06.01.2014

ÖSTERREICHDer Basti

Sebastian Kurz ist mit 27 Jahren der jüngste Außenminister Europas. Sein Studium ist noch nicht abgeschlossen, Erfahrung im Amt hat er nicht.
Es gibt ein Video, das Sebastian Kurz wahrscheinlich für den Rest seines Lebens verfolgen wird. Es ist ein Wahlkampfvideo. Kurz steht vor einem großen Bildschirm, mit offenem Hemd, die Haare nach hinten gegelt. Er blickt etwas an der Kamera vorbei und sagt: "Schwarz macht Wien geil - und deshalb starten wir die Jugendkampagne 'Schwarz macht geil'." Schwarz ist die Parteifarbe der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP). Kurz ist der Vorsitzende ihrer Jugendorganisation.
Auf dem Video sieht man ihn aus einem schwarzen, drei Tonnen schweren Geländewagen der Marke Hummer aussteigen, dem "Geil-O-Mobil". Auf der Kühlerhaube rekelt sich eine Blondine in schwarzen Hot Pants. Die Kamera zoomt auf die Brüste eines Wahlkampf-Models, junge Frauen lächeln und tanzen - und das ist schon die ganze Botschaft. Später verteilt Kurz noch Kondome. Ein paar Monate später wurde Kurz überraschend zum Staatssekretär für Integration benannt. Eine "Verarschung", schrieben die Zeitungen damals. Gut zweieinhalb Jahre ist das her.
Heute ist Sebastian Kurz Außenminister Österreichs. Er führt ein Ministerium mit 1200 Mitarbeitern, verdient mehr als 16 000 Euro im Monat, verfügt über einen Fahrdienst mit mehreren Chauffeuren. Er muss jetzt Fragen beantworten zur NSA, zu Militäreinsätzen in Syrien, zu einem möglichen EU-Beitritt der Türkei.
Kurz hat keine diplomatische Erfahrung, hat auch noch nie ein Ministerium geleitet. Er ist 27 Jahre alt. "Training on the job", sagen Beobachter. "Der Basti wird das schon machen", schreibt einer seiner Twitter-Follower. Aber wie?
Kurz empfängt im ersten Stock des Außenministeriums am Wiener Minoritenplatz, zwischen Hofburg und Rathaus. Helles Parkett, am Eingang steht ein Globus, aus dem Fenster sieht man das Kanzleramt. "Herr Bundesminister", begrüßt ihn der Fotograf. "Sebastian, bitte", antwortet der Minister. Der Minister gilt als bescheiden und höflich, seinen ersten Amtsflug nach Kroatien hat er im Linienflieger mit Austrian Airlines absolviert, in der Economy-Class. Er wohnt immer noch in einer kleinen Etagenwohnung im ehemaligen Arbeiterbezirk Meidling. "Ich bin relativ normal", sagt er.
Kurz erzählt, dass kürzlich Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon angerufen habe, es gab auch ein Gespräch mit dem israelischen Außenminister Avigdor Lieberman. Der schwedische Außenminister Carl Bildt habe ihm auf Twitter gratuliert. "Would be a pleasure to meet you soon", schrieb Kurz zurück. Mit Ban will er sich zur OSZE-Konferenz treffen, mit Frank-Walter Steinmeier Mitte Januar in Berlin. "Jugend ist kein Hindernis", heißt es dazu vom deutschen Außenminister.
Kurz sagt: "Man muss realistisch sein, was die Größe und das Gewicht Österreichs angeht. Wir sind keine Supermacht." Das Amt? "Eine Riesenherausforderung." Er will auf die in seinem Ministerium hören, die es besser wissen als er. Sein Alter? "Ich glaube, dass es gut ist, in den Kreis der europäischen Minister einen jüngeren Blick einzubringen."
Er selbst sieht sich als "extrem engagierten Sacharbeiter". Selbst seine Kritiker bezeichnen ihn als begabt und lernfähig. Tatsächlich hat sich Kurz nach dem Geil-O-Mobil kaum noch Fehler geleistet. Als Integrationsstaatssekretär hat er Kinder und Jugendliche gefördert, sprachliche Frühförderung initiiert und Familienzusammenführungen unterstützt.
Vorsichtig hat er alle heiklen Asylfragen umschifft, aber etwas erreicht, was man vor seiner Amtszeit nur schwer für möglich gehalten hätte: In Österreich wird sachlicher über Zuwanderung diskutiert. Kurz startete in die Bundespolitik mit miesen Umfragewerten. Heute gilt er als einer der beliebtesten Politiker Österreichs, "Wunderwuzzi" nennen ihn die Medien.
Gut möglich, dass ÖVP-Parteichef und Vizekanzler Michael Spindelegger deshalb den jungen Politiker für das Amt vorschlug. Die Parteien der gerade formierten Großen Koalition haben die schlechtesten Wahlergebnisse ihrer Geschichte, Spindelegger gilt als wenig populär, er braucht Erfolge.
Die österreichische Außenpolitik galt in den vergangenen Jahren als wenig präsent, die Wiener traten zudem gern in Fettnäpfchen. Seine Blauhelmsoldaten, seit Jahrzehnten auf den Golanhöhen stationiert, zog Österreich gerade im Syrien-Konflikt ab. Statt zur Trauerfeier für Nelson Mandela reiste Bundespräsident Heinz Fischer nach Lübeck zum Festakt für Willy Brandts 100. Geburtstag. Seine Vertretung kam in Johannesburg einen Tag zu spät an. Zuvor empfing man den ukrainischen Regierungschef Wiktor Janukowitsch mit militärischen Ehren - ausgerechnet an dem Tag, als die Ukraine das EU-Assoziierungsabkommen ablehnte.
Kurz versucht nun, die Fehler wiedergutzumachen. Als erste Amtshandlung trug er sich ins Kondolenzbuch für Mandela ein, der Ukraine empfahl er diplomatisch, mit Russland und der EU zusammenzuarbeiten. Und er stellte innerhalb von 48 Stunden einen Strategie- und Planungsstab zusammen.
Er erinnert ein wenig an einen anderen jungen Politiker, den die Medien und Wähler lange umschwärmten. Der hieß Karl-Theodor zu Guttenberg. Kurz' Vorteil: Er hat gute Berater, auf die er hört. Und keinen Doktortitel. Dafür müsste er zunächst sein Jurastudium abschließen. Die erste Auszeichnung hat er schon. Eine französische Studentenplattform kürte ihn zur Nummer eins jener "Studenten, die 2013 prägten".
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 2/2014
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