06.01.2014

SEXUALITÄTDrang zum Reiben

Psychiater sind einem befremdlichen Menschenschlag auf der Spur: Frotteuren, die sich im dichten Gedrängel an Ahnungslosen befriedigen.
Wurde das Haar des Patienten A. beim Friseur mit Wasser benetzt, versetzte ihn dies in kribbelnde Erregung. War A. in einem überfüllten Bus unterwegs, geriet er in größere Nöte: Dann überkam den 50-Jährigen eine Erektion, und er begann vorsichtig, sein Glied an den Schenkeln von Mitfahrern zu schubbern.
Weil er kaum noch das Haus verlassen konnte, ohne von Wollust gepeinigt zu werden, begab sich der Sexkranke in Behandlung. Die Mediziner erkundeten zunächst, wo A. gern berührt wird. Anschließend setzten die Ärzte an dieser Stelle einen angenehmen Reiz und traktierten den Geplagten sogleich mit einem elektrischen Schlag.
Vor 30 Jahren wurde dieser Fall in einem indischen Fachjournal veröffentlicht; die Forschergemeinde staunte. Die aus moderner Sicht rüde erscheinende Aversionstherapie galt damals als Mittel gegen ein Leiden, das Experten bis heute für kaum erforscht halten. Die Betroffenen gehören zu einem Personenkreis, dem niemand gern über den Weg läuft - der jedoch nach Ansicht von Wissenschaftlern weit häufiger unterwegs ist als gemeinhin bekannt.
Wird es eng in U-Bahnen, Fahrstühlen oder im Supermarkt, sind diese Molestierer zur Stelle. Heimlich befingern sie ihre Opfer oder schmiegen gar ihr Geschlecht an die Ahnungslosen.
"Frotteure" werden die Fummler in der Fachwelt genannt, in Anlehnung an das französische Verb "frotter" (reiben).
Häufig bleiben die Annäherungen im Pulk von den Begrapschten unbemerkt. Um erregt zu werden, reichen dem Frotteur in der Regel kurze Berührungen an Brust, Po oder Beinen des Fremden.
Fällt die Rubbelattacke doch auf, hilft dem Triebtäter meist die Verwirrung des Opfers, um zu entkommen: War das ein Übergriff - oder doch nur ein harmloser Rempler?
Deshalb entzog sich diese Sexualstörung bislang einer eingehenden Erforschung. Umso erhellender, wenn Psychiater die Gelegenheit erhalten, sich intensiv mit einem daran erkrankten Patienten zu beschäftigen. In der aktuellen Ausgabe des britischen Fachmagazins "Medicine, Science and the Law" beschreiben die Forscher den befremdlichen Fall eines Zwölfjährigen.
Der Junge hatte sich wiederholt reibend an Mitschülern und seinem siebenjährigen Bruder vergangen. Wurde er von Lehrern oder Eltern für sein absonderliches Verhalten getadelt, schloss er sich für Stunden auf der Toilette ein.
Dem Impuls, seinen Körper an anderen zu reiben, konnte das Kind offenbar dennoch nicht widerstehen. Mit seinen schulischen Leistungen ging es rapide bergab; der Junge wollte Freunde kaum noch zum Spielen treffen.
Alsbald ermittelten die behandelnden Ärzte Anzeichen einer aufkommenden Depression bei ihrem minderjährigen Patienten. Erst mit Behandlung der Seelenunwucht besserten sich auch die Symptome seiner irritierenden sexuellen Neigung.
Dass der Drang zum Reiben selten allein auftritt, wissen Psychiater inzwischen. Häufig wird dieses Bedürfnis von einem weiteren Übel begleitet. Etliche Betroffene verspüren etwa auch den Drang, ihr Geschlecht vor Fremden zu entblößen.
Doch die Fachleute rätseln: Schwimmt der Frotteurismus wie ein Beiboot neben einem anderen, womöglich dominanteren Seelenknacks - oder ist er gar das Tor zu einer weit schlimmeren Störung?
Bei früheren Fallstudien hatten Forscher Bedenkliches entdeckt: Junge Männer, die sich an der heimlichen Tatscherei ergötzten, schwelgten auch in Phantasien über Serienmorde.
Psychiater deuteten die Lust zu rubbeln beispielsweise als infantile Reaktion auf die frühkindliche Erfahrung, von der Mutter geknuddelt zu werden.
Auch das Profil der U-Bahn-Grapscher schien klar umrissen: 15- bis 25-jährige Jugendliche und Männer, die so verstockt sind, dass sie sich dem anderen Geschlecht kaum auf natürliche Weise zu nähern wagen.
Diese Beschreibung trifft jedoch allenfalls teilweise zu; häufig führen die in der Anonymität der Masse zu Lüstlingen mutierenden Menschen ganz normale Beziehungen. Mitunter leben heterosexuelle Männer im Gedränge plötzlich homoerotische Neigungen aus.
Auch beschränkt sich der heikle Drang nicht allein auf die Jugend. In Japan etwa gelten mittelalte und beruflich erfolgreiche Familienväter im Gewühl als besonders angriffslustig. Eine Besonderheit des Transportsystems auf dem Inselreich begünstigt die Übergriffe: Zu Stoßzeiten werden die Passagiere vom Bahnpersonal regelrecht in die überfüllten Waggons hineingestopft.
Die Belästigungen nahmen dermaßen überhand, dass spezielle Wagen nur für Frauen eingerichtet wurden. Die in Japan allgegenwärtige Sexindustrie begegnet dem Problem unterdessen auf eigene Weise. Sexclubs bieten den Frotteuren unter ihren Kunden nachgebaute Bahnabteile an, in denen sich Prostituierte tummeln, die als Bürodamen oder Schulmädchen verkleidet sind.
Seitdem zanken sexuelle Freigeister mit der Wissenschaft: Mildert diese bizarre Spielart des Bordellbesuchs die Zahl der Belästigungen in der Öffentlichkeit - oder weckt sie in etlichen Männern vielleicht sogar erst die absonderliche Vorliebe?
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 2/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SEXUALITÄT:
Drang zum Reiben

  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • G7-Treffen in Biarritz: Proteste am Rande des Gipfels
  • Filmstarts: Kinder mit Kanonen
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"