06.01.2014

Im Schatten des Weißen Hauses

Steve McQueens Freiheitsepos „12 Years a Slave“ gilt als einer der großen Oscar-Favoriten, weil es die Qualen der Sklaverei auf fast unerträgliche Weise schildert.
Ein schwarzer Sklave hockt angekettet auf dem Boden einer Zelle, ein weißer Mann prügelt ihn mit einem Brett auf den Rücken, immer und immer wieder. Minutenlang zeigt Regisseur Steve McQueen das Gesicht seines gepeinigten Helden.
Dann wechselt der Regisseur den Blick und zeigt die Zelle von außen, durch ein vergittertes Fenster. Langsam lässt er die Kamera nach oben gleiten, an der Außenwand des Hauses hinauf, bis der Zuschauer über das Dach sehen kann und das Weiße Haus, nur ein paar hundert Meter entfernt, erblickt.
"Man glaubt kaum, dass solche Grausamkeiten an der Pennsylvania Avenue geschehen konnten, so nah am Weißen Haus", sagt McQueen über seinen Film "12 Years a Slave", der ein paar Jahre vor Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs spielt. "Aber es ist leider die Wahrheit."
Der Film des 44-jährigen Briten beruht auf der Geschichte des Afroamerikaners Solomon Northup, der 1841 in der Hauptstadt Washington von Sklavenhändlern entführt wurde und zwölf Jahre lang auf verschiedenen Plantagen im Süden der USA arbeiten musste. McQueen erzählt davon, wie dicht Zivilisation und Barbarei beieinanderliegen können.
Für sieben Golden Globes ist "12 Years a Slave" nominiert, über 35 Millionen Dollar hat der von Brad Pitt mitproduzierte Film in den USA schon eingespielt. Es ist der bislang größte Erfolg für Regisseur McQueen, der den Kinosessel zu einem unbequemen Ort macht, weil er die Zuschauer mit Bildern konfrontiert, die kaum zu ertragen sind. "Ein Kunstwerk muss man physisch spüren", sagt er. "Sonst taugt es nichts."
In seinem ersten großen Kinofilm "Hunger" (2008) erzählte McQueen von dem IRA-Häftling Bobby Sands (Michael Fassbender), der 1981 in einem nordirischen Gefängnis nach einem Hungerstreik starb. Der Film ist eine Chronik der Agonie, McQueen zeigte ausgemergelte Männer, die mit ihrem Kot die Wände ihrer Zellen beschmieren, um für bessere Haftbedingungen zu protestieren.
In "Shame" (2011) ging es um einen sexsüchtigen Werbefachmann (wiederum von Fassbender verkörpert), der in seinem ebenso unstillbaren wie verzweifelten Begehren durch New York hetzt, eine Stadt, die in diesem Film kalt und seelenlos wirkt. Selten zuvor bereitete es so wenig Vergnügen, Menschen auf der Leinwand beim Sex zuzusehen, alles ist auf bloße Mechanik reduziert.
Und nun, in "12 Years a Slave", die andere Seite der Sklaverei, die nicht ein großer, knalliger Spaß ist wie in Quentin Tarantinos Western "Django Unchained". Qualvoll lange muss der Zuschauer bei McQueen mitansehen, wie eine Frau auf einer Plantage in Louisiana fast zu Tode gepeitscht wird. "Entweder du machst einen Film über die Sklaverei, oder du lässt es bleiben", sagt McQueen.
Er finde seine Geschichten in dem, was die Menschen verdrängen, erzählt er. "Der Hungerstreik der IRA-Häftlinge ist völlig in Vergessenheit geraten. Als ich mich mit dem Thema Sexsucht beschäftigte, dachte ich mir: Wir alle sind davon umgeben, warum redet niemand darüber? Und über die Sklaverei sind nur ganz wenige Filme gedreht worden, da klafft ein riesiges Loch."
"12 Years a Slave" erzählt die Geschichte eines Mannes, der von einem auf den anderen Tag aus einem glücklichen Leben gerissen wird. Solomon Northup war 1808 im Bundesstaat New York als freier Mann zur Welt gekommen, lebte mit seiner Frau und zwei Kindern in Saratoga Springs und ernährte die Familie unter anderem mit Violinespielen.
Eines Tages lockten ihn zwei Männer unter dem Vorwand, ihm ein Engagement bei einem Zirkus zu verschaffen, nach Washington. Anders als in New York war die Sklaverei hier noch nicht abgeschafft. Die Männer luden ihn zum Essen ein, betäubten ihn, nahmen ihn gefangen und ließen ihn mit einem Schiff nach Louisiana bringen, wo er an einen Plantagenbesitzer verkauft wurde.
"Northups Geschichte funktioniert wie ein Hitchcock-Thriller", sagt McQueen. "In wenigen Momenten verliert der Held alles und gerät in einen Strudel von Ereignissen, die er nicht mehr kontrollieren kann. Mit jemandem, der seine Freiheit verliert, können sich heutige Zuschauer viel besser identifizieren als mit jemandem, der niemals frei war."
In seinen Filmen sucht McQueen Situationen, in denen das Leben der Menschen auf Elementares reduziert wird: auf Essen, Trinken oder Sex. Er will wissen, was mit uns passiert, wenn wir nichts mehr haben außer unserem Körper.
In "12 Years a Slave" erzählt er von der Entwürdigung eines Menschen. Northup wird von einer Plantage zu einer anderen geschickt, und die Bedingungen werden nach und nach unmenschlicher. Einmal versucht Northup, aus Beeren Tinte zu gewinnen, um einen Brief zu schreiben. Es ist ein verzweifeltes Ringen um den Erhalt der Kultur.
McQueen war ein gefeierter Videokünstler, als er seinen ersten Spielfilm drehte, und die Freiheit war schon damals sein Thema. In dem Video "Static" (2009) umkreiste er Lady Liberty so lange mit einem Helikopter, bis Rostflecken auf der Statue sichtbar wurden.
Fast manisch zeigt McQueen in seinen Installationen, Videos und Spielfilmen wiederholt Mauern und Wände. "Sie sperren uns ein, wecken aber zugleich eine ungeheure Neugier auf das, was auf der anderen Seite passiert", sagt er.
In dem Video "Caribs Leap", das 2002 auf der Documenta lief, greift er eine Episode aus der Geschichte des Inselstaats Grenada auf. 1651 stürzten sich die auf der Insel verbliebenen Kariben von einer Klippe, weil sie sich den französischen Besatzern nicht unterwerfen wollten.
McQueens Familie stammt aus Grenada, er setzte die Insel ins Bild wie ein einziges, großes Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt. "In 'Caribs Leap'", sagt McQueen, "zeigte ich Menschen, die lieber in den Tod gehen, als ihre Freiheit zu verlieren. In ,12 Years a Slave' dagegen geht es um jemanden, der alles tut, um in Gefangenschaft zu überleben."
McQueen redet schnell, seine Worte überschlagen sich, andauernd unterbricht er sich und setzt dann wieder neu an. Er spricht über seine Vorfahren, darüber, was sie getan haben oder getan haben
könnten. Er verbindet die Geschichten seiner Filme mit seiner eigenen Geschichte.
In der stärksten Sequenz von "12 Years a Slave" zeigt er, wie Northup (gespielt von Chiwetel Ejiofor) an einem Baum aufgehängt wird, nachdem er einen Vorarbeiter geschlagen hat. Solange er auf den Zehenspitzen stehen bleibt, bekommt er gerade genug Luft. Lässt er sich auch nur einen Zentimeter sacken, schnürt ihm das Seil die Kehle zu.
Stundenlang muss Northup so verharren, röchelnd, zitternd vor Anstrengung. McQueen dehnt diese Sequenz schier endlos, er zeigt, wie die anderen Sklaven scheinbar ungerührt ihren Tätigkeiten nachgehen, wie sie rechts und links an Northup vorbeieilen und so tun, als bekämen sie nichts mit. Der Zuschauer weiß nicht, was ihn mehr aufwühlt, das Leiden des Helden oder die Passivität der anderen.
"Meine Vorfahren hätten sicherlich genau das Gleiche gemacht wie diese Sklaven", sagt McQueen. "Natürlich ist es falsch, einfach wegzugucken, aber willst du riskieren, dass du auch aufgeknüpft wirst?"
Schaut man hin oder nicht, darauf kommt es letztlich an, im wirklichen Leben und im Kinosaal. Das ist McQueens Dogma. Er ist davon überzeugt, dass man an den Blicken eines Menschen erkennen kann, ob er in Freiheit lebt oder nicht.
"Vor einigen Jahren war ich in Südafrika, um ein Video über Minenarbeiter zu drehen", erzählt er. "Wir waren drei Kilometer unter der Erde, dort ist es sehr heiß, die Arbeitsbedingungen sind extrem. Ich war perplex, dass keiner der Männer da unten sich traute, in die Kamera zu schauen. Sie hatten Angst, wir verkörperten für sie die Autorität."
Gegen Ende von "12 Years a Slave" lässt McQueen seinen Helden direkt in die Kamera blicken, im Kino ist das eigentlich ein Tabu.
Aber genau dieser Regelbruch zeigt den Zuschauern, dass hier ein Mann aufbegehrt, es ist ein Blick, der Grenzen durchbricht, sogar die zwischen Leinwand und Kinosaal.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 2/2014
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