06.01.2014

Die Tiger-Schule

GLOBAL VILLAGE: Ein Waldorflehrer zeigt den Chinesen, dass nicht nur Druck und Qual zu guten Noten führen.
Als der siebenjährige Xuanxuan in der Schule nach vorn geht, das Piano öffnet und zum C-Dur-Präludium aus Bachs "Wohltemperiertem Klavier" ansetzt, breitet sich eine entspannte Stille aus.
Xuanxuans Vater, selbst Musiker, schaut mit Stolz ins Publikum. Xuanxuans Musiklehrer, ein Cellist aus Dornach in der Schweiz, lächelt zufrieden. Und Schuldirektor Ningyuan Yu, 49, von den Kindern Lehrer Yu genannt, sitzt auf einem Kissen in der ersten Reihe und legt einem zappeligen Mädchen die Hand auf die Schulter. Die Unruhe verlässt das Kind, aufmerksam hört es zu.
Xuanxuan spielt das Stück rund und mit festem Anschlag vor. Er ist zu klein, um ans Pedal zu reichen, er lehnt mehr am Klavierstuhl, als dass er säße. Zweimal vergreift er sich, das ändert nichts an dem Applaus, den er am Ende erntet.
In der Chunzhigu-Waldorfschule von Peking zittert kein Kind, hier ärgert sich kein Lehrer und schämt sich kein Vater, wenn mal etwas danebengeht. Das ist untypisch für China.
Die Schule liegt, von Ginkgobäumen und Gemüsefeldern eingerahmt, am Fuß des sogenannten Phönixbergs, der grünen Lunge der Stadt. Morgens und nachmittags sind buddhistische Mönche zu hören, die im Kloster oberhalb beten und meditieren.
Unten auf dem Parkplatz stehen die Audis, Jeeps und Volvos der Eltern. Umgerechnet rund 5000 Euro kostet ein Grundschuljahr. "Geld haben wir selbst verdient", sagt Liu Haiyu, Manager und Vater einer Waldorfschülerin. "Das erwarten wir von unseren Kindern nicht. Wir wollen, dass ihre Schulzeit schöner wird als unsere eigene."
Das ist die Mission von Lehrer Yu. Er hat an der Peking-Universität studiert und gab Ende der neunziger Jahre eine Anthologie chinesischer Kinderfabeln heraus. Dann hörte er von einer merkwürdigen, vor rund hundert Jahren in Deutschland erfundenen Methode, Kinder zu erziehen: mit Liedern und Geschichten, mit Rhythmen und Musik. Waldorf und China, dachte sich der Fabelsammler sofort, passen hervorragend zusammen.
"Als wir damals versuchten, eine erste Schule zu gründen, gab es aber keinen Bedarf", sagt Lehrer Yu. "Die Leute hatten noch andere Sorgen." Er ging nach New York, ließ sich zum Waldorflehrer ausbilden und entwarf die Grundzüge eines alternativen chinesischen Lehrplans. Er wusste, der Bedarf würde kommen. Er war schließlich selbst in China zur Schule gegangen.
2008 kehrte er zurück, nun waren die Chinesen so weit. In den fünf Jahren seither sind 150 Waldorfkindergärten und mehr als 20 Schulen entstanden. Lehrer Yu kommt kaum mehr damit nach, neue Waldorflehrer auszubilden - ausgerechnet in China, wo in Schulen oft strenger Drill herrscht.
"Chinas Schulen sind besser als ihr Ruf", sagt er. Dass Schüler aus Shanghai im aktuellen Pisa-Test in Mathe, Naturwissenschaften und Lesefähigkeit die weltweit ersten Plätze belegten, sei kein Zufall. "Wir haben ein gutes Fundament, wir legen Wert auf Übung."
Doch in den 30 Jahren des chinesischen Aufstiegs haben sich Probleme aufgetürmt. Die Ein-Kind-Politik hat eine Generation von Ichlingen hervorgebracht, die sich in der Grundschule schwertun, einander auch nur die Hand zu reichen. Die später bis zum Umfallen büffeln, um die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen. Der Wettbewerb sei so erdrückend, sagt Lehrer Yu, dass selbst die besten Schüler ihre Lehrbücher aus dem Fenster würfen, sobald sie die Aufnahmeprüfung für die Universität bestanden haben - um die Erinnerungen loszuwerden.
"Deshalb fangen wir ganz anders an", sagt Direktor Yu. Mit den Ziffern 1 und 2 etwa lernen Chinas Waldorfschüler die beiden entgegengesetzten Energien von Yin und Yang kennen. Statt der in Staatsschulen vorgeschriebenen 300 Schriftzeichen beherrschen sie am Ende der ersten Klasse nur 150 - die aber können sie in allen Entwicklungsstufen zeichnen, von der vierbeinigen Tierfigur bis zum abstrakten Zeichen "hu", das für "Tiger" steht.
"In der vierten Klasse", sagt Lehrer Yu, "holen wir die staatlichen Schulen ein, und ich habe keinen Zweifel, dass meine Schüler auch die Aufnahmeprüfung bestehen." Noch hat das Ministerium seinen Lehrplan nicht endgültig abgesegnet, doch er ist zuversichtlich: "Den Stempel werden wir bekommen."
Der chinesische Staat hat es nicht gern, wenn etwas an ihm vorbeiläuft. Man könnte auch sagen, er ist ein Kontrollfreak. Er gängelt die Presse, führt über Zug- und Flugreisen seiner 1,3 Milliarden Bürger Buch und hört jedes verdächtige Telefonat ab. Doch ausgerechnet im Erziehungswesen, über das selbst deutsche Bundesländer eifersüchtig wachen, lässt er sich auf Experimente ein.
"Der Staat stört sich nicht an Experimenten", sagt Lehrer Yu mit feiner Ironie, "er macht schließlich seit 30 Jahren gute Erfahrungen damit." Sie müssen nur funktionieren. Solange die Katze Mäuse fängt, lautet das berühmte Diktum des Reformers Deng Xiaoping, sei es egal, ob sie weiß oder schwarz ist.
Und ob es nun ein deutsches oder chinesisches Konzept ist, nach dem sie unterrichtet werden - Hauptsache, Chinas Schüler werden noch besser, als sie es jetzt schon sind. "Das", sagt Lehrer Yu, "werden wir beweisen."
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 2/2014
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