06.01.2014

SPIEGEL-GESPRÄCH„Wir sind Killer“

Krieg ist Massenmord - und kann dennoch produktiv sein. Denn er schuf größere Staaten, welche die Welt sicherer und reicher machten. Der Historiker Ian Morris zieht eine hoffnungsvolle Bilanz aus Tausenden Jahren Militärgeschichte.
Welche Rolle spielt die Gewalt in der Evolutionsgeschichte der Menschheit? Der britische Archäologe und Historiker Ian Morris, 53, untersucht in seinem Buch "Krieg. Wozu er gut ist" (Campus Verlag, Frankfurt am Main; 528 Seiten; 26,99 Euro) die Auswirkungen von Kampf und Eroberung in der Geschichte seit der Steinzeit. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die Gewalt während der vergangenen 10 000 Jahre kontinuierlich zurückgegangen sei - trotz immer wiederkehrender Rückfälle in die Barbarei. An dieser Grundtendenz, so Morris, habe auch das schreckliche 20. Jahrhundert nichts geändert. Aus einer imposanten militärischen Gesamtschau von den Reichsgründungen der Antike bis in die Gegenwart zieht er die provokante Schlussfolgerung, dass der Krieg, aufs Ganze gesehen, die Erde zu einem besseren Daseinsort gemacht habe. In den nächsten 50 Jahren könne sogar der uralte Traum von einer Welt ohne Krieg in Erfüllung gehen. Morris, der in seinem vorangegangenen Bestseller "Wer regiert die Welt?" die Gründe für die Vorherrschaft des Westens in der Neuzeit analysiert, lehrt an der Stanford University in Kalifornien.
SPIEGEL: Professor Morris, Krieg begleitet die Menschheit. Seit den antiken Geschichtsschreibern Herodot und Thukydides haben Historiker ihn zu ihrem zentralen Thema gemacht. Was ist der Sinn des Kriegs?
Morris: Da am Krieg alles paradox ist, bin ich versucht, mit einem Paradox zu antworten: der Frieden.
SPIEGEL: Nicht einfach Sieg, Raub, Eroberung, Herrschaft?
Morris: Das ist natürlich die dunkle Seite des Kriegs, sein Widersinn sozusagen. Aber Gewalt ist immer nur ein Mittel zum Zweck, ein Werkzeug unter vielen, das Lebewesen im Ringen um Ressourcen und Fortpflanzung zur Verfügung steht. Wer den Krieg erleidet, die Gewalt also von unten nach oben betrachtet, vermag im Allgemeinen keinen Sinn darin zu sehen. Von oben nach unten gesehen, von einer langfristigen globalen Perspektive aus, können wir dagegen sehr wohl die Logik hinter dem Krieg identifizieren.
SPIEGEL: Und die wäre?
Morris: Der Krieg hat die Menschheit - wohlgemerkt auf lange Sicht - sicherer
und reicher gemacht. Kriege haben im Lauf der Geschichte größere, komplexere Gesellschaften höherer Ordnung geschaffen, die sich in Staatsgebilden organisieren. Und diese vermindern das Risiko, dass ihre Angehörigen eines gewaltsamen Todes sterben.
SPIEGEL: Kriege bringen Staaten hervor, und Staaten sorgen für Frieden? Das klingt arg simpel. Das Erstarken des Staats hat nicht weniger Leid als Frieden gebracht.
Morris: Die Beweise aus der Geschichte, aus Archäologie und Anthropologie sind für mich eindeutig. 10 000 Jahre Krieg, seit der Jungsteinzeit, während der die Jäger und Sammler allmählich sesshaft wurden und zu Agrargemeinschaften übergingen, haben die Gewalt insgesamt gesenkt, und zwar dramatisch. So unbequem diese Tatsache ist, der Krieg ist sehr wohl zu etwas nutze. Böses wird getan in der Hoffnung, es möge dabei etwas Gutes herauskommen, so hat der britische Stratege Basil Liddell Hart die Bedeutung des Kriegs frei nach dem Römerbrief des Apostels Paulus erklärt.
SPIEGEL: Beweist nicht gerade das 20. Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen, wie sehr diese Hoffnung trügt?
Morris: Grob geschätzt kamen im 20. Jahrhundert 100 bis 200 Millionen Menschen gewaltsam oder im weitesten Sinne kriegsbedingt ums Leben. Das ist eine entsetzliche Zahl. Aber diese Toten machen nur ein bis zwei Prozent der rund zehn Milliarden Menschen aus, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts lebten. In Steinzeitgesellschaften kamen vermutlich zwischen 10 und 20 Prozent aller Menschen durch die Hand ihrer Mitmenschen um. Damit war für einen Menschen des industrialisierten 20. Jahrhunderts die Wahrscheinlichkeit, durch einen gewaltsamen Tod sein Leben zu verlieren, zehnmal geringer als für einen aus der Steinzeit.
SPIEGEL: Solche Vergleiche muten absurd an.
Morris: Es ist einfach, alles Schlechte am Krieg aufzuzählen. Doch die Geschichte zeigt, dass der Krieg nicht so schlimm ist wie seine Alternative - Gewaltanarchie als täglicher Normalzustand. Selbst wenn man die Kriege der Moderne mit ihrer furchteinflößenden Mordrate zusammenrechnet, bestätigt sich die These von der abnehmenden Gewalt, entgegen allem Gefühl und Augenschein. Um 1250 musste einer von 100 Westeuropäern gewärtigen, gewaltsam zu sterben; zu Shakespeares mordlustiger Zeit war es nur noch einer von 300 und 1950 einer von 3000. Die Menschheit hat gelernt, ihre Gewalttätigkeit zu zähmen. Sie ist weniger kriegerisch geworden. Und dieser Prozess hat sich in den letzten 200 Jahren beschleunigt.
SPIEGEL: Darin spiegelt sich der "Prozess der Zivilisation", den schon der Soziologe Norbert Elias in seinem berühmten gleichnamigen Werk beschrieben hat. Krieg mag ein nicht zu vermeidendes Übel sein, aber doch nicht die treibende Kraft des Fortschritts. Ist Krieg nicht durchweg ein zivilisatorischer Kontrapunkt, ein Rückfall in die Barbarei?
Morris: Schön war dieser Prozess nicht. Er verlief auch nicht glatt: Der Krieg kann das Töten kurzfristig wieder auf Steinzeitniveau hochschnellen lassen. Aber er scheint mir ein notwendiges Übel in diesem Prozess der Zivilisation zu sein, und noch dazu das kleinere. Insofern ist der Krieg eine unbestreitbar hässliche Methode, um größere, friedfertigere Gesellschaften zu bilden. Aber er ist nun einmal die einzige, welche die Menschheit gewählt hat. Sicherlich wäre es angenehmer, Konflikte durch Verhandlungen zu regeln statt durch Gewalt. Aber so lief es nicht. Das Tier in uns stirbt nicht, Gewalt bleibt immer eine Möglichkeit, und wenn einer der Beteiligten in einer konkreten Situation zu dem Schluss kommt, dass Gewalt sich auszahlen könnte, wird er sie gebrauchen. Historisch hat der Krieg über das Palaver triumphiert. Gute Worte wirken am besten nach einem Krieg.
SPIEGEL: Nicht Vernunft und Moral bewegen die Menschen zum Gewaltverzicht, sondern Zwang und Angst?
Morris: Menschen geben ihre Freiheit selten von sich aus auf - auch nicht die Freiheit, einander zu überfallen und auszurauben. Der Mensch ist evolutionsgeschichtlich als soziales und intelligentes, berechnendes Wesen auf Gewalt gepolt. Wir sind Killer. Praktisch das Einzige, das stark genug ist, das Tier im Zaum zu halten, ist die Strafandrohung, die Niederlage im Krieg oder die unmittelbare Angst davor.
SPIEGEL: Und das kann nur ein starker Staat mit seinem Gewaltmonopol, nach innen wie nach außen?
Morris: Die meisten Anthropologen und Historiker stimmen heute überein, dass Thomas Hobbes der Wahrheit sehr viel näher gekommen ist als Jean-Jacques Rousseau, der glaubte, der Mensch im Naturzustand sei ein friedfertiges Wesen ohne Krieg und ohne Begierde. Hobbes' düstere These, dass vor der Erfindung des Staats das Leben ein ständiger Krieg aller gegen alle gewesen sei, ist dagegen viel weniger romantisch. Realismus kann durchaus abstoßend, ja provozierend sein.
SPIEGEL: Der Leviathan, das Ungeheuer, mit dem Hobbes den übermächtigen Staat verglich, ist selbst ständig in Gefahr, seine Gewalt zu missbrauchen. Für Friedhofsruhe können am besten totalitäre Staaten sorgen. Warum sollte der Krieg und nicht etwa ein Gesellschaftsvertrag der bevorzugte Weg zum Staat als der höchsten Gewalt sein?
Morris: Vermutlich, weil der Krieg eben ursprünglicher ist. Der freiwillige Gesellschaftsvertrag setzt eine Einsicht voraus, die in der Regel erst nach der Erfahrung des Kriegs ihre überzeugende Wirkung entfaltet.
SPIEGEL: So wie die Befriedung Europas und der Zusammenschluss in der Europäischen Union auch erst nach den beiden Weltkriegen Wirklichkeit wurden?
Morris: Die Entwicklung Westeuropas nach 1945 ist eine erstaunliche Ausnahme, ein Sonderweg, der mein ganzes Thesengebäude auf den ersten Blick in Frage zu stellen scheint. Zum ersten Mal in der Geschichte haben sich gewaltige Menschenmassen - 500 Millionen bisher - zu einer größeren, sichereren und wohlhabenderen Gesellschaft zusammengeschlossen, ohne dass sie dazu gezwungen wurden. Das heißt: Zum vielleicht allerersten Mal in der Geschichte hat das Wort über das Schwert gesiegt. Nur gibt es einige Einschränkungen, die diese epochale Wendung dann doch wieder mit vertrauten Mustern in Einklang bringen.
SPIEGEL: Welche wären das?
Morris: Europa hatte das Todesspiel beinahe bis zum Ende gespielt. Ohne einen Schuss abzugeben, sind Europas Bürokraten heute womöglich erfolgreich mit ihrem Einigungswerk aus Regeln und Verordnungen - aber vor allem deshalb, weil Napoleon, Kaiser Wilhelm II. und Hitler zuvor gescheitert sind. Alle Befürchtungen, das wiedervereinigte Deutschland könnte das historische Szenario erneut abspulen, erwiesen sich als unbegründet. Der klassische Leviathan hätte Gewalt anwenden können in der Schuldenkrise, um die Probleme zu lösen - wie einst Großbritannien, das Kanonenboote nach Griechenland schickte, um dessen Schulden einzutreiben. Stattdessen scheint sich die deutsche Politik der meisterhaften Untätigkeit zu bewähren, die gerade genug tut, um Pleitestaaten flottzuhalten, aber auch keinen Deut mehr. Die europäischen Mächte haben ihre Lektion offenbar gelernt. Sie mussten erst in den Abgrund stürzen, damit sie sich nicht abermals darauf zubewegten.
SPIEGEL: Ist Europa endgültig über das Todesspiel hinausgewachsen?
Morris: Nicht ganz, und das führt zu einer weiteren Einschränkung. Europa hat der Gewalt als politischem Mittel fast einhellig abgeschworen, weil es hinter ihm noch einen stärkeren Leviathan gibt: die USA. Die Europäer können es sich leisten, von der Venus zu sein, weil die Amerikaner vom Mars sind. Ohne den Weltpolizisten Amerika wäre Europas Friedensstrategie nicht möglich. In Europa gedeihen die Tauben, solange es einen Aufpasser gibt, der Falken und Füchse fernhält. Im Grunde haben sämtliche US-Präsidenten seit 1945 Europas Experiment erst möglich gemacht.
SPIEGEL: Europa hätte versuchen können, sich zum Rivalen des Weltpolizisten aufzuschwingen. Die Versuchung dazu blitzte gelegentlich im Gerede von der neuen multipolaren Welt auf, in der die Großmacht Europa ihren Platz an der Sonne beansprucht.
Morris: Es blieb beim Gerede, in Paris ein bisschen mehr als in Berlin. Warum wohl? Am Ende des 19. Jahrhunderts stieg ein wohlhabendes, mächtiges Deutsches Reich zum gefährlichsten Rivalen des damaligen Weltpolizisten Großbritannien auf. Die Herausforderung endete in einem Desaster für alle Beteiligten. Der Erste Weltkrieg ist das klassische Beispiel eines kontraproduktiven Kriegs, der eine Ordnung zerstörte, ohne eine neue zu schaffen, und den Aufstieg eines Außenstehenden, der Vereinigten Staaten, zur Weltmacht einleitete.
SPIEGEL: Der Erste Weltkrieg endete 1918 mit einem Sieg ohne Frieden statt mit einem "Frieden ohne Sieg", wie es US-Präsident Woodrow Wilson 1917
vor Amerikas Kriegseintritt gewünscht hatte.
Morris: Ein echter Frieden hätte 1918 eben einen starken Weltpolizisten erfordert, aber für diese Rolle war Amerika noch nicht gerüstet. Es war das Letzte, was die meisten Amerikaner damals wollten. In Europa dagegen hatte der souveräne Nationalstaat seinen Kulminationspunkt überschritten. So hat Clausewitz, der große Denker des modernen Volkskriegs, den Moment genannt, an dem der Sieg in einen Rückschlag umkippt.
SPIEGEL: Die Sieger sind immer pazifistisch, hat Clausewitz ebenfalls gesagt.
Morris: Ganz meine Meinung. Darauf beruht schon das Prinzip der Pax Romana. Das Imperium hält Frieden und Ordnung aufrecht, damit Handel und Wohlstand blühen. Der Weltpolizist erlaubt seinen Vasallen nicht, wieder übereinander herzufallen, und wehrt Gefahren von außen zum Wohle aller ab.
SPIEGEL: So idyllisch und rational geht es meistens nicht zu. Zwischen den zwei Weltkriegen gaben die Sieger, die Briten und Franzosen, ihren pazifistischen Neigungen nach, während der Besiegte, Deutschland, die nächste Runde vorbereitete. Wie passt Hitler in Ihr historisches Schema?
Morris: Hitler hat immer gewusst, dass ein deutscher Sieg im europäischen Krieg nicht das Ende seines Kampfes sein würde. Er betrachtete den Krieg als Zweck an sich, was ein kapitaler Verstoß gegen den clausewitzschen Grundsatz war, dass der Krieg ein Instrument der Politik bleiben müsse. Hitlers Großdeutschland wäre die größte Gemeinschaft gewesen, ein monströser Leviathan im ursprünglichen Sinn, den der Kontinent seit dem Römischen Reich gesehen hätte. Dennoch wären die meisten seiner Untertanen verarmt, Tod und Sklaverei wären allgegenwärtig gewesen - das völlige Gegenteil eines produktiven Kriegs also.
SPIEGEL: Und doch einer, der, anders als der Erste Weltkrieg, unbedingt gegen Hitler geführt werden musste.
Morris: Hätte Hitler den Kontinent unter seine Kontrolle gebracht, hätten die USA einen kalten Krieg gegen ihn geführt, den er genauso wenig hätte gewinnen können wie später die Sowjetunion - Europa wäre ein dunkler Kontinent unter der Herrschaft von SS und Gestapo gewesen. Aber Hitlers Tyrannei hätte den Zivilisationsprozess nur verlangsamen, nicht ganz aufhalten können.
SPIEGEL: Sie haben die beunruhigende Neigung, die Geschichte vom Ende her zu sehen. Die Menschen, die dabei unter die Räder kommen, buchen Sie einfach als Verluste ab?
Morris: Leviathans Wirkung lässt sich nur dann angemessen beurteilen, wenn wir uns die Staaten und ihre Kriege über einen möglichst langen Zeitraum ansehen. Auch das NS-Ungeheuer wurde von anderen Leviathanen besiegt. Der Abwärtstrend bei Tod durch Gewalt setzte sich fort. Die Irritation rührt daher, dass die Langzeitentwicklungen sich so dramatisch von der zeitlich begrenzten Aktion unterscheiden können, die sie bedingt. Auf kurze Sicht - in einer Generation - macht der Krieg uns schneller tot. Dennoch ist das Gesamtergebnis von Jahrtausenden kriegerischer Auseinandersetzungen eine friedlichere Welt, in der wir alle länger leben. Aus Verlust entsteht Gewinn.
SPIEGEL: Es bleibt eine deprimierende und makabre Bilanz.
Morris: Die Römer hinterließen bei ihren Feldzügen regelmäßig verbrannte Erde, aber ihr Imperium war keineswegs ein wüstes Land. Bei ihren Expansionskriegen haben sie gut und gern zehn Millionen Menschen getötet und eine Menge dazu in die Sklaverei verschleppt. Trotzdem war die hohe Zeit des Kaiserreichs, ungefähr bis 200 nach Christus, eine Blütezeit der Menschheit. Der Zweite Weltkrieg verwüstete weite Teile Europas und Asiens. Dennoch erwies er sich im Nachhinein als einer der produktivsten, die je ausgetragen wurden. Denn er bildete den Anfang in einem Prozess der Neuordnung der Welt, die heute so friedlich und so reich dasteht wie niemals zuvor.
SPIEGEL: Leider verläuft die Geschichte nicht linear. Der Fortschritt schlägt Umwege ein und bewegt sich im Zickzack. Ist Krieg nicht nur manchmal, als Ausnahme statt der Regel, zu etwas gut?
Morris: Ich bin kein Apologet des Kriegs. Nicht alle Kriege sind produktiv, die Barbaren können zurückschlagen und die schöne neue Welt ins Chaos stürzen. So geschah es nach dem Niedergang des Römischen Reichs für viele Jahrhunderte. Die Reiche des Altertums, nicht nur das der Römer, sondern auch das der Han in China und der Maurya in Indien hatten ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Entwicklungsniveau erreicht, auf das Westeuropa erst wieder im 15. und in manchen Teilen sogar erst im frühen 18. Jahrhundert kam. Ausschlaggebend dafür ist die Stärke oder die Schwäche des Leviathans. Die produktive Art der Kriegführung macht alle, Eroberer wie Eroberte, sicherer und reicher. Die kontraproduktive Art des Kriegs stürzt, wie in Mitteleuropa während des Dreißigjährigen Kriegs, alle in Chaos, Anarchie, Elend und Gewalt.
SPIEGEL: Die moralischen Implikationen bleiben beunruhigend. Denn ein Staat, der stark genug ist, Unrecht auszumerzen und Gewalt zu unterdrücken, ist auch stark genug, noch größeres Unrecht zu begehen und noch mehr Gewalt anzuwenden. Die Erfahrungen des Totalitarismus und früher des Absolutismus belegen das zur Genüge. Braucht der Leviathan, damit er funktioniert, einen weisen, maßvollen Herrscher?
Morris: Rom hatte mehr schlechte Kaiser als gute, und das schon gleich nach Augustus im ersten Jahrhundert. Trotzdem entwickelte sich das Imperium schneller in Richtung Frieden und Wohlstand als zuvor.
SPIEGEL: Der institutionelle Staat ist stärker als die Kompetenz oder die Unzulänglichkeit seiner Führung?
Morris: Der entscheidende Unterschied zwischen dem Leviathan und einem Räuber und Eroberer, der nur brandschatzt und plündert, ist der, dass Herrscher sesshafte, bleibende Banditen sind. Sie mögen Schurken sein, doch es liegt in ihrem ureigenen Interesse, für den Wohlstand ihres Herrschaftsgebietes zu sorgen. Nur das mehrt ihre Macht. Auf lange Sicht können Staaten nur überleben und gedeihen, wenn ihre Herrscher aufhören zu stehlen. Eroberer bauten Königreiche auf, aber um sie zu leiten, mussten sie zu Politikern und Managern werden. Scheiternde Staaten in Afrika, Vorder- und Mittelasien, von Mali, Zentralafrika, dem Sudan, Somalia, dem Jemen bis zum Irak, zu Afghanistan und Pakistan sind instabil, weil ihnen Institutionen und Strukturen fehlen. Dann ergreifen Warlords und Banditen ihre Chance.
SPIEGEL: Wenn der Krieg, wie Sie beweisen wollen, in der Vergangenheit seinen Nutzen erwiesen hat, wie sieht es dann in der Zukunft aus? Ist eine Welt ohne Krieg vorstellbar?
Morris: Es gibt einige alarmierende Ähnlichkeiten zwischen den Problemen, vor denen der noch unangefochtene amerikanische Weltpolizist steht, und denen seines britischen Vorgängers im 19. Jahrhundert. Die USA sind vermutlich dabei, den Zenit ihrer Macht, den sie 1990 nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erreichten, zu überschreiten. Und sie haben schon jetzt im pazifischen Raum einen Rivalen - China. Die pessimistische Prognose lautet deshalb: Die nächsten 40 Jahre könnten die gefährlichsten der Weltgeschichte werden.
SPIEGEL: Haben Sie auch eine optimistische?
Morris: Es gibt Hoffnung, dass der Krieg sich heute selbst um sein Geschäft bringt. Die Erträge aus der Gewalt gehen zurück. Trotz zunehmenden Drucks ist der amerikanische Weltpolizist immer noch in der Lage, seine Rolle auszufüllen. Letztlich werden die aufstrebenden nichtwestlichen Rivalen die Bürde der Friedenserhaltung mit ihm teilen müssen. Die Globalisierung, die Vernetzung der Welt, die Automatisierung der Kriegführung durch die Einführung tödlicher Robotik lassen den Lohn für kooperatives Verhalten steigen und den für Konkurrenz bis zum Äußersten sinken.
SPIEGEL: In der Schlussphase des Todesspiels winkt uns ein Happy End?
Morris: Die Zahl der Unbekannten im Spiel geht leider ins Unendliche. In verfallenden Staaten wird weiterhin gekämpft werden. Es wird darauf ankommen, zwischen notwendigen und nicht zwingenden Interventionen wie im Irak 2003 zu unterscheiden. Aber ein Entscheidungskampf zwischen zwei oder mehreren Großmächten wird wohl ausbleiben. In der postmodernen oder, wie manche schon sagen, posthumanen Welt kennt die letzte Runde des Todesspiels keinen Gewinner mehr.
SPIEGEL: Professor Morris, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Romain Leick.
* Zeitgenössisches Gemälde von Raymond de Baux.
Von Romain Leick

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