06.01.2014

NEUBEGINNDie geteilte Stadt

Nirgendwo ist Amerika stärker in Arm und Reich zerrissen als in New York. Der neue Bürgermeister will den Reichen beibringen, etwas abzugeben. Die Geschichte eines Mantels, den eine Frau in einer Kleiderkammer hinterlässt.
Als es in New York zum ersten Mal richtig schneite, nahm sich Lynne Bejoian den Mantel, den sie vor einem Jahr von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte, und beschloss, ihn zu den Armen und Frierenden ihrer Stadt zu bringen. Es ist ein brauner, weicher Wildledermantel mit einem Pelzkragen. Er sieht aus wie neu. Lynne Bejoian hat ihn kaum getragen, er ist ihr ein bisschen zu groß. Sie hat in der "New York Times" gelesen, dass mehr als hunderttausend Menschen in ihrer Stadt keinen warmen Mantel für den Winter besitzen. Lynne Bejoian stand am Fenster, sah auf die Upper West Side im Schnee und stellte sich vor, wie sie sich ohne Mantel fühlen würde.
Nicht gut, dachte sie.
So verließ sie an einem Tag im Dezember ihr Apartment, stieg in die U-Bahn und fuhr bis zur Penn Station, von da lief sie zwei Blocks, den dicken Mantel im Arm wie einen Tanzpartner. "Die Frau, die diesen Mantel einmal tragen wird, ist nicht anders als ich", sagt sie.
Es ist eher ein Motto als eine Gewissheit. Lynne Bejoian schaffte es gar nicht bis zu den Armen und Frierenden, sondern nur bis zum Mantellager der Hilfsorganisation "New York Cares", die den winterlichen "Coat Drive" organisiert. Das Lager befindet sich in Midtown Manhattan, am Rande ihres Arbeitswegs, mitten in einer Welt, in der sich niemand um warme Mäntel sorgen muss.
Lynne Bejoian ist Professorin für Sonderschulpädagogik an der Montclair-Universität in New Jersey, sie hat ein geräumiges Apartment auf der Upper West Side, sie ist 57 Jahre alt und hat keine Kinder. Dennoch glaubt sie, sich auf dünnem Eis durch ihre Stadt zu bewegen. Sie liebt New York, sie braucht New York. Sie hat sehr schlechte Augen und ist auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Sie mag das New York, das der scheidende Bürgermeister Michael Bloomberg geschaffen hat, die saubere Luft, die Radwege, die Parks; aber es macht ihr Angst. Sie spürt, dass sich viele Menschen die schöne Stadt nicht mehr leisten können. Deswegen hat sie bei den Bürgermeisterwahlen im Herbst Bill de Blasio gewählt, einen Demokraten, der die Sorgen der New Yorker Mittelklasse am besten in Worte fasste.
Auf jeder Veranstaltung erzählte de Blasio seine "Geschichte aus zwei Städten". Er hat sich den Titel von einem Charles-Dickens-Roman geliehen, der Ende des 18. Jahrhunderts in London und im revolutionären Paris spielt. De Blasio wandte ihn auf das New York der Gegenwart an. Sein Vorgänger Michael Bloomberg habe die Stadt in ein Paradies der Reichen verwandelt, ihn habe nur Manhattan interessiert, nicht aber die vier anderen Stadtbezirke, in denen die Mittelklasse zu Hause ist. Die fünf Prozent der reichsten New Yorker verdienen 80-mal mehr Geld als die fünf Prozent der ärmsten.
Es gibt Menschen, die fürchten, dass de Blasio die Stadt verlottern lassen könnte wie die demokratischen Bürgermeister der achtziger Jahre, aber bei den meisten kam seine "Tale of Two Cities" gut an.
Die Professorin Lynne Bejoian steht auf dem Bürgersteig der 28. Straße neben dem Logo des Coat Drive, einer kauernden, frierenden Freiheitsstatue, und blinzelt die dunkle Rampe hinunter, wo Karren mit Mantelsäcken auf Lieferautos warten. Sie möchte den Mantel nicht einfach abwerfen, sie würde ihn gern jemandem in die Hand geben. Wie eine Botschaft oder einen Staffelstab.
Sie glaubt, dass Amerikas Gesellschaft auseinandertreibt, politisch und ökonomisch. Sie ist gewillt, die Lücke zu schließen, sie reicht der anderen Hälfte ihre Hand. Lynne Bejoian stammt aus Watertown, einem Vorort von Boston. Ihr Vater betrieb eine kleine Offsetdruckerei, ihre Mutter war Klavierlehrerin. Lynne Bejoian studierte auf einer liberalen Privatuniversität für Frauen, dem Smith College, sie zog an die Westküste, machte ihren Doktor und kehrte nach 15 Jahren wieder in den Osten zurück. Sie unterrichtete an der Columbia University in New York und nun am Montclair College. Es geht ihr gut. Zu gut, denkt sie manchmal. New York ist ein wundervoller Ort, sagt sie, aber man kann hier nur überleben, wenn man Geld hat. Ihre armenischen Großeltern flüchteten einst vor den mordenden Türken aus dem Osmanischen Reich. Sie trafen sich auf Ellis Island, der damaligen Einwanderer-Prüfungsstelle vor Manhattan. Das war 1914. New York, sagt Lynne Bejoian, hat ihre Familie gerettet.
Es ist eine große amerikanische Rede, die sie auf dem Bürgersteig der 28. Straße hält. Am Ende steigt ein dicker, schwarzer Mann in einem Sweatshirt der Ohio State University die Rampe hinauf und nimmt ihr den Mantel ab. Das ist Julian Simmons, der für die Wintersaison bei New York Cares eingestellt worden ist.
"Die Klassenunterschiede verschärfen sich", sagt Lynne Bejoian mehr zu sich selbst als zu ihm.
"Na ja", sagt Julian Simmons. "Danke für den Mantel."
Lynne Bejoian geht durch das Schneetreiben auf die Penn Station zu, wo ihr Zug nach New Jersey abfährt. Julian legt den braunen Wintermantel in einen Karren, in dem die Kleiderspenden lagern, die sie am Morgen am Barclays Center in Brooklyn gesammelt haben. Er rollt den Karren zu einem Lastenaufzug, schließt das Gitter und fährt in die Tiefe, wo sich die Fahrstuhltür vor einer riesigen amerikanischen Fahne öffnet. An einem Schreibtisch, der mitten in der turnhallengroßen Halle steht, sitzt Diane Conroy, die das Lager leitet.
"Zehn Mäntel aus Brooklyn", sagt Julian.
Diane Conroy schüttelt den Kopf.
Im vergangenen Jahr stapelten sich hier Mäntel bis unter die Decke, in diesem Jahr ist das Lager fast leer. Vielleicht liegt es am milden Winter, vielleicht sind die New Yorker ein bisschen müde nach den vielen Spenden für die Opfer des Sturms "Sandy" im vorigen Jahr. Gut, dass es endlich schneit.
Vier Tage später verlässt Lynne Bejoians brauner Wildledermantel Manhattan. Er wird in die South Bronx gefahren, wo eine Baptistengemeinde einmal in der Woche Mäntel und Jacken an Bedürftige verteilt. New York ist in den vergangenen 15 Jahren eine der sichersten Großstädte Amerikas geworden, aber die South Bronx ist immer noch keine gute Gegend. Die Kirche ist gesichert wie die Bank von England.
Ein Dutzend Frauen und ein Mann warten darauf, dass sich das Kirchentor öffnet. Der Mann ist Mitte fünfzig und stammt aus Peru. Er heißt José Avce und ist Greenkeeper des Siwanoy Golfclubs in Bronxville. Der liegt nur ein paar Meilen nördlich von hier, in einer anderen Welt. Der jährliche Mitgliedsbeitrag des Clubs liegt bei 70 000 Dollar, sagt José Avce. Er braucht eine warme Jacke. Im Winter, wenn niemand Golf spielt, verdient er auch kein Geld. Er wäre eine gute Figur in einer Wahlkampfrede von Bill de Blasio gewesen. Ein Mann, der in beiden Städten lebt, von denen der Mann, der Bürgermeister geworden ist, nicht müde wird zu erzählen.
Um 17 Uhr öffnet Odessa Taylor den Kleidertisch. Sie ist 54 Jahre alt und seit 42 Jahren Mitglied der Baptistenkirche. Sie verfolgt mit schläfrigem Blick, wie sich die Frauen am Kleidertisch verhalten. Manche verjagt sie wie streunende Katzen. Eine alte Chinesin, die mit einem Stoß Kinderanoraks unterm Arm zum Ausgang läuft, fragt sie: "Sind die nicht ein bisschen klein für dich, Liebes?"
"Ich habe fünf Kinder", antwortet die Frau.
"Dann bring sie auch mit, Sweetie", sagt Odessa Taylor, nimmt die Anoraks und legt sie zurück auf den Tisch.
Den braunen Wildledermantel zieht eine kräftige, schwarze Frau aus dem Kleiderberg. Sie schnappt sich den Mantel wie einen dicken Fisch, vielleicht auch, weil er von einem Reporter und einem Fotografen begleitet wird. Ein Mantel mit einer Geschichte, die sie womöglich aus ihrer trostlosen Welt führt. Ein Wundermantel. Sie zieht ihn schnell an.
Der Mantel, der Lynne Bejoian zu weit war, scheint dieser Frau zu knapp zu sein. Es passt alles nicht richtig zusammen.
Die Frau im Mantel heißt Marsha Johnson, ist 35 Jahre alt und wurde auf Jamaika geboren, in einem Küstenort im Norden der Insel. Sie vermisst Jamaika, sagt sie, vor allem jetzt, im Winter. Aber es gab keine Arbeit. Ihr Vater war Landarbeiter, die Mutter hat die Kinder großgezogen. Sie hat zwei Brüder und zwei Schwestern. Sie hat im Tourismus gearbeitet, in Bars und Hotels. Die Landschaft ist schön, das Wetter auch, aber eigentlich gab es, solange sie denken kann, den Traum, aus Jamaika herauszukommen. Die Brüder, ihre Mutter und die ältere Schwester sind in England gelandet, sie hat es nach New York verschlagen. Sie war froh damals, New York klang in ihren Ohren weitaus cooler als Bristol, sagt Marsha Johnson und lächelt schief.
Sie war 23 Jahre alt, als sie Jamaika verließ. Sie hat einen Mann in Brooklyn geheiratet, einen Lehrer, sie wurde amerikanische Staatsbürgerin. Der Mann wirkte nett, aber er hatte eine dunkle Seele, sagt sie. Er trank und schlug sie. Sie reichte die Scheidung ein. Damals zog sie zum ersten Mal in ein Obdachlosenheim.
In der Trennungsphase überredete sie eine Freundin zu einem Blind Date mit einem Mann aus Providence, Rhode Island. Er war weiß und jünger als sie, sie macht so was normalerweise nicht, sagt sie, sie wurde sofort schwanger.
Ihr Sohn George wurde in einem Wohnheim in Bedford-Stuyvesant geboren. Er hat hellere Haut als sie. Als er ein halbes Jahr alt war, reiste sie mit dem Jungen dem Vater nach Providence hinterher. Wie sich herausstellte, hatte der Mann bereits eine Frau und zwei Kinder. Marsha Johnson nahm sich eine Wohnung in Providence, wo die Mieten längst nicht so hoch sind wie in New York. Sie arbeitete im Supermarkt, sie blieb, in der Hoffnung, dass sich die Dinge ändern. Sie wartete fünf Jahre lang. Eine Weltwirtschaftskrise zog vorbei, sie freundete sich ein bisschen mit der Großmutter von George an. Sonst passierte nichts. Als sie keine Arbeit mehr fand, reiste sie zurück nach New York.
Im Sommer meldete sich Marsha Johnson wieder in der PATH an, der Behörde, die Plätze in den New Yorker Obdachlosenheimen verteilt. Es ist nicht so einfach, wie man denkt, sagt sie. Die Beamten wollen herausfinden, ob sie wirklich Wohnraum braucht oder nur so tut. Marsha wusste nicht, was das sollte. Sie hatte doch alles dabei. All ihre Koffer. Wo sollte sie denn hin? Aber die Plätze in den Heimen sind knapp.
Michael Bloomberg hat viel Gutes für New York getan. Die Lebenserwartung der New Yorker liegt jetzt bei 81 Jahren, zweieinhalb Jahre höher als im Rest des Landes. Es gibt 65 Prozent weniger Morde und 30 Prozent weniger tödliche Verkehrsunfälle. Restaurants müssen den Kaloriengehalt ihrer Gerichte angeben, man darf nirgendwo rauchen oder mit Transfetten kochen. Die New Yorker Luft ist so sauber wie seit 50 Jahren nicht mehr, die Zahl der Obdachlosen allerdings ist in Bloombergs zwölfjähriger Amtszeit um 70 Prozent gestiegen. In Amerika insgesamt sank diese Zahl in den vergangenen Jahren. Es ist vor allem ein New Yorker Problem.
Im vorigen Herbst schliefen über 50 000 Menschen in den New Yorker Obdachlosenheimen, fast die Hälfte davon waren Kinder. 1,7 Millionen New Yorker leben unterhalb der Armutsgrenze. Seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es in New York nicht mehr so viele Menschen ohne Wohnung.
Die New Yorker Beamten schickten Marsha Johnson und ihren Sohn George von einem Heim zum anderen. Immer wenn sie sich gerade eingerichtet hatten, mussten sie weiter. Seit drei Monaten sind sie jetzt in einem Heim in Williamsbridge, einem anderen Stadtteil der Bronx. Es klingt, als seien sie endlich angekommen, aber Marsha Johnson sagt, sie wolle sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden.
"Es gibt Leute im Heim, die betrachten es als ihr Zuhause. Ich will das nicht. Ich will dort raus. Es ist ein Heim. Um zehn werden die Türen abgeschlossen wie in einem Gefängnis", sagt sie.
Sie hat eine Arbeit als Krankenpflegerin bekommen. Sie kümmert sich um eine alte Frau in Manhattan, die einen Schlaganfall hatte. Neun Dollar und 50 Cent bekommt Marsha Johnson dafür in der Stunde. Sie hat sich für verschiedene Wohnungen beworben, die an Leute mit geringem Einkommen vergeben werden. 400 bis 500 Dollar Miete im Monat könnte sie sich leisten, hat sie ausgerechnet. Das ist ihr Plan.
Marsha Johnson zupft an ihrem neuen Mantel herum, als wollte sie sich darin einrichten, sie befühlt die Pelzstreifen, mit denen der Mantel besetzt ist, sie zerrt an der Knopfleiste. Er wirkt zu eng.
Draußen vor der Kirche wird es langsam dunkel. Es ist eine weite Reise von hier bis zu ihrem Heim in Williamsbridge. Die Bronx ist groß. Marsha Johnson steht auf der Straße in dem braunen Wildledermantel, aus dem ihre weinroten Trainingshosen und ein paar Turnschuhe herausschauen. Man könnte denken, sie habe den Mantel gestohlen.
Als sie am nächsten Nachmittag aus dem Apartmenthaus in Manhattan tritt, in dem die Patientin wohnt, die sie betreut, trägt sie wieder ihren alten, schwarzen Anorak. Der Mantel, sagt sie, ist "für gut". Sie wird ihn anziehen, wenn sie ausgeht. Sie würde zum Beispiel gern mit ihrem Sohn George ins Kino gehen. Das letzte Mal waren sie im vorigen Sommer dort. Sie haben "Safe House" gesehen, einen Thriller mit Denzel Washington. Es wurde ein bisschen viel geschossen für George, er ist ja erst sechs Jahre alt, aber sie liebt Denzel Washington. Leider stirbt er am Ende von "Safe House". Vielleicht sehen sie sich diesmal "Frozen" an, sagt sie.
"Frozen" ist Andersens "Schneekönigin" in der Version von Disney. Sie will es unbedingt am Times Square sehen. George liebt den Times Square. Sie beschreibt den Platz wie einen Urlaubsort.
Marsha Johnson steigt in die rote Subway-Linie, die auch die Professorin Lynne Bejoian täglich benutzt, aber sie fährt in die entgegengesetzte Richtung. Sie fährt in eine Gegend, in der man auch heute noch die Autojagd aus "French Connection" drehen könnte, ohne irgendetwas umzudekorieren. Und dann fährt sie weiter. Sie steigt an der Gun Hill Road aus. Hier, an den Rändern, erinnert New York an eine Stadt aus der Dritten Welt. Man vergisst die Touristen, die am Jahresende in Schlangen vor den Museen und Warenhäusern Manhattans stehen. Marsha Johnson wartet am anderen Ende der Stadt auf einen Bus, der sie noch weiter weg bringt aus der Vorstellung, die man gern mit New York verbindet.
Sie steigt an einer zugigen breiten Straße aus, die so etwas ist wie Hauptgeschäftsstraße ihres Viertels. Nur dass es keine Geschäfte gibt. Es gibt eine Pizzeria und eine gutgesicherte, winzige Filiale der Bank Western Union. Und dann gibt es einen Betonklotz, der von hohen, mit Stacheldraht gekrönten Zäunen umgeben ist und in der Landschaft hockt wie ein böses Tier. Das ist das Obdachlosenheim. Auf der anderen Straßenseite steht ein kleines, zweistöckiges Haus, in dem die Tagestätte untergebracht ist, in die ihr Sohn nach der Schule geht.
Sie klingelt an dem kleinen Haus und ruft den Namen ihres Sohnes ins Treppenhaus. Nach einer Weile erscheint George. Sie fragt den Jungen, ob er mit nach Hause kommen wolle, aber er will nicht. George bleibt lieber bei den anderen Kindern. Er springt ins Haus zurück. Die Tür schließt sich.
Marsha Johnson nickt.
"Er ist ein guter Junge", sagt sie. Ihre Augen werden feucht, aber dann schüttelt sie sich, dreht sich um und geht auf den Betonklotz zu.
Ihr Zimmer ist in der zweiten Etage. Es gibt eine kleine Küche, ein Bad und ein Doppelstockbett. Sie schläft unten, George oben. Vor dem Würfel stehen ein paar Männer, rauchen und schauen herüber. Marsha Johnson möchte jetzt nicht weiter begleitet werden. Sie will nicht auffallen, sagt sie. Sie sucht keinen Kontakt zu den anderen Insassen. Es gibt da zu viele Emotionen, zu viel Drama, sagt sie. Sie klingelt, das Eisentor öffnet sich, und sie läuft hinein.
Über die Feiertage hat der neue Bürgermeister Bill de Blasio beschlossen, nun doch nach Manhattan zu ziehen. Ein paar Wochen war unklar, ob er in seinem Reihenhaus in Brooklyn bleiben würde - als Zeichen dafür, dass seine Aufmerksamkeit sich auf die ganze Stadt richtet und nicht nur auf das Zentrum. Michael Bloomberg, der scheidende Bürgermeister, besuchte in den letzten Tagen seiner Amtszeit eine Suppenküche für Obdachlose. Marsha Johnson kochte am Heiligen Abend Steak und Kartoffelbrei, George liebt Kartoffelbrei. Fürs Kino hat das Geld nicht gereicht.
Am 1. Januar kam Bill Clinton nach New York und vereidigte Bill de Blasio. Ein kalter Wintertag, Clinton sieht aus wie Gott und spricht inzwischen auch so. Er hat die Bibel mitgebracht, die einst Franklin D. Roosevelt gehörte, und verspricht, dass Bill de Blasio die geteilte Stadt einen wird. Harry Belafonte beschwört ein gerechteres New York, ein Broadway-Star singt "Imagine" wie die "Internationale" und ein obdachloses Mädchen namens Sunny wird auf die Bühne geführt wie ein Weltwunder. Manche Redner beschimpfen Bloomberg, der im Publikum sitzt wie ein geprügelter Hund. Es riecht nach Weltrevolution, aber als de Blasio erklärt, wie er das Geld eintreiben will, verfliegt dieser Duft. Er möchte die reichsten ein Prozent der New Yorker höher besteuern. Ein bisschen höher. Sie sollen drei Dollar täglich mehr bezahlen, sagt de Blasio. So viel wie ein Soja-Cappuccino, erklärt er, ein kleiner. Bloomberg lächelt.
Der neue Bürgermeister ist zu seinem Amtsantritt mit der U-Bahn gekommen. Noch ein Zeichen. Er erzählt wieder die Geschichte von den zwei Städten. Er will sie neu schreiben, sagt er. Er will heute noch damit anfangen, die Gerechtigkeit nach New York zurückzubringen. Am Ende appelliert er an das Gewissen von Menschen wie Lynne Bejoian. Macht mit. Seid New Yorker.
"Wir lassen keinen New Yorker zurück", ruft Bill de Blasio in den Winterwind.
Marsha Johnson hat ihn nicht gewählt. Sie hat überhaupt nicht gewählt. Sie glaubt nicht, dass ihr Schicksal mit dem Wechsel von Politikern verknüpft ist. Sie hat über den Jahreswechsel einen zweiten Pflegejob angetreten. Eine behinderte Frau in Brooklyn, der Fahrtweg war zweieinhalb Stunden, der Babysitter für George hat 90 Prozent ihres Verdienstes gekostet. Sie hat ihren neuen Mantel bislang kein einziges Mal getragen. Es gab noch keine Gelegenheit, sagt sie. Der braune, weiche Wildledermantel ist aus der einen Stadt in die andere gereist. Lynne Bejoians Botschaft aus der Upper West Side ist in der Bronx angekommen.
Sie hängt im Schrank und wartet auf bessere Zeiten.
Von Alexander Osang

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