06.01.2014

TIEREHerrchenlos

Zehntausende Straßenhunde streunen durch osteuropäische Städte - eine Plage. Was tun? Alle fangen, töten? Es geht auch anders, das zeigt ein Projekt deutscher Tierschützer in Odessa.
Als Walerij Snamerowski den ersten Hund des Tages aufschneiden will, fällt der Strom aus. In dem Raum, in dem es nach Desinfektionsmitteln und Urin riecht, wird es stockduster.
Snamerowski tastet nach dem Notstromschalter für die Lampe über dem OP-Tisch, findet ihn, nun fällt Licht auf die rotbraune Hündin mit der Nummer 32983. Sie liegt da wie tot auf der Seite, die Augäpfel nach oben gerollt.
Stromausfälle seien hier nicht selten, sagt Snamerowski, womöglich habe jemand eine Leitung angebohrt, oder ein Strommast sei umgekippt. Er streift sich Gummihandschuhe über, greift zum Skalpell. Snamerowski, 48, arbeitet als Tierarzt in der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Er reinigt Wunden, fixiert Knochen und amputiert Glieder. Vor allem aber entfernt er Geschlechtsdrüsen, männliche und weibliche, bis zu 30 Stück am Tag. Jetzt ist Hund Nummer 32983 dran.
Snamerowskis Arbeitgeber ist der Deutsche Tierschutzbund. Der Verein hat in Odessa eine Klinik gebaut: auf einem über vier Hektar großen Gelände, das Platz für bis zu 500 Straßentiere bietet; seit der Eröffnung im Jahr 2005 haben hier mehr als 21 000 Straßenhunde ihre Fruchtbarkeit verloren. Es ist eine der größten Kastrationsanlagen Europas.
Heute, acht Jahre später, streiften nur noch rund 20 000 halbwilde Hunde durch die ukrainische Hafenstadt, meldet die ökologische Abteilung der Stadtregierung - ein Drittel des ursprünglichen Bestands. Viele dieser Tiere waren bereits Patienten der Klinik. Sie sind entwurmt, geimpft, kastriert und markiert. Ohne Snamerowski und seine Kollegen hätten die Tiere sich wohl exponentiell vermehrt.
Aber das reicht den deutschen Tierschützern nicht, sie wollen die Zahl der Straßenhunde noch weiter verringern.
Wenn das gelingt, kann das Projekt Vorbild für andere Orte sein. Weltweit streunen laut einer Schätzung der World Society for the Protection of Animals mehr als 300 Millionen Straßenhunde durch Städte und Dörfer. Eine Plage.
Nachts jaulen die Hunde, sie koten auf Bürgersteige und urinieren in jede Ecke. Sie verursachen Unfälle und können Infektionskrankheiten übertragen, die schlimmste davon ist die Tollwut. Jedes Jahr sterben rund 55 000 Menschen daran, meist nach Hundebissen.
Und das ist nicht alles.
"Wenn Hunde keine Beziehung zu Menschen haben, sind sie brandgefährlich", sagt die Kieler Hundeforscherin Dorit Feddersen-Petersen. Vor allem vor Rudeln müsse man sich hüten, denn diese entwickelten, ungebremst von menschlichen Haltern, gern ihren Jagdtrieb: "Dieses Verhalten ist sehr lustbetont, ansteckend und kaum zu unterbinden."
Im September vorigen Jahres wurde der vierjährige Ionut Anghel tot auf einer Brachfläche gefunden. Nach dem in rumänischen Medien zitierten Obduktionsbericht starb das Kind durch die Bisse mehrerer Hunde. Wenige Tage nach Ionuts Tod erließ das rumänische Parlament ein Gesetz: Hunde dürfen jetzt getötet werden, wenn sie innerhalb von zwei Wochen nach dem Einfangen niemand abholt. Oft werden sie vergiftet, vergast oder erschossen.
Bis vor ein paar Jahren starben auch in Odessa Tausende Hunde auf qualvolle Weise. Tierfänger brachten sie in die sogenannte Budka, das Tötungshaus. Mitarbeiter warfen sie in einen Container und schütteten Chloroform auf sie. "Sie erstickten langsam", erzählt der ehemalige Präsident des Deutschen Tierschutzbundes Wolfgang Apel. Die Budka sei einer der traurigsten Orte, die er je gesehen habe. Zwei Bilder blieben dem Tierschützer besonders im Gedächtnis: In der Kälte saßen die noch lebenden Hunde im Zwinger, "festgefroren in ihrem eigenen Urin". Und die sterbenden hätten sich "im Todeskampf ineinander verbissen".
Von der Stadtverwaltung erfuhr Apel, dass hier jedes Jahr 10 000 Hunde umgekommen seien. Ihr Tod blieb ohne große Wirkung: Ständig tummelte sich neuer Nachwuchs auf den Straßen.
Um das zu verstehen, muss man wissen, was die Vermehrung der Tiere fördert. Hunde brauchten vor allem zwei Dinge, sagt der Hamburger Ökologe Veit Hennig: Nahrung und Platz. Solange davon genug vorhanden ist, wächst die Population; erst wenn die Ressourcen knapp werden, pflanzen die Tiere sich nicht mehr ungehemmt fort.
Sobald man aber viele Hunde entfernt, zum Beispiel durch Massentötungen, entspannt sich die Lage, nun gibt es plötzlich mehr Fressen, größere Reviere. Das Ergebnis: ein Welpenboom.
Deshalb plädieren etliche Tierschützer für die Kastration: Weil die Hunde keinen Nachwuchs mehr zeugen können, verkleinert sich ihr Bestand stetig.
Das Management der Hundepopulationen ist ein noch junger Bereich der Tierforschung. "Wir stehen am Anfang", sagt Kate Atema vom International Fund for Animal Welfare, Studien seien in Auftrag gegeben worden, frühestens im Sommer lägen Ergebnisse vor. Aber sie ist sich jetzt schon sicher: Mit Massentötungen allein bekommt man eine Hundepopulation nicht in den Griff. "Ich kenne keinen Fall, bei dem sich dadurch die Zahl der Hunde dauerhaft reduziert hätte", sagt Atema.
Der brasilianische Physiker Marcos Amaku hat ein Modell entwickelt, um zu berechnen, wie sich die Zahl der Straßenhunde entwickelt, wenn man von außen in die Population eingreift. Das Ergebnis: Anfangs bringen Massentötungen mehr als Kastrationen. Die Tiere verschwinden schnell von den Straßen. Aber auf lange Sicht erholen sich die Bestände. Das spreche für die Kastration, schlussfolgert Amaku.
Die Praxis gibt dem Theoretiker recht: In der bulgarischen Hauptstadt Sofia arbeiten etliche Nichtregierungsorganisationen daran, die Zahl der Straßenhunde zu verringern. Der Tierschutzverein "Vier Pfoten" sieht erste Erfolge: Seit 2008 ließen die Mitarbeiter fast 12 000 Hunde in Bulgarien kastrieren. Durch solche Aktionen ist laut Vier Pfoten die Zahl der Streuner in Sofia erheblich zurückgegangen - von mehr als 11 100 im Jahr 2007 auf aktuell etwa 6600.
Aber das Problem ist komplex. Kastrieren von Streunern allein reicht nicht aus. Oft geht es nämlich gar nicht um völlig verwilderte Tölen ohne jeden Bezug zum Menschen. Erfahrungen, unter anderem aus italienischen Städten, zeigen: Wie in Odessa vermehren sich dort vor allem Haustiere, deren Halter sich nicht richtig um sie kümmern. Wer daran etwas ändern will, muss erst mal diese Leute aufklären. Und ohne die Unterstützung der städtischen Behörden geht gar nichts.
Wolfgang Apel hat das Odessa-Projekt daher nach italienischem Vorbild gestaltet, mit drei Kernpunkten:
‣ Entscheidungsträger überzeugen;
‣ Hunde einfangen, kastrieren, registrieren und freilassen;
‣ Bevölkerung informieren.
Punkt 1 sei problematisch gewesen, berichtet Apel; der damalige Bürgermeister habe sich sehr skeptisch gezeigt: "Er hat nicht damit gerechnet, dass wir es ernst meinen." Apel musste versprechen, in Deutschland Spenden für das Tierschutzzentrum zu sammeln. Im Gegenzug wurde die Budka geschlossen. Er plante knapp drei Millionen Euro für den Bau der Klinik ein und maximal 220 000 Euro laufende Kosten im Jahr.
Es galt, eine schwierige Aufgabe zu lösen: Wie viele Tiere muss man kastrieren, um die Population unter Kontrolle zu bekommen? Und vor allem: Wie schnell müssen die Veterinäre dabei vorgehen?
In Odessa flitzten damals rund 60 000 Straßenhunde umher. "Ich hatte keine Erfahrungen mit einer solchen Menge", gibt Apel zu. Zunächst rechnete er mit 10 000 Kastrationen pro Jahr - etwa 40 Tiere am Tag.
"Eigentlich war mir klar, dass wir das nicht schaffen können", sagt Apel. Trotzdem setzte er die Zahl erst mal hoch an, "um den Ukrainern zu zeigen, dass es schnell vorwärtsgehen soll". Und er kümmerte sich um Personal: 24 Menschen arbeiten heute in dem Zentrum, darunter Tierarzt Snamerowski.
Hundefänger liefern ihm nun den Nachschub für seinen OP-Tisch. Jeden Morgen holpern sie mit ihrem Transporter über die löchrigen Straßen Odessas, um Tiere einzusammeln. Manche Hunde lassen sich einfach hochnehmen und davontragen. Bei wilderen oder sehr ängstlichen Geschöpfen nutzen die Männer einen Fangstab mit einer Schlinge oder ein Blasrohr, mit dem sie dem Hund ein Betäubungsmittel unter den Pelz schießen.
In der Klinik schaut sich der Veterinär jeden neuen Patienten kurz an. Wenn das Tier fit ist, kommt es sofort in den OP. Die Hündinnen verlieren dort Eierstöcke und Gebärmutter, die Rüden ihre Hoden. Nach einer halben Stunde wachen die Tiere wieder auf, mit einer frischen Naht und einem Tattoo am Bauch: ihrer Registrierungsnummer. Eine Woche später bringen Hundefänger sie zurück in ihr Revier.
Etwa 3000 Hunde kastrieren die Veterinäre jährlich. Nicht alle landen wieder auf der Straße. Aggressive Tiere werden eingeschläfert oder als Wachhunde vermittelt. Ein Drittel aller Hunde findet noch im Zentrum neue Besitzer.
"Die Menschen hier sind sehr tierlieb", sagt Snamerowski. Viele fütterten die Straßenhunde täglich. Allerdings hätten einige von ihnen Bedenken gegenüber der Kastration, erzählt der Tierarzt, "sie glauben, dass wir den Hunden nur unnötig Schmerzen zufügen".
Um Vorurteile auszuräumen und zu informieren, laden die Mitarbeiter des Zentrums die Bevölkerung regelmäßig zum "Tag der offenen Tür" und zu Festen ein. Sie schalten Anzeigen in der Presse und treten im Fernsehen auf. Die Menschen müssten lernen, verantwortungsvoll mit ihren Tieren umzugehen und sie kastrieren zu lassen, sonst sei seine Arbeit vergebens, sagt Snamerowski.
Selbst wenn in ein paar Jahren ein Großteil der Straßenhunde kastriert wäre, müsse es in der Klinik weitergehen, findet Tierarzt Snamerowski. Längst hat er neue Patienten auf Odessas Straßen ausgemacht: Hunderttausende Katzen.
Von Anne-Katrin Schade

DER SPIEGEL 2/2014
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