06.01.2014

JOURNALISMUSSchreiben bis zum Untergang

Das Ende der „Mainzer Rhein-Zeitung“ steht exemplarisch für den landesweiten Niedergang von Lokalblättern. Die Krise macht viele Journalisten arbeitslos, vor allem ältere Redakteure finden nur schwer einen neuen Job.
Was soll denn jetzt oben auf die Seite vier?", fragt Redaktionsleiterin Renate Brog in die Runde, "der schwere Verkehrsunfall oder der Bericht über die Fastnachtsposse im Staatstheater?"
Ein Redakteur sagt leise: "Ist das denn noch wichtig?"
Endzeitstimmung im Großraumbüro der "Mainzer Rhein-Zeitung". Ein abmontiertes Reklameschild lehnt an einer Wand, daneben stehen Umzugskartons. Die letzte Konferenz findet in der Kaffeeküche statt.
An den Bildschirmen produziert eine Handvoll Redakteure die Silvesternummer eines Blatts, das keine Zukunft mehr hat: Ab sofort ist die Zeitung nur noch Vergangenheit, nach über 26 Jahren. Es ist das Aus für Journalisten, von denen manche ihr gesamtes Erwerbsleben lang für das Lokalblatt geschrieben haben.
Für die finale Ausgabe haben sich die Mitarbeiter einen Gag ausgedacht. Auf der Titelseite schauen alle gemeinsam in eine Kamera. Auf dem Foto der letzten Seite drehen sie dem Fotografen ihren Rücken zu. Das war's also. Trauriges Ende eines ehrgeizigen Experiments.
1987 wollte Walterpeter Twer, Verleger der Koblenzer "Rhein-Zeitung" mit zahlreichen Nebenausgaben im Westerwald, im Hunsrück und an der Mosel, endlich auch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz Flagge zeigen. Der Start eines Konkurrenzblatts sollte der alteingesessenen "Allgemeinen Zeitung" Mainz ("AZ"), gegründet 1850, das Fürchten beibringen und die Bedeutung von Twers Mittelrhein-Verlag steigern.
Der Mainzer Journalist Joachim Knapp, bis zuletzt zuständig für die ersten vier Seiten, war von Beginn an dabei. "Beim Andruck der ersten Ausgabe tanzten wir vor Freude auf den Tischen", erzählt der heute 51-Jährige. Verleger Twer versprach in einem Grußwort einen "offenen, unabhängigen und kritischen Journalismus".
Knapp schwärmt noch heute von der Euphorie der Gründerjahre. "Wir waren so stolz auf unser Blatt, haben uns total mit unserer Arbeit identifiziert", sagt er. Die neue Zeitung sollte vor allem Leser aus dem linken und grünen Bürgertum gewinnen. Jungjournalist Knapp kritisierte deshalb in ungewohnter Schärfe die traditionell verstaubte Rathauspolitik, Kollegen provozierten mit aufmüpfigen Kommentaren die Honoratioren.
Das Konzept, täglich einem Thema eine ganze Seite zu widmen, etwa dem Kampf gegen illegale Drogen oder der Situation Mainzer Obdachloser, trug den Blattmachern mehrere Preise für hervorragenden Lokaljournalismus ein. Gegen die daraufhin in der ganzen Stadt plakatierte Eigenwerbung ("Sie haben die beste Lokalseite Deutschlands") erwirkte die Konkurrenz prompt eine einstweilige Verfügung. "Wir mussten nachts los, um unsere eigenen Plakate zu übersprühen", erinnert sich Knapp.
Vorbei, alles vorbei. Das Ende des Blatts ist typisch für den Niedergang von Regional- und Lokalzeitungen vielerorts in Deutschland. Durchs Internet verursachter Anzeigenschwund und das Wegsterben älterer Abonnenten führen zu einem beispiellosen Aderlass. In der Provinz haben viele kleine Zeitungen schon dichtgemacht, in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München büßten die Lokalblätter in den vergangenen zehn Jahren rund 30 Prozent ihrer Leser ein.
Trübe Aussichten für die gefeuerten Mainzer Redakteure. "Der Markt ist so gut wie dicht", klagt Knapp, der wie fast alle seiner Kollegen noch keinen neuen Job hat. Und gerade im Rhein-Main-Gebiet ist die Not besonders groß.
Im benachbarten Wiesbaden legte die Verlagsgruppe Rhein-Main im Frühjahr 2013 ihre beiden Tageszeitungen "Kurier" und "Tagblatt" kurzerhand zusammen, zur Beruhigung der Abonnenten blieben nur die Titel als irreführendes Unterscheidungsmerkmal erhalten. In Frankfurt kollabierte 2012 die linksliberale "Frankfurter Rundschau" ("FR"), deren Anzeigenteil noch in den frühen neunziger Jahren an manchen Wochenenden schwerer gewogen hatte als ein Laib Brot. Nach der Insolvenz wurden 420 Mitarbeiter entlassen, die übriggebliebene Schmalspurausgabe wird ausgerechnet vom früheren Hauptkonkurrenten "FAZ" verlegt.
Vor allem für Redakteure, die jahrzehntelang am gleichen Ort recherchierten und schrieben, wird es eng. "Mit meiner Kompetenz kann ich außerhalb der Stadt wenig Land gewinnen", fürchtet Armin Thomas, ebenfalls Urgestein aus der Gründerzeit. Der ehemalige Theologiestudent berichtet seit Jahren über Mainzer Geschichte von der Römerzeit bis zu den Nazis, stöbert dazu tagelang in Archiven und Bibliotheken, fördert immer mal wieder Überraschendes zutage. Jetzt, mit 55 Jahren, weiß der schmächtige Mann nicht, wie es weitergehen soll.
"Ich hab mich noch um nichts gekümmert", gesteht er, keine Bewerbungen geschrieben, keine Stellenanzeigen gelesen, keine Gespräche geführt. Die Furcht vor dem Absturz betäubte er in den letzten Wochen mit Arbeitswut.
"Beim Gang durch die Stadt fallen mir ständig Dinge auf, über die man unbedingt schreiben müsste", sagt Lokaljournalistin Irmela Heß. Wann wird endlich diese Baustelle beseitigt? Sollte hier nicht ein Frauenhaus entstehen? Warum leert niemand die überquellenden Papierkörbe? Dann wird ihr schlagartig bewusst, dass sie künftig kein Forum mehr für ihre Geschichten hat - und sie spürt Wehmut und Wut zugleich.
"Die Zeitung war mein Lebensinhalt", erklärt sie, "ich hab Zeit und Leidenschaft ohne Ende investiert."
"Ich halte mein geregeltes Berufsleben für erledigt", sagt auch Reinhard Rehberg, der Fußballexperte. Der gelernte Sportlehrer konnte jahrelang Passion und Broterwerb vereinen. Sein Hauptthema, die Fußballer von Mainz 05, machte ihn zum Fan und zum Kritiker zugleich. Und dank seiner fachkundigen Berichte wurde er über Mainz hinaus bekannt.
Ob er ein Angebot annimmt, als freier Mitarbeiter kurze Fußballkommentare für die "AZ" zu schreiben, weiß er noch nicht. "Die Vorstellung quält mich", erklärt er, "die waren doch immer meine Konkurrenz." Weil der heute 56-Jährige jedoch wegen seines Studiums nur 25 Jahre rentenversichert war, deshalb Existenzangst hat, fällt ihm die Entscheidung schwer.
Das schnelle Ende macht Rehberg nicht nur traurig, sondern auch böse. "Die haben mit der Axt reingehauen, einfach peng", empört er sich, "der Mensch stand nicht im Vordergrund."
Allerdings war die Existenz des Blatts schon lange in Gefahr. Die "Mainzer Rhein-Zeitung" schrieb nie schwarze Zahlen, konnte sich nie entscheidend gegen den großen Konkurrenten "AZ" durchsetzen. Trotzdem hielt Verleger Twer lange an seinem Prestigeobjekt fest. "So lange, wie es wirtschaftlich vertretbar war", sagt Verlagsmanager Marco Herzmann. Genaue Zahlen will er nicht verraten.
Noch 2010 wurde ein Neuanfang versucht: Der Lokalteil rückte auf die ersten Seiten vor, Stadtrat statt Europaparlament. Motto: "Wir bringen Mainz nach vorne." Neue Leute wurden eingestellt, ein neuer Redaktionsleiter sollte Dampf machen, das Online-Angebot wurde erweitert.
Als das Mindestziel des Verlags verfehlt wurde, die Auflage auf über 10 000 Exemplare zu steigern, begann ein Abstieg auf Raten. Zwar verkündete Verleger Twer noch im Oktober 2012 bei einem Redaktionsbesuch zum 25-jährigen Blattjubiläum: "Ich stehe zu Mainz." Doch schon bald ging's bergab.
Ende 2012 feuerte der Verlag seine Anzeigenvertreter, schickte mehrere Sekretärinnen in den Ruhestand, der Redaktionsleiter musste gehen. 2013 wurden alle in der Stadt postierten Werbestände dichtgemacht, die Werber entlassen. Auch der eigenständige Online-Auftritt endete von heute auf morgen, die Mitarbeiter verloren ihren Job. Die Print-Redakteure mussten zusammenrücken, die Hälfte der Büroräume wurde abgegeben. Alles nur vorsorgliche Sparmaßnahmen, hieß es aus der Koblenzer Zentrale.
Dazu passte, dass ein Redaktionsmanager forderte, Musikrezensionen und Theaterkritiken freier Mitarbeiter künftig nicht mehr zu honorieren. Der kostenlose Eintritt sei doch Belohnung genug.
"Eigentlich war das Ende absehbar", sagt Lokaljournalist Jochen Dietz rückblickend, "aber vielleicht wollten wir das einfach nicht wahrhaben." Womöglich auch deshalb nicht, weil die Auflage zuletzt zwar langsam, aber stetig stieg.
Dietz war deshalb ebenso verblüfft wie seine Kollegen, als der Belegschaft Mitte September die Einstellung des Blatts zum Jahresende und der eigene Rausschmiss verkündet wurden. Erst auf Intervention von Betriebsrat und Gewerkschaft kam eine für die Mitarbeiter annehmbare Abfindungsregelung zustande, rund 400 000 Euro, die nach einem Sozialschlüssel unter allen Gekündigten verteilt werden. Dabei sollten die geschassten Journalisten auch nach ihrem Rausschmiss gefälligst funktionieren, als wäre nichts geschehen. Der Verlag hatte den Lesern auf Seite eins zugesichert: "Bis Ende Dezember werden wir wie gewohnt Tag für Tag für Sie da sein."
"Ich fühle mich wie die Musiker auf der ,Titanic'", sagt Sportredakteur Peter Herbert Eisenhuth, "die spielten ja auch bis zum Untergang." Für ihn sei das eine Frage der Ehre: "Schließlich haben die Leser ja bis zum letzten Tag bezahlt."
Die meisten Kollegen denken ähnlich. "Qualitätsjournalismus bis zur letzten Patrone", witzelt Redakteur Dietz, während er über den Zoff um das umstrittene Einkaufszentrum am Dom schreibt. "Der Alltag vertreibt wenigstens die Trauer."
Dietz, ein Typ mit Ecken und Kanten, erzählt mit spöttischem Lächeln über die Angst in der Verlagszentrale, die Mainzer Redakteure könnten ihr eigenes Blatt sabotieren: "Wir stehen unter verschärfter Beobachtung." Nach den Kündigungen sei die Druckfreigabe der Zeitung zunächst kurzfristig von Mainz nach Koblenz verlegt worden - laut Dietz offenbar aus Sorge, die frustrierten Mitarbeiter würden absichtlich Fehler einbauen oder auf ihr eigenes Los hinweisen.
Die Maßnahme wurde zwar schnell wieder rückgängig gemacht. Zwei Bildtexte erregten jedoch Verdacht, wurden in der Zentralredaktion gestrichen. "So schön kann der Untergang sein" durfte nicht unter dem Foto eines malerischen Sonnenuntergangs stehen, die Zeile "Das Rauschen im Blätterwald wird leiser", formuliert unter dem Bild eines Herbstwaldes, fiel ebenfalls der internen Zensur zum Opfer - ein Vorgang, den die Koblenzer Chefredaktion nicht kommentieren möchte
Einer der letzten Redaktionstage im Dezember. Es klingelt. Einmal, zweimal. Schließlich springt Jochen Dietz hoch, öffnet die Tür, rennt zurück zu seinem Arbeitsplatz, grummelt. "Pförtner muss man hier auch noch spielen", schimpft er. Doch ein Empfangsbüro gibt es längst nicht mehr, die einzig verbliebene Sekretärin ist krank.
Heiko Beckert, der für eine Pauschale von monatlich 1000 Euro Gerichtsberichte verfasst, schreibt einen seiner letzten Artikel. Irmela Heß sitzt still am Fenster, redigiert ein Interview mit einem Universitätsmediziner, sagt seit Stunden kein Wort. "Ich brauch dringend Polizeimeldungen", ruft Joachim Knapp, der noch eine Nachrichtenspalte füllen muss. In einem Vorort brennt eine Halle, drüben in Wiesbaden sind drei Straßenräuber festgenommen worden, doch das reicht nicht.
"Wir machen hier Zeitung mit drei oder vier Leuten", sagt Knapp, "früher waren wir mindestens elf oder zwölf." Da wurde noch jede Seite gegengelesen, jede Pressemeldung umgeschrieben. Heute muss das Rechtschreibprogramm reichen, zu mehr langt die Zeit nicht. Einige Kollegen sind schon weg, andere haben noch Resturlaub oder Spätdienst.
Plötzlich Gelächter. Wie heißt sie denn nun mit Vornamen, die neue Ortsvorsteherin vom Lerchenberg, wirklich Sissi oder doch Elisabeth? "Die heißt tatsächlich Sissi, schreibt sich wie Romy", ruft einer, der sie kennt. "Sissi - Schicksalsjahre einer Ortsvorsteherin", juxt Jochen Dietz - ein Spruch, der Eingang in die Glosse des nächsten Tages findet. "Galgenhumor", sagt Dietz.
Renate Brog, Redaktionsleiterin und Geschäftsführerin in Doppelfunktion, ist jede Heiterkeit vergangen. Die Frau Mitte fünfzig, groß, blond, elegant gekleidet, wirkt noch verbitterter als ihre Kollegen. "Ich fühle mich verschaukelt", klagt sie, "verschaukelt und alleingelassen."
Mehrfach übernahm sie schon für den Mittelrhein-Verlag undankbare Aufgaben, wurde vorgeschickt bei Einsparungsmaßnahmen in Außenredaktionen, traf heikle Personalentscheidungen.
Als sie im Juli 2013 ihren Posten in Mainz antrat, glaubte sie fest an das Versprechen, der Verlag lasse den Standort nicht fallen - zu einem Zeitpunkt, an dem die Schließung womöglich schon geplant war. Die Journalistin stürzte sich voller Tatendrang in die Arbeit, motivierte die Kollegen, wollte das Unmögliche packen  - und wurde nach knapp drei Monaten vor vollendete Tatsachen gestellt.
Renate Brog musste zunächst sämtliche Kündigungen unterschreiben - und dann ihren eigenen Aufhebungsvertrag. "Ich wurde geholt, um das Licht auszuknipsen", glaubt sie inzwischen.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 2/2014
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