06.01.2014

LITERATURHier spricht das Moor

Feuchtgebiete der besonderen Art: Der Schüler Dion, zu Beginn des Romans 13 Jahre alt, liebt und fürchtet das Moor, das gleich hinter dem Haus der Mutter beginnt. Er, der Stotterer, als "Sprechkrüppel" verspottet, stellt sich vor, dass die sumpfige Landschaft für ihn und mit ihm spricht. Das Moor spielt mit und schlägt dem Jungen folgenden Deal vor: "Du gibst mir deine Sehnsucht nach einer vollkommenen Sprache, ich erfülle dir dafür die Träume, für die du die Worte nicht schaffst." Entsprechend schwankend und schwammig ist der Boden in Gunther Geltingers zweitem Roman, der schon im Titel "Moor" den Geist der Erzählung präsentiert. Das Moor als Mephisto und allwissender Erzähler: Das ist wahrlich neu in der Literatur. Phantasie und Realität ergänzen und mischen sich. Während Dion als pubertierender Voyeur träumerisch seinen sexuellen Wünschen nachhängt, besucht die Mutter ganz profan und vergebens ein Arbeitsamt in Hamburg-Eimsbüttel. Sie, eine verwirrte Künstlerin und Gelegenheitsprostituierte, bedrängt zudem den Sohn inzestuös. Oder ist auch das nur eine Angstphantasie Dions? Der vertieft sich in sein Referat über die Libellen, die er fasziniert im Moor beobachtet. Doch er vermag seine Kenntnisse wegen der Sprachstörung nicht im Klassenraum vorzutragen. Und auch die angebetete schöne Tanja will sich seinen erotischen Wünschen nicht fügen, sondern gibt sich lieber dem Draufgänger Hannes hin. Sie mag Dion, aber nur wie einen Bruder - "sie weiß, es klingt erbärmlich, doch sie will und kann es nur mit Hannes". Geltinger, 39, hat einen Roman geschrieben, in dem der Leser versinken kann wie ein Verirrter im Moor. Ein herausforderndes Werk. Nach all den Weihnachtsplätzchen, nach Marzipan und Schokolade ist das gesunde geistige Kost. Kein Traumsammler, keine Analphabetin, kein Inferno kann es mit Dion und seinem sprechenden Moor aufnehmen. Ja, auch das gibt es noch: anspruchsvolle Literatur in guter alter Suhrkamp-Tradition.
Suhrkamp Verlag, Berlin;
444 Seiten; 22,95 Euro.

DER SPIEGEL 2/2014
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LITERATUR:
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