06.01.2014

„Deutschland profitiert“

Sind Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien Armutsflüchtlinge oder Arbeitsmigranten?
Über Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien kursieren viele Geschichten, und für alle finden sich Belege. Da gibt es jene über Ärzte und Ingenieure, die in Deutschland dringend benötigt werden, und solche über Dorfgemeinschaften, die sich ohne berufliche Perspektive auf den Weg in das deutsche Sozialsystem gemacht haben.
Ursache für die Wanderung ist das immer noch enorme Wohlstandsgefälle; Arbeiter verdienen in Bulgarien mitunter kaum mehr, als in Deutschland Kindergeld gezahlt wird, rund 180 Euro im Monat. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern.
Wie sich die Wanderungsbewegung jetzt, nach dem Ende aller Beschränkungen, entwickeln wird, ist deshalb eine spannende Frage. Es ist jedenfalls keine homogene Gruppe, die aus diesen beiden Ländern kommt. Da sind auf der einen Seite Universitätsabsolventen, deren Wegzug die Herkunftsländer weiter schwächt. Es sind aber auch viele Angehörige von Minderheiten wie den Roma, die häufig ohne Berufsausbildung, mitunter sogar Analphabeten sind.
Die politische Debatte entzündet sich nun an der Frage, ob diese Zuwanderung ein Gewinn für die wirtschaftliche Entwicklung sein oder zu einer Belastung der Sozialsysteme führen wird.
Wissenschaftliche Untersuchungen fallen unterschiedlich aus, regionale Differenzen sind groß. So schrieb die Wochenzeitung "Die Zeit", dass 80 Prozent der Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien "sozialversicherungspflichtig beschäftigt" seien. Diese Zahl wurde auch von anderen Medien genannt und dem renommierten Migrationsforscher Klaus Bade zugeschrieben, der bis Mitte 2012 dem Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration vorstand.
Davon ist Bade, um eine Stellungnahme gebeten, mittlerweile abgerückt. Er spricht nun davon, dass 80 Prozent dieser Einwanderer beschäftigt seien, "und davon circa 46 Prozent qualifiziert und über 20 Prozent hochqualifiziert".
Der Sachverständigenrat nennt eine "Erwerbsbeteiligung" von 81,4 Prozent der nach 2007 Zugewanderten aus Rumänien und Bulgarien. Er bezieht sich dabei auf eine Sonderauswertung des Mikrozensus 2011 des Statistischen Bundesamtes für ganz Deutschland.
Die "Erwerbsbeteiligung" ist indes wenig aussagekräftig, weil Erwerbstätige ebenso mitgezählt werden wie Arbeitslose. Zudem wurde dabei nur die Gruppe der 25- bis 44-Jährigen berücksichtigt, also jene Gruppe, die ohnehin die höchste Beschäftigungsquote aufweist.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) kam unlängst zu dem Ergebnis, dass die "Erwerbstätigenquote" der 15- bis 65-Jährigen, die nach 2007 aus Bulgarien und Rumänien zugezogen sind, im Jahr 2011 62,6 Prozent betrug.
Der Mikrozensus, der den Untersuchungen zugrunde liegt, wird indes vom DIW selbst als nicht besonders aussagekräftig beschrieben, da etwa bei den zugezogenen Bulgaren und Rumänen "kleine Fallzahlen" nur eine "grobe Analyse" zuließen. Doch auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommt zu dem Schluss: "Insgesamt profitiert Deutschland von dieser Zuwanderung."
"Die Erwerbsbeteiligung ist kein Indikator für eine existenzsichernde Integration in den Arbeitsmarkt", kritisiert dagegen der Soziologe Stefan Böckler von der Duisburger Stabsstelle für Informationslogistik. Die Auswertung von Daten der Bundesagentur für Arbeit, des Statistischen Bundesamtes sowie der Städte Duisburg und Dortmund habe ergeben, dass Ende 2012 in Brennpunkten wie Duisburg lediglich 10,8 Prozent und in Dortmund nur 14,8 Prozent dieser Gruppe einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgingen. Rund 90 Prozent aller dort beim Jobcenter gemeldeten Bulgaren und Rumänen hätten keine abgeschlossene Berufsausbildung und damit kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Aussagefähigere Zahlen werden sich erst jetzt, nachdem der Arbeitsmarkt Bulgaren und Rumänen vollständig offensteht, ermitteln lassen.
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 2/2014
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