06.01.2014

KARRIERENVan der Rolle

Sie war der hellste Stern am deutschen Boulevard. Sylvie van der Vaart hatte das Drehbuch ihres Lebens fest in der Hand. Aber dann wurde die halbe Nation Zeuge, wie sie die Kontrolle verlor. Über die Traurigkeit des Trivialen.
Kurz nachdem sich wieder ein neuer Liebhaber in "Bild" geoutet hat, diesmal mit der hübschen Überschrift "Ich bin Sylvies Nackedei", betritt Sylvie van der Vaart das Restaurant Marsbar in Hamburg-Eppendorf und erklärt gleich zur Begrüßung, dass dies ein guter Tag sei. Sie deutet aus dem Fenster. Novemberregen.
Wenn es regne, sagt sie, kämen sie selten, dann hätten sie keine Lust. Früher wäre das ein Grund gewesen, sich ernste Gedanken zu machen. Früher hatte sie es ganz gern, wenn die Paparazzi auf sie warteten. Das hat sich geändert.
Die Paparazzi brauchten ständig frische Bilder, erklärt sie. Wie guckt Sylvie nach dieser Schlagzeile, wie nach jener? 2013 gab es gefühlt fast täglich neue Schlagzeilen, oft hatten sie mit Männern zu tun, mit Affären und Ehebruch. Heute aber Ruhetag. Kein Nackedei, keine Paparazzi.
Van der Vaart trägt irre kurze Hotpants, einen kurzärmeligen weißen Strickpulli, und sie strahlt, als wäre dies kein Gespräch, sondern ein Fotoshooting. Wenn man Frau wäre und von einer Frauenzeitschrift käme, würde man jetzt routinemäßig und völlig korrekt schreiben, dass sie "wie ein Engel" aussieht. Aber als Mann vom SPIEGEL geht das natürlich nicht. Ihr Handgelenk umringen vier goldene Bracelets, auf jedem eine Botschaft: Love, Happiness, Peace, Luck.
"Alles, was ich brauche", sagt sie. "Gerade jetzt."
Das Schlimme an all den Schlagzeilen sei, dass die Leser sich dadurch ein Bild von ihr machten. Bislang speiste sich ihr Image aus Perfektion, Disziplin und einer wohldosierten Prise Sex.
Sie war die Mutter, die ihr Kind auf Highheels aus der Kita gleich neben der Marsbar abholte. Sie warb für Dessous, Hautcremes und Zahnzwischenraumreiniger, die Firma Matell entwickelte eine Sylvie-Barbie. Es war ein Image ohne Nackedeis.
Dann kamen die Schlagzeilen, und etwas geriet ins Rutschen. "Es kommt mir vor, als glauben die Leute, sie hätten ein Recht darauf, dass ich sie entertaine", sagt van der Vaart. "Als müsse es jeden Tag eine neue Folge geben." Sie hält kurz inne. "Wie bei einer Serie."
Für die wenigen Leser, die die Sylvie-Soap nicht verfolgten, hier ein kurzes Was-bisher-geschah: Trennung von Ehemann Rafael nach angeblicher Handgreiflichkeit in der Silvesternacht 2012 / Trostshopping mit Busenfreundin Sabia / Sabia und Rafael ein Paar / Böse Sabia / Sylvie tröstet sich mit Franzose / Trennung vom Franzosen / Franzose lästert über Sylvie / Sabia erzählt "Bild", dass Sylvie Rafael ständig betrogen habe / Sylvie trägt T-Shirt mit "bitch"-Aufdruck / Sabia schwanger von Rafael / Und zwischendurch packen die Ex-Liebhaber aus, zuletzt der Nackedei.
Sie sei eine öffentliche Figur, es sei in Ordnung, dass man sich für sie interessiere, sagt van der Vaart in der Marsbar. "Aber dieses Jahr war ein Wahnsinn. Ich will endlich wieder frei sein. Das ist ein Menschenrecht." Sie erzählt, dass sie 2013 aufgehört habe, sich zu googeln. "Es hat zu weh getan." Oft sei sie ..., sie sucht das Wort, "wie eingefroren" gewesen. "Alle sagen: Du strahlst immer so, du bist so glamourös. Ja, das ist mein Job. Aber wenn so etwas passiert ..."
Was also passiert mit einem Menschen, wenn ihm das eigene Leben öffentlich um die Ohren fliegt? Wenn Millionen Deutsche plötzlich die Penislänge ihres jüngsten Nackedeis kennen (laut "Bild" "14 - 16 cm")? Und hat eine wie sie überhaupt das Recht, sich zu beklagen, die alles getan hat, ein Medienphänomen zu werden? Sie, die nicht existieren kann, ohne vorzukommen, obwohl das ständige Vorkommen gerade ihre Existenz ruiniert?
Sie freue sich auf das neue Jahr, sagt van der Vaart an diesem Novembertag des alten Jahres. An Silvester 2012 habe das Drama begonnen, an Silvester 2013 werde es endlich vorbei sein. Dass immer neue Fortsetzungen folgen werden, dass die Serie noch lange nicht am Ende ist, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt nicht.
Bevor sie in ihren Mini steigt, bietet sie an, sie aus diesem Jahr zu begleiten. Bis Silvester, dem Staffelende. Es werde endlich nicht mehr um ihr Privatleben gehen, sondern um ihre Arbeit: Gast beim RTL-"Jahresrückblick", Unterwäsche-Shooting in Amsterdam und die Moderation von "Let's Dance, Let's Christmas".
Zehn Tage später sitzt sie weit zurückgelehnt vor einem Gate des Hamburger Flughafens und wartet aufs Boarding. Sie hat sich eine Kappe der New York Yankees tief ins Gesicht gezogen und trägt ausgefranste Mini-Jeans, die gerade bis zum Hüftknochen reichen. An den Stiefeletten blitzen silberne und goldene Nieten. Ihren Kaffeebecher hat sie auf der üppigen Gürtelschnalle abgestellt.
Es ist der Morgen des 1. Advent. Am Abend wird sie in Köln mit Günther Jauch auf ihr Jahr zurückblicken. 2010 war sie schon einmal Gast beim RTL-"Jahresrückblick", damals ging es um ihren Brustkrebs. "Die laden mich nur ein, wenn ich ein Drama-Jahr hatte. Damals hatte ich kurze Haare von der Chemo und eine Krankheit hinter mir. Und jetzt ist es, ja ..., auch fast wie eine Krankheit."
Aber die ist noch nicht ausgestanden. Die Berichte über ihr Privatleben sind seit dem Nachmittag in der Marsbar nicht besser geworden. Vor vier Tagen sah man sie wieder auf Seite eins der "Bild", sie trug reizende Unterwäsche und hatte den Mund leicht geöffnet. "Sylvie gesteht: Ja, ich habe Rafael betrogen!", schrieb das Blatt gleich neben den vier Buchstaben.
Die Leser mussten denken, dass Sylvie jetzt von allen guten Geistern verlassen sei. Dass sie sogar ihren Ehebruch vermarkte, um im Gespräch zu bleiben. "Manchmal denken die Leute vielleicht, dass ich diese Aufmerksamkeit will", sagt sie am Flughafen. Sie schüttelt den Kopf. "Aber das stimmt nicht."
In diesem Fall war es tatsächlich mal anders. Der Mann, mit dem sie 2010 eine Affäre hatte, ein Pilot der holländischen Fluglinie KLM, war mit einem selbstgestalteten Buch voller Fotos, Mails und SMS zur Zeitschrift "Gala" gegangen. Danach wurde Sylvie von "Gala" konfrontiert. Man habe Beweise. Ob sie nicht ihre Version der Affäre erzählen wolle.
All die Jahre hatte sie geglaubt, das Spiel mit dem Boulevard zu beherrschen, die Inszenierung "Sylvie van der Vaart" folgte jedenfalls ihrem Drehbuch. Noch vor kurzem, als sie mit ihrem siebenjährigen Sohn Urlaub am Strand von Miami machte, tauchten - rein zufällig natürlich - äußerst ästhetische Fotos in den Blättern auf, die sie ballspielend im Bikini zeigten. Die Bilder hatten zwei Botschaften: tolle Mutter, tolle Figur. So hatte es in all den Jahren funktioniert. Nun fühlt sie sich erpresst.
"Es ist, als ob meine Seele verkauft wird", sagt sie. "Es zerreißt mein Herz." Bis zur Trennung von Rafael hatte sie sich höchst erfolgreich selbst verkauft und Millionen dafür kassiert. Nun wird der unperfekte Teil, der sich in fast jedem Leben finden lässt, eben auch verkauft, nur von anderen.
Statt mit "Gala" zu reden, ruft Sylvie eine Freundin an, die für das Klatschmagazin "Closer" arbeitet, und beichtet dort ihre Affäre, was dann zur "Bild"-Schlagzeile führt. Es ist die letzte, unwürdige Freiheit, die ihr geblieben ist, ein trauriger Rest von Selbstbestimmung.
Am selben Tag besorgte sie sich eine neue Handy-Nummer. "Wegen all der Journalisten, mit denen ich zusammengearbeitet habe und die nun mitgeholfen haben, meine Seele zu verkaufen."
Wenn sie wie jetzt über die Welt des Boulevards spricht, erinnert sie an einen Rohrspatz. Ihre Sätze beginnen mit "Als die ,Gala' noch seriös war ...", auch von den anderen Boulevardblättern ist sie enttäuscht. Man mag ihre Wut nachvollziehen. Allerdings fragt man sich auch, wie sie all die Zeit verdrängen konnte, mit welchen Methoden jene Blätter arbeiten, von denen sie selbst so nett in Szene gesetzt wurde.
Aufruf zum Boarding. Vor dem Air-Berlin-Zeitungsständer greift van der Vaart zur "Bild am Sonntag", dann studiert sie die Zeitschriften und nimmt noch eine "Super Illu". Auf dem Cover sieht man den Comedian Oliver Pocher und die Tennisspielerin Sabine Lisicki, die jetzt ein Paar sind. Daneben die Frage: "Geht das gut?"
"Ich will sehen, ob das gutgeht", sagt sie und läuft zum Flieger.
Der Reiz von Klatschgeschichten hat etwas Paradoxes. Einerseits ermöglichen sie Ersatzleben, kleine Fluchten vor dem tristen, langweiligen Alltag - und sei es nur für Augenblicke. Zugleich aber hat der Mensch es ganz gern, erfolgreichen, vermeintlich perfekten Mitmenschen beim Straucheln zuzusehen. Das versöhnt mit den eigenen Problemen.
Stephanie Göttmann sitzt beim Italiener im Münchner Arabellapark, unweit ihrer Redaktion. Sie ist seit Jahren die Sylvie-Beauftragte der "Bunten".
Anfangs sei van der Vaart nur als Randfigur in ihrem Magazin aufgetaucht, erzählt Göttmann, meist nur als Foto von einer Veranstaltung. "Wenn sie aufschlägt, ist sie immer so schön und appetitlich. Dann kommt man selten drum herum, das Foto zu drucken." Im Promi-Business sei das ein großer Vorteil, alles gehorche dem Grundsatz: "Wer drin ist, ist in."
"Richtig spannend wurde sie für uns aber erst mit der Krebserkrankung." Die "Bunte" brachte die ersten Fotos mit kurzen Haaren, Sylvies erste Titelgeschichte. Eine wichtige Zutat für Prominenz seien Brüche im Leben, sagt Göttmann.
Sie erzählt viel Positives über Sylvie, aber sie hat über die Jahre auch beobachtet, wie sehr sie abhängig sei von Öffentlichkeit. "Sie braucht sie wie eine Droge." Die Sucht sei aber immer schwieriger zu befriedigen. Die Konkurrenz sei groß, durch Internet und Castingshows drängten mehr Nachwuchssternchen auf den Markt. "Es stehen immer zehn in der Schlange, die deinen Job haben wollen."
Im Flieger nach Düsseldorf starrt Sylvie van der Vaart aus dem Fenster, wieder redet sie über dieses furchtbare Jahr. Es müsse jetzt Schluss sein mit diesem Ausnahmezustand, mit ständig neuen Schocks. Sie klingt beschwörend und verzweifelt zugleich. "Es muss ruhiger werden. Ich möchte abschließen. Ich möchte endlich Ruhe!" Aber jetzt fliegt sie erst mal zu Günther Jauch, um über ihr turbulentes Jahr zu reden.
Daniël Meis sagt, dass seine Schwester schon als kleines Mädchen ständig im Mittelpunkt gestanden habe. An einem Freitag im Dezember sitzt er in einer Hotelbar und bestellt Pfefferminztee. Meis ist zwei Jahre älter als seine Schwester, ein leiser, vornehmer Mann, der am liebsten Opern hört. Er arbeitet als politischer Berater für die niederländische Regierungspartei VVD.
Anders als ihr Ex-Mann Rafael, der im Wohnwagen aufwuchs, stammen Sylvie und Daniël aus einem bürgerlichen Hause. Der Vater ist Personalmanager bei Bosch, die Mutter Hausfrau. Er habe als Kind viel gelesen, erzählt Daniël Meis. Seine Schwester zog sich derweil lieber um, ständig hatte sie neue Klamotten an. "Sylvie sang und tanzte unentwegt, schon als Fünfjährige. Sie tat sowieso alles, um Aufmerksamkeit zu erregen."
Meis bewundert seine Schwester. Schon damals habe ihn verblüfft, wie die Leute auf die kleine Sylvie reagierten. "Sie war berühmt, bevor sie berühmt wurde. Sie kann ein Glas Wasser trinken und dabei trotzdem glamourös wirken." Sylvie sei immer schon schön gewesen, aber sie habe auch das gewisse Extra. "Sie wurde berühmt dafür, wie sie ist, nicht weil sie etwas besonders gut kann."
Sie habe früh bemerkt, sagt Sylvie selbst, dass sie etwas habe, das die Leute erfreue. "Wenn ich erzähle, bekommen die Menschen glänzende Augen." Das sei schon in der Schule so gewesen.
Nach der Schule macht sie eine Ausbildung in "Personalmanagement", wie der Vater. Dann beginnt ihr Leben als Showgirl. Sie moderiert eine Kindersendung, dann bei MTV, sie spielt die Barfrau in "Costa", einer seichten Serie fürs holländische Fernsehen, deren Plot im Vergleich zu ihrem echten Leben langweilig war. Meistens stand sie hinter dem Tresen einer Strandbar und schüttelte Cocktails. Oder sie verband einem Muskeltypen im Bett die Augen. Alles leicht bekleidet.
"Sie wollte nie nur Spielerfrau sein", sagt ihr Bruder. In Wahrheit sei seine Schwester eine moderne Feministin, auch wenn sie nicht unbedingt wie eine Feministin aussehe. "Sie ist sehr emanzipiert." Wenn sie entscheide, dass etwas nicht mehr gut für sie sei, ihre Ehe zum Beispiel, dann handle seine Schwester.
Kurz vor der Landung in Düsseldorf sagt Sylvie, dass sie selbst nichts zur öffentlichen Schlammschlacht nach der Trennung beigetragen habe. Dass sie kein böses Wort über andere in der Öffentlichkeit verloren habe, außer der Sache mit dem "bitch"-T-Shirt vielleicht. Das stimmt. Einerseits. Andererseits hat sie Freundinnen, die das gern für sie übernehmen. Schräg vor ihr sitzt Betty, ihre neue beste Freundin. Sie hat leichte Ähnlichkeit mit Sabia, Sylvies ehemaliger bester Freundin. Betty und Sabia waren ebenfalls mal befreundet, Nachbarn sogar, auch das hätte sich ein Serienautor nicht hübscher ausdenken können. Auf die Frage, wie lange sie und Sylvie schon befreundet seien, sagt Betty: "Och, das sind jetzt auch schon zehn Monate."
Wenige Tage nachdem Sabia "Bild" erzählt hatte, dass Sylvie ihren Rafael regelmäßig betrogen habe, gab Betty ebenfalls ein Interview. Sie sagte, dass Sabia und Rafael schon lange vor dessen Trennung von Sylvie etwas miteinander gehabt hätten. "Jeder bei uns im Haus hat ihn im Flur gesehen. Mit der Kappe ins Gesicht gezogen, weil er sie heimlich besuchen wollte. Ich schwöre Stein und Bein, dass ich die Wahrheit über die Affäre sage!" Bislang hatte man gedacht, dass es Grenzen der Trivialität gebe, aber die van der Vaarts und ihre Nebenfiguren haben ein neues Terrain erschlossen.
Am Flughafen Düsseldorf ein kurzer Schock. Wo ist Gogo? Sylvies Stylist soll sie später in der Hotelsuite schönmachen, dreieinhalb Stunden waren dafür im Tagesplan vorgesehen, den ihre Agentur ihr mitgegeben hat. Laut diesem Plan sollte Gogo hier am Flughafen auf sie warten.
Während Betty telefoniert, erklärt Sylvie, warum Gogo so wichtig für sie ist. Mit ihm an der Seite habe sie das Gefühl, Kontrolle zu haben. Über ihr Äußeres, ihre Erscheinung. "Kontrolle ist mir sehr wichtig", sagt sie. "Das ist auch das Problem mit diesem Jahr. Ich habe die Kontrolle verloren. Ich hatte das Gefühl, wirklich ungeschützt zu sein. Wenn die Gier von Leuten und die Gier von Journalisten zusammenkommen, dann ist das scheiße."
Endlich gibt Betty Entwarnung. Gogo warte bereits im Hotel. Die Kontrolle kehrt zurück.
In der Tulpen-Suite des Kölner Hyatt ist der Sofatisch übersät mit Töpfen, Tiegeln, Puder und Pinseln. Die Schiebetür zum Schlafzimmer steht offen, auf dem Bett liegt das rote Kleid für den Auftritt am Abend. Betty läuft barfuß durch die Suite und serviert Kaffee. Als sie vorhin reinkamen, hat sie schnell die "Gala" mit der Pilotengeschichte weggeräumt, damit ihre Freundin sie nicht sieht. Hinter den Fenstern schimmern Rhein und Dom in der Nachmittagssonne.
Sylvie sitzt kerzengerade auf einem Stuhl und pflückt Trauben von einem Teller. Vor ihr kniet Gogo, ein muskulöser Mann mit Dreitagebart, hautengem T-Shirt und wuchtigen Turnschuhen, die er offen trägt. Eigentlich heißt er Georgios Tsialis, aber im Showbiz klingt Gogo lässiger. Gestern war er noch in Suhl bei einer Show von Florian Silbereisen und hat, wie er sagt, "die Kati Witt gemacht". Heute macht er die Sylvie in Köln und morgen eine andere in München.
Er bemalt sie wie ein Künstler seine Leinwand. Am Ende richtet er sich auf, setzt sich auf die Couch und betrachtet sein Werk aus der Distanz. Etwas Haarspray noch. Perfekt.
Bei der Show am Abend ist das Schicksal der Sylvie van der Vaart gleich das zweite Thema. Was ihr in diesem Jahr widerfahren sei, "vergleiche ich immer mit einem Guerillakrieg, wo von allen Ecken etwas kommen kann", erzählt sie Günther Jauch. Nach ihr tritt ein siebenjähriger Junge aus Syrien auf und berichtet von seinem Schicksal. Er ist blind, weil ihm im Krieg das halbe Gesicht weggeschossen wurde.
Sylvie, Gogo und Betty fahren rasch zurück ins Hotel, wo Frauke Ludowig bereits für ein langes RTL-"Exclusiv"-Interview wartet, das am nächsten Abend ausgestrahlt werden soll. Wie das mit Sylvies Bedürfnis nach Ruhe zusammenpasst, bleibt unklar.
Am Morgen danach ist sie ziemlich von der Rolle. Die ganzen Enthüllungen, das viele Reden über ihre Lage haben ihr zugesetzt. In der Nacht habe sie kaum schlafen können. Am Flughafen übernimmt Betty das Einchecken, Sylvie sucht eine Apotheke. Später, in der Business Lounge, sitzt sie apathisch in ihrem Sessel und starrt auf ihr iPhone. Bild.de meldet bereits, dass Sylvie rund um den Auftritt bei Jauch geweint habe. Auch jetzt schießen ihr Tränen in die Augen. Betty setzt sich auf die Armlehne ihres Sessels und nimmt sie in den Arm.
Ein wenig Trost spendet auch der Kölner "Express", der auf der Titelseite meldet: "Sylvie bei den Männern top". Eine Umfrage des Sammelpunkteanbieters "Payback" hat ergeben, dass die meisten deutschen Männer am liebsten mit ihr zum Weihnachtsshoppen gehen würden. "Endlich mal was Nettes", murmelt sie.
Auf dem Rückflug kauert sie allein in der ersten Reihe. Die Yankees-Kappe hat sie noch tiefer gezogen als am Vortag. Wer sie jetzt sieht, empfindet unweigerlich Mitleid, auch wenn er weiß, welchen Anteil sie selbst an dieser Situation hat.
Ein paar Reihen hinter ihr macht Betty sich Sorgen. "Die Leute denken bei ihr ja, sie sei immer fröhlich, es sei immer heile Welt. Tja, sieht man ja." Sie blickt nach vorn zu ihrer Freundin. "Was die ganzen Presseleute mit ihr gemacht haben, das macht man nicht mit einem Menschen." Am Vortag habe Sylvie immer wieder weinen müssen, selbst zwei Minuten vor ihrem Auftritt bei Jauch.
Dann sucht Betty eine Meldung auf ihrem iPhone. Ein holländisches Klatschmagazin veröffentlichte kürzlich ein Bild, das Sylvie auf der Hamburger Kirmes zeigte, darüber die Frage: "Wer ist der mysteriöse Mann von Sylvie?" Es war Bettys Ehemann, sie waren gemeinsam mit den Kindern dort. "Die haben mich ganz einfach aus dem Bild geschnitten."
Später, vor Sylvies Appartement, nimmt Betty ihre Freundin wieder in den Arm. "Du gehst jetzt hoch, schaltest alles aus und legst dich ins Bett, Liebes", sagt Betty. "Und wenn du wach bist, rufst du mich wieder an." Sylvie nickt, dann geht sie hoch. Wie ferngesteuert.
Kurz vor Weihnachten ist sie auf dem Weg zum Kölner Coloneum, wo gleich die Proben für die Show "Let's Dance, Let's Christmas" stattfinden, die Sylvie moderiert. "Bild" meldet an diesem Morgen, dass Rafael sich freue, wenn 2013 endlich vorbei sei. "Closer" berichtet, dass Sabia Sylvies Sohn Damian ein Foto des inzwischen totgeborenen Schwesterchens gezeigt habe und dass Sylvie entsetzt darüber sei. Im Text wird eine "Freundin" zitiert, aber es gibt diverse Leute, die beteuern, dass Sylvie selbst die Quelle sei. So könnte es jedenfalls schwer werden mit der Ruhe.
Sie wirkt stabiler als vor zwei Wochen. "Ich war völlig fertig", sagt sie auf dem Rücksitz der Limousine. "Ich hab's einfach nicht mehr ausgehalten." Sie erzählt, was sie sich vorgenommen habe fürs neue Jahr: Sie will ihren inneren Frieden wiederfinden, und sie hat auch schon eine Idee. Vielleicht, sagt sie, werde sie es mit Yoga oder Pilates probieren.
Im Coloneum wird sie zur Garderobe geführt, an der endlich ein anderer Name steht: Sylvie Meis. Sie hätte den Namen van der Vaart auch nach der Scheidung behalten können, Marketingprofis hätten das sicher empfohlen. "Aber das ist das Schöne an mir", sagt sie. "Ich bin sehr selbständig. Ich bin weit mehr als nur mein Name."
Sie soll jetzt das Skript für die Show mit ihrem "Coach" besprechen, einer Frau von der Produktionsfirma. Sylvie Meis sitzt auf einem Korbstuhl und sagt Sätze auf, die andere ihr aufgeschrieben haben. Dann öffnet sich die Tür, zwei Kleider werden reingebracht. Meis springt auf, es gibt jetzt Wichtigeres als den Text. Sie hält das erste Kleid an ihren Körper, dann das zweite. Es ist übersät mit goldglänzenden Pailletten und koste, sagt Sylvie, 10 000 Euro.
Später, im Studio, steht sie allein auf dem glänzenden Parkett, umringt von hellen Lichtern und funkelnden Weihnachtsbäumen, und tanzt allein vor sich hin, wie damals als kleines Kind auf dem Bett.
Nach der ersten Probe steht sie erschöpft in ihrer Garderobe. Sie hat keine Lust mehr auf die zweite, sie zieht die Schuhe aus und kuschelt sich mit ihrer Strumpfhose auf die Couch. Seit Wochen erzählt sie immer wieder, dass 2013 endlich vorbeigehen müsse. Als ließe sich mit dem Austausch einer Jahreszahl die Anlage eines Lebens ändern. Als müsste nur die Drei verschwinden, und alles wäre gut.
Im Liegen räkelt sie die Arme über den Kopf und sagt, dass in ein paar Tagen bald endlich alles vorbei sei. Und dann ruft sie etwas in die Stille ihrer Garderobe. "Freedom! Finally freedom!"
In der Marsbar hatte Sylvie an jenem Nachmittag von ihren Plänen für 2014 erzählt. Sie sprach von einer Bademodenkollektion und dass sie über ein Thema für ihre neue Unterwäsche-Kollektion nachdenke. "Das muss aus meinem Herzen kommen", sagte sie.
Und dann gibt es jetzt ja dieses Buch. Einen Band voller Sylvie-Fotos von einem Shooting in Paris. Ein Buch ist etwas Bleibendes, es ist mehr als nur ein Schein. "Es ist so großartig, etwas zu haben, das für immer da ist", hatte sie gesagt. Sie breitete die Arme aus, führte die Hände zusammen, als würde sie etwas festhalten. Aber da war nichts. ◆
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 2/2014
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