06.01.2014

HOMESTORYFeiglinge

Warum ich so viele Singles kenne
Meine Freundin Sara sagt, wenn sie auf eine Hochzeit gehe, fühle sie sich wie ein Arbeitsloser im Großraumbüro. Sie sagt, Pärchen bereiteten ihr schlechte Laune, sie stelle sich, wenn sie auf welche treffe, jedes Mal dieselben Fragen.
Erstens: Warum halte ich niemanden an der Hand?
Und zweitens: Hielte ich das eigentlich aus?
Sara ist 33 und seit zwei Jahren Single. Sie könnte allmählich eine Familie haben, ein Haus oder wenigstens Lust darauf. Aber so ist es nicht. Sara will nicht. Viele meiner Freunde sind so: Alex, 37, seit vier Jahren Single, weil ihn einmal eine Frau traumatisiert habe. Meike, 35, seit drei Jahren Single, weil sie dauernd vergebene Männer treffe. Thorsten, 29, immer Single, weil unter Schwulen alles noch schlimmer sei. Ich treffe meine Freunde zum Bier in einer Kneipe. Sie erzählen mir, dass sie sich so schnell nicht mehr binden wollen. Stress, nur Stress, sagen sie. Und bestellen mehr Bier.
Meine Freunde haben alle lange in Beziehungen gelebt, und sie sagen, sie seien glücklich gewesen. Auch Sara lebte mit ihrem Freund zusammen, sie hatten eine Wohnung in Köln, sie hätten zusammenbleiben können. Aber ihre Liebe scheiterte, als es in ihrer beider Leben Brüche gab; als einer abgebogen ist in eine andere Stadt, einen neuen Job, ein fremdes Bett und nicht wiederkam.
Jetzt, da meine Freunde sich an das Alleinsein gewöhnt haben, stellen sie schlaue Fragen: Warum soll ein Leben als Paar das Richtige sein? Was spricht dagegen, sich zu trennen, wenn wir unglücklich sind? Oder trennen wir uns zu schnell, sobald wir uns vorstellen, wir könnten mit einem anderen Leben glücklicher sein? Und: Darf man das überhaupt? Sein Glück einem anderen Menschen überantworten? Ist das nicht eine verdammte Zumutung?, rief Alex kürzlich am Tresen einer Kneipe.
Es sind Fragen, die sich ein anderer Teil meiner Freunde nie stellen würde. Jene, die geheiratet haben und seit Jahren als Paar ihr Leben verbringen.
Meine Freunde, die ich in der Kneipe treffe, beneiden die anderen manchmal, sagen sie. Aber der Preis ist ihnen zu hoch - die Freiheit zu teuer, die Karriere zu wichtig, das Selbstbild ohne Partner am wenigsten angreifbar. Sie nehmen es für selbstverständlich, dass in ihrem Leben vieles befristet ist: Arbeitsverträge, WGs, Bekanntschaften. Gleichzeitig haben sie inzwischen so etwas wie Geschmack entwickelt, zumindest lackieren sie Beine von Küchentischen und kaufen natives Olivenöl.
Für ihr Beziehungsverhalten folgt daraus, dass sie sich gern Kurzzeitpartner zulegen, die sie von Mal zu Mal noch kritischer auswählen. Sie nehmen Liebe als eine planbare Sache wahr, und dass sie sich selbst nicht mehr richtig hineinbegeben wollen, ist nur ein kleiner, nicht unwichtiger Faktor von vielen.
Auch Sara hat wieder ein Experiment unternommen. Sie erzählt mir an diesem Abend, dass sie sich bei einem Singleportal angemeldet habe, es heißt Finya. Wer teilnehmen möchte, lädt ein Foto hoch und erfindet ein Pseudonym.
Innerhalb einer Stunde hatte Sara drei Anfragen.
Tom_Hamburg schreibt: "Falls Du heute Abend noch ein bisschen Spaß haben willst, melde Dich bei mir."
Holger79 schreibt: "Du suchst einen Mann - wofür?"
ElGato_HH schreibt: "Wie geht es Dir? Wo kommst Du her?" Er will sie gleich bei ihr zu Hause treffen.
Sara hat sich wieder abgemeldet. Sie hat ihren Versuch wiederholt und sich bei Parship angemeldet (langweilig wegen der vielen Informatiker), bei Facebook gechattet (zu unverbindlich), Ex-Freunde angerufen (doch vorbei), und jedes Mal, wenn es hätte ernster werden können, hat Sara entschieden, dass sie sich (wegen schlimmen Musikgeschmacks, zu viel oder zu wenig Bart) nicht mehr mit demjenigen treffen kann.
Alter, komm, sagte Alex kürzlich, wir machen einen Film daraus. Wir fragen Til Schweiger. Wie klänge das: Willkommen in der Republik der Hasen?
Meine Freunde aus der Kneipe wissen, dass sie mit ihrem Fluchtverhalten Chancen verschenken, aber es macht ihnen nichts aus. Sie tragen ihr Zaudern mit seltsamem Stolz vor sich her. So, als wäre ein Lieben im Konjunktiv eine Auszeichnung wert. Als müsse erst jemand kommen, der sagt: Mach mal.
Meine Freunde aus der Kneipe sind Akademiker, sie kommen aus Deutschland und leben in großen Städten. Sie lieben so, wie viele Menschen in diesem Land das Leben empfinden - als hätten sie ein wenig zu oft einen verdammten Schnupfen.
Ihre Geschichten handeln von Männern, die beim ersten Treffen erklären, dass sie ihre künftige Freundin nur alle fünf Tage sehen möchten. Sie handeln von Frauen, die Sätze über Kinder nicht ohne "aber" bilden können. Es kommen Gefühle darin vor, die schon im Ansatz durch Ironie kassiert werden, und eine Menge unbeantworteter SMS. Eine Paarbeziehung, erläutern sie, bringe bei allen Beteiligten mit der Zeit die jeweils schlechtesten Eigenschaften hervor.
Kurz gesagt: Meine Freunde haben aufgehört, etwas zu wagen, sie wägen nur noch ab. Sie begeistern sich nicht für die Realität, sondern eher für eine Idee davon. Wenn sie jemanden wiedersehen, haben sie ihn vorher gegoogelt und ahnen, was er auf ihre Fragen antworten wird. Statt Liebe leisten sie sich bloß eine Sehnsucht danach - es ist das freieste, verheißungsvollste und feigste Gefühl, das ein Mensch sich leisten kann: ein Gefühl ohne Konsequenz.
Ich bin 31, ich kenne lange Beziehungen, auch ich habe zurzeit keinen Partner. Ich sitze gern abends mit meinen Freunden in der Kneipe, und oft erzählen wir uns solche Geschichten.
Ich finde, dass Unverbindlichkeit keine schöne Angelegenheit ist, weil sie das echte, nahe Leben verhindert. Aber ich erlebe, dass man sich in ihr einrichten kann wie in einer Beziehung.
Von Katrin Kuntz

DER SPIEGEL 2/2014
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