06.01.2014

HUMOR„Alle Scherze waren gemacht“

Das Satire-Portal „Der Postillon“ inszenierte sich als Urheber der Meldung, dass der CDU-Politiker Ronald Pofalla in den Bahnvorstand wechselt - und narrte so die Netzgemeinde.
Der gelernte Werbetexter Stefan Sichermann, 33, aus Fürth betreibt seit 2008 die Satireseite "Der Postillon", die voriges Jahr mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.
SPIEGEL: Sie haben ganz schön für Aufregung gesorgt, als Sie den Eindruck erweckten, die geplante Berufung des CDU-Politikers Ronald Pofalla in den Vorstand der Deutschen Bahn sei eine von Ihnen erdachte Satire. Wen wollten Sie damit narren: die Medien oder Ihre Leser?
Sichermann: Zunächst weder noch. Als die Personalie bekannt geworden war, wollte ich nur etwas Gehässiges über Pofalla schreiben. Ich meine, das ist doch absurd: Da zieht sich einer aus angeblich persönlichen Gründen aus der großen Politik zurück, und kurz darauf wird er mit einem höchst lukrativen Job in einem Staatsbetrieb versorgt. Als wäre ein Vorstandsamt ein Witzposten, den man mal so nebenbei erledigen könnte. Aber die Meldung über seinen Wechsel war am Donnerstag erst einige Sekunden alt, da waren auf Twitter schon alle Pofalla-Scherze gemacht.
SPIEGEL: Wie kamen Sie dann darauf, die Meldung auf Ihre Seite zu stellen, wo ansonsten nur Nonsens steht?
Sichermann: Ehrlich gesagt stammt die Idee gar nicht von mir, sondern von dem Blogger Sascha Lobo, der ja unter anderem auch für SPIEGEL ONLINE schreibt. Lobo hatte mir so etwas vor einigen Monaten vorgeschlagen, als der frühere Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, dem ja auch nicht unbedingt ein Ruf als exzellenter Verwalter vorauseilt, zum Chef des Berliner Flughafens bestellt wurde. Auch so eine Meldung mit "Postillon"-Qualität. Weil ich aber schon einen anderen Mehdorn-Gag auf der Seite hatte, habe ich damals darauf verzichtet. Das Stilmittel habe ich mir bewusst aufgespart.
SPIEGEL: Sie verbreiteten die Pofalla-Meldung wie alle anderen Online-Medien am 2. Januar, datierten sie aber auf den 1. Januar vor. Dadurch wirkte es so, als hätten alle von Ihnen abgeschrieben.
Sichermann: Das war die zweite Metaebene und wiederum der Einfall eines Facebook-Nutzers. Das Eingabedatum um einen Tag vorzuverlegen war technisch kein großes Ding.
SPIEGEL: Auf Facebook und Twitter entlud sich schnell eine Menge Spott über die angeblich so blöden Medien, die auf den listigen "Postillon" hereingefallen seien. Der Entertainer Jan Böhmermann etwa twitterte an SPIEGEL ONLINE, ob es deshalb schon Entlassungen gebe. Wie erklären Sie sich diese Häme?
Sichermann: Ich finde es bezeichnend, wenn die sogenannten seriösen Medien für weniger glaubwürdig gehalten werden als der "Postillon". Vielleicht ist der "Postillon" im Lügen einfach besser als diese im Verbreiten von Wahrheiten. Viele Zeitungen und Online-Seiten schreiben ungeprüft voneinander ab. Selbst Vorabmeldungen, die von "Bild" rausgehauen werden, werden von den Nachrichtenagenturen einfach so weiterverbreitet. Und schauen Sie sich diesen unglaublichen Auflauf von Journalisten vor dem Krankenhaus an, in dem Michael Schumacher behandelt wird. Einer hat sich angeblich sogar als Priester verkleidet in die Klinik eingeschlichen. Glauben Sie, das alles trägt zum guten Ruf der Medien bei?
SPIEGEL: Im Netz ist schon von Pofallagate die Rede.
Sichermann: Ein beliebter Reflex. Die Leute hängen an irgendwas ein -gate dran und kommen sich wahnsinnig originell vor. Das darf man nicht zu hoch hängen.
SPIEGEL: Aber der "Postillon" räumt jetzt sicherlich mächtig Klicks ab.
Sichermann: Gar nicht so sehr. Diese Pofalla-Nummer ist ja im Wesentlichen ein Medienphänomen. Am Donnerstag, als der Hype losging, waren es 214 000 Besucher. Das ist zwar ganz ordentlich, der Durchschnittswert liegt jedoch bei 80 000. Aber als der "Postillon" im Dezember meldete, wegen des Orkans "Xaver" schicke die Elbphilharmonie-Bauleitung in Hamburg beide Arbeiter nach Hause, kam die Seite an einem Tag auf eine halbe Million.
SPIEGEL: War Pofalla Ihr bislang größter satirischer Coup?
Sichermann: Es gibt andere Themen, an denen ich mich mit mehr Leidenschaft abarbeite als an Herrn Pofalla. Zum Beispiel die Spitzeleien der NSA. Als bekanntwurde, dass auch das Handy der Kanzlerin abgehört worden war, dichtete ich: "Regierungssprecher Steffen Seibert erklärte heute bei einer Pressekonferenz, die Kanzlerin sei empört und zutiefst verletzt, dass sie von den USA so behandelt werde, als sei sie ein gewöhnlicher, unbescholtener Bürger." Nein, ein Coup wäre diese ganze Geschichte nur, wenn Pofalla den Job nun doch nicht antreten würde, weil es der Kanzlerin zu peinlich wäre.
Interview: Alexander Kühn
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 2/2014
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