06.01.2014

SCHICKSALEDie Betrogenen

Mit 51 Jahren trifft Andreas Nakic zum ersten Mal seine Mutter. Auf Drängen ihres Vaters gab sie den Jungen nach der Geburt weg - weil er unehelich und dunkelhäutig war.
Bevor Andreas Nakic zum ersten Mal seine Mutter sieht, befürchtet er, sie nicht zu erkennen. Doch dann sieht er sie, eine kleine Frau mit heller Haut und kurzem weißem Haar, und weiß einfach: Das ist sie. Sie kommt aus Amerika, gerade ist sie am Flughafen Köln-Bonn gelandet. Ihren Namen kennt er erst seit ein paar Wochen: Diane Truly, geborene Robbie.
Er schaut sie an, sie schaut sich um, dann lässt sie ihren Rollkoffer stehen und breitet die Arme aus. Minutenlang umarmen sie sich. Er lacht, sie weint.
Andreas Nakic sucht im Gesicht seiner Mutter nach Ähnlichkeiten. Diane blickt in das dunkelhäutige Gesicht ihres erwachsenen Sohnes. Zum letzten Mal hat sie ihn vor mehr als 51 Jahren gesehen, damals war er wenige Stunden alt, ein zarter, hilfloser Säugling. Sie gab ihm den Namen Reginald Vincent, dann gab sie ihn weg.
Sie wanken zum Parkplatz, überwältigt und immer noch unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Benebelt und glücklich, so beschreibt Nakic heute das erste Treffen mit seiner Mutter. Er sitzt in einem Café im Süden von Köln. Ein drahtiger Typ mit braunen Augen, Bartschatten und Glatze. Er wirkt jünger als 51 Jahre.
Auf der Fahrt vom Flughafen erzählt Diane ihm von dem Tag seiner Geburt. Und von den Lügen, die sein Leben formten.
Ihre Geschichte handelt von der jahrzehntelangen Suche einer Mutter und der geraubten Identität eines Sohnes. Sie zeigt, wie rassistisch Amerika in den sechziger Jahren noch war.
Die Mutter sagt: "Diese Geschichte ist eine Tragödie."
Der Sohn sagt: "Wir sind beide betrogen worden, wegen meiner Hautfarbe."
Anfang der sechziger Jahre ist Diane Robbie gerade 19 Jahre alt und noch minderjährig, sie studiert an der Universität von Colorado in Denver und demonstriert mit Bürgerrechtlern gegen die Rassentrennung. Sie verliebt sich in Bekele, einen Gaststudenten aus Äthiopien, doch von der Liebe weiß sie nicht viel und über Verhütung gar nichts.
Im Dezember 1961 entdeckt Diane, dass sie schwanger ist. Ihr Vater, ein wohlhabender Anwalt und Katholik, besteht darauf, dass sie das uneheliche Kind eines schwarzen Mannes zur Adoption freigibt. Joseph Robbie ist ein einflussreicher Mann, der zur Wahlsiegparty von John F. Kennedy eingeladen wird und der später den Erstliga-Footballclub Miami Dolphins kauft.
Im Sommer 1962 wird sein Enkel Reginald Vincent Robbie im Mercy Hospital in Denver geboren. "Ein schönes kleines Kind, das wie ein Neger aussieht, aber eine helle Hautfarbe hat", wird in den Akten notiert. Nach der Geburt darf Diane Robbie ihren Sohn nur noch einmal durch eine Glasscheibe ansehen. Sie stimmt der Adoption zu.
Das Kind wird in ein Heim der Catholic Charities gebracht, einer Organisation, die zur internationalen Caritas gehört. Das Adoptionssystem ist auf weiße Babys und weiße Eltern ausgerichtet. Die Sozialarbeiter bemühen sich nicht, schwarze Babys zuerst in schwarze Familien zu vermitteln. Sie sind der Meinung, auch schwarze Kinder seien am besten bei Weißen aufgehoben. Heute wissen Experten, dass es besser sein kann, den Kindern nicht aufzubürden, in einer Familie mit anderer Hautfarbe aufzuwachsen.
Drei Monate nach der Geburt will Robbie ihr Kind am liebsten zurück. "Versuchen Sie, nicht an das Baby zu denken", schreiben die Sozialarbeiter der Catholic Charities am 29. November 1962 an die Mutter. "Beten Sie und machen Sie sich um das Baby keine Sorgen."
Diane Robbie macht sich aber Sorgen. Sie schreibt weitere Briefe, verlangt immer drängender ihr Kind zurück. "Wir denken nicht, dass dies das Beste wäre", schreibt eine Sozialarbeiterin im Januar 1963. Man habe längst ein nettes Zuhause für ihren Sohn gefunden. Die Mitarbeiterin verschweigt, dass der Junge zu diesem Zeitpunkt im Heim lebt, nach zwei fehlgeschlagenen Vermittlungsversuchen. Robbie wohnt mittlerweile in Los Angeles, hat einen schwarzen Mann geheiratet, arbeitet bei einer Telefongesellschaft und studiert Soziologie.
"Ich habe eine unglaubliche Wut", sagt Andreas Nakic, der Mann, der als Reginald Vincent Robbie geboren wurde. Er ist wütend auf die Adoptionsvermittler, die ihm seine Mutter vorenthielten. Aber auch auf seine Adoptiveltern, die ihm nicht die Wahrheit über seine Herkunft sagten.
Mit drei Jahren kommt er zu ihnen, sie geben ihm einen neuen Namen. Der Vater ist weißer Amerikaner, Professor für Physik und Astronomie, die Mutter ist Deutsche und Hausfrau, sie haben vier leibliche Söhne. Ende der sechziger Jahre ziehen sie nach Deutschland, nach Göttingen. Der Junge hat häufig das Gefühl, nicht in die weiße Großfamilie zu passen, auch wenn seine Eltern sagen, Zugehörigkeit sei eine Frage der Liebe und nicht der Hautfarbe.
In der Schule nennen die Mitschüler ihn "Neger". "Ich war das einzige dunkelhäutige Kind in Göttingen", sagt Nakic. "Meine Eltern haben mir zu viel zugemutet." Als er nach seinen leiblichen Eltern fragt, erzählen sie etwas von einer irischen Mutter und einem ägyptischen Vater, meint er sich zu erinnern.
Andreas Nakic steckt seine Zunge durch eine kleine Zahnlücke im Oberkiefer, er denkt nach. "Ich bin 50 Jahre mit der falschen Identität herumgelaufen." Er versucht zu beschreiben, wie es sich anfühlt, seine Herkunft nicht zu kennen, sich am falschen Platz zu fühlen. "Manchmal denke ich, ich bin von einem anderen Planeten." Er habe versucht, seine Adoptiveltern als seine Eltern zu akzeptieren, sagt er. Doch heute ist sein Verhältnis zu ihnen zerrüttet.
Sie trennen sich, als Andreas neun Jahre alt ist. Er zieht mit der Mutter und den Geschwistern in die Nähe von Köln. Mehrfach muss er die Schule wechseln, mit 16 zieht er von zu Hause aus.
Dann entdeckt er asiatischen Kampfsport, er meditiert und gewinnt Kontrolle über seinen Körper - endlich wird sein Leben ruhig. Er holt das Abitur nach, beginnt ein Sportstudium. Heute arbeitet er als Gewaltpräventionstrainer, Kölner Schulen engagieren ihn.
Auf der anderen Seite der Welt schreibt Diane Robbie weiterhin Briefe an die Catholic Charities. Sie hat düstere Ahnungen, fürchtet, dass ihr Sohn obdachlos ist. Robbie fragt mehrmals nach, ob er wegen seiner Hautfarbe Probleme habe. Vielleicht deswegen antworten die Sozialarbeiter, dass er in einer Familie aufwachse, in der es mehrere Kinder mit gemischtem Hintergrund gebe. Es ist eine Lüge.
Nach dem Tod ihres Vaters 1990 entdeckt Robbie in seinen Unterlagen, dass auch er sich bei den Catholic Charities nach seinem Enkel erkundigt hatte. Er hatte sogar angeboten, ihm eine Ausbildung zu zahlen. Dem einflussreichen Großvater teilte die Organisation sogar mit, was sie der Mutter vorenthielt: In einem Brief werden Andreas' Jahre im Heim und die gescheiterten Vermittlungen beschrieben. Seiner Tochter jedoch hatte Joseph Robbie nie etwas davon erzählt. Die Catholic Charities verweisen auf die Schweigepflicht und wollen den Fall nicht kommentieren.
Ende der neunziger Jahre schaltet Diane Robbie schließlich einen Detektiv ein, bezahlt eine Internetfirma für Recherchen. Die findet heraus, dass Andreas von einer Familie aufgenommen wurde, doch da endet diese Spur. Robbie quält sich mit dem Gedanken, ihr Sohn könne ihr nie vergeben, dass sie ihn zur Adoption freigab. Als sie nicht mehr weiterweiß, stellt sie seine Daten ins Internet.
An seinem 51. Geburtstag, vor fünf Monaten, beschließt Andreas Nakic schließlich, seine Mutter zu finden. In seiner Adoptionsurkunde steht sein Name, Reginald Vincent Robbie. Seine Adoptivmutter hatte ihm weisgemacht, dieser Name sei ihm erst im Heim gegeben worden. "Sie wollte verhindern, dass ich suche", sagt Nakic. Und lange wollte er keine Fragen stellen, wollte nicht wissen, warum seine biologischen Eltern ihn nicht wollten. Denn das hätte auch geheißen, die Antworten, vor allem die schmerzhaften, ertragen zu müssen.
Im Sommer gab er den Namen, der in seiner Adoptionsurkunde steht, bei Google ein. Da gab es einen Eintrag. Seine persönlichen Daten, eingestellt von einer Diane Truly.
Er hatte sie gefunden.
Ein paar Tage später haben sie erstmals miteinander telefoniert. Eine befreundete Englischlehrerin hat für Andreas Nakic übersetzt. Seine Mutter spricht eine Sprache, derer er nicht wirklich mächtig ist.
Was sagt man, nachdem man 50 Jahre lang sein Kind gesucht hat? "Ich habe hallo gesagt und musste gleichzeitig lachen und weinen", sagt Diane. "Es war wunderbar", sagt Andreas.
Die Amerikanerin erzählte von ihrer Suche und von ihren zwei Töchtern, von ihrem Leben im kalifornischen Sacramento, von der Familie, die sich über das Erbe zerstritten hat. Ihr Sohn erzählte von seiner Frau, deren Namen er angenommen hat. Von seinen Freunden in Köln, die er als seine Familie sieht.
Und sie verglichen ihre Geschichten. Fünf Jahrzehnte lang hatten sie mit Täuschungen gelebt. Er mit den Täuschungen seiner Adoptiveltern. Sie mit denen der Adoptionsagentur.
Am Schluss sagte Robbie: "Andy, I will come to Germany." Vier Wochen später liegen sie sich am Flughafen in den Armen.
Andreas Nakic prüft jetzt jedes Detail seiner Lebensgeschichte. Warum hielt die Adoptionsagentur ihn von seiner Mutter fern? Warum belogen ihn seine Adoptiveltern? "Ich war oft traurig und verzweifelt", sagt er, "aber ich war nie sauer auf meine Mutter."
Noch Wochen nach dem ersten Besuch fühlt er sich benebelt. "Ich muss jetzt rüber, um das wirklich zu begreifen." Er will endlich Zeit mit seiner Mutter verbringen. Im April fliegt er nach Amerika. Seine Mutter wird ihn vom Flughafen abholen.
Von Gesa Mayr

DER SPIEGEL 2/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHICKSALE:
Die Betrogenen

  • Weltrekord: 280 km/h auf einem Fahrrad
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter
  • Pilot kehrt nach Tschernobyl zurück: "Ich erkenne den Ort kaum wieder"