06.01.2014

ISLANDZurück im Glück

Das Land hat sich wirtschaftlich so schnell erholt, wie es vor fünf Jahren unterging. Nun strotzt die Insel vor Selbstbewusstsein und setzt auf neue und alte Stärken: erneuerbare Energien, Tourismus, Fischerei. Und Stricken. Von Guido Mingels
Nein, was für ein Arschloch!" - Was soll man erwarten von einem Land, in dem dieser Satz ein Kompliment ist? Isländer sagen "Arschloch", "rassgat", wenn sie Kindern den Kopf tätscheln oder Freunde begrüßen. Sie meinen das nur nett.
"Island ist das Arschloch der Welt", sagt der Bergführer. Auch das ist nur nett gemeint. Und als geologische Metapher, klar. Wir stapfen über ein Lavafeld, immer den unaussprechlichen Vulkan Eyjafjallajökull im Blick. In Island, auf dem Mittelatlantischen Rücken und damit auf der Trennlinie von nordamerikanischer und eurasischer Platte gelegen, erleichtert sich die Erde. Geysire, Vulkane, heiße Quellen sorgen dafür.
Die Insel, erst seit etwa 18 Millionen Jahren überhaupt vorhanden und seit 1100 Jahren bewohnt, ist ein unwahrscheinlicher geologischer Zufall. Ein Lavahaufen, aufgetaucht aus dem Atlantik, wohin "The Rock", wie die Isländer ihre Insel gern nennen, auch wieder verschwinden kann. Die Leute hier waren Fischer und Bauern, bevor sie sich nach der Jahrtausendwende entschieden, ihr Land zum Spielcasino des globalen Kapitals zu machen. Jetzt fischen sie wieder.
Und sie geben gern Auskunft über ihren Weg zurück zum Glück. Wie der aussieht, darüber sprechen hier ein Investor, ein Finanzminister und ein Fischer, sie heißen Skúli, Bjarni und Valli. Und Ásgeir, ein Ökonom, der entschuldigend sagt: "Isländer sind nun mal Draufgänger." Sowie Ragga, eine Expertin für Sex und für Stricken, die glaubt, dass Island "zu sich selbst zurückgefunden hat". Das Du übrigens ist hier offiziell.
Was Island Anfang des Jahrtausends angestellt hat, wird seither als eine der heftigsten Finanzkrisen der Geschichte bestaunt. Wohl nie zuvor wurde in so kurzer Zeit in einem Land und pro Kopf so viel Geld angehäuft und in ebenso kurzer Zeit wieder zerstört. Doch Island, das nur 320 000 Bewohner hat, legte vermutlich auch den schnellsten Neuaufschwung hin, der einer Volkswirtschaft je gelang. Schon seit 2011 wächst das Bruttoinlandsprodukt wieder, zuletzt um zwei Prozent, die Löhne steigen, die Staatsverschuldung sinkt, und die Regierung zahlte einen Teil des Milliardenkredits, der ihr 2008 vom Internationalen Währungsfonds gewährt worden war, früher zurück als nötig. Ein selbstbewusstes Signal.
Wie haben die das geschafft? Warum schaffen das andere nicht? Kann man etwas lernen von Island?
DER ÖKONOM "Am Anfang des isländischen Wunders lag Deutschland", sagt Ásgeir Jónsson, 43, in seinem Büro über ein paar Kurvendiagramme gebeugt, die alle im Herbst 2008 einen heftigen Knick zeigen und seit 2010 langsam wieder ansteigen. Deutschland? Er genießt die Überraschung im Gesicht des Zuhörers.
Jónsson war Chefökonom der Kaupthing Bank, einer der drei isländischen Zockerbanken, die im Jahr 2008, nach Jahren eines beispiellosen Booms, über Nacht zusammenbrachen. Zig Milliarden gingen verschütt, Hunderttausende Sparer und Anleger im Ausland fürchteten um ihr Geld. Auch Jónssons Job war weg, und so schrieb er in der neugewonnenen Freizeit das Buch "Der Fall Island".
Es sei deutsches Geld gewesen, sagt Jónsson, das nach der Liberalisierung der isländischen Banken in den Neunzigern am reichlichsten floss. Bis heute sei Deutschland der größte Kreditgeber Islands. Über 20 Milliarden Euro offene Forderungen hatten deutsche Banken 2010 im Land. "Deutschland hat eine Schwäche für uns", sagt der Mann, heute Wirtschaftsprofessor in Reykjavík, aber man solle ihn bloß nicht fragen, warum. "Schon Wagner bediente sich für seine Opern bei unseren Sagen." 2012 machten die Deutschen nach den USA und Großbritannien mit 65 000 Besuchern die drittgrößte Touristengruppe aus.
Entscheidend für die rasche isländische Genesung war eine Reihe von Maßnahmen, die Paul Krugman, der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger, später salopp als "den Isländer machen" bezeichnete. Krugman, ein Bewunderer des isländischen Wiederaufstiegs, empfahl die Methode in der Folge auch anderen Krisennationen. Sie folgt klaren Regeln: Lasst eure maroden Banken kaputtgehen. Entwertet eure Währung, wenn ihr eine eigene habt. Führt Kapitalkontrollen ein. Zahlt möglichst keine ausländischen Schulden zurück.
Das klingt nach einem ziemlich egoistischen Rezept, und das war es auch. Während auf der nächsten Kriseninsel, Irland, Milliarden Staatsgelder in das Bankensystem gepumpt wurden, um die Gläubiger zu bedienen, lehnten die Isländer es in zwei Volksabstimmungen ab, angehäufte Schulden zu vergemeinschaften. Sie sahen nicht ein, warum sie für die Gier ausländischer Anleger büßen sollten, die dem Sirenengesang hoher Zinsen auf ihre Insel gefolgt waren.
Schlechtes Gewissen, Herr Jónsson?
Er schüttelt müde den Kopf. Er selbst habe doch als einer von wenigen lange vor der Überhitzung der Krone gewarnt. Jetzt freut er sich über die neuen Chancen des Landes, die die alten sind: "Der Arbeitswille. Die gesunde Demografie. Das hohe Bildungsniveau. Der Tourismus. Die natürlichen Ressourcen, Wind, Wasserkraft, Erdwärme. Und die Fischerei. Was wären wir ohne die Fischerei."
DER FISCHER Im Haus von Valli Hoskuldsson, dem Fischer, der früher Banker und davor schon einmal Fischer war, hängt ein Rentierkopf mit mächtigem Geweih an der Wand. Darunter, im Bücherregal, stehen Werke über "Risk Management" und "Global Finance". Hoskuldsson, ein schwerer Kerl mit sanfter Stimme, ist gerade von einem 40 Tage währenden Beutezug auf dem 60-Meter-Trawler "Reval Viking" zurückgekehrt, der im Nordpolarmeer ein paar hundert Tonnen Garnelen und Heilbutt aus den Fluten zog. Zwar hat er sein Berufsleben in der Fischereiwirtschaft begonnen, um dann aber, als plötzlich alle männlichen Isländer Anlageberater wurden, bei Glitnir anzuheuern, einer weiteren einheimischen Bank, die milliardentiefen Schiffbruch erlitt.
"Ich war einer der Typen, die den Leuten Kredite andrehten", sagt Hoskuldsson. Er erinnert sich noch gut an den Tag, als ein Landwirt bei ihm eine ZehnMillionen-Kronen-Hypothek auf einen 20 Jahre alten Heuwender aufnehmen wollte, etwa 65 000 Euro. "Ich ging zu meinem Chef und meldete Zweifel an. Er sagte nur: 'Gib ihm das Geld. Und wenn er doppelt so viel will, gib es ihm auch.'"
Nur einen Monat nachdem er seinen Job bei der Bank los war, heuerte Hoskuldsson als Maschineningenieur auf einem Fischkutter an. Die Zeit als Bankberater betrachtet er heute als Irrweg, auf den er durch das Versprechen hoher Boni geraten war. So reden viele Isländer: Sie fühlen sich verführt, durch ihre zockende Elite, durch das große Geld, dessen Mechanismen sie kaum durchblickten.
Die Fischerei macht heute 42 Prozent aller isländischen Exporte aus. Der Staat hat bald nach der Krise die Fischgründe für alle geöffnet, jeder Isländer darf bis zu 650 Kilo Fisch pro Fangtag aus dem Wasser holen und zu Geld machen, weswegen jetzt viele Hobbyfischer nach Feierabend oder an Wochenenden die Buchten durchpflügen. Die Bürger gehen fischen, was könnte isländischer sein?
Beim Wandern durch die unfertige Landschaft wird klar, dass sich auf dieser Insel die Experimentierfreude des Lebensraums auf dessen Bewohner übertragen hat. Denn Gott übt noch auf Island. Lässt die Winde los, mal für Schnee-, mal für Sandstürme, spielt mit den Lichtreglern, so dass es entweder permanent dunkel ist, wie im Winter, oder 22 Stunden lang hell, wie im Sommer, rüttelt an den tektonischen Platten. Manchmal kommen bei solchen Experimenten größere Teile der Bevölkerung zu Tode, wie nach dem Ausbruch der Laki-Kraterreihe 1783, der den Himmel nicht nur über Island verdunkelte, sondern auch auf dem europäischen Festland jahrelang für Missernten sorgte. Kleines Land, große Wirkung. Im März 2010, just als der Internationale Währungsfonds das Land wieder einigermaßen stabilisiert hatte, spuckte der Vulkan Eyjafjallajökull seine Aschemassen in die Atmosphäre. Island furzte der Welt noch einmal ins Gesicht, große Teile des Flugverkehrs über Europa fielen aus.
DER INVESTOR Hemd über der Hose, Lederbändchen am Handgelenk, Grinsen im Gesicht. Skúli Mogensen gilt als einer der reichsten, manche sagen auch: einer der coolsten Isländer. Früher studierte er Philosophie, heute gründet er Firmen und sammelt Kunst. An der Wand seines Büros in Reykjavík hängt eine Fotoserie des isländisch-dänischen Künstlers Ólafur Elíasson, "Cars in Rivers". Man sieht Geländewagen, die in isländischen Flüssen feststecken, und Isländer, die sie wieder herauszuziehen versuchen. Ein Symbol für die Hybris des Landes, aber auch für seine Standfestigkeit.
In jener Woche im Oktober 2008, als der damalige isländische Premier Geir Haarde in einer Fernsehrede den Allmächtigen anrief und sein "Gott schütze Island" flehte, verkaufte Mogensen in Montreal, wo er seit Jahren lebte, seine Software-Firma OZ Communications an Nokia. Als ihn aus der Heimat die Nachricht vom Finanzkollaps erreichte, "da wusste ich, ich muss nach Hause. Die können mich jetzt brauchen. Mich und mein Geld".
Der 45-Jährige investierte in Start-ups und gründete die Billigfluglinie Wow Air, die heute Touristen aus 15 europäischen Städten nach Reykjavík holt. Mogensen, fast horizontal im Ledersessel liegend, fährt fort: "Ich wusste, es gibt drei große Wachstumssektoren in Island. Erstens, die Fischerei, aber dieser Markt ist stark reguliert. Zweitens, den Tourismus. Die Branche wächst derzeit um mehr als 20 Prozent pro Jahr, es ist verrückt. Deshalb die Fluglinie. Drittens, alternative Energien. Island ist das Öko-Land schlechthin. Darum die Sache mit dem Bio-Methanol."
Isländer sind energietechnisch ziemlich verwöhnt. Sie müssen das Wasser zum Duschen nicht heizen, sondern runterkühlen, sonst würden sie sich verbrennen. Sie leiten natürliches Heißwasser unter ihre Gehsteige, um sie eisfrei zu halten. Beim Flughafen von Reykjavík steht ein geothermisches Kraftwerk, das Island nicht nur zu einer seiner größten Touristenattraktionen verholfen hat, der blauen Lagune, sondern Mogensen auch zu seinem jüngsten Investment. Die Badelagune wird gefüllt mit phantastisch blauem, kieselsäurehaltigem Salzwasser, einem Nebenerzeugnis aus dem Kraftwerk nebenan. Die Firma Carbon Recycling International, die Mogensen zu einem Viertel gehört, nutzt ein anderes Abfallprodukt des Kraftwerks: CO2.
Es klingt wie ein Zaubertrick, und vielleicht sind ja die in Island verbreiteten Elfen und Trolle beteiligt: Mit einem speziellen Verfahren wird der Umweltkiller Kohlenstoffdioxid in Methanol verwandelt, das zum Biotreibstoff taugt. "2014 wollen wir drei Millionen Liter pro Jahr produzieren", sagt Investor Mogensen, das wären ungefähr drei Prozent des Weltmarkts. Methanol kann herkömmlichem Benzin beigemischt werden. Methanol-Produktionsstätten wie jene von Carbon Recycling International können theoretisch überall gebaut werden, wo CO2 abfällt, um den Schadstoff in etwas Nützliches umzuwandeln.
Erneuerbare Energien gelten in Island als Exportchance der Zukunft. Das Land nutzt bisher nur etwa 25 Prozent seines Potentials an Wasserkraft- und geothermischer Energie. Der staatliche Energiekonzern Landsvirkjun will deshalb bis 2020 die weltlängste Unterseestromleitung bauen, nach Großbritannien, um die Briten mit grüner Energie zu versorgen. Bis es so weit ist, glaubt Mogensen, könnten zu Hause in Island längst alle Autos mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Beim Abschied schwingt er sich in seinen Offroader und sagt: "Der läuft komplett mit Bio-Methanol."
DIE STRICK- UND SEX-FACHFRAU Man kann die isländische Krise und ihre Bewältigung auch als teuerste Gruppentherapie aller Zeiten verstehen. Die Isländer hatten fünf Jahre Zeit, um zu sich zu kommen und sich zu fragen: Wer sind wir, und was ist unser Platz in der Welt?
"Ich bin froh, dass es die Krise gab", sagt Ragnheidur Eiríksdóttir, die sich selbst nur Ragga nennt, "wir Isländer wissen jetzt wieder, was uns wichtig ist."
Glaubt man Ragga und einigen Umfragen, dann gehört das Strickhandwerk dazu. Nach 2008, so Ragga, "fingen plötzlich alle an, wie verrückt Islandpullover zu stricken". Tatsächlich laufen die jungen Isländer weniger in globalen Billigmarken wie Zara und H&M herum als in gemusterten Islandpullis. "Sie sind warm, sie sind schön, sie sind sehr isländisch. Sie haben etwas Tröstendes", sagt Ragga. Sie sieht in den Strickpullis außerdem den nationalistischen Gegenentwurf zur globalisierten Anzugsuniform der Banker.
Und so fing Ragga an, gegen Bezahlung strickende Jüngerinnen um sich zu scharen. Mittlerweile hat sie eine Strick-DVD produziert, reist als Strickinstruktorin durch Europa und die USA und bietet mit ihrer Firma Knitting Iceland Stricktouren durch ihre Heimat an.
Nach dem Crash wandten sich viele Isländer von Welt und Welthandel ab. Sie verbrachten wieder mehr Zeit in der Familie und mit ihren Kindern, in der Natur, mehr Zeit mit isländischen Büchern. Bei Jugendlichen sank der Alkoholkonsum, das subjektive Glücksempfinden stieg.
Und nicht nur beim Strickgarn stieg die Nachfrage, auch bei traditionellen Gerichten wie Lamminnereien, eingelegten Schafshoden und dem entsetzlich stinkenden fermentierten Haifischfleisch. Du bist, was du isst, und die Isländer wollten wieder Isländer sein, nicht Weltbürger.
Ragga bestellt noch ein Bier. Sie, die aussieht wie eine antike Liebesgöttin im Wollpulli, ist auch Fachfrau für isländische Beziehungen. Sie moderiert eine TV-Kuppelshow und schreibt gerade ein Buch über "Die sexuellen Geheimnisse der Isländer". Die Frauen und die Männer dieser Insel fänden mit großer Leichtigkeit zusammen, sagt sie. Hetero-Sex laufe ähnlich barrierefrei ab wie Homo-Sex in anderen Ländern. Was soll man im Winter in den tagelangen dunklen Nächten auch anderes machen.
Island weist mit 2,2 Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate Europas auf, eine höhere noch als die Türkei. Das Land verfügt über demografische Kennzahlen, wie man sie in westlichen Ländern nicht mehr kennt. "Dritte-Welt-Demografie", sagt der Ökonom Jónsson dazu, die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 35. Die Dynamik der Fortpflanzung mag auch damit zu tun haben, dass Island die Betreuung der Kleinkinder als Staatsaufgabe betrachtet, 90 Prozent der Ein- bis Fünfjährigen besuchen Kinderkrippen, auch junge Eltern brauchen nicht um ihre Karriere zu fürchten, die Erwerbsquote der Frauen ist mit 78 Prozent die höchste der Welt. Aber es gibt da noch ein anderes Motiv. "Wir sind ein ziemlich kleines Volk", sagt Ragga, "wir sollten besser nicht schrumpfen."
Bei einem Spaziergang durch Reykjavíks Parks ereilt den kontinentaleuropäischen Island-Besucher das Gefühl, gleichzeitig die Vergangenheit und die Zukunft zu besichtigen. Man sieht so viele kinderwagenschiebende Paare in den Mittzwanzigern, wie es sie in Deutschland wohl zuletzt in den fünfziger Jahren gab. Gleichzeitig ist diese Generation extrem vernetzt und bestens ausgebildet. 95 Prozent haben einen Internetanschluss, jeder Dritte einen Hochschulabschluss.
DER MINISTER Zur Sache, bitte, Bjarni Benediktsson hat wenig Zeit. Er ist seit Mai neuer Wirtschaftsminister Islands, dazu Kopf der Unabhängigkeitspartei. Das ist dieselbe Partei, die Island in den Untergang steuerte und deshalb 2009 an der Urne eine vernichtende Niederlage erlebte. Jetzt ist sie wieder da, sie hat den verschuldeten Privathaushalten Erleichterungen versprochen. Nach den Wahlen notierte die überraschte Weltpresse, Island habe die einstigen Brandstifter zur neuen Feuerwehr gemacht. Benediktsson ist 43, wirkt aber wie 30, jungenhaftes Gesicht, guter Anzug.
Schlechtes Gewissen wegen damals, Herr Benediktsson?
"Ich kann nicht sagen, dass es mir leidtut, nein, denn man kann nicht für die Fehler von anderen geradestehen. Ich würde sehr gern alle ausländischen Gläubiger auszahlen. Aber es ist nun mal nicht möglich. Sorry. Andere Fragen?"
Und warum hat Island geschafft, was Griechenland oder Spanien misslingt?
Der Minister winkt ab, den Vergleich mit südeuropäischen Krisennationen hält er für unfruchtbar, Island habe im Gegensatz zu diesen schon immer über hervorragende staatliche Institutionen verfügt und nur geringe öffentliche Schulden gehabt. "Es war ausschließlich ein Problem des verantwortungslosen Privatsektors." Dann muss er wieder los, Sitzungen.
Was also ist zu lernen aus dem Fall Island? Hochmut kommt vor dem Fall? Fischer, bleib bei deinem Leisten? Das ebenso euphorisierende wie bedrückende Gefühl des Reisenden ist, dass diese Insel ganz und gar einzigartig ist. Man kann nichts mit nach Hause nehmen, außer ein paar schönen Fotos. Keine anwendbaren Erkenntnisse. Was hier schiefgeht, lässt sich schneller flicken als anderswo. Was hier gut funktioniert, lässt sich nur schwer kopieren, wenn die Verhältnisse größer, komplizierter werden.
Unterdessen zieht sich die Insel weiter zurück, ins Innere der Erde gleichsam, ähnlich den tektonischen Platten, aus denen sie besteht. Die neue Regierung legte als Erstes die EU-Beitrittsverhandlungen auf Eis. Island ist sich selbst genug.
Das neue, einsame Glück der Isländer birgt aber auch Gefahren. Ökonom Ásgeir Jónsson fürchtet eine "wirtschaftliche und mentale Isolation" seines Landes in der Zukunft. Ausländische Investitionen, so dringend sie benötigt werden, bleiben rar, die Exportquote ist nicht ausreichend. Seine Mitbürger, so beobachtet Jónsson, informieren sich kaum noch über das Weltgeschehen. "Wir müssen uns aber global orientieren. Sonst gehen wir bei der nächsten Krise wirklich unter."
In der Konzerthalle Harpa in Reykjavík bringt der Komödiant Bjarni Thorsson Touristen bei, wie man "in 60 Minuten zum Isländer werden" kann. Am Ende ruft er in sein Ansteck-Mikro, der wichtigste Satz auf Isländisch laute "Petta reddast": Wird schon wieder. Isländer kommen über alles hinweg. Er lässt die Zuschauer dieses Mantra skandieren, in den Offbeat ruft er landestypische Katastrophen, alle klatschen mit.
"Kein einziger Fisch im Netz."
Wird schon wieder!
"Saure Schafshoden zum Frühstück."
Wird schon wieder!
"Die Frau ist weg."
Wird schon wieder!
"Tausend Milliarden Schulden."
Wird schon wieder! ◆
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 2/2014
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