06.01.2014

FILMUnser Mann

Mit 77 Jahren spielt Hollywood-Legende Robert Redford die Rolle seines Lebens: Im Schiffbruch-Thriller „All Is Lost“ ist er der einzige Darsteller. Ein Meisterwerk.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zur Katastrophe kommen könnte, und er ahnt es. Er hat die schwarzen Wolken am Horizont gesehen, er hat die erste heftige Windböe im Gesicht gespürt, und nun werden die Wellen größer. Ein Sturm zieht auf, und der Mann ist ganz allein, mitten auf dem Meer in einem kleinen Boot. Einem kaputten kleinen Boot, die Zwölf-Meter-Segelyacht ist schwer beschädigt, ein Sturm könnte sie versenken.
Was tun? Der Mann geht zum Waschbecken in der Kajüte, er rasiert sich, so gründlich es eben geht, wenn der Boden schwankt. Ein Akt der Selbstdisziplin? Eitelkeit? Wahnsinn? Weil ohnehin alles sinnlos geworden ist?
"All Is Lost" heißt der Film mit Robert Redford als Mann im Boot, "Alles ist verloren". Redford sagt diesen Satz gleich zu Beginn des Films, während ein Frachtcontainer durchs Bild treibt, ganz langsam, denn in dieser Sequenz ist das Meer glatt und ruhig wie ein Ententeich. "Es tut mir leid", sagt Redford, "ich weiß, das spielt jetzt keine Rolle mehr. Aber ich meine, ich habe wirklich alles versucht. Ihr werdet mir fehlen."
Viel mehr wird er den ganzen Film über nicht sagen. Kein innerer Monolog, kein Funkverkehr mit der Küstenwache, keine Zwiegespräche mit Gott, nicht mal ein Tiger, der dem Schiffbrüchigen in Ang Lees "Life of Pi" Gesellschaft leistete.
Nur einmal ruft Redford "Fuck!", als er erkennen muss, dass seine Lage gerade wieder ein bisschen aussichtsloser geworden ist. Der Rest ist Schweigen, schon um kein Wasser zu schlucken. Redford ist der einzige Darsteller dieses Films, er trägt ihn ganz allein, es ist die Rolle seines Lebens. Seine Figur hat keinen Namen, im Abspann heißt er nur "Unser Mann".
Der größte Teil von "All Is Lost" spielt in den Tagen, bevor den Mann der Fatalismus überwältigt und er jene Sätze spricht, die aus einem Abschiedsbrief stammen könnten. Unser Mann liegt in
der Kabine der "Virginia Jean", seiner Segelyacht, er döst, als er von einem Geräusch geweckt wird. Es klingt, als ob eine Scheibe Knäckebrot zerbräche.
Im nächsten Moment strömt Wasser in die Kabine, ein ganzer Schwall schießt durch ein Leck in der Bordwand. Ein im Meer treibender Container, den ein Frachter verloren haben muss, ist mit dem Boot kollidiert und hat ein Loch in den Rumpf gerammt, an der Steuerbordseite (für Landratten: in Fahrtrichtung rechts) in Höhe der Wasserlinie. Je nach Wellengang und Neigung läuft Wasser ins Boot. Auch die Elektrik ist ruiniert, Motor, Navigationssysteme, automatische Lenzpumpe - nichts geht mehr, nur noch der Wind.
"All Is Lost", der 2013 beim Festival von Cannes Premiere hatte, ist ein Actionfilm, aufgeladen mit letzten Fragen, die Chronik eines Überlebenskampfs, ein Meisterwerk, das trotz aller Eskalationsroutine voller Überraschungen steckt, realistisch bis zur Schmerzgrenze. Unser Mann ist unterwegs auf dem Indischen Ozean, im nassen Nirgendwo zwischen Indonesien und Madagaskar. Hilfe darf er vorerst nicht erwarten, auch das Funkgerät hat etwas abbekommen, es knackt und rauscht, aber niemand antwortet.
Unser Mann beherrscht sein Boot. Geschickt hantiert er mit Steuerruder, Segel und Leinen, bis sich der Container, der noch immer in der Bordwand klemmt, von der Yacht löst. Auch der Container, er gehört einer Reederei aus China, ist bei dem Zusammenstoß beschädigt worden. Bunte Sportschuhe treiben aus einem Spalt ins Meer, ein höhnischer Gruß der Globalisierung an den Segler, der der Welt entfliehen wollte.
Woher unser Mann kommt, wohin er wollte: Wir wissen es nicht, wir erfahren es nicht. Spaß und Weltekel dürften ihn angetrieben haben. Offensichtlich hat er genug Zeit, genug Geld und genug von den Menschen, um allein über die Weltmeere zu schippern. Am Steuer seiner Yacht strahlt er anfangs das Selbstvertrauen eines Mannes aus, dem fast alles im Leben gelungen zu sein scheint. Robert Redford - Schauspieler, Regisseur, Oscar-Preisträger, Gründer des Filmfestivals von Sundance und seit 45 Jahren Hollywoods linksliberaler Superstar - verkörpert diesen Typus perfekt, bis hin zum dekorativ verwitterten Gesicht.
Seit Jahrzehnten lebt Redford auch von seinem Image als Naturbursche und Rebell, quasi der reale Wiedergänger des "Sundance Kid", jener Banditenrolle, mit der er 1969 an der Seite von "Butch Cassidy" alias Paul Newman weltberühmt wurde. Ob der Trapper, den Redford in "Jeremiah Johnson" (1972) spielte, der Cowboy in "Der elektrische Reiter" (1979), der Buschpilot in "Jenseits von Afrika" (1985) oder "Der Pferdeflüsterer" (1998): All diese Figuren eint ein Überdruss an der Zivilisation; menschliche Nähe ertragen sie nur widerwillig.
In den meisten dieser Filme taucht irgendwann eine Frau auf, um den einsilbigen Helden aus seiner Einsamkeit zu erlösen. Jane Fonda, Meryl Streep oder Kristin Scott Thomas versuchten stellvertretend für Millionen Zuschauerinnen, den Traummann Redford zu domestizieren. Oft vergebens, auf dem Rücken eines Pferdes wirkte er glücklicher als an der Seite einer Frau. Redfords Rolle war die des letzten aller Männer, ein einsamer Mann, ein romantischer Mann, ein melancholischer Mann. Unser Mann.
Redfords One-Man-Show in "All Is Lost" ist also nur der Höhepunkt einer langen Entwicklung, eine einmalige Versuchsanordnung in der Filmgeschichte. Kein anderer Schauspieler als Redford mit seiner narzisstischen Präsenz ist in dieser Rolle vorstellbar, keinem anderen möchte man gut hundert Minuten lang beim Kampf gegen das Ertrinken zusehen.
Die Grenzen zwischen der echten Person und dem fiktiven Segler in Seenot verschwimmen, nicht nur im Wasser. Den auffälligen Silberring mit dem türkisfarbenen Stein, der am linken Ringfinger des Skippers steckt, trägt der Schauspieler auch privat. 2009 hat Redford zum zweiten Mal geheiratet und seitdem so viel gedreht wie in den siebziger Jahren.
Er ist jetzt 77 Jahre alt, es bleibt vielleicht nicht mehr viel Zeit. Paul Newman und Sydney Pollack, zwei seiner engsten Freunde und Kollegen, sind mittlerweile gestorben. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann ein Container auch in Redfords Leben kracht, wird mit jedem Tag größer.
Er scheint es zu ahnen. Wohl zum ersten Mal in seiner Karriere wirkt Redford sterblich. Die Melancholie in seinem Blick, die Erschöpfung, wenn er das Paket mit der Rettungsinsel an Deck wuchtet, all das erscheint verstörend echt. Für "All Is Lost" hat Redford einen Oscar verdient. Es wäre sein erster als Schauspieler, gewonnen hat er bisher nur den Regie-Oscar, 1981 für "Ordinary People".
Der Regisseur und Drehbuchautor von "All Is Lost" ist der Amerikaner Jeffrey (genannt J. C.) Chandor, Jahrgang 1973. "All Is Lost" ist bereits sein zweiter Katastrophenfilm. Der erste, zugleich Chandors Debüt, war der Thriller "Margin Call" von 2011. "Margin Call" zeigt, wie New Yorker Investmentbanker, gespielt von Kevin Spacey, Zachary Quinto und Jeremy Irons, milliardenteure Löcher in ihren Bilanzen entdecken. Ähnlichkeiten mit der Pleite von Lehman Brothers waren unvermeidlich. Chandor wurde für das Drehbuch für einen Oscar nominiert.
"Margin Call" war einerseits das genaue Gegenteil von "All Is Lost" - viele Figuren, viel Gerede in Büros -, doch die Gemeinsamkeiten mit dem Segler-Drama sind offensichtlich: Beide Filme dokumentieren, wie Männer im Angesicht einer Gefahr reagieren, die sie die Existenz kosten kann; wie sie versuchen, die Kontrolle zu behalten, und sei es nur über Äußerlichkeiten. Auch einer der Banker in "Margin Call" rasiert sich noch einmal, bevor er in die nächste Schlacht zieht.
Unser Mann in "All Is Lost" repariert mit Segeltuch und Leim das Loch in der Bordwand, sorgfältig wie ein Chirurg, der eine Wunde näht. Den Wassereinbruch kann er so vorerst stoppen, aber die Sonne scheint durch den Flicken. An dieser Stelle ist die Bordwand so empfindlich wie eine Eierschale. Für die weitere Fahrt wäre es hilfreich, wenn das Meer ruhig bliebe.
Diesen Gefallen kann Chandor seinem Helden natürlich nicht tun. Er schickt ihn durch die Hölle, auch weil er ihn in Momenten größter Verzweiflung immer wieder neue Hoffnung schöpfen lässt. "Aber der Mensch darf nicht aufgeben", heißt es in der anderen Geschichte über einen alten Mann und das Meer, bei Ernest Hemingway, "man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben."
Chandor hat "All Is Lost" unter anderem in Mexiko gedreht, in den großen Studiobecken, wo schon James Cameron seine "Titanic" versenkte. Bei Chandor ist alles ein paar Nummern kleiner, persönlicher, nicht zuletzt das Boot: Die Yacht "Virginia Jean" ist benannt nach den verstorbenen Großmüttern des Regisseurs. Er wuchs an der amerikanischen Ostküste auf, in Providence, Rhode Island; als junger Mann jobbte er als Segellehrer.
Wenn kein Container dazwischenkommt, wird Robert Redford in diesem Frühjahr für "A Walk in the Woods" vor der Kamera stehen, die Verfilmung von Bill Brysons Bestseller über eine Wanderung auf dem Appalachian Trail. Viel frische Luft, schlechtes Wetter, wenige Dialoge. Es könnte ein guter Film werden.
Kinostart: 9. Januar.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 2/2014
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