06.01.2014

Zu Fall

Ärzte ringen um Michael Schumachers Leben. Sein tragischer Sturz beim Skifahren bewegt Menschen weltweit. Im Rennwagen überstand er alle Unfälle, jetzt ereilt ihn ein banales Unglück.
Ein paradiesischer Tag beginnt für Skifahrer so wie Sonntag, der 29. Dezember, in Méribel, französische Alpen. Null Grad, über Nacht hat es leicht geschneit, am Morgen haben sich die Wolken verzogen, die Sonne spiegelt sich im Schnee, die Luft ist klar auf 2500 Meter Höhe, die Lifte surren. In der Früh brechen ein paar Freunde auf, um von den Hängen, die als unkompliziert gelten, hinunterzuwedeln. Sie sind in Urlaubslaune, Weihnachten ist gerade vorbei, noch zwei Tage bis Silvester, noch fünf bis zum Geburtstag. So herrlich beginnt Michael Schumachers traurigster Tag.
Schumacher verbringt den Jahreswechsel oft mit seiner Familie in dem hochgelegenen Skigebiet Trois Vallées. Er hat sich in Méribel ein großes Holzhaus im klassischen Stil eines Savoyarden-Hofs gekauft, gesichert mit Kameras und Schranke. Seit er sich vor einem Jahr aus der Formel 1 verabschiedet hat, leben sie unbeschwert. Die Jahre ständiger Gefahr sind vorbei. Und Schumacher hat mehr Zeit für Ehefrau Corinna und die beiden Kinder. Sein Sohn Mick, 14 Jahre alt, begleitet ihn auf die Piste.
Nur etwas ist diesmal anders als sonst: Es liegt weniger Schnee als zu Winteranfang üblich, nur knapp ein Meter, normalerweise sind es ein bis zwei Meter mehr. Auf den ersten Blick ändert das nichts. Aber die Felsbrocken, die in einer Senke zwischen den beiden präparierten Strecken, der blau markierten "La Biche" und der rot markierten "Chamois", aus dem Boden ragen, liegen teilweise frei oder sind nur von einer dünnen kristallenen Decke überzogen. Damit sind sie kaum noch gepolstert.
Gegen elf Uhr gerät Schumacher zwischen die Felsen. Manche Skifahrer nutzen solche unpräparierten Abschnitte für kurze Abenteuer. Sie wedeln durch den Pulverschnee und kurven um die Brocken, als wären diese Slalomstangen. Das machen viele so, es ist verführerisch und auch nicht verboten. Aber diesmal ist es ungewohnt tückisch.
Offenbar bleibt Schumacher bei einem Schwung abrupt hängen. Er verliert so schnell den Halt, dass er sich nicht abfangen kann, angeblich öffnet sich auch die Bindung seines Leihskis nicht. Hilflos knallt er mit der rechten Kopfseite auf das harte Gestein, sein Helm zerbirst.
Als zwei Retter von der Ski-Patrouille eintreffen, ist Schumacher bei Bewusstsein. Sie hätten ihn halb sitzend, halb stehend vorgefunden, berichten die Männer später, dabei habe er "aufgeregte Gesten" gemacht. Zunächst scheint alles nicht so schlimm zu sein. Doch als Schumacher gut eineinhalb Stunden später mit dem Rettungshubschrauber in die Uni-Klinik von Grenoble eingeliefert wird, liegt er mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma im Koma. Da ist er dem Tod näher als dem Leben.
In der Formel 1 hat Michael Schumacher spektakuläre Unfälle schadlos überstanden und einige Verletzungen weggesteckt, ein Beinbruch und angeknackste Wirbel sind verheilt. Nun wird ihm ein Allerweltssturz im Jedermannsport Skifahren zum Verhängnis. Eine Sekunde ändert alles.
Seit einer Woche hält die Tragödie die Welt in Atem, seitdem bangen auch solche Menschen um Michael Schumacher, die sich vermutlich nur am Rande für ihn interessierten, als er noch Rennfahrer war. Schumacher ist ein Idol, deshalb versammeln sich Fans vor dem Hospital und legen eine Ferrari-Fahne auf den Rasen. Schumacher ist prominent, darum twittert Bill Clinton seine Genesungswünsche, lässt die Bundeskanzlerin über ihren Regierungssprecher ausrichten, sie sei "bestürzt". Schumachers Unfall berührt. Tweets und Mails jagen durch das Netz, sie lesen sich, als wollten sie den Koma-Patienten anfeuern: Halt durch - kämpfen - wenn einer das schafft, dann du - dein 92. Sieg ist der wichtigste! 91-mal hat er in der Formel 1 gewonnen.
Für jeden einzelnen dieser Siege gab es Erklärungen, technische Gründe, auch fahrerische. Nun aber ist etwas geschehen, das sich mit Rationalität nur unbefriedigend erfassen lässt. Warum widerfährt so eine Tragik jemandem, der doch mit Können und Verstand einen gefährlichen Beruf gemeistert hatte? Wie konnte er plötzlich solches Pech haben? Schumacher hat bislang im Übermaß gehabt, was Glück ausmacht: eine einzigartige Karriere, Gesundheit, eine Frau, die er liebt und die ihn liebt, gesunde Kinder, Reichtum.
Es ist schwer zu akzeptieren, dass nun ein böser Zufall dieses perfekte Leben zerstören soll. Dass ein Stein oder vielleicht bloß eine störrische Skibindung zwischen Glück und Unglück entscheidet. Wäre Schumacher beim Autorennen gestorben, auf dem Motorrad oder auch beim Freeclimbing: Die Trauer wäre groß gewesen, aber der Tod hätte eine Logik besessen. Schumacher suchte das Risiko, so war er halt. Nun aber schaudern die meisten, die von Schumachers Sturz erfahren: Das darf doch nicht wahr sein!
An Schicksal zu glauben, das böte eine Erklärung. Schumacher sah es selber so: "Wenn mir eines Tages etwas zustoßen sollte, ist das Schicksal." Vorbestimmt. Kein Zufall.
Ein athletischer, vitaler Mann wie er wird von einer Sekunde auf die andere zum Intensivpatienten, weil er unglücklich gestürzt ist. So wie es vor 18 Jahren auch dem Schauspieler Christopher Reeve widerfuhr, der als "Superman" im Kino die Menschheit vor dem Bösen gerettet hatte, dann aber bei einem Reitturnier vom Pferd fiel und vom Hals abwärts gelähmt blieb. Ausgerechnet er, ein Held, wenn auch nur im Film.
Kopfverletzungen wie jene bei Schumacher sind medizinisch besonders heikel, vor allem aber lösen sie Zweifel aus, ob der Mensch, der sie erlitten hat, eines Tages wieder derselbe sein wird, der er vor dem Unfall war. Das macht die Zeit des Wartens quälend lang. Und weckt Urängste bei allen, die das Drama von außen betrachten.
Immerhin: Die Zeit arbeitet jetzt für Schumacher. Wie bei einem verstauchten Knöchel geht auch die Schwellung des Gehirns irgendwann zurück. Die verbleibenden Blutergüsse werden vom Körper abgebaut. Es drohen zwar weitere Komplikationen wie etwa eine Lungen- oder Gehirnentzündung, die auch tödlich enden können. Doch mit jedem Tag steigen Schumachers Chancen zu überleben.
In den nächsten ein bis zwei Wochen, vielleicht auch etwas später, werden die Ärzte wohl damit beginnen, das künstliche Koma nach und nach zu lockern.
Dann beginnt das Bangen darum, wie es Schumacher geht. Wird er aufwachen? Sprechen können? Verstehen? Sich bewegen? Wie gesund er wieder wird, das lässt sich mit Sicherheit erst am Ende einer langen Rehabilitationsphase feststellen, nach sechs Monaten bis zwei Jahren.
An den ersten beiden Tagen, als es um Schumacher besonders kritisch stand, gaben Klinikleitung und behandelnde Mediziner der Uni-Klinik von Grenoble Pressekonferenzen. Der Chefarzt Jean-François Payen, ein schmaler Mann mit ernstem Gesicht, saß hinter einem Strauß von Mikrofonen und schaute angespannt in die Menge der Journalisten. Er berichtete von zwei Operationen, bei denen die Ärzte Blutergüsse entfernt hatten; und dass sie Schumachers Körper im künstlichen Koma und die Körpertemperatur zwischen 34 und 35 Grad hielten, um die Folgeschäden im Gehirn zu mindern. Mehr wollten die Mediziner nicht sagen. Vor allem hüteten sie sich vor Prognosen.
Das Problem war nur, dass sich das Hospital in ein internationales Krisenzentrum verwandelt hatte, umstellt von Übertragungswagen und Reportern, für die alles eine News sein könnte, alles, nur nicht Stillstand.
Ein Treibhaus für Gerüchte. Anfang voriger Woche tauchten Berichte auf, wonach Schumacher mit hohem Tempo gegen den Felsen geprallt sei: "bis zu 60 Meilen", also rund 100 Stundenkilometer schnell, schrieb die Londoner "Times". Sie berief sich auf Ermittlerkreise.
Wahr daran ist, dass es Ermittlungen gibt. Die Staatsanwaltschaft von Albertville will die Umstände des Unfalls klären. Die Polizei hat Schumachers Helm konfisziert, der bei dem Aufprall geborsten sein soll, ebenso die Ski, die Schumacher sich in einem Sportgeschäft in Méribel geliehen haben soll. Auch seinen Sohn vernahm die Staatsanwaltschaft.
Schumachers Managerin Sabine Kehm erzählt die Geschichte ganz anders. Der Unfall sei eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen, sagte sie am vorigen Dienstag, Schumacher habe noch einem gestürzten Freund geholfen, ehe er "nicht allzu schnell" in den Tiefschneebereich hineingefahren sei. Verhängnisvoller Leichtsinn also, keine Fahrlässigkeit.
Ein Augenzeuge, der sich beim SPIEGEL gemeldet hat, stützt Kehms Version. Der 35-jährige Flugbegleiter aus Essen, der am Unfalltag im Skigebiet von Méribel unterwegs war, hatte auf einer Piste angehalten, um seine Freundin zu filmen, als ein Mann hinter ihr im nichtpräparierten Bereich auf seinen Skiern ins Straucheln geriet und stürzte. Zeit und Ort lassen kaum einen Zweifel zu: Der Mann war offenbar Michael Schumacher.
Schumacher sei "gemächlich gefahren", sagt der Augenzeuge, "höchstens 20 Stundenkilometer, mehr nicht". Es sind wohl die ersten Livebilder vom Sturz, die auftauchen, und es wird weitere geben. Viele Skifahrer seien mit gezücktem Smartphone die Piste hinuntergeglitten, sagt der Augenzeuge. Er wird seine Bilder der Albertviller Staatsanwaltschaft zur Verfügung stellen. Als Beweismaterial.
Womöglich sind die Ermittler dort schon einen Schritt weiter. Michael Schumacher, so schrieb die savoyische Regionalzeitung "Le Dauphiné Libéré", habe einen Helm getragen, an dem eine Kamera montiert gewesen sei. Unklar ist, ob sie lief. Es kann also sein, dass Schumacher sein eigenes Unglück gefilmt hat.
Vorigen Freitag sind es 18 Übertragungswagen, alle mit Satellitenschüsseln auf dem Dach, die auf dem Parkplatz vor der Klinik in Grenoble stehen. Auch Fernsehteams aus Brasilien und China sind mittlerweile angekommen.
Der Freitag ist Schumachers 45. Geburtstag, es regnet. Rund 150 Reporter warten, die meisten von ihnen aus Frankreich, Italien und Deutschland. Sie warten auf Neuigkeiten über den Gesundheitszustand des Patienten, der im fünften Stock auf der Intensivstation liegt, streng abgeschottet vom Rest der Welt; den Job übernehmen breitschultrige Sicherheitsmänner in schwarzer Uniform. Sie stehen an allen Ecken des Krankenhauses. Die Klinik gehört mit 2200 Betten zu den großen Krankenhäusern, und sie ist öffentlich zugänglich, auch deshalb ist es kaum möglich, Fremde aus dem Gebäude fernzuhalten.
Seit zwei Tagen gibt es weder Pressekonferenzen, noch tritt Schumachers Managerin Sabine Kehm vor die Tür. Sie hatte zuletzt am Mittwoch gesagt, dass es nichts Neues gebe, nun lässt sie auch das sein. Seitdem gibt es kein Futter mehr für die Reporter. Trotzdem geht kaum jemand, aus Angst, die schlimmste Nachricht zu verpassen.
Kehm ist seit fünf Tagen in Grenoble, sie war mitten in der Nacht hierher aufgebrochen, nachdem sie noch aus dem Urlaub in einem ersten Statement Schumachers fatalen Unfall bestätigt hatte. Anfangs versuchte sie, wenigstens den gröbsten Unsinn, der in der hypernervösen Atmosphäre herumgeistert, wieder einzufangen. Ein Sicherheitsmann erzählte ihr, jemand habe als Priester verkleidet versucht, auf die Intensivstation vorzudringen. Dann sprach jemand sie an, ob sie Journalistin sei, er habe Informationen zu verkaufen. In all dem Chaos muss sie auch mit den eigenen Gefühlen klarkommen, sie kennt Schumacher seit 14 Jahren, seit sie als seine Medienberaterin anfing. Sie kennt seine Frau und sah die Kinder aufwachsen.
Um zehn Uhr fahren ein paar Ferrari-Fans in einem Bus auf den Parkplatz, eine Gruppe ist aus Bergamo angereist. Die 15 Männer tragen rote Jacken, sie haben ein paar Plakate für Schumacher gemalt. "Michael, Tanti Auguri", steht auf einem: viele Glückwünsche. Sofort bildet sich eine Traube von Reportern, in alle Kameras sollen die Fans das Sprüchlein sagen, und natürlich "Gute Besserung". Damit ist heute wenigstens etwas passiert in Grenoble.
Nie war der Wahnsinn um Michael Schumacher absurder.
Als er 1991 wie aus dem Nichts zu einem der besten und gefragtesten Fahrer emporstieg, schien es, als habe Deutschland auf einen wie ihn gewartet. Es kamen einige Umstände zusammen, die damals die Sehnsucht nach neuen Helden ausgelöst hatten. Nach der Wiedervereinigung stand das Tor zur Berühmtheit weit offen für Hauptdarsteller einer sich neu sortierenden Republik. Schumacher kannte vor der Wende niemand, nun aber blickten alle auf das einprägsame, schmale Gesicht mit dem hervorstechenden Kinn.
Athleten wie er hatten das Zeug dazu, als gemeinsame Nenner Ost und West einander nahezubringen, oft auch Arm und Reich, Jung und Alt, Intellektuelle und solche, die ihre Welt eher schlicht betrachten. Erst tauchte Schumacher auf, kurz darauf schwamm die Berliner Göre Franziska van Almsick ins Blickfeld und in die Herzen, etwas später radelte der sommersprossige Rostocker Jan Ullrich auf Frankreichs Passstraßen der Konkurrenz davon.
In den Neunzigern war Deutschland sportbegeistert wie selten zuvor. Kurz nach dem Mauerfall gewannen die Westfußballer die Weltmeisterschaft, sechs Jahre später gab es für ein vereintes Team den Europameistertitel. Eine Tennisnation war Deutschland auch geworden. Sieben Wochen vor Schumachers Formel-1-Debüt schlugen Boris Becker und Michael Stich im Wimbledon-Finale einander die Bälle um die Ohren.
Aufmerksamkeit war zum hochgehandelten Gut geworden, das Einschaltquoten garantierte. Das Privatfernsehen, geboren in den Achtzigern, hatte sich etabliert und richtete seine Programme nach Sportereignissen aus. 1984 erwarb RTL die Formel-1-Rechte, vier Jahre später auch die der Bundesliga. Bald darauf peppte Sat.1 den Fußball so richtig zur Samstagabendshow auf. Sender und Sponsoren zahlten kräftig, um dabei zu sein, nie zuvor ließ sich so viel Geld im Sport verdienen.
Schumacher tat sich schwer damit, die Rolle in der Öffentlichkeit, die ihm über Nacht zugefallen war, anzunehmen und auszufüllen. Er fühlte sich, als wäre er in ein Spiegelkabinett geschubst worden, in dem er die Übersicht zu verlieren drohte. Er hatte das Rennfahren auf einer abgelegenen Kartbahn in Kerpen gelernt und sich die Finger beim Schrauben schmutzig gemacht, sein Vater Rolf kümmerte sich um den Betrieb, Mutter Elisabeth um den Imbiss.
Rennsport war damals keine große Sache in Deutschland, jedenfalls unterhalb der Formel 1 nicht. Und dort hatte es mit den Deutschen nie geklappt. Entweder waren die Fahrer zu wenig talentiert - oder sie starben bei Unfällen, bevor aus ihnen etwas ganz Großes werden konnte.
Ähnlich rasant wie Becker Wimbledon erobert hatte, fuhr auch Schumacher an die Spitze: Ein Jahr reichte aus, um den ersten Grand Prix zu gewinnen und als künftiger Champion ausgerufen zu werden. Doch Schumacher war nicht in die Formel 1 gekommen, um berühmt zu werden. Auch mit deren mythenumflorten Geschichten konnte er wenig anfangen, Ehrfurcht vor großen Namen hatte er nicht, manche kannte er nicht einmal. Für ihn wurde die Formel 1 erst eine Option, als er ihr ernsthaft nahekam.
Auf einmal musste er sich damit auseinandersetzen, mit Ayrton Senna verglichen zu werden, bedrängt, zu allem befragt zu sein. Es ging weniger darum, was er sagte, solange er nur etwas sagte. Er sollte einer gesellschaftlichen Stellung gerecht werden, die der Hype um den Sport mit sich brachte. Schumacher wollte bloß Rennen fahren; dass er nun als Superstar und Idol begafft wurde, irritierte ihn. Ein durch und durch öffentliches Leben zu führen, wie Boris Becker es tat, schreckte ihn ab. Wie er dies allerdings vermeiden, wie sein eigener Weg aussehen könnte, das wusste er noch nicht genau. Ihm war lediglich klar: So wie Becker mach ich's nicht.
Becker hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt und sein Publikum verwöhnt, er bot Dramen, auf und abseits des Courts, man konnte ihn leiden und leisten sehen. Er feuerte Trainer und Manager, wechselte Frisuren und Frauen. Vor allem schaute er mit Distanz auf seine Tenniswelt. Er kritisierte die Hummer-und-Häppchen-Dekadenz in den Logen, und seine Aussage in einem Interview, er würde die Hausbesetzer der Hamburger Hafenstraße gern einmal zum Daviscup einladen, ließ die Republik beben. Becker zerstörte mit revoluzzerhafter Provokation das Klischee vom braven Tennisspieler in Weiß.
Bei Schumacher passierte genau das Gegenteil, er schien zu klein geraten für das Bild, das sich wohl die meisten von Rennfahrern machten. Die galten als Draufgänger, die jedem Abenteuer, jeder Party und Liebschaft zugänglich sind, weil morgen schon in der nächsten Kurve das Ende lauert. Sollte nicht auch Schumacher so sein: lässig, wild, ungezähmt, leichtsinnig? Todesmutig?
Doch bei ihm öffnete sich lange keine zweite Ebene, nichts kam zum Vorschein, was nicht ohnehin ersichtlich war. Präzision, Wille, Fleiß, das waren die Attribute, für die er stand. Senna sprach über sein Leben gern so, als seien Rennen halbreligiöse Erweckungsfahrten; Schumacher erweckte den Eindruck, als seien Siege das Ergebnis von Arbeit, Arbeit, Arbeit.
Er hatte schnell Fans gewonnen, aber es waren vor allem jene, die sich leicht begeistern ließen von einem erfolgreichen Mann, der sich aus einfachen Verhältnissen den Weg gebahnt hatte und sein Talent mit Sekundärtugenden veredelte. Der noch als Multimillionär von Heimatbesuchen Marmelade in Vorratsmenge mitbrachte, weil sie dort günstiger zu erwerben war als am Wohnsitz in der Schweiz. Schumacher war eher ein Kleine-Leute-Traum als Projektionsfläche von Intellektuellen.
Nach Abschluss der Realschule hatte er eine Ausbildung als Mechaniker gemacht, seine Freundin Corinna Betsch hatte Bürokauffrau gelernt, sie heirateten und bekamen Kinder. Das war von Anfang an ihr Lebensplan, davon ließen sie sich nicht abbringen. 1994, kurz vor seinem ersten WM-Sieg, saß Schumacher bei "Wetten, dass ..?", neben sich Naomi Campbell, die sich am Dekolleté zupfte, und Thomas Gottschalk versuchte, Schumachers Aufmerksamkeit auf das schwarze Supermodel zu lenken, um einen Flirt anzustubsen oder wenigstens eine Zote unter Kerlen zu hören.
Was er bekam, war eine Verweigerung. Er stehe auf blond, sagte Schumacher. Blond wie Corinna. Damals war nicht ganz klar, wie ernst er das meinte oder ob er den klitzekleinsten Anlass vermeiden wollte, für einen Hallodri gehalten zu werden. Heute, nach 18 Jahren skandalfreier Ehe, lässt sich sagen: Er meinte es wirklich so.
Becker trat zurück und schrumpfte immer mehr, je vergeblicher er außerhalb des Tennis nach Größe gierte. Steffi Graf verzog sich nach Amerika und ins Private, Jan Ullrich und die anderen Radprofis versanken im Dopingsumpf. Schumacher blieb und wurde zur Konstante in der schnelllebigen Sportwelt. Er brachte die Rotweintruppe von Ferrari auf Vordermann und jagte von Sieg zu Sieg.
Damit stieg er zum Weltstar auf. Ob man mit einem argentinischen Taxifahrer spricht oder einem indischen Cricketmanager: Sie bewundern Schumacher als deutschen Helden, niemand verkörpert die Formel 1 mehr als er. Sogar in den Zeiten, als er gar nicht fuhr, blieb das so. Damals sanken in vielen Ländern die Einschaltquoten bei den Rennen.
Zum Schluss war er einer der wenigen unter den Fahrern, die noch erlebt hatten, wie es ist, wenn jemand im Rennwagen stirbt. Nachdem Senna 1994 in Imola in eine Mauer gerast war und Brasilien weinte, entzog sich Schumacher der öffentlichen Trauer. Die Konfrontation mit dem Tod überforderte ihn, und dass er scheinbar unbeeindruckt ein halbes Jahr später Weltmeister wurde, nährte den Verdacht, er sei herzlos.
Es blieb dabei: Mit weit ausholenden Gesten und warmen Worten Sympathie zu wecken, das lag ihm nicht. Er handelte lieber im Verborgenen und setzte sich bei einflussreichen Leuten hartnäckig dafür ein, dass Strecken und Rennwagen sicherer wurden.
Als er Ende 2006 aus der Formel 1 ausstieg, nach 249 Grand Prix und 7 WM-Titeln, verschwand er aus dem Fokus. Er genoss es, über seine Zeit und das, was er damit anfing, selbst zu bestimmen. Es schien in seinem Leben nicht mehr vorgesehen, dass er Menschen noch auf eine andere Art als durch Erfolg bewegen könnte.
Drei Jahre später reisten drei Redakteure des SPIEGEL an den Genfer See, um mit Schumacher ein Interview zu führen. Er hatte bei Ferrari ein Comeback versucht, für einige Grand Prix hätte er den schwer verunglückten Felipe Massa ersetzen sollen. Aber daraus wurde nichts, weil Schumacher unter den Nachwirkungen eines Unfalls bei einem Motorradrennen litt und seine Wirbelsäule nach ein paar Runden im Cockpit zu stark schmerzte. Er hätte sich bei dem Crash fast den Hals gebrochen.
In der Schweiz hatte er sich ein Paradies erschaffen. Das Gespräch fand auf der Pferderanch seiner Frau statt, die schlossartige Villa auf dem Seegrundstück blieb für Außenstehende tabu, da war er konsequent. Schumacher trug an diesem sonnigen Tag weißes Leinen, Hemd über der Hose, er servierte Kaffee und Pflaumenkuchen, und wer diese Art von Umgang für normal hält, der hat noch nicht mit jenen rotzigen Semistars zu tun gehabt, die es im Sport häufiger gibt.
Schumacher staunte. Seine geplante Rückkehr hatte für mächtig Wirbel gesorgt. Auf einmal war er wieder eine Weltnachricht. "Ich sehe mich durch diese Welle der Sympathie nicht als neuen Menschen", sagte er. "Aber überrascht hat mich das alles sehr." Schön sei das, und stolz sei er darauf, das sagte er auch.
Da saß ein sichtlich erholter Mann auf der Terrasse, mitten im Idyll einer Hügellandschaft, aber das Gespräch drehte sich um Gefahr. Schumacher hatte live im Fernsehen miterlebt, wie sein früherer Teamkollege Felipe Massa von einer Metallfeder am Helm getroffen wurde, die ein vorausfahrender Wagen verloren hatte, und wie Massas Ferrari in die Streckenbegrenzung gekracht war. Ihm sei das Blut in den Adern gestockt, erzählte Schumacher. Dann sagte er: "Schicksal."
Sein Beruf hatte ihn gelehrt, Risiko als etwas Kalkulierbares zu betrachten. Auch in seiner Freizeit, in der er gern Motorrad und Ski fuhr, kletterte und Fallschirm sprang, galt für ihn: "Ich bin kein Hasardeur. Ich würde mich niemals auf einem Snowboard einen Steilhang hinunterstürzen, den ich nicht kenne."
Und wenn doch etwas passieren würde, wenn die Umstände für einen Moment die Kalkulation über den Haufen würfen? "Wenn der Tag kommen soll", sagte Schumacher, "dann soll er kommen."
Schicksal also.
Rund zwei Monate später unterschrieb er einen Dreijahresvertrag bei Mercedes, kurz vor seinem 41. Geburtstag, ein alter Mann nach Maßstäben des Rennsports. Der Nacken war ausgeheilt, und Schumacher war so versessen darauf, es noch einmal in der Formel 1 wissen zu wollen, dass er sich bei Ferrari-Chef Luca di Montezemolo kurzerhand mit einem Telefonat verabschiedete.
Doch Schumachers Plan ging nicht auf. Er gewann nicht mehr. Sein Wagen war zu langsam, Schumacher hatte Schwierigkeiten, mit den jüngeren Rivalen mitzuhalten, der Nimbus des Unbesiegbaren war dahin. Schumachers Verbissenheit wich, die Mauer der Unnahbarkeit bröckelte. Der "FAZ" sagte er, er sei früher "eben verbohrt" gewesen und habe sich selber lange "einen Beschützerinstinkt aufgebaut. Ich wollte keinen in meine Welt reinlassen". Scheu abzulegen und etwas von sich preiszugeben, das brachte ihm zum Ende der Karriere Sympathien ein. "Die Deutschen haben sehr lange gebraucht, um mit dem Ausnahmesportler Schumacher warm zu werden", so beschreibt es die "Zeit".
Nur eines blieb, wie es immer war: Schumacher hatte Schutzengel im Cockpit. 2010, beim Rennen in Abu Dhabi, drehte er sich mitten im Feld, der Italiener Vitantonio Liuzzi kam angeprescht und konnte nicht ausweichen. Sein Wagen traf den Mercedes mit voller Wucht, stieg auf und verfehlte Schumachers Helm um wenige Zentimeter. Schumacher hatte unfassbares Glück. Das, was er Schicksal nennt, schien es gut mit ihm zu meinen, wieder einmal.
"Das war nicht ohne, ich habe mich nicht wohl gefühlt in meiner Haut", sagte er. Doch auch dieses Erlebnis irritierte ihn nicht weiter, und so fuhr Schumacher noch zwei weitere Jahre in der Formel 1.
Nun liegt er ohne Bewusstsein auf einer Intensivstation, er wird gekühlt und künstlich ernährt, in der Luftröhre steckt ein Schlauch. Die Schädeldecke sei zur Entlastung seines Gehirns geöffnet worden, so haben es die Chirurgen geschildert. Sich diesen Anblick vorzustellen ist schwer erträglich. Es gibt keinen Schuldigen, keinen Bösewicht, es ist einfach so geschehen.
Es könnte jedem passieren.
Von Lukas Eberle, Lothar Gorris, Detlef Hacke, Veronika Hackenbroch, Romain Leick, Simone Salden und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 2/2014
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