06.01.2014

COMEDY„Ratzinger war ein Geschenk“

Komikerin Carolin Kebekus, 33, über Kirchensatire und die Angst der TV-Sender
SPIEGEL: Sie haben mehrfach durch kirchenkritische Satire Aufsehen erregt. Macht der den Menschen zugewandte Papst Franziskus den Kabarettisten das Spotten schwerer?
Kebekus: Ja, diese Personalie war blöd für uns. In meinem Bühnenprogramm rede ich deshalb immer noch über den alten Papst. Ratzinger mit seinen Äußerungen zur Homo-Ehe oder zur Verhütung in Afrika war ein Geschenk. Aber immer wenn man denkt, es gibt nichts mehr zu lästern, biegt doch wieder ein Würdenträger wie Herr Tebartz-van Elst aus Limburg um die Ecke.
SPIEGEL: Die meiste Aufregung verursachten Sie im Frühjahr vergangenen Jahres mit einem Video, das der WDR nicht ausstrahlen wollte, weil Sie darin als Nonne verkleidet an einem Kruzifix leckten.
Kebekus: Ich glaube, die Kirche selbst hätte sich daran gar nicht so sehr gestört. Im Internet habe ich das Zitat eines Pfarrers gefunden: "Jesus hat so sehr gelitten, dann wird er es auch ertragen, dass die Kebekus an ihm leckt." Nein, das war schlicht eine Angst-Entscheidung des WDR.
SPIEGEL: Stefan Raab empfahl Ihnen damals in seiner Sendung, sich an den neuen WDR-Intendanten Tom Buhrow zu wenden.
Kebekus: Das Treffen gab es. Buhrow hatte mich im September in sein Büro eingeladen. Die Stimmung war gut, der 1. FC Köln hatte gerade gewonnen, und wir sind beide Fans. Buhrow wollte wissen, wie der Krach um das Video abgelaufen war. Das hatte sich ja alles im Juni kurz vor seiner Amtseinführung abgespielt. Ich glaube sogar, dass der bevorstehende Wechsel auf dem WDR-Chefsessel mit der Zensur meines Videos zu tun hatte.
SPIEGEL: Wie denn das?
Kebekus: Daran war ja die Vergabe weiterer wichtiger Posten im Haus geknüpft. Deshalb wollte dort keiner ein Risiko eingehen, das ihm womöglich den Aufstieg verbaut hätte. So eine Haltung strahlt bis in die unteren Gefilde einer solchen Anstalt aus.
SPIEGEL: Erleben Sie Angst vor allem bei öffentlich-rechtlichen Sendern?
Kebekus: Nein, auch bei den privaten. Viele Redakteure interessieren sich nur für einen, solange man ihnen Quoten oder Profit beschert. Kaum jemand baut noch Künstler auf. Eine der wenigen Ausnahmen ist das ZDF. Dass die sich getraut haben, so etwas wie die "heute show" zu entwickeln ...
SPIEGEL: ... in deren Auftrag Sie sich voriges Jahr bei Kardinal Meisner als Päpstin bewarben ...
Kebekus: ... finde ich enorm. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das Absicht war. Vielleicht haben alle im Sender, die dieses Format hätten verhindern können, einfach nur gepennt.

DER SPIEGEL 2/2014
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