, der Vater war überzeugter Bolschewik. Als 1914 der Krieg begann, studierte Schlichter im zweiten Semester an der Historisch-Philologischen Fakultät der Kaiserlichen Universität.
Er meldete sich zur Arbeit in einem Lazarett, im November kam er an die Front. Schlichter muss ein mutiger Mann gewesen sein. Er ging als Parlamentär hinüber zu den Deutschen, dafür bekam er die Medaille des Heiligen Georg, später wurde er sogar mit dem Georgskreuz geehrt. Im Mai 1916 trat er als Freiwilliger ins 266. Infanterieregiment ein.
Wenige Wochen darauf zog sein Regiment nahe der weißrussischen Stadt Baranowitschi in den Kampf, nach dem Ausfall der Offiziere führte Schlichter die Kompanie nach vorn. Sie nahmen ein Militärlager der Österreicher ein, der Kampf war zu Ende - da traf ihn der Splitter einer verirrten Granate. Sergej Schlichter starb auf dem langen Weg ins Hospital.
Beigesetzt wurde er in Moskau, auf dem Ehrenfriedhof für die Gefallenen des Krieges. Schlichter fand seine letzte Ruhe in Sektor 13. An jener Stelle, an der heute sein Grabstein steht.
Sergej Schlichters Schicksal und das Schicksal des Soldatenfriedhofs von Sokol stehen für die Volten, die das russische Reich in seinem ersten postmonarchischen Jahrhundert durchgemacht hat. Als die Begräbnisstätte eröffnet wurde, am 28. Februar 1915, mit reichlich Pomp und Prominenz, war das 22 Hektar große Areal angelegt als Ort des Gedenkens für eine stolze Nation. Die Konsuln der verbündeten Länder Großbritannien, Frankreich, Belgien, Japan und Serbien hatten sich eingefunden, der orthodoxe Bischof und Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna, die ältere Schwester der aus einem deutschen Adelshaus stammenden Zarin.
Die Leichenträger hatten in der Folge auf dem Friedhof gut zu tun. 17 920 Generäle, Offiziere und Soldaten der zaristischen Armee wurden in Sokol zu Grabe getragen - bis im November 1917 die Bolschewiki die Macht ergreifen.
Die Bestattungsordnung gerät in jenem Winter durcheinander, es gesellen sich andere Tote hinzu: die Junker, die den Moskauer Kreml gegen die Roten verteidigten. Später finden an den Friedhofsmauern Erschießungen statt, an einem einzigen Tag bringen die neuen Herrscher einen Bischof und einen Erzpriester um, zwei Innenminister des Zaren, den Vorsitzenden des Staatsrates und Senatoren.
Tote von den Schlachtfeldern des Krieges kommen bald nicht mehr herein, die Bolschewiki haben im März 1918 mit den Deutschen ihren Separatfrieden geschlossen. Doch nun spitzt sich der Krieg im Inneren zu. Truppen des ehemaligen Regimes schießen auf Lenins Revolutionäre. Gefallene der Roten Armee werden in Sokol neben Weißgardisten beigesetzt.
1925 wird der Friedhof geschlossen, 1932 unter Stalin sogar eingeebnet. Grabsteine lässt der Kreml-Chef aus der Erde reißen, auf einem Teil der Anlage einen Park anlegen. Der Legende nach hat sich Sergej Schlichters Vater, ein Vertrauter Lenins, über den Grabstein seines Sohnes geworfen, als der umgerissen werden sollte. Daraufhin sei der Stein stehen geblieben. Der Rest der Gräber wird in den fünfziger Jahren mit Häusern und einem Kino überbaut. Wer heute von der Metrostation Sokol in den Park geht, schreitet über Tausende Tote hinweg.
Doch warum hat Russland fast hundert Jahre lang die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg getilgt? Und warum entdeckt es diesen Krieg jetzt wieder?
Die "Große Sowjetische Enzyklopädie" beschrieb das Völkerschlachten zwischen 1914 und 1918 als "imperialistischen Krieg zwischen zwei Koalitionen kapitalistischer Großmächte für die Neuaufteilung der Welt". Als Krieg, der von beiden Seiten "annexionistisch und ungerecht" war, aber zur Verschärfung des Klassenkampfes und 1917 zur "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" führte. Mit ihr hätten die russischen Werktätigen "das Joch der Kapitalisten und Großgrundbesitzer abgeschüttelt".
Lenins Revolution sei das Schlüsselereignis, sollte das heißen. Nicht der Krieg, in dem Russland ein Viertel seines europäischen Territoriums einbüßte, darunter Polen, das Baltikum, die Ukraine und Finnland. Der damalige Waffengang wurde auf die hinteren Seiten der Geschichtsbücher verbannt, obwohl die Revolution aus ihm hervorgegangen war. Denn er hatte die sozialen und politischen Spannungen so sehr verschärft, dass die Bolschewiki - wenngleich in der Minderzahl - den Umsturz zuwege brachten.
Vom Großen Krieg sind keine Helden überliefert. Er fand so gut wie nicht auf russischem Territorium statt, sondern wogte von Ostpreußen bis zum Kaukasus hin und her. Und die Russen wussten nicht, anders als beim Krieg gegen Hitler, wofür sie in ihm sterben sollten. Selbst als 1945 Ostpreußen an die Sowjetunion fiel, jenes Gebiet, in dem zu Beginn des Ersten Weltkriegs 160 000 Russen ums Leben gekommen oder verwundet worden waren, ließ Moskau jeden Hinweis auf die dortigen Massengräber tilgen. Um den Mythos der Revolution nicht zu beschädigen, blendete die Geschichtsschreibung den Krieg einfach aus.
Jetzt, knapp hundert Jahre später, soll plötzlich alles anders gewesen sein. Am 1. August 2013 gedachte der Kreml erstmals des Kriegsbeginns und schrieb einen Wettbewerb für ein Denkmal aus, das die "15 Millionen Soldaten" ehren soll, die sich 1914 "zum Schutz der Heimat" erhoben hätten. Das Monument wird am 1. August 2014 in der Gedenkstätte auf dem Poklonnaja-Berg aufgestellt, die bisher allein dem Krieg gegen Hitler gewidmet war.
Die Renaissance der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg wird von jenem Minderwertigkeitsgefühl genährt, das die Russen seit Jahrhunderten umtreibt - und seit Beginn der Putin-Ära in besonderem Maße: Russland werde vom Rest der Welt nicht ernst genommen, glaubt die Kreml-Elite, obwohl es noch immer eine Großmacht sei.
Auch zwischen 1914 und 1918 sei das so gewesen. Russland habe an seinen Fronten drei Jahre lang mehr als die Hälfte der feindlichen Divisionen gebunden und die Entente-Staaten vor dem sicheren Zusammenbruch bewahrt, behaupten Historiker. Im Kampf für den gemeinsamen Sieg habe Russland mehr Menschen verloren als alle Verbündeten zusammen.
Trotzdem sei Russland, seit 1917 nun unter kommunistischer Herrschaft, nicht zum Siegesschmaus nach Versailles geladen worden, es sei "wie immer" vor der Tür geblieben, allein Frankreich, Großbritannien und die USA hätten vom Sieg profitiert. In diese Weltsicht passt den Historikern das Zitat von Winston Churchill, wonach das Schicksal mit niemandem so heimtückisch umgesprungen sei wie mit Russland: "Sein Schiff sank, als der Hafen bereits in Sicht war."
Russland sei vor 1914 nicht nur groß und reich, sondern ein Land mit ausgeprägter Ordnung gewesen - dank Zar, Polizei und Geistlichkeit. Es habe einen wirtschaftlichen Boom erlebt, mehr als die Hälfte seines Exports an Deutschland geliefert und damit die deutsche Kriegsindustrie unterstützt - diese Fakten gehören im heutigen Russland zum Bildungskanon. Den Feinden habe dieser Boom nicht gefallen, und zu diesen Feinden müsse man nicht nur Deutschland und seine Verbündeten zählen, sondern selbst Russlands damalige Partner, auch die USA. Das Fazit: Sie alle - ob Entente oder Mittelmächte - hatten eigentlich nur Russland auslöschen wollen.
Das Zarenreich, eine imperialistische Macht wie andere auch? Davon ist im Staate Putin keine Rede mehr. Der Zar ist nun "weise und groß" gewesen, er hätte gesiegt, wäre nicht die Revolution dazwischengekommen. Für den Kreml ist der Erste Weltkrieg heute eine willkommene Blaupause für die Gegenwart. Versucht der Westen nicht noch immer, Russland kleinzuhalten? Sei er nicht mitschuldig am Untergang der Sowjetunion? Und dass die Nato bis an Russlands Grenze vordrang und der Westen seine Offensive in russischen Einflussgebieten wie Georgien und der Ukraine begann - das alles seien Symptome für das Fortbestehen des alten Ziels: Russland aufzuteilen oder zu liquidieren. Dem müsse man sich entgegenstemmen.
Es ist auffällig, wie sehr Moskau vor diesem Hintergrund als außenpolitischer Player wieder von sich reden zu machen versucht. Syrien, Iran und der Fall Edward Snowden - Russlands Rolle bei all diesen Konflikten wird dem eigenen Volk als schlaue Weltpolitik verkauft. In Wirklichkeit definiert sich das Land seit 1917 nur noch gegen den Westen. Es ist ein schlecht organisiertes Reich, dessen Macht inzwischen davon abhängt, dass der Ölpreis über hundert Dollar pro Barrel bleibt.
Trotzdem tut Putin daheim so, als wäre das Imperium wiederauferstanden.
"Verzeih uns, Herrscher", stand auf großen Tafeln, die kürzlich an den 400. Jahrestag der Romanow-Dynastie erinnerten. Schon 2008 hatte das Fernsehen den Film "Nikolai II. - Der gestohlene Triumph" gezeigt. In ihm traten führende Politiker, Geistliche und Historiker auf, um "ein gerechtes Bild von der Herrschaft des Zaren Nikolai zu zeigen, die eine der erfolgreichsten unserer Geschichte war".
Der Zar - das ist auch eine Metapher für den amtierenden Kreml-Chef. Kulturminister Wladimir Medinski feiert Putin als "ersten Herrscher seit Nikolai Romanow", der rechtmäßig an die Macht gekommen sei. Und Kirchenoberhaupt Patriarch Kirill ehrte ihn im November: "Für den Erhalt der Großmacht Russland".
Die Geschichtsumschreibung erfolgt en gros und en détail. Der Russisch-Japanische Krieg, den der Zar 1905 verlor, steht nun für den ersten Versuch einer "Orangen Revolution", um Russlands Aufstieg in die Reihe der Weltmächte zu stoppen. Und die Offensive unter General Brussilow vom Sommer 1916, bei der seine Armee Österreichern und Deutschen die Bukowina und Ostgalizien abnahm, als Wendepunkt im Verhältnis der westlichen Verbündeten gegenüber Russland. Amerikaner wie Briten hätten plötzlich verstanden: Werde Nikolai II. nicht aus dem Weg geräumt, werde das russische Reich ganz allein Deutschland, Österreich-Ungarn und die Türkei zerschlagen - und danach zur Weltmacht Nummer eins.
Die russische Monarchie, soll der Normalrusse glauben, sei ein Paradies bürgerlichen Lebens und imperialer Machtentfaltung gewesen. Das neu herausgeputzte Moskauer Kaufhaus Gum am Roten Platz, erbaut vor 120 Jahren, atmet dieses Heimwehgefühl, die Fernsehwerbung beruft sich auf die alte Zeit. Und im April verlieh Präsident Putin der Moskauer Eliteeinheit, die für den Empfang von Staatsgästen und den Anti-Terror-Kampf zuständig ist, den Ehrennamen "Preobraschenski-Regiment" - so hieß 230 Jahre lang die hartgesottene Leibgarde des Kaisers.
Lesen Sie dazu auch das SPIEGEL-Gespräch mit Ian Morris auf Seite 102.
Lesen Sie im nächsten Heft :
Warum der Erste Weltkrieg in Frankreich als Heldenepos gefeiert wird.
Bei den Briten ruft die Erinnerung an den Großen Krieg Patriotismus wach.
Von Christian Neef

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